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Globetrotter des Jahres 2010: Väterchen Frost und sein liebster Sohn

Ein Mann, ein Rad: Globetrotter des Jahres 2010 Richard Löwenherz unterwegs in Nordrussland | Foto: Richard Löwenherz
»Unglaublich« ist schnell gesagt. Für das, was Richard Löwenherz erlebt hat, ist das Wort aber noch zu schwach. Seine winterliche Fahrradexpedition im Norden Russlands machte den Geografiestudenten zum Globetrotter des Jahres 2010.

Gegen Schneeblindheit ist die traditionelle Schlitzbrille dabei: Selbstportrait in der russischen Wildnis. | Foto: Richard Löwenherz
Abschlussarbeiten an der Uni haben oft produktive Nebenwirkungen. Plötzlich wird Wäsche gewaschen, Fenster geputzt oder die WG-Küche poliert, statt am Schreibtisch zu sitzen. Psychologen sprechen vom Phänomen der Vermeidungsstrategien. Im Winter 2010 hatte Richard Löwenherz – er heißt wirklich so – die Auswertungen für seine Diplomarbeit in Physischer Geografie fertig. Doch anstelle ich an den Schreibtisch zu setzten und alles entsprechend niederzuschreiben, kaufte es sich ein Visum für Russland, packte warme Klamotten ein, lud alles auf ein Fahrrad, bis es 92 Kilo wog und machte sich auf den Weg ins Land der Nenzen-Nomaden.

 

Im Vorjahr zum Elbrus geradelt

Was Löwenherz von seiner Reise berichtet, klingt alles andere als nach einer Ausrede die Diplomarbeit aufschieben zu wollen. Das hätte er wesentlich einfacher haben können. Aber schon vor Jahren hat ihn der Reisevirus gepackt. Besonders Skandinavien und die Staaten der ehemaligen UDSSR bereist er häufig. Im Jahr zuvor war er über Schotterpisten bis zum Elbrus in den Kaukasus geradelt. In seinem Bewerbungsschreiben an die Jury schreibt Löwenherz: »Letztendlich musste ich meinem Drang nach solchen Erfahrungen nachgeben, zumal ich als Student noch viel leichter entscheiden kann, wie und wo ich meine Zeit verbringe.«

 

Nächtliche Ankunft in Uchta, Nordrussland, bei -25 Grad. | Foto: Richard Löwenherz
Vom Zugpersonal schikaniert

Richard Löwenherz besteigt also im Februar 2010 in Berlin einen Zug gen Nordosten. Es ist nicht seine erste Winterreise mit dem Fahrrad. 2004 fuhr er entlang der norwegisch-schwedischen Grenze und 2009 radelte er durch Westsibirien. Vier Tage dauert dieses Mal die Zugfahrt über Warschau, Sankt Petersburg nach Uchta in der Republik Komi. Fünf Mal muss er umsteigen, häufig bleiben nur wenige Minuten von einem Zug zum nächsten. Das Zugpersonal behandelt den Reisenden mit Fahrrad häufig unfreundlich. Löwenherz muss das Rad weiter zerlegen, anders einpacken oder wird plötzlich nach einer Übergepäckquittung gefragt. Mitten in der Nacht kommt der Geografiestudent in Nordrussland an. Bei -25 Grad Celsius schraubt er sein Rad auf dem Bahnsteig zusammen. Es kann losgehen.

 

Wer braucht schon ein Zelt: Nachtlager am Wegesrand. | Foto: Richard Löwenherz
-50 Grad beim Aufstehen

Von der geplanten Route weiß Löwenherz nicht genau ob sie überhaupt existiert. Entlang des Flusses Petschora will er nach Norden. Im Sommer erreicht man die Gegend mit dem Boot. Vermutlich gibt es im Winter also Eispisten, denen er folgen kann. Den Sattel und das Oberrohr hat Löwenherz mit dem alten Lammfell eines Autositzbezugs isoliert. Auch für den Lenker hat er aus den Fellresten Stulpen gebastelt, die seine Hände vor dem eisigen Wind schützen. Während der nächsten 23 Tage legt Löwenherz fast 800 Kilometer durch die nordrussische Taiga zurück. Eine Rekordkälte liegt über dem Land, eines Morgens misst er -50 Grad. Löwenherz hat zwei Schlafsäcke. Einen zum Reinkrabbeln und einen als Decke. Der Bessere ist für -10 Grad ausgelegt.

 

Um lange Schiebepassagen zu vermeiden, fährt Löwenherz mit Einheimischen auf dem Schneemobil mit. | Foto: Richard Löwenherz
Am Ende bricht der Fahrradrahmen

Richard Löwenherz hat ein Zelt dabei, aber er baut es nie auf. Er schläft auf einem Renntierfell und einer großen Plane. Weil der Kocher bei der Kälte nicht immer funktioniert, ernährt er sich von gefrorener Wurst und Keksen. Selbst die vermeintlich abgehärteten Russen staunen über den Deutschen, der mit dem Fahrrad durch Schneerinnen und Schlaglöcher schlingert. Häufig muss er das Fahrrad schieben. Die Einheimischen geben ihm Essen, Wodka und manchmal einen Platz in überheizten Zimmern. Einen Teil der Strecke fährt er im Bus oder auf dem Schneemobil mit. Am Ende nutzt Richard Löwenherz seine Visafrist von 30 Tagen voll aus. Auf dem letzten Abschnitt bricht der Fahrradrahmen. Freundliche russische Journalisten, die gerade die neusten Geländewagen auf sibirischen Eispisten testen, nehmen den jungen Deutschen mit. Zurück in Deutschland bilanziert Richard Löwenherz die Kosten seiner Reise auf exakt 677 Euro.

 

Es wartet die Diplomarbeit...

 

4-Seasons Info

Pausenclown: Die russische Eiswüste ist anscheinend ziemlich unterhaltsam. | Foto: Richard Löwenherz
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Der sehr lesenswerte Bericht von Richard Löwenherz über sein Abenteuer in Nordrussland findet sich rechts bei den Downloads zu diesem Artikel. Ergänzende Fotos und weitere Tourenberichte vom Globetrotter des Jahres 2010 findet man auf seiner Website: www.lonelytraveller.de

 
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