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Globetrotter-Kollege in der Spur

Foto: Manuel Arnu
Rocco Ganzert ist der Ski-Chef bei Globetrotter Dresden – und nutzt jede Möglichkeit, um selbst auf die Bretter zu kommen. Auch den Termin mit 4-Seasons verlegte er kurzerhand auf die Loipe.

Klister oder Hartwachs? Rot oder gelb? Bügeln oder schmieren? Lang­­läufer haben es nicht einfach, sofern sie auf klassische Wachsski stehen. Das Ziel: Die Bretter sollen sich beim Abstoß im Schnee verhaken und gleichzeitig mühelos durch die Spur gleiten. Das Problem: Jede Wetterlage, jeder Schneezustand, jeder Loipen­typ erfordert eine eigene Wachs-takti­k. Richtiges Wachsen ist hohe Kunst.

Rocco Ganzert, 46 Jahre alt, steht in Zinnwald am Loipeneinstieg und blickt sich um. Nieselregen, pappiger Altschnee. Trübe Stimmung etwas über dem Gefrierpunkt. Entschlossen kramt Rocco zwischen Dose­n, Lappen und Bürsten im Wachskoffer und fischt eine gelbe Tube heraus. Dann presst er zähe­n gelben Klister über die Wachsgrundlage seiner Trainingsski, verreibt die klebrige Pampe, stapft zur Loipe und verschwindet im Nebel. Die Kahlebergrunde beginnt mit einer leichten Abfahrt.

Das Osterzgebirge ist Roccos Hausgebiet. Die Loipe erreicht er von der Dresdener City aus in knapp einer Stunde mit Bus, Bahn oder Auto. Schneit es bis hinunter in die Stadt, fällt die Anfahrt ganz weg: Rocco kommt dann auf Langlaufski zur Arbeit – oder dreht im Schein der Stirnlampe noch eine Runde in den Elbauen.

 

Laufen, um die Dinge zu Ende zu denken

Rocco läuft und läuft. Im Sommer Marathons, im Winter Volksskiläufer. | Foto: Manuel Arnu

Seit Sommer 2011 arbeitet Rocco Ganzert bei Globetrotter Dresden, im Winter ist er der Herr der Ski. Dresden gilt als Langlaufhochburg. »Wir verkaufen ein breites Sortiment an klassischen Wachsski und Nowax-Ski. Allein an Skatingski haben wir ein knappes Dutzend Modelle, vom Einsteiger- bis zum Weltcupski.« Nordic Cruiser, Backcountry-, Telemark- und Tourenski vervollständigen das Angebot, das ebenso vielfältig ist wie die Kundschaft: »Zu uns kommen Förste­r, die mit Ski zu ihren Hochständen laufen. Engagierte Freizeitsportler, die an Worldloppets – Skimarathons – rund um den Globus teilnehmen. Abenteurer, die mit schwerer Pulka Grönland durchqueren. Oder Skibergsteiger, die mit sehr leichten Tourenski von 8000ern abfahren«, erzählt Rocco – und nimmt mit kräftigen Doppelstockschüben wieder Fahrt auf.

Sachte steigt die Spur Richtung Gipfel. Die knorrigen Bäume entlang der Loipe ächzen unter schwerem Nassschnee. Der gelbe Klis­ter greift fest in die stumpfen Altschneekristalle, und Rocco arbeitet sich mit weiten Diagonalschritten elegant bergan. Die Routine kommt nicht von ungefähr. Mit drei Jahren stand Rocco zum ersten Mal auf Ski. Mit sieben wurde er Leistungsschwimmer, und der Trainingsplan sah Langlauf als Ausgleichssport vor. Während viele Schwimmkollegen nur ungern auf die Latten stiegen, liebte Rocco beides.         

Mit Anfan­g 30, im reifen Ausdaueralter, begründet­e er seine zweite Wettkampfkarriere: Volksskiläufe – wie den 50 Kilometer langen Isergebirgslauf auf tschechischer Seite, den Miriquidi 24-Stunden-Skilauf bei Zinnwald und den 90 Kilometer langen Vasalauf in Schweden.

Im Sommer steigt er auf Inlineskates mit Stöcken um oder schnürt die Laufschuhe. Rocco rennt Marathons, Ultramarathons und Bergläufe. Kurz vor seinem 40. Geburtstag startete er beim Iron Man Austria – qualvolle 11 Stunden lang: »3,8 Kilometer Schwimmen im Wörthersee, 180 Kilometer mit dem Rad und dann ein Marathonlauf!«

Macht das wirklich Spaß? »Das Faszinierende an Langstrecken ist, sich selbst zu überwinden. Und es ist perfekter Ausgleich zum Alltagsstress«, sagt Rocco. »Zu Hause und bei der Arbeit will immer jemand etwas von dir, du kannst Dinge nicht zu Ende denken. Wenn ich allein draußen unterwegs bin, habe ich Zeit, Lösungen zu finden.« Also läuft Rocco. Im Sommer regelmäßig morgens vor der Arbeit oder nach Kletter­wochenenden in der Sächsischen Schweiz auch mal 40 Kilometer heim nach Dresden. Im Winter versucht er, wenigstens ein Mal die Woche die Langlaufski anzuschnallen.

 

Abfahrt von 7200 Metern Höhe

Gipfel Kahleberg, 905 Meter, zwei Grad. Das Wachs hält. Vom höchsten Punkt des Sächsischen Osterzgebirges kann man bei schönem Wetter bis hinab nach Dresden ins Elbtal schauen. Heute im Nebel reicht der Blick keine zehn Schritte weit.

An der kleine­n Kahlebergbaude macht die Loipe kehrt, schlängelt sich durchs Gehölz und fällt dann ab Richtung Biathlonstadion Zinnwald. Rocco lässt die Ski laufen und erzählt von der Abfahrt seines Lebens. Im Jahr 2000 stieg er mit seinen Bergkameraden auf Tourenski den 7509 Meter hohen Muztagh Ata in China hinauf. Nach zwei Wochen schlechten Wetters war es die letzt­e Chance, den Gipfel zu erklimmen. Fünf Schritte. Luft holen. Wieder fünf Schritte. Doch 300 Meter unterm Gipfel schlug das Wetter um. Schwere Gewitter und Neuschnee machten den Aufstieg zum Roulette­spiel, die Gruppe kehrte um.

Dennoch war die Abfahrt von 7200 Metern ein einmaliges Erlebnis: »Ganz oben ging  es nur darum, heil herunterzukommen«, erzähl­t Rocco, »drei, vier Schwünge; dann durchschnaufen. Wir fuhren ja ohne künstlichen Sauerstoff. Aber dann wurde die Luft dicker und die Abfahrt immer schöner.« Auf die letzte Nacht im Höhenlager folgte dann – bei Sonnenschein und Pulverschnee – die finale Abfahrt bis ins Basislager: »Insgesamt knapp 2500 Höhenmeter, ganz ohne Lift und Heli«, strahlt Rocco.

Rund ums Zinnwalder Biathlonstadion trainiert die Langlaufelite. Profiski werden für Rennen mit teuren Fluorwachsen präpariert, die Beläge je nach Schnee und Temperatur mit einer Spezial­maschine strukturiert, erklärt Rocco. Nichts für Hobbyläufer, aber ganz ohne Wachs geht’s auch nicht. Der Ski leidet, der Spaß ebenfalls. »Viele Einsteiger mit Nowax-Modellen glauben, ihre Ski bräuchten niemals Wachs. Aber mit etwa­s Gleitwachs läuft der Ski besser, und es bleibt auch kein Schnee am Belag kleben.«

 

Kinder in der Pulka

Sein Wissen gibt Rocco gern weiter. Globetrotter Dresden veranstaltet Wachskurse, und in der hauseigenen Skiwerkstatt montiert Rocco Bindungen, repariert Stöcke, wechselt Handschlaufen und Stockteller, passt Tourenstiefel und Langlaufschuhe an Problemfüße an. Der Loipen- und Wetter­bericht vom Osterzgebirge hängt tages­aktuell in der Skiabteilung aus – »damit die Kunde­n in der Stadt wissen, dass oben am Berg ein halber Meter Schnee liegt und die Loipen hervorragend präpariert sind«.

Familie ist auch Ausdauersport. | Foto: Archiv Rocco Ganzert

Im Frühjahr macht die Skiabteilung Platz für Kajaks und Kanus. Rocco wechselt dann eine Etage tiefer zum Bergsport – seine zweite große Leidenschaft. An den Fels­türmen der Sächsischen Schweiz kennt er jede Menge Kletterrouten, in seiner Freizeit organisiert er beim Sächsischen Berg­steigerbund die Sanierung von Felsringen, außerdem die Pflege von Gipfelbüchern. In Rocco­s persönlichem Gipfelbuch stehen aber auch Klassiker wie das Matterhorn und Anden­riesen wie der Huascarán in Peru oder der fast 7000 Meter hohe Aconcagua.

Große Expeditionen sind für Rocco derzeit allerdings kein Thema: »Mich sechs Wochen am Berg zu vergnügen, während die Familie zu Hause bleibt und sich sorgt – das wäre sehr egoistisch.« Rocco ist verheiratet und hat vier Kinder. Der älteste Sohn ist 13, die jüngste Tochter ein Jahr alt. Das heißt jedoch keineswegs, dass Familie Ganzert auf die Berge verzichtet: »Unsere Kleine war schon mit 14 Tagen in der Sächsischen, im Tragetuch. Sohn Gustav stand schon mit zwei Jahren auf seinem ersten Klettergipfel. Außerdem habe ich meine Kinder, warm eingepackt, mit Ski und Pulka stundenlang über den Erzgebirgskamm gezogen. Bei solche­n Touren musst du als Familienvater gar nicht auf so viel verzichten.«

Rocco schwört dabei auf den Chariot, eine Allzweckwaffe für junge Eltern: Radanhänger und Jogger in einem, mit Skiset sogar loipentauglich. »Die Energie, die ich in meine Kinder stecke, kommt zurück, wenn ich gemeinsam mit ihnen etwas erlebe.«

Ein zäher Aufstieg führt zurück zum Parkplatz. Die Ski rutschen jetzt ab und zu weg. Auf den letzten Wachsresten schiebt sich Rocco zum Parkplatz. Müde und zufrieden packt er die Ski ins Auto. Bis zum nächsten Mal – und dann heißt es wieder: Klister oder Hartwachs? Rot oder gelb?

 
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