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Frei Schnauze – von einer, die auszog, Musher zu werden

Foto: Lars Schneider
Miriam Körner war es leid, mit ihrem schwer beladenen Rucksack durch die verschneite Landschaft zu stapfen. Doch statt daheim zu bleiben, ergriff sie die Flucht nach vorn – und die Leinen eines Hundeschlittens.
Temperamentvoll bei der Arbeit, ausgeglichen in der Freizeit – Huskies sind ideale Outdoorbegleiter. | Foto: Lars Schneider

Der Wunsch entstand während meiner ersten Wintertour in Nordfinnland. Unter den Füßen Tourenski, auf dem Rücken ein vollbepackter Rucksack und im Schlepp ein Pulka. Was für eine Plackerei. Das musste doch auch anders gehen. Die Samen in Nordeuropa und Russland machten es mir vor. Seit Urzeiten benutzen sie Rentiere, um Lasten zu tragen oder zu ziehen. Doch mit dem Gedanken, mein Gepäck von einem Rentier schleppen zu lassen, konnte ich mich nicht so recht anfreunden. Santa Claus hin, Santa Claus her, irgendwie fand ich das zu unromantisch. Und wie redet man mit einem Rentier? Und was essen die überhaupt? Wo man sie finden konnte, hatte ich dagegen schnell raus: An Skandinaviens verschneiten Straßen stehen sie im Winter zu Hunderten, um das Streusalz von der Straße zu lecken. Mehr als einmal hatte ich Gelegenheit, sie aus der Nähe zu betrachten. Trotz bildhübscher großer brauner Augen waren mir die behuften Tiere mit Geweih nicht ganz geheuer. Fürs Erste beschloss ich, mich weiterhin selbst vor den Schlitten zu spannen.

Irgendwann entsponn sich dann Plan B in meinen Gedanken. Von 1996 bis 2006 lud Fjällräven jedes Jahr Outdoorfreunde wie dich und mich zum Polar Race ein, einem Hundeschlittenrennen in Nordschweden. Nein, nein, nicht als Zuschauer. Als Teilnehmer. Und das Beste: Neben physischer Fitness ist die einzige Bewerbungsvoraussetzung, dass man keine Erfahrung im Hundeschlittenfahren hat. Ganz richtig: keine. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme. Tage und Nächte verbrachte ich damit, davon zu träumen, wieder nördlich des Polarkreises zu reisen. Dieses Mal würde ich keinen Schlitten ziehen müssen, sondern darauf stehen. Der Traum nahm sein jähes Ende, als die Absage von Fjällräven eintraf. Unter Hunderten von Bewerbern hatte ich wohl nicht restlos überzeugen können. Doch wenn Fjällräven eine Horde unerfahrener Schlittenfahrer auf eine Horde Schlittenhunde loslassen kann und jeder seinen Spaß dabei hat, so reimte ich mir zusammen, kann es doch gar nicht so schwer sein, das Hundeschlittenfahren zu lernen. Fehlte also nur noch ein Schlittenhundbesitzer, der bereit war, mich als Lehrling aufzunehmen.

 

Auf Umwegen nach Kanada

Foto: Miriam Körner

In Norddeutschland lebend, kam ich natürlich nicht auf die Idee, mit meiner Suche in Deutschland anzufangen. Erst viel später erfuhr ich von meinen Großeltern, die eine Reportage über die Hundeschlittenschule von Thomas Gut gesehen hatten, von Deutschlands aktiver »Mushing«-Szene. Ich dachte beim Wort »Schlittenhund« vielmehr an den hohen Norden, an Alaska, an den Yukon. Was sonst? Also machte ich mich auf den Weg. Ein ziemlich langer Weg übrigens: Im Mai 2002 fuhren ein Freund und ich mit dem Wochenendticket von Bremen nach Rostock, von dort mit der Fähre nach Tallin, weiter mit dem Zug nach Moskau und dann mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Vladivostok. Der Plan, mit einem Frachter nach Amerika zu fahren, fiel allerdings ins Wasser. Also ging es per Flugzeug nach Südkorea, von dort weiter nach Seattle und dann – letztendlich doch noch per Schiff – nach Vancouver Island in Kanada. Natürlich geht das auch schneller, aber darauf kommt es ja nicht immer an.

Mein Reisepartner flog zurück und ich verbrachte meine Zeit in Internetcafés auf der Suche nach einem »Musher«, wie man die Hundeschlittenführer weltweit nennt, der mich in die Kunst des »Mushens« einführen würde. Was ich dafür bieten konnte? Mir fiel nur eines ein: Hundescheiße schaufeln. Wie sich später herausstellte, gibt man diesen zeitaufwendigen und ungeliebten Job tatsächlich gern einem Greenhorn. Irgendwer hat dann irgendwann meine Anfrage vom Yukon nach Saskatchewan weitergeleitet und ich bekam das Angebot, ein »Puppyteam« zu trainieren: Junge Schlittenhunde ohne Ausbildung. Wenn ich mich dabei nicht allzu ungeschickt anstellen würde, bestünde sogar die Aussicht, mit meinem Team bei der »Canadian Challenge« anzutreten, dem längsten Rennen innerhalb Kanadas. Ich hatte noch nicht mal eine Ahnung, dass in Kanada eine Provinz namens Saskatchewan existiert, doch das konnte mich nicht aufhalten.

 

Fahren bis zum Umfallen

Das Leben in der kanadischen Provinz Saskatchewan ist nicht leicht – aber ein Paradies für Outdoorer. | Foto: Miriam Körner

Im September 2002 zog ich in den Trailer von Jim und Elaine Tomkins ein, der – wie alles bei Besitzern von fast 80 Schlittenhunden – nach Hund roch. Noch bevor der erste Schnee fiel, fing das Training an. Wie alle Athleten müssen auch Hunde ihre Muskeln langsam aufbauen. Zunächst gewöhnte ich die Hunde mit einem Rollwagen an Geschirr, Zugleine und die Idee des Ziehens – was nicht schwer war. Viel schwerer war es, sie an die Idee des Anhaltens zu gewöhnen. Die auf Ausdauer und Geschwindigkeit trainierten »Alaskan Huskies« rennen bis zum Umfallen. Es liegt in der Verantwortung des Mushers, Pausen einzulegen und die Laufzeiten zu begrenzen.

Als der erste Schnee liegen blieb, rannten meine Hunde Trainingsläufe von zehn Kilometern mit Leichtigkeit. Nervös spannte ich daher zunächst nur drei Hunde vor den Kufenschlitten. Nachdem ich den Schneeanker gezogen hatte, konnte ich nur noch hoffen. Und beten. Denn anders als der Rollwagen hatte der Schlitten kein Steuer. Die Fahrt verlief anfangs erstaunlich gut. Der Schlitten folgte den Hunden und wir erreichten ohne Probleme den Umkehrpunkt. Nach der Kurve begann mein Training: Der Schlitten war geradeaus gegen einen Baum geprallt und hatte mich wie ein störrischer Esel abgeworfen. Die Hunde liefen derweil guter Dinge ohne mich nach Hause. Mir blieb nur eines: hinterher, und zwar so schnell wie möglich.

Mein Training wiederholte sich an gleicher Stelle noch etliche Male, obwohl ich mir mehrmals erklären ließ, wie man den Schlitten lenkt: In die Knie, Gewicht zur Innenseite verlagern und auf keinen Fall den Baum anstarren, den man vermeiden will. Augen schließen zählt dabei übrigens nicht. Mein Fortschritt vollzog sich langsam. Immerhin lernte ich, den Schlitten beim Umkippen nicht mehr loszulassen, und die Hunde zogen mich von nun an – weiterhin guter Dinge – mit dem Gesicht im Schnee um die Kurve.

Into the great white open – Musher mögen's kalt. | Foto: Lars Schneider

Als meine Hoffnung, an der fast 300 km langen Canadian Challenge teilzunehmen, schon im Schnee versank, hatte ich den Bogen plötzlich raus. Es war beinahe wie Fahrradfahren. Hatte man das Gleichgewicht einmal gefunden, verlor man es nicht wieder. Ich trainierte erst vier, dann fünf, sechs, später sogar neun Hunde. Im Februar 2003 war ich bereit für die 6-Hunde-Klasse der Canadian Challenge. Meine Hunde auch, und so belegten wir den dritten Platz. Ein Traum war wahr geworden. Fast zumindest. Das Rennen war aufregend, keine Frage, aber viel lieber hätte ich nachts mein Zelt aufgebaut und den Nordlichtern zugesehen, anstatt einunddreißig Stunden am Stück durch die Landschaft zu hetzen. Und so herrlich der Winter in Saskatchewan auch ist, meinem Ideal vom Yukon und der sich anschließenden Arktis kam er nicht wirklich nah.

Doch wo die Liebe hinfällt ... Während des Rennens habe ich nämlich mein Herz verloren. Und zwar an Quincy Miller, Zweibeiner, Kanadier und genauso vernarrt in die rasenden Fellbündel wie ich. In den folgenden Jahren nahmen wir ausgemusterte Schlittenhunde auf, für die befreundete Musher ein Zuhause suchten. Zusammen zogen wir in die Wildnis, reisten über zugefrorene Seen und durch verschneite Wälder. Nachts schliefen wir am Lagerfeuer. Das kam meinem Traum vom unbeschwerten Wintertrekking schon näher. Im Hundeschlitten ist immer genug Platz für den kleinen Luxus in der großen Wildnis. Von Säge und Axt übers Kopfkissen bis hin zu Schokoriegeln im 10er-Pack und Vanilleeis. Auch Frieren im Zelt ist nicht mehr nötig. Wem es nichts ausmacht, sein Nachtquartier mit zwei, drei Hunden zu teilen, den halten die anhänglichen Tiere kuschelig warm.

 

Arktis, endlich

Im Sommer 2005 erfuhren wir dann vom Hudson Bay Quest. Dieses Schlittenhunderennen führt von Churchill, Hauptstadt der Eisbären, entlang der Küste der Hudson Bay nach Arviat in Nunavut, dem Land der Eskimos. Ein Rennen in der Arktis! Und was für eines. Auf 420 Kilometern kein Baum, keine Siedlung und keine Möglichkeit, Verpflegung und Hundefutter aufzufrischen. Vor lauter Organisation und Planung blieb fast keine Zeit, die Hunde zu trainieren. Schlitten, die den Anforderungen gewachsen waren, wurden in unserem Wohnzimmer gebastelt, ein alter Schulbus als Hundebus umgebaut, Transportboxen für die Zugreise nach Churchill und den Rückflug von Arviat beschafft. Das größte Problem war – wie so oft bei großen Abenteuern – die Finanzierung. Die Hunde halfen fleißig mit, das nötige Kleingeld zusammenzubekommen, indem sie abenteuerlustige Touristen über die alten Pelzhandelswege im Norden Saskatchewans führten. Aber ohne die großzügige Unterstützung von Globetrotter Ausrüstung, Silva Outdoor, Canada Goose und Northern Outfitters hätte ich meinen Anteil an Ausrüstung nie zusammenbekommen.  

Höhepunkt jeder Musherkarriere sind die Mehrtagesrennen im Norden Kanadas. | Foto: Miriam Körner

Am ersten April 2006 stand ich mit einem Zehner-Gespann an der Startlinie. Unter den Mushern waren Fahrer aus Manitoba, ein Tour-Guide aus Ontario und vier Inuit aus Nunavut, die mit ihren traditionellen Rentierfellhosen und den Stiefeln und Anoraks aus Robbenfell 100 % authentisch aussahen. Ihnen ist der Hundeschlitten auch heute noch wichtigstes Werkzeug für das Überleben in der Arktis. Er ist Lastwagen und Sportwagen zugleich. Zum einen übernimmt er wichtige Transportzwecke, zum anderen bringt er die Jäger in Position, wenn am Horizont Beute auftaucht.

Apropos Jagd: Laut Regeln war es verboten, während des Rennens zu jagen. Um ehrlich zu sein, musste ich über diese Regel ein wenig lächeln. Wer würde auf die Idee kommen, während eines Hundeschlittenrennens zu jagen. Und was? Als ich durch eine Herde von tausenden Rentieren spurte, war diese Frage beantwortet. Am nächsten Checkpoint erfuhr ich, dass einer der Inuits seine Hunde mit frisch erlegtem Rentierfleisch versorgt hatte – und aus die Maus, disqualifiziert. Die Liste der erlebten Abenteuer ist lang und kündet von Schneestürmen, bizarren Eisformationen, Rentieren und Robben in der Wildnis und als Delikatesse auf dem Speiseteller bei der Siegerehrung. Mein Traum ist wahr geworden. Und nun? Warten auf die Rente? Aber nein: Die Arktis fängt bei Arviat ja erst richtig an. Wenn ich also eines Tages mit meinen Hunden zum Nordpolarmeer reise, melde ich mich wieder. Aber bis dahin heißt es sparen, sparen, sparen.

 
4-Seasons Info
 

Musher werden ist nicht schwer

 

Selbst auf den Hund gekommen? Der Traum kann verwirklicht werden, sei es bei der Hundeschlittenschule in Süddeutschland, auf einer geführten Tour in Europa oder Kanada oder als »Handler« (Hundetrainer) bei einem professionellen Musher.

 

www.waldschrat-adventure.de: Deutschlands erste Hundeschlittenschule mit Basislager im Bayerischen Wald, geführt von »Waldschrat« Thomas Gut.

www.sleddogcentral.com: umfangreiche Onlinecommunity. Unter dem Link »rides & tours« findet man ein internationales Tourenverzeichnis. Unter »current classifieds« in der Kategorie »Wanted: Help/Handler« werden Aushilfen gesucht.

www.pawsandpaddles.com: Hinter dieser Homepage verbirgt sich Autorin Miriam Körner herself. Sie arbeitet – allen Vorbehalten zum Trotz – immer noch als Hundeschlitten- und Kanuguide in Saskatchewan.
 

 
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