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Fotograf Carsten Peter: Bis die Linse glüht

Manchen mögen's heiß. | Foto: Carsen Peter
Ob an brodelnden Lavaseen, in gigantischen Höhlen oder auf Tornadojagd: Carsten Peter drückt ab, wo sich andere längst verdrückt hätten. Und so gilt der Bayer als mutigster National-Geographic- Fotograf – obgleich er selbst das anders sieht.
Selfie eines Expeditionsfotografen: Carsten Peter. | Foto: Carsten Peter
Selfie eines Expeditionsfotografen: Carsten Peter. | Foto: Carsten Peter

Carsten, wenn man dich bei der Arbeit sieht, fragt man sich: Hast du eigentlich vor gar nichts Angst?

Oh doch, ich habe durchaus Angst, dass bei unseren Expedi­tionen jemandem etwas zustoßen könnte. Toi, toi, toi hatten wir noch keine schweren Unfälle zu beklagen. Das führe ich darauf zurück, dass wir uns bestmöglich absichern, gerade in Extremsituationen wie etwa beim Abseilen in einen Vulkankrater.

Von eurer Expedition am Nyiragongo im Kongo gibt es eine Filmsequenz, wie du ohne Hitzeschutz auf einen dünnen Erdwall kletterst, der einen Lavasee umgibt. Lavafetzen fliegen durch die Luft. Wie kannst du dich da absichern?

Die Wissenschaftler, die weiter oben standen, hätten uns per Funk gewarnt, wenn sich in dem See Blasen gebildet hätten. Trotzdem war das sicher extrem. Wir ­standen unten auf der ­dritten Terrasse des Kraters, vor mir brodelte dieser gigantische Lavasee. Irgendwann packte mich die Neugierde, mal einen Blick über den Rand der Suppenschüssel zu werfen. Also hab ich halt probiert, ob man diesen steilen Damm hochkommt. War ziemlich mühsam, weil die Schlacken wie Murmeln unter den ­Füßen wegrutschten. Heiß war’s auch, da schmelzen einem die Schuhsohlen weg. Aber ich wollte es eben wissen.

Zum Dahinschmelzen zu schön: Eishöhle in Grönland. | Foto: Carsten Peter
Zum Dahinschmelzen zu schön: Eishöhle in Grönland. | Foto: Carsten Peter

War es die Hoffnung auf ein einzigartiges Foto, die dich den Damm hinaufgetrieben hat?

Bei den Hitzeschlieren hätte es kein gutes Foto gegeben. Es war wirklich die reine Neugierde, die mich da angespornt hat. Am ­faszinierendsten war dieser Infrasound, den wir gespürt haben. Der Lavasee fungiert wie eine Membran. Das war ein überwältigendes Gefühl, den Vulkan so zu fühlen.

Woher rührt deine Faszination für Vulkane?

Schon als kleiner Bub habe ich Vulkanfotos bestaunt. Mit 17 führte mich meine erste Reise ohne Eltern zum Stromboli. Ich stand ahnungslos am Kraterrand, als es plötzlich eine Explosion gab und mir Lavafetzen um die Ohren flogen. Da bin ich nur noch weggerannt. Man kann Vulkane geologisch erklären. Aber wenn man davorsteht, fehlen einem die Worte. Einfach unfassbar.

Welche Rolle haben die Wissenschaftler bei deiner Reise zum Nyiragongo gespielt?

Das Ganze war eine Wissenschaftsexpedition, die ich fotografisch begleitet habe. Die Vulkanologen haben sich nicht ganz so nah an den Lavasee herangetraut, also habe ich ihnen halt eine Gesteinsprobe von dort mitgebracht. Wir waren eine richtig große Expedition, hatten 107 Träger und Helfer. So etwas funktioniert nur dank intensivster Vorbereitung und lang etablierter Kontakte. Wir haben mit dem Vulkanologischen Institut in Goma zusammengearbeitet. Du musst enorme logistische Aufgaben ­lösen, musst in diesem Krisenland die Sicherheit gewährleisten. Und ja, hier und da etwas Schmiergeld ist auch nicht hinderlich.

Mensch, bist du klein. Carsten Peter begleitet seit zwölf Jahren Tornadojäger in den USA. | Foto: Carsten Peter
Mensch, bist du klein. Carsten Peter begleitet seit zwölf Jahren Tornadojäger in den USA. | Foto: Carsten Peter

Wie wichtig ist dir der wissenschaftliche Hintergrund deiner Fotostorys?

Sehr wichtig. Reines Abenteuer finde ich mittlerweile fast ein bisschen langweilig. Ich möchte einen tieferen Sinn mitbekommen. Diese Einblicke vermitteln mir die Wissenschaftler. Ich bin ja selbst Diplom-Biologe. Aber im Laufe meines Studiums wurde mir klar, dass dieser Beruf mehr mit Petrischalen als mit echter Natur zu tun hat. Für eine wissenschaftliche Karriere muss man sich extrem spezialisieren. Da forscht man über die Symbionten in den Gedärmen von Blattläusen oder so etwas. Ich hatte den Eindruck, mich als Fotograf vielfältiger durchs Leben bewegen zu können. Zumal ich jetzt mit Wissenschaftlern aus vielerlei Fachrichtungen zu tun habe, was ich extrem spannend finde.

Hängst du dich an existierende Expeditionen dran oder organisierst du sie selbst?

Beides kommt vor. Die Idee für die Nyiragongo-Expedition kam zum Beispiel von mir. Ich habe das Thema dem Magazin National Geographic vorgeschlagen, und sie haben mir den Wissenschaftler vermittelt, der die Leitung übernahm. Ich war froh, diese große ­Unternehmung delegieren zu können. Neben einem Wissenschaftlerteam hatten wir ja ein Filmteam und ein Fototeam dabei.

Das Ausleuchten der Höhle Hang Son Doong war ein riesiger Aufwand. Hier half noch das Tageslicht mit. | Foto: Carsten Peter
Das Ausleuchten der Höhle Hang Son Doong war ein riesiger Aufwand. Hier half noch das Tageslicht mit. | Foto: Carsten Peter

Fototeam? Das heißt, du arbeitest mit Assistenten?

Wenn nötig, ja. Gerade Höhlenfotografie ist ohne Assistenten nicht möglich. Da wird die Assistenz auch teamübergreifend, sprich: Da müssen auch mal die Wissenschaftler beim Aus­leuchten helfen. Als wir in Vietnam die Höhle Hang Son Doong erkundet haben, mussten teilweise 14 Personen mitwirken, um die Lampen zu positionieren. Einmal ­haben wir anderthalb ­Kilometer für ein Foto ausgeleuchtet.

Wie lief diese Expedition in die größte Höhle der Welt ab?

Sie wurde 2009 entdeckt. Ich erhielt 2010 den Auftrag, sie für ­National Geographic zu fotografieren. Wir sind zwei mal für je zwei Wochen in dieses Höhlensystem rein, haben dort ­völlig autark gelebt. Die Höhle hat nicht nur gigantische Gänge, sondern auch ­einen versunkenen Wald in eingestürzten Dolinen. Meist ist es stockfinster, man muss ­klettern, ist ständig durchnässt. ­Einmal ist mir ein Käfer ins Ohr gekrochen, das waren Höllenschmerzen. Ich habe ­zunächst ­versucht, ihn beim Schwimmen durch Kopfuntertauchen zu ersäufen, doch das funktionierte nicht. Ein Begleiter hat dann mühselig aus einem Desinfektionstuch ein paar Tropfen Alkohol in mein Ohr gepresst. Das hat den Käfer gekillt, doch erst nach zwei ­Tagen wurde ich ihn los.

Der Weg im unterirdischen Neuland war oft kein leichter.  | Foto: Carsten Peter
Der Weg im unterirdischen Neuland war oft kein leichter. | Foto: Carsten Peter

Gehst du den anderen Expeditionsteil­nehmern auf die Nerven, wenn du etwa zum Ausleuchten so viel Zeit benötigst?

Um den Qualitätsansprüchen gerecht zu werden, verlange ich den Leuten einiges ab. Andererseits muss ich diplomatisch vorgehen, damit die Stimmung nicht kippt. Im Notfall hilft Improvisation. Ich bin ganz gut darin, aus nichts ­etwas zu machen und Dinge wieder zum ­Laufen zu bringen.

Im Vulkan und in der Höhle war Klettern gefragt. Woher kannst du das?

Ich habe mir verschiedene Techniken ­angeeignet, die mir helfen, die Welt mit der Kamera zu erkunden. Dazu gehört das Klettern, aber auch Tauchen oder das ­Fliegen mit dem Motorgleitschirm. Schon bei der Recherche nützt mir das. Denn ­bevor ich National Geographic eine Expedition vorschlage, unternehme ich häufig ­Erkundungstouren, ob sich das fotografisch überhaupt umsetzen lässt.

 

Wie bist du überhaupt dazu gekommen, für National Geographic fotografieren zu dürfen? Hast du dich dort vorgestellt oder kamen die auf dich zu?

Vor langer Zeit hat mir eine Freundin ­nahegelegt, ich sollte mich bei National ­Geographic bewerben. Damals habe ich sie ­ausgelacht, da käme man nie im Leben ­hinein. ­Die Redaktion wird ja überschüttet mit brillanten Fotos. Gleichzeitig veröffent­lichen sie übers Jahr weniger als 100 große Storys, das ist sehr wenig verglichen mit der großen Zahl an ­Topfotografen und Ideen, die dort anstehen. Dennoch schlug ich ihnen ein Thema vor: Innen­ansichten von Gletschern. Das schickten sie mir ­prompt zurück. Gut, dachte ich, war wohl nichts, und hab weiter vor mich ­hin ­gewurstelt. Ein Jahr später haben sie plötzlich nachgefragt, was aus dem Thema geworden sei, ob ich daran weitergearbeitet hätte. Ja, das hatte ich, auf ­selbst finanzierten Expeditionen. Und nun war wohl die Zeit reif. Ich glaube, das ist entscheidend: dass man zur richtigen Zeit ein einzigartiges Thema auf Weltklasseniveau ­vorlegt. So wurden meine Eishöhlen gleich eine Titelgeschichte.

Miss Gas! Vulkanologen begleiteten die Kongo-Expedition. | Foto: Carsten Peter
Miss Gas! Vulkanologen begleiteten die Kongo-Expedition. | Foto: Carsten Peter

Und nach dieser ersten Titelstory bekamst du dann Aufträge von National Geographic?

Zunächst nahmen sie mir die eine oder ­andere ­Reportage ab. ­Allmählich wuchs das Vertrauen, sodass sie mir erste Auftrags­arbeiten gaben. Dadurch ändert sich viel, weil du plötzlich in einem begrenzten Zeit­rahmen eine Arbeit zum ­Abschluss bringen musst, und zwar außergewöhnlich und in brillanter Qualität. Du wirst irgendwo für ein paar Wochen hingeschickt, es regnet nur, du wirst von den Behörden nicht vorgelassen, etwas geht ­kaputt – das sind die ganz normalen ­Komplikationen, und trotzdem musst du mit vollen ­Händen zurückkommen. Für je mehr Geld man verantwortlich ist, desto mehr muss die Leistung stimmen. Dieser Druck ist gewaltig. Und wenn du es nicht bringst, gibt es unzäh­lige Spitzenfotografen, die nur auf eine Gelegenheit warten.

Aber dein Stuhl im Fotografen-Olymp wackelt doch nicht etwa?

Klar macht es mir die Sache leichter, dass ich ­etabliert bin. Sie ­wissen, sie können mich losschicken und werden nicht enttäuscht. Bei National Geographic bin ich ja fürs Extreme verrufen. Als ich ihnen erstmals vorschlug, in einen Vulkankrater zu klettern, ­haben sie das mit ungläubigen ­Blicken quittiert nach dem Motto »Jetzt ist er vollkommen übergeschnappt.« (lacht) Aber auch ich muss mich bei jedem Auftrag neu beweisen, ich bin ja nicht fest angestellt.

National Geographic bezeichnet dich als ihren mutigsten Fotografen. Fühlst du dich geehrt?

Ich bin etwas erschrocken, als das auf dem Titel des deutschen Heftes stand. Denn es gibt andere Situationen, die verlangen einem so viel Mut ab, man denke nur an Kriegsreporter. Ich bin ein feiger Hund und versuche, mich immer gut abzusichern. (lacht)

Wird man als National-Geographic-Fotograf reich?

Sicher nicht. Die guten Jahre der redaktionellen Fotografie sind vorbei. Vielleicht hat man in der Werbung noch eine Chance.

Fotografierst du auch Werbung?

Klar nehme ich Werbeaufträge mit oder ­bediene ­Firmen wie ­Nokia, wenn sie etwa ein Vulkanfoto von mir für eine ­Kampagne wollen. Aber mein Herz schlägt für die Expeditionen.

Kugelrunde Kalkablagerungen. »Höhlenperlen« klingt schöner. | Foto: Carsten Peter

Du hast zwei Mal den World Press Photo Award gewonnen und wurdest 2012 zum besten National-Geographic-Fotografen gewählt. Welcher Preis bedeutet dir mehr?

Der World Press Photo Award ist der renommierteste Preis im ­Fotojournalismus, klar freue ich mich darüber. Den anderen Preis ­vergeben die National-Geographic-Fotografen untereinander. Daher ist er für mich der allerwichtigste, weil er eben nicht von einer Jury, sondern von Kollegen vergeben wird, die allesamt auf Topniveau ­fotografieren.

Muss man sich National-Geographic-Fotografen als einen elitären Zirkel vorstellen?

Ich würde von einer Familie sprechen. Das sind einfach Fotofanatiker, die für ein gutes Bild alles geben. Ich liebe die jährlichen Treffen in Washington, bei denen wir uns austauschen.

In deiner Vitrine steht auch ein Emmy. Das heißt, du filmst auch?

Den habe ich gewonnen für einen Film über unsere Expedition in den Marum-Krater in Vanuatu. Allerdings ist und bleibt es für mich die größere Herausforderung, in einem Foto alles gekonnt auf den Punkt zu bringen. Der Film mit all seinen Dimensionen, wie etwa dem Schnitt, verzeiht viel mehr.

Du hältst auch in den USA Vorträge. Bist du dort bekannter als hierzulande?

Ja, definitiv. Das Magazin National Geographic ist dort viel mehr noch als hierzulande eine Institution.

Der Lavasee im Nyiragongo. Carsten Peter wagte sich bis auf den Rand des Feuertopfes vor. | Foto: Carsten Peter
Der Lavasee im Nyiragongo. Carsten Peter wagte sich bis auf den Rand des Feuertopfes vor. | Foto: Carsten Peter

Warum ziehst du nicht ganz in die USA?

Ich bin gerne dort, habe drüben auch Freunde. Aber aufgewachsen und daheim bin ich südlich von München. Was gibt’s Schöneres?

Ist es deiner Heimatverbundenheit geschuldet, dass du ein Buch über Alpendämonen gemacht hast? Das schlägt in deinem Schaffen ja ziemlich aus der Art.

Ich lasse mich nicht gerne kategorisieren und tanze gerne aus der Reihe. Ein Freund hatte mich auf die Thematik aufmerksam ­gemacht. Also bin ich ins Tiroler Inntal zu so einer Maskerade und traute meinen Augen nicht. Sagenhaft, was es vor unserer Haustür für Kulturschätze gibt, von denen man kaum ­etwas weiß! Dann habe ich weitere solche Mythen und Bräuche recherchiert und fotografiert. Ein ­Buttenmann in Berchtesgaden hat derart ge­wütet, dass ein Objektiv zu Bruch ging. Aber das war authentisch und viel spannender als jede Folkloreveranstaltung.

Alles in allem ist deine Bücherliste recht überschaubar.

Ein Buch bedeutet viel Arbeit und ist schlecht bezahlt. Lust hätte ich schon, wieder was Neues zu machen. Aber ich muss mir ­einfach meine Zeit einteilen, um auf Expeditionen gehen zu ­können. Und ein bisschen Freizeit will ich ja auch.

Was machst du in deiner Freizeit? Kannst du wie so viele Fotografen einfach nicht die Finger von der Kamera lassen?

Kann passieren. Meist genieße ich aber die Zeit zu Hause, denn für die Arbeit reise ich mehr als genug durch die Welt.

Kunstvoll ausgeleuchtete Kunst aus Kalk: in der größten Höhle der Welt in Vietnam. | Foto: Carsten Peter
Kunstvoll ausgeleuchtete Kunst aus Kalk: in der größten Höhle der Welt in Vietnam. | Foto: Carsten Peter

Hast du einen Stil beim Fotografieren? Mir fällt auf, dass du keine manierierten Spielereien etwa mit Unschärfe betreibst.

Auch das darf sein. Das Schöne ist, dass es keine Gesetze gibt, wie Fotografie auszusehen hat. Ich lege mich ungern fest. Mir ist das Foto wichtig und dass ich mit Bildern eine Geschichte ­erzähle. Welche Mittel dazu führen, ist mir letztlich egal.

Welches würdest du als dein berühmtestes Bild bezeichnen?

Die Geschichte mit der größten Resonanz war die Höhle in ­Vietnam. Das war die mit 23 Millionen Hits meistgeklickte ­Story auf der Website von National Geographic, fünfmal so viel wie der bisherige Rekordhalter. Rate mal, was das war?

Die zweiterfolgreichste Onlinegeschichte aller Zeiten bei National Geographic? Pandabären vielleicht?

Nein, Nacktkiemerschnecken (lacht). Von David Doubilet fantastisch ­fotografiert. Erstaunlich, oder?

Gibt es vertane Fotochancen, denen du nachtrauerst?

Klar, ich habe eher das Gefühl, dauernd zu versagen als Erfolg ­zu ­haben. Diese Selbstkritik ist mein Grundgefühl, treibt mich aber auch an, es immer noch besser zu machen.

Gibt es Bilder, deren Erfolg dich überrascht hat?

Mein erstes Coverfoto eines Tornados ist sicherlich vielen ­Menschen in ­Erinnerung, obwohl es gewiss nicht mein bestes ­Tornadofoto ist. Aber das muss ein Cover ja auch nicht sein. Ein Titelbild muss einfach sein, schon aus der Weite verständlich und klar im Aufbau.

Erst der Mensch zeigt die Dimension der Sinterterrassen auf. | Foto: Carsten Peter
Erst der Mensch zeigt die Dimension der Sinterterrassen auf. | Foto: Carsten Peter

Ein weiteres deiner Cover von National Geographic zeigt den Storm Chaser Tim Samaras, mit dem du zwölf Jahre lang Tornados gejagt hast, bis er im vergangenen Mai in Oklahoma mit seinem Sohn Paul und dem Kollegen Carl Young von einem Wirbelsturm getötet wurde. Hast du eine Erklärung, wie diesen erfahrenen Leuten dieses Unglück zustoßen konnte?

Tim und sein Team sind mir zu Freunden geworden, ich kann ihren Tod noch immer nicht fassen. Wenn wir unterwegs waren, hatte ich absolutes Vertrauen in ihre Beurteilung der Lage. Jetzt von außen eine Erklärung zu finden, ist schwierig. Es war der größte Tornado aller Zeiten mit einer Breite von 2,6 Meilen. Die Wind­geschwindigkeit lag bei rund 500 Stunden­kilometern. Ich möchte mir gar nicht den Moment ausmalen, als sie ihre Fehleinschätzung erkannten. Die Trümmerteile des Autos und ihre Leichen fand man über eine halbe Meile verstreut. Und hätte ich nicht ­damals zu Hause an meinem Vulkanbuch gearbeitet, hätte ich ziemlich ­sicher mit ihnen im Auto gesessen …

Willst du wieder auf Tornadojagd gehen?

Ja, aber es wird nie wieder, was es war. Tim vereinte eine ­solche Genialität in sich, als Ingenieur und Meteorologe. Er hat eine ­Kamera entwickelt, die 1,4 Millionen Bilder pro Sekunde schießt. Damit wollten wir Blitze fotografieren. Aber niemand außer ihm kann diese Kamera, die eine heliumgetriebene Turbine besitzt, bedienen. Auch ­wissenschaftlich ist das ein herber Verlust. Tim ist beim Ausleben seiner Leidenschaft gestorben.

Das Coverfoto von National Geographic. Tim Samaras starb 2013 in einem Tornado. | Foto: Carsten Peter

Findest du diesen Gedanken tröstlich, vielleicht auch hinsichtlich deiner eigenen riskanten Aktionen?

Ja, das wurde oft gesagt über Tim, Paul und Carl. Ich kann das aber nicht teilen, denn das ist bestimmt nicht das, was sie ­gewünscht haben. Ich kann mir auch vorstellen, dass es ein ­grausamer Tod war. Mein Gott, wie will man sterben? Von mir aus können sie ­meine Asche dann in einen Vulkan streuen, das fände ich schöner als unter einem Grabstein zu liegen. Aber mir zu ­wünschen, wie ich sterbe – so weit bin ich noch nicht.

 

Was soll bleiben von Carsten Peter? Hast du eine Botschaft, die du mit deiner Fotografie transportieren möchtest?

Ich liebe die Natur, und Umweltzerstörung tut mir weh. Vielleicht kann ich Naturschätze schützen, indem ich mit meiner Fotografie das Augenmerk auf sie lenke. In Vietnam gab es zum Beispiel Pläne, die Höhle als Touristenattraktion zu erschließen. Nach dem Bericht in National Geographic ist man davon abgerückt und hat einen sanften Edeltourismus etabliert. Das ist auch nicht ideal, aber immer noch besser als Menschenmassen, die auf angelegten Wegen durch die Höhle stapfen und mit Seilbahnen über die ­Dolinen gefahren werden.

 
4-Seasons Info

Bücher von Carsten Peter

Vom Dauerbrenner in Indonesien bis hin zur Eruption unter einem isländischen Gletscher: In seinem National-Geographic-Bildband »Vulkane« zeigt Carsten Peter die 14 gefährlichsten Vulkane der Welt und lässt die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse einfließen. 224 Seiten, 39,95 Euro, Globetrotter-Bestellnummer: 22.96.80.

 

 

Ebenfalls bei National Geographic ist sein Bildband »Alpendämonen« erschienen. Eine faszinierende Reise zu Mythen und Riten, die sich in entlegenen Tälern und schroffen Landschaften erhalten haben. Sowohl in Carsten Peters Heimat Bayern als auch in der Schweiz, in Österreich und in Südtirol. 220 Seiten, 39,95 Euro, Globetrotter-Bestellnummer 21.38.25.