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Foto frei! Mit Blende 8 durch die Serengeti

Foto: Michael Neumann
Foto: Michael Neumann
Von einer Großwildsafari träumte unser Autor schon als Kind, doch erst als Erwachsener durfte er dann endlich Löwen, Zebras und Nashörner knipsen – natürlich nur mit der Kamera.

»Weit schweift der Blick über die Serengeti, fixiert Termitenhügel und Wasserstellen. Dann wird auf alles geschossen, was sich bewegt: Zebras, Löwen, Nashörner, Tiger. Nach der Jagd stapelt sich die Beute auf der Ladefläche meines Jeeps, eines 1978er-Playmobil.  Zum würdigen Abschluss der Jagd wartet ein kühler Drink auf stattlicher Ranch, hoch oben in den Hügeln meines Federbetts.«

So in etwa sahen meine winterlichen Spielnachmittage als Kind aus. Besonders bei Stuben­arrest trieb ich meine Mutter zum Wahnsinn, wenn ich stundenlang und in aller Seelenruhe der Großwildjagd nachging, anstat­­t die verordnete Stubenhockerei zu beklagen.

Als ich Jahrzehnte später den Ort meiner Kindheitsträume »in echt« aufsuche, komme ich in friedlicher Mission. Bewaffnet bin ich allein mit einem stattlichen Fotorucksack, dari­­n zwei Gehäuse, diverse Weitwinkel und ein ordentliches Rohr, um möglichst viel vom Gelb des Löwenauges auf Pixel bannen zu können. Ich bin Teil einer Fotosafari, veranstaltet vom Dresdener Reiseveranstalter Diami­­r. Treffpunkt ist eine Lodge nahe des Kilimandscharo Airports bei Arusha. Zwar weiß ich mit der Kamera umzugehen, doch so eine organisierte Fotoreise, das ist für mich komplettes Neuland. Werden einem da die Wildtiere vom Guide direkt vor die Kamera ge­trieb­­­en, während der Reiseleiter als Motivklingel fungiert? Und abends kommen dann bei jedem »Sonne lacht, Blende acht« fünf Euro ins Phrasenschwein? Ich halte es wie Rudi Carrel­l: Lass dich überraschen!

Bildergalerie: Fotosafari in der Serengeti

Der Ersteindruck von meinen Mitreisenden ist jedenfalls positiv. Eine bunt gemischte Trupp­e, Weiblein wie Männlein, bestehend aus Human­genetikerin, Tierärztin, Pathologe, Sohn, Eventmanager und einem SAP-Berater drei Wochen vor der Rente. Ganz wichtig für das Fotografen-Ego: Keiner hat ein noch größere­­s Rohr als der andere dabei – der Reise­leiter einmal ausgenommen. Jörg Ehrlich ist Mitbegründer von Diamir und führt seit über 20 Jahren Fotoreisen in alle Winkel der Erde. Sein Rohr, ein 600er mit Anfangsblende 4,0, geht also in Ordnung.

Visionär Grzimek

Am nächsten Tag fliegen wir per Propeller­maschine direkt in die Serengeti. Dabei passiere­­n wir auch den Ngorongoro-Krater, Vorbild für das Branding der Safari-Serie von Playmobil in den 80ern. Ich sitze starr und staune. Von hier aus hat der legendäre Bernhar­­d Grzimek die tierreichen Savannen Ostafrikas erforscht und den Grundstein für ein seinerzeit absolut visionäre­s Tierschutz­projekt gelegt. Dazu später mehr.

Sobald sich das erste Gnu in den Mara-Fluss stürzt, gibt es für die anderen 999 kein Halten mehr. | Foto: Michael Neumann
Sobald sich das erste Gnu in den Mara-Fluss stürzt, gibt es für die anderen 999 kein Halten mehr. | Foto: Michael Neumann

Unsere Unterkunft für die ersten zwei Nächte in der Serengeti ist durchaus als nobel zu bezeichnen. Die Serengeti Serena Safari Lodge besteht aus doppelstöckigen Rondavels, typischen afrikanischen Rundhütten, und einem Hauptgebäude, in dem die Mahlzeiten serviert werden. Das Publikum setzt sich im Wesentlichen aus älteren Amerikanern zusammen, dere­­n Interesse in erster Linie den Deckchairs am Pool und dem gerade aufgebauten Buffet gilt. Unsere Gruppe ist sich jedoch einig: wir lassen Frischmachen und Abendessen vorerst sausen und gehen auf eine abendliche Pirschfahrt, Game Drive genannt. Nicht die nächste Spielhalle ist das Ziel, Game bedeutet im Englischen auch Wildtier. Die Abend­stunden versprechen bestes Fotolicht und die Kühl­e lockt die Raubtiere unter der Akazie. Wollen doch mal sehen, ob wir gleich am ersten Abend ein Kreuz in der To-see-Liste bei »The Kill« setzen können. Das Buffet in der Serengeti ist jedenfalls reich gedeckt, und wenn ich mal als Löwe wiedergeboren werde, dann bitte hier. Kilometerweit reicht der Blick, erst am Horizont begrenzen Höhenzüge das Panorama wie Scherenschnitte in einer Theater­kulisse. Die Ebene dazwischen scheint mit schwarzen Punkten verpixelt wie ein staubiger Kamerasensor. Doch all diese Punkte sind Tierherden. Gnus, Zebras, Antilopen, da­zwischen Giraffen und Elefanten. Konservativ geschätzt sehen wir vor uns 5000 Tiere. Und direkt hinter uns drei Löwinnen.

 

Serengeti by Diamir from Michael Neumann on Vimeo.

 

Denen sind wir jedoch völlig schnuppe. Bis auf den Sichtschutz, den unser Auto bietet. Sie haben die kleine Antilopengruppe rechts von uns auf dem Kieker. Sorgsam wird sich Zentimeter für Zentimeter gegen die Wind­richtung angepirscht. Minutenlang geht das so. Bis irgendein Vogel Wind von der Sache kriegt und einen schrillen Warnruf an alle ausstößt. Sofort prescht das Buffet auseinander und die Löwen gucken vorerst in die Röhr­e. Der »Kill« muss vertagt werden.

Die Nacht in der Lodge verläuft ruhig. Nur an das dauernde Löwengebrüll draußen muss ich mich noch gewöhnen – trotz dicker Mauern, massiver Tür und Bett im zweiten Stock. Da ist mein »Hilfe, ein Säbelzahntiger-Urinstinkt« wohl noch irgendwo tief im Stammhirn aktiv.

Zebra zum Frühstück

Die morgendliche Pirschfahrt bringt die Ursache des nächtlichen Gebrülls zum Vorschein. Nur einen Kilometer von der Lodge entfernt zerlegt gerade eine Löwenfamilie genüsslich ein erbeutetes Zebra. Einmal mehr nehmen die Tiere überhaupt keine Notiz von unserer Anwesenheit. Die Fahrer bringen die Autos in Fotoposition und stellen den Motor ab. Über zwei Stunden sind wir nun damit beschäftigt, das wilde Treiben zu bestaunen und zu dokumentiere­­n. Wären wir eine »normale« Safari, die die Serengeti in den üblichen drei, vier Tagen durchstreift, würde der erste Passagier sicher schon nach 15 Minuten zur Weiter­fahrt drängen – nicht, dass man andern­orts was verpasst. Unser Trip dagegen be­inhaltet neun Tage und acht Nächte in Afrika­­s spektakulärstem Nationalpark.

Reiseleiter Ehrlich mit den Vätern der Serengeti: Bernhard Grzimek und Tansania- Präsident Nyerere. | Foto: Michael Neumann
Reiseleiter Ehrlich mit den Vätern der Serengeti: Bernhard Grzimek und Tansania- Präsident Nyerere. | Foto: Michael Neumann

Ein weiterer kleiner, aber entscheidender Unterschied: Wir nutzen zwar die gleichen Autos wie alle, umgebaute Land Cruiser mit langem Radstand, acht Sitzplätzen und Klappdach – doch zu viert, nicht zu acht. So kann man sich nahezu frei im Auto bewegen und alle Fotografen können zu einer Seite rausknipsen. Nicht auszudenken, wenn links ein Gepard die Antilope jagt, man aber rechts sitzt und nur die Vokuhila des Nebenmanns vor der Linse hat.

Nach einer zweiten Nacht in der burgartigen Lodge wechseln wir das Quartier und steuern auf das eigentliche Ziel der Reise zu: das Mar­a-River-Crossing.

Zwei Mal im Jahr überqueren die 1,2 Millionen Gnus der Serengeti auf der Suche nach den grünsten Weidegründen den Mara, Grenzfluss zwischen Tansania und Kenia. Von Süd nach Nord geht das recht gesittet ab, da die Ufer­topografie diese Richtung begünstigt, doch auf dem Weg zurück aus der Masai Mara, dem kenianischen Teil der Serengeti, stehen die Gnus tausendfach vor einer meterhohen senkrechten Uferböschung. Und keines hat sich die geeignete Stelle von vor sechs Monaten gemerkt. So traben sie dann hektisch wie unentschlossen von links nach rechts an der Kante entlang. Bis irgendwann der Druck von hinten zu groß wird und ein erstes Gnu sich in die Fluten stürzt. Dem Urinstinkt folgend, springt dann die ganze Mannschaft hinterher.

Eine Sekunde vorher hatten wir noch überlegt, mal schnell zum Pinkeln hinters Auto zu gehen ... | Foto: Michael Neumann
Eine Sekunde vorher hatten wir noch überlegt, mal schnell zum Pinkeln hinters Auto zu gehen ... | Foto: Michael Neumann

In unserem Jahr ist das Spektakel, das in einem vierwöchigen Zeitfenster stattfindet, nicht ganz so eindrücklich, da ein Großteil der Gnus schon durch ist und uns bereits im Mittelteil der Serengeti entgegenkam. Doch auch wenn man Tausend durch Hundert ersetzt, wird man an dem Spektakel seine Freude haben. In unserem Fall kommt erschwerend hinzu, dass der Mara zu Beginn der kleinen Regenzeit bereits leichtes Hochwasser führt, so dass sich die möglichen sicheren Passage­­n zum Queren noch einmal reduzieren. Und wenn die kurzsichtigen Gnus dann noch blindlings in einen Haufen Steine rennen, der sich beim Näher­kommen als Hippo-Familie herausstellt, ist für Aufregung gesorgt. Allein die Krokodile scheine­­n zum Ende des Crossings schon zu sehr mit Verdauen beschäftigt, als dass es noch für ein Desser­­t reichen würde.

Dass diese größte Tiermigration der Welt heute noch so stattfindet wie vor tausend Jahren, haben wir der Vision des legendären Prof. Bernhard Grzime­­k zu verdanken. Genau, der Erklärbär aus dem Fernsehen der 60er- und 70er-Jahre mit dem Schimpansen auf der Schulter. Grzimek kam erstmals in den 50er-Jahren nach Tansania mit dem Ansinnen, Tiere für seinen Frankfurter Zoo zu erstehen. Zugleich beschäftigte er sich mit der Verhaltensforschung in der enorm tierreichen Region, sorgte dafür, dass man der Serengeti einen noch heute gültigen Schutzstatus einräumte und drehte zusammen mit seinem Sohn Michael den Oscar-prämierten Tierfilm »Serengeti darf nicht sterben«.

Löwen satt

Erst in jüngster Zeit wurden wieder Begehrlichkeiten nach einer Fernstraße quer durch den Park laut, die das Inland mit den Häfe­n des Indischen Ozeans verbinden soll. Der Preis dafür wäre wohl ein Ende der Migration gewesen. Mittlerweile hat die Regierung Tansanias dem einen Riegel vorgeschoben, und bis auf kleinere Grenz­konflikte mit den Massai, die ihr Vieh in der Serengeti weiden lassen, strahlt die Zukunft der Serengeti heller denn je.

Die Nächte verbringen wir hier in der Nord-Serengeti in einem sogenannten Tented Camp. Das sind solide Hauszelte mit eigenem Klo und Dusche, Löwe und Mensch trennt aber nur eine millimeterdicke Stoffschicht. Immerhin bekommen wir alle eine Pfeife ausgehändigt, mit der man im Notfall Hilfe herbeiträllern soll. Diese Camps gelten gerade wegen ihrer Nähe zu Flora und Fauna als ulti­mative Afrikaerfahrung. Der ökologische Impac­t dieser Behausungen ist minimal, zumal sie im Viertel­jahrestakt umgesiedelt werden – immer den Tierherden hinterher. Zurück bleibten nur eine zu­geschüttete Latrine und mein Angstschweiß.

Es hat schon etwas sehr Spezielles, wenn man nichtsahnend im Zelt liegt, an dem draußen ein Tier schnuppert. Wird wohl nur eine Maus sein, redet man sich ein. Bis das Löwengebrüll in der Ferne daran erinnert, auf welchem Kontinent man sich befindet. Als unsere Gruppe auch nach sechs Übernachtungen noch vollständig am Frühstückstisch sitzt, schließe ich meinen Frieden mit dieser Art der Übernachtung.

Die Tage selbst fließen in einer angenehmen Routine dahin. Da alle auf das tolle Morgenlicht aus sind, gibt es keine Diskussion, wenn der Reiseleiter abends die Weckzeit ausgibt. Und am späten Nachmittag, wenn nach einer kleinen Siesta im Camp die Pferde erneut gesattelt werden, ist die Begeisterung ungebrochen. Mögen die Wege auch noch so rumplig sein, wenn an dere­­n Ende eine spannend­e Tierbeobachtung und ein gutes Foto locken, gibt es kein Pardon. Ein ums andere Mal verweilen wir stundenlang bei einem großen Löwenrudel in der Nähe. In aller Ruhe machen wir unsere Fotos und beobachten das Sozialverhalten der majestätische­­n Tiere. Insgesamt sehen wir während unserer neun Tage in der Serengeti 97 Löwen, exakt gezählt vom Pathologen.

Das Objekt dieser Begierde? Zu sehen in voller Pracht in der Bildergalerie auf Position eins. | Foto: Micheal Neumann
Das Objekt dieser Begierde? Zu sehen in voller Pracht in der Bildergalerie auf Position eins. | Foto: Micheal Neumann

Abends, wenn die blaue Stunde tiefschwarzer Nacht gewichen ist, sitzen wir am Lagerfeuer, lauschen den Geräuschen der Savanne und sinnieren über unsere eigene Mickrigkeit unte­r diesem unglaublichen Sternenhimmel.

Mit jedem Tag wächst unser »Jagdtrieb«. Die Big Five – Löwe, Büffel, Nashorn, Elefant und Leopard – sind schnell abgehakt. Auch Geparden sehen wir zuhauf im Sucher. Zwar bleibt uns »The Kill« verwehrt, doch jede Menge sich anpirschende Löwen und das riesige Krokodil, welches eine erlegte Gazelle mundgerecht in Teile schleudert und dann mit Haut und Hörnern verschlingt, lassen das verschmerzen.

Einmal parken wir eine Stunde im Schatten eines Busches am Mara River, um auf das Crossing zu warten, als auf einmal ein Ast nebenan zum Leben erwacht. Zwischen frischen Blatttrieben schlängelt sich eine daumendicke Schlange in schickem Giftgrün. Eine junge »Boomslang«. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch Tiere mit auffälliger Effektlackierung ziemlich giftig sein können. Und ein Grund mehr, das Auto auf Safar­­i nicht zu verlassen.

Am letzten Tag zaubere ich schließlich den Playmobil-Jäger von einst aus dem Koffer, um ihm mal seine Herkunft zu zeigen. Statt einer Flinte trägt er mittlerweile aber einen Fotokoffer bei sich. Geschossen wird nur noch mit der Kamera.

 
GM Info

Auch in die Serengeti?

Die vorgestellte Reise wird alljährlich von Afrikaspezialist Diamir für 5590 Euro exklusive Flug angeboten. Nächster Termin ist der 27. Oktober 2016, als Reiseleiter und Motivklingel ist diesmal Maximilian Weinzierl mit an Bord. Wer ohne Foto auf Safari will, findet bei Diamir ebenfalls ein riesiges Angebot an begeisternden Tansania-Reisen.

Alle Infos zur Reise unter www.diamir.de, allgemeine Infos zur Einstimmung unter www.tansania.de. Weitere Bilder in der XXL-App unter www.globetrotter-magazin.de/app.

 

 
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