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Froschmänner küsst man nicht

Foto: Michael Neumann
Wer als Kind bei Räuber und Gendarm stets der Räuber war und beim Verstecken immer erst am Tag darauf gefunden wurde, der würde heutzutage einen guten Froschmann abgeben. So wie Thomas Merten. Tagsüber leitet er die legendäre Globetrotter-Serviceabteilung und verspricht die »totale Kulanz«, nachts wird er zur urbanen Amphibie und taucht gern im Moder.    

Froschmänner sind die schwarzen Schafe unter den verwunschenen Fröschen. Die kleinen, bösen Brüder des allseits beliebten Froschkönigs. Einen Froschkönig zu küssen verspricht ein Königreich, Prunk und Hofstaat, das weiß jedes Kind. Einen Froschmann zu küssen braucht größere Überwindung. Ein Hauch von Schweiß, Schlick und schalem Geruch umgibt den Froschmann. Froschmänner sind ebenso geheimnisvoll wie die verfluchten Prinzen, nur führt ihr Kuss nicht zu Krone und Zepter, sondern allenfalls zu Übelkeit. Kein märchenhafter Gedanke!

Statt Malediven: Tauchgrund Klärwerk (stillgelegt). | Foto: Archiv Merten

Thomas Merten, 42 Jahre, ist Froschmann. Es ist diese alte Jeckyll-und-Hyde-Geschichte. Werktags ist Thomas Merten der nette, freundliche Abteilungsleiter der Serviceabteilung von Globetrotter, doch in seiner Freizeit schlüpft er in eine schwarze Neoprenhaut und verwandelt sich in eine urbane Amphibie. Thomas ist nicht allein mit dieser feierabendlichen Metamorphose. Er ist Teil einer kleinen hanseatischen Froschmannfamilie, die sich im Bodensatz von Hamburgs Gewässern heimisch fühlt und mit großem Entzücken im Trüben fischt: »Da wir Froschmänner ursprünglich über die Taucherei in undurchsichtigen Gewässern zueinanderfanden und als erste Mission unter dem Fähranleger Kiel–Mönkeberg in zehn Meter Wassertiefe ein Sierra-Leone-Kuppelzelt von Salewa aufgebaut haben, nannten wir uns anfangs 'Underwater Camping Team'. Daraus sind dann irgendwann 'Die Froschmänner' geworden, weil wir im Laufe der Jahre immer amphibischer wurden.«

Bei ihren Einsätzen bedienen sich die Froschmänner modernster Spezialausrüstung: Nachtsichtgeräte, Kreislauftauchgeräte, GPS, Funk, verschiedene Verbringungsmittel wie ein seetüchtiges Einsatzkajak und ein Park geländetauglicher Fahrzeuge unterschiedlicher Tonnage. »Gegenden, in denen wir nichts zu suchen haben, üben einen besonderen Reiz auf uns aus«, erklärt Thomas sein Froschmannleben. »Ganz gleich, ob es sich um Industrieruinen handelt oder Sperrgebiete aller Art. Ein Verbotsschild und ein hoher Zaun, und schon setzt dieses wohlige Kribbeln ein, die Aufklärungsarbeit beginnt und irgendwann sind wir drin, kochen was Schönes, machen Fotos, drehen einen Film, übernachten irgendwo im Dreck und sind wieder weg, bevor es hell wird.«

Lange bevor Thomas Merten zum Froschmann mutierte, absolvierte er eine Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur. Eigentlich der perfekte Beruf für sein späteres Froschmann-Ich, doch Thomas »wusste schon nach dem ersten Lehrjahr, dass Toiletten anderer Menschen bei mir keine lebenslange Faszination auslösen können.« Thomas jobbte zwei Monate lang im Fischereihafen und wuchtete dort gefrorene »Gehwegplatten« von einem Container in den nächsten. Er hatte damals Kontakt zu Deutschlands Survival-Guru Rüdiger Nehberg, der von seinem beruflichen Dilemma wusste und ihn Globetrotter-Gründer Klaus Denart vorstellte. »Und schwupps wurde ich 1988 Globetrotter-Mitarbeiter.«
 

Kurzurlaub 1: die Restauration eines 40 Jahre alten Landrovers. | Foto: Archiv Merten

Thomas begann mit Handlangerarbeiten im Lager, schnürte Pakete, durfte später Aufträge annehmen, Bestellkarten abtippen und landete schließlich in der Telefonannahme. 1993 wechselte er in die Serviceabteilung. »Wir waren damals zu dritt, dazu kam unser Schneider Ibrahim, ein Virtuose an der Nähmaschine.« Ibrahim zauberte darauf Tarps in allen denkbaren Varianten, unzählige Taschen und Rucksackmodifikationen. Auch Thomas profitierte von Ibrahims versierten Künsten. »Er hat mir ein Tarierjacket aus schwarzem Nylonabfall genäht, weil es das anderswo nur in quietschbunt gab. Und Tauchausrüstung hat in meinen Augen nun mal schwarz zu sein!« Heute koordiniert Thomas Merten als Abteilungsleiter die Serviceabteilung mit 20 Kollegen. 2009 mussten über 70.000 Reklamationen abgewickelt werden. Thomas Merten sieht seine Abteilung als Schnittstelle zwischen Globetrotter und den Kunden. Weil im Service besonders viele Kollegen sitzen, die sich sehr detailliert mit dem Sortiment auskennen, übernimmt die Abteilung auch besonders knifflige Produktberatungen am Telefon oder per E-Mail. Thomas Merten umschreibt diese Aufgabe als die »nächste Eskalationsstufe für exotische Produktwünsche unserer Kunden. Das können Beratungen von technischen Produkten wie GPS-Gerät, Uhren mit 1,8 Millionen Funktionen oder Satellitentelefone sein. Oder Komplettberatungen für arktisreisende Pauschaltouristen, die sich von der Unterhose bis zur Daunenjacke neu einkleiden wollen. Am liebsten schriftlich mit Ausrüstungslisten in unterschiedlichen Preiskategorien.«

Auf Nehbergs Spuren

Die Schuld für seine schmuddelige Outdoor-Liebe schiebt Thomas auf seine Mutter. Sie schenkte ihm irgendwann Anfang der 80er Jahre das »SOS-Buch für junge Camper, Tramper und Abenteurer« von Anthony Greenbank und Hans-Otto Meissner. »Das hat mich infiziert.« Thomas tauschte die samstägliche Disco gegen Nächte auf einem verwilderten Spülfeld in Bremerhaven. Anfangs allein, denn er kannte zu der Zeit niemanden, der gern unter einer Plastikplane im Sumpf schlief und über einem qualmenden Feuer einen halben Hahn aus dem Supermarkt grillen wollte. Später kaufte er sich Rüdiger Nehbergs Survival-Bibel und das Schicksal nahm seinen Lauf. Thomas tauschte immer wieder sein Schlafzimmer gegen einen alten Flakbunker an der Wesermündung oder übt, von maroden Mauern eines Baumarkts im Dülfersitz abzuseilen. Seine gesammelten Überlebenserfahrungen bot Thomas Merten später in einer selbst gegründeten Survival-Schule an. »Ich hatte mit einem Freund ein kleines Waldgrundstück mit einer Sandgrube gepachtet. In den Outdoor-Trainings ging es mehr um die Basics des Outdoor-Lebens, weniger ums Überleben. Wir zeigten den Teilnehmern, wie man bei Schietwetter ein Feuer macht, sich mit Karte und Kompass orientiert, wie man Hindernisse überwindet, sich eine Notunterkunft mit wenigen Hilfsmitteln baut, eine Forelle fängt und zubereitet.«
Survival wird oft verkannt, glaubt Thomas Merten. Survival beschränke sich weder allein auf die Wildnis noch bestehe es ausschließlich aus dem Verzehr von bodennah lebenden Tieren oder totem Viehzeug, dass man von der Straße kratze. »Natürlich habe ich Regenwürmer, Kellerasseln und Schnecken probiert, aber ohne Kräuterbutter war das nichts. Gut gefallen haben mir Waldameisen, wie Popcorn im Topf kurz angeröstet. Die schmecken gut, sättigen, stehen aber mittlerweile unter Naturschutz.«
 

Die Kunst der Tarnung à la Thomas Merten. | Foto: Archiv Merten

Thomas Merten ist vielmehr der Meinung, dass sich Survival über alle Bereiche des alltäglichen Lebens erstrecken sollte. »Zum Survival gehören Kenntnisse im Gebrauch eines Feuerlöschers ebenso dazu wie die Fähigkeit, die eigene Haustür mithilfe einer Haarnadel zu öffnen, wenn der Schlüssel warm und trocken in der Wohnung liegt. Ich denke, eine Grenze ist erreicht, wenn man nicht mehr ohne Multifunktionswerkzeug, Taschenlampe, Signalspiegel, Wasserration und zehn Metern Reepschnur vor die Tür gehen mag.« Als echter Survival-Experte hat Thomas Merten natürlich auch ein paar echte McGyver-Tricks im Repertoire. »Ich kann mit einem Astronautenkugelschreiber ein Anagramm rückwärts schreiben. Ich kann mit einem Abwasserrohr – einmal Klempner, immer Klempner –, Haarspray und Tape eine Kartoffelkanone bauen und damit den Ostseestrand gegen Piraten verteidigen.« Zehn Jahre nach ihrer Gründung hatte die Survival-Schule sieben Trainer, die Gruppen waren um 15 Personen stark. Trotzdem gab Thomas Merten seinen »Überlebens-Lehrstuhl« auf. »Wir haben einfach aufgehört, als es am schönsten war.«

Zeltplatz Autobahnbrücke

Wildromantisch: Biwak unter der Autobahnbrücke. | Foto: Archiv Merten

Outdoor bedeutet für Thomas Merten nicht nur reine Natur. Statt Wald und Wiesenblumen darf es auch gerne mal Stahl und Beton sein. Obwohl er die ganze Welt bereist hat, beginnt Thomas seine Abenteuer inzwischen lieber direkt vor seiner Haustür in Hamburg, genauer zwischen Geesthacht und Lauenburg. »Was ist schon der Amazonas, wenn ich die Elbe vor der Tür habe!« Der Reiz der kleinen Expeditionen im Großstadtdschungel sind Spontanität und Exklusivität. Hamburg bietet Thomas zahlreiche Abenteuerspielplätze für Erwachsene. Ob ein frühmorgendlicher Tauchgang im alten Elb-Wasserfilterwerk, in einem Löschwasserbunker, Ausflüge in alte gesperrte Munitionsdepots oder eine Nacht auf dem Pylon einer Hamburger Autobahnbrücke – Thomas nimmt, was da ist. »Ich kann mein kleines Abenteuer zu jeder Zeit haben, oft mit geringer Vorbereitung, geringem Kosten- und Materialaufwand. Notfalls direkt nach Feierabend, irgendwo im Hamburger Hafen oder in einem winzigen Gewässer, das bisher noch niemand betaucht hat.«

Thomas Merten braucht diese Fluchten ins Trübe. In seiner schwarzen Froschmannhaut verliert sich sein Arbeitsalltag, der voller Reibung und häufig sehr emotional verläuft. Die Verbindung mangelhafter Produkte mit unzufriedenen Kunden ist mitunter brisant und verlangt einen kühlen, klaren Kopf. »Die Arbeit ist abwechslungsreich, aber oft auch nicht ganz einfach. Dialoge um Reklamationen werden manchmal sehr emotional geführt. Ein unzufriedener Kunde will vor allem ein offenes Ohr, Verständnis und eine Lösung für sein Problem. All das bekommt er bei uns.
Richtig aufgebrachte Kunden darf man nicht persönlich nehmen. Meist ärgert er sich ja über das Produkt, einen Fehler oder über den Ausgang des gestrigen Fußballspiels, aber nicht über den Kollegen am Telefon, der ihm gern helfen möchte. Man muss zuhören können, zielgerichtete Fragen stellen und dann zu einer Lösung kommen. Natürlich gibt es auch Kunden, die nicht an einer Lösung interessiert sind, sondern sich lediglich Luft machen wollen. Das ist eine Facette unserer Tätigkeit, auf die ich persönlich gut verzichten könnte.«

Die Begeisterung des Kunden

Ganz zivil: im Kajak durch den Hafen. | Foto: Archiv Merten

Bei der Abwicklung der Reklamationen gilt bei Globetrotter die Leitlinie der »totalen Kulanz«. Dahinter steckt die Philosophie, dass jeder unzufriedene Kunde nicht nur zufrieden gestellt werden soll, sondern sich für Globetrotter und die Produkte begeistert. Aus diesem Grund winkt die Globetrotter Serviceabteilung nicht sofort mit AGBs und gesetzlichen Gewährleistungsfristen. Natürlich gibt es auch erfolglose Reklamationen. In der Beliebtheit weit hinten sind Hygieneartikel, die gebraucht und mit ärztlichen Attesten versehen in einer Rücksendung liegen. Nicht selten kommen Kleidungsstücke mit Löchern im Knie oder Triangeln im Ärmel zurück. Oft mit der Begründung: »Ein Produkt dieser Preisklasse muss einen Sturz vom Mountainbike aushalten.« Und selbst in solchen Fällen sei Globetrotter noch kulant und repariere für schmales Geld. »Typisch erfolglos ist eigentlich nur die Reklamation, bei der wir ganz genau merken, dass jemand die totale Kulanz als Erneuerungswerkzeug für seine Ausrüstung missbrauchen will«, erklärt Thomas. »Schöne Beispiele sind Reklamationen von Produkten, die regelmäßig eine Woche vor Ablauf unserer dreijährigen Garantie eingereicht werden. Wir verfügen über ein leistungsfähiges EDV-System und merken, wenn sich hier Regelmäßigkeiten abzeichnen. In solchen Fällen werden wir dann erzieherisch tätig.«

Die Evolution des Froschmannwesens

Kurzurlaub 2: Ausrüstungstüftelei mit schwerem Gerät. | Foto: Archiv Merten

Thomas Merten ist ein echter Gear-Freak. Wegen seiner Bastlermentalität und Detailversessenheit ist er in der Serviceabteilung gelandet. Wenn er in seiner Freizeit kein Froschmann ist, schraubt er in seiner Werkstatt. An einem Heiligtum, mit allem, was ein Schrauberherz höher schlagen lässt: »Ich besitze einen 40 Jahre alten Landrover, den werde ich im nächsten Jahr wieder zum Leben erwecken. Unter meinem englischen Patienten zu liegen und seine zölligen Schrauben zu liebkosen, ist immer wie Kurzurlaub.«

Oft baut sich Thomas Merten seine Ausrüstung selbst, wenn er bestimmte Dinge nicht kaufen kann. Zu seinen Lieblingen gehört ein Navigationsboard zum Tauchen, bestehend aus einem IKEA-Essbrett, einem Bootskompass, einer Uhr, einem Tiefenmesser und einem Knicklicht. »Hervorragende 3D-Navigation, allerdings keine Erfindung von mir, sondern abgeschaut bei den Kampftauchern.« Oder ein geschlossenes Sauerstoff-Kreislaufgerät mit Bauteilen eines NVA-Panzerretters, einem Abwasserrohr – einmal Klempner, immer Klempner – und einem Ortlieb-Wasserbeutel als Gegenlunge.
»Menschen wie Cousteau galten mit solchen Basteleien als Tauchpioniere, heutzutage gilt man damit unter Sporttauchern als lebensmüder Spinner«, wundert sich Thomas. »Ich kann mich selten mit einem Ausrüstungsgegenstand zufriedengeben, den ich nicht wenigstens ein bisschen verschlimmbessert habe.« Auf der schwarzen Liste anderer Reklamationsabteilungen ist Thomas Merten jedoch noch nicht gelandet. »Ich weiß, wie viel Leid ein Kunde über einen Sachbearbeiter bringen kann. Wenn ich etwas verbastele, dann reklamiere ich nicht. Ich ärgere mich allein.«
 

Froschmann Thomas Merten | Foto: Michael Neumann

Natürlich sind Froschmänner harte Hunde. Sie selbst ordnen sich zwischen militärischer und ambitionierter Sporttaucherei ein. Die Froschmänner nennen es »das unsichtbare Einsickern in gesperrte Gebiete mit einhergehender Aufklärung zur Befriedigung der persönlichen Neugier und Dokumentation auf den froschmanneigenen Internetseiten«. Das dreckige Dutzend durchschwimmt auch mal bei mondloser Nacht mit 20 Kilo schwerem Einsatzgepäck die stark strömende und viel befahrene Elbe, immer in Gefahr, von illegalen Dauercampern oder militanten Vogelwarten enttarnt zu werden. Doch auch Froschmänner werden älter. Lange gab es nur spartanische, gefriergetrocknete Kost auf den waghalsigen Einsätzen. Seit zwei Jahren weht ein neuer Duft durch die Froschmannküche. »Wir waren direkt nach Weihnachten unterwegs und hatten einen Neuzugang unserer Herrengruppe bei uns. Pit, ein begnadeter Hobbykoch, beglückte uns mit Porco Iberico: ein halbwildes schwarzes Schwein, das mit Eicheln gefüttert wird und dadurch einen sagenhaften Geschmack hat. Dazu Birnen, Bohnen und Speck aus der Pipette und einen Wein vom Weingut Frosch. Molekulargastronomie irgendwo im Dreck, das ist schon was Besonderes.«

Seitdem gehört diese Art der Verpflegung fest zum Programm. »Letzten Sommer haben wir, ebenfalls dort, wo wir nicht sein sollten, eine Kiste mit Trockeneis geschleppt und uns Bananensorbet zubereitet, während der Wachdienst ein paar Hundert Meter weiter seine Runden drehte und in der Pause Stullen von Mutti kauen musste.« Froschmann mit Bananengeschmack könnte auch für eine Prinzessin ein akzeptabler Kompromiss sein – auch wenn sich der Froschmann nach dem Kuss »nur« in einen in Neopren gehüllten Globetrotter-Mitarbeiter verwandelt.
 

 

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