präsentiert von:

Florian Schulz: eiskalte Leidenschaft

Auf Augenhöhe mit der Tierwelt begibt sich Florian häufig. Hier half allerdings der Fernauslöser. | Foto: Florian Schulz
Auf Augenhöhe mit der Tierwelt begibt sich Florian häufig. Hier half allerdings der Fernauslöser. | Foto: Florian Schulz
Früher Eisvögel am Bodensee, jetzt Eisbären an der Barentssee. Als weltweit gefragter Wildnisfotograf arbeitet Florian Schulz für Magazine wie National Geographic – doch sein wichtigstes Anliegen ist der Schutz der arktischen Natur. Wir trafen Florian und seine Frau Emil zum Interview.

Fotopirsch bei minus 30 Grad: Im letzten Tageslicht stemmen sich Moschusochsen gegen einen Schneesturm, der über die Weiten Alaskas fegt. | Foto: Florian Schulz
Fotopirsch bei minus 30 Grad: Im letzten Tageslicht stemmen sich Moschusochsen gegen einen Schneesturm, der über die Weiten Alaskas fegt. | Foto: Florian Schulz
Florian kommt vom Bodensee und pirscht seit 20 Jahren als Wildnisfotograf durch den Busch. Emil, du stammst aus Mexiko-Stadt, einer Metropole mit 20 Millionen Einwohnern. Wie habt ihr es trotzdem geschafft, euch kennenzulernen? 

Emil: An einem Strand in Mexiko. Ich plante gerade mein Studium in Mexiko-Stadt. Aber Florian meinte, ich sollte erst mal seine Welt anschauen und mich über­raschen lassen.  

Und womit hat Florian dich überrascht? 

Er bestellte mich nach Montana. Fünf Tage im Greyhound-Bus, mit nur 20 Dollar in der Tasche. Das Gepäck ging verloren, ich beinahe auch. Schließlich trafen wir uns doch und fuhren in den Glacier-Nationalpark, Grizzlies fotografieren. »Schau einfach, ob dir dieses Leben gefällt«, sagte Florian. Und es gefiel mir.

Mittlerweile seid ihr zu dritt. Kommt euer zweijähriger Sohn auch mit? 

Florian: So oft es geht. Bei einer Aleuten-Expedition per Segelboot flogen Emil und Nanuk gegen Ende der Tour mit einem Busch­piloten ein. Nanuk kennt die Wildnis, ich habe ihn manchmal auf den Schultern, während ein Stück weiter die Bären vorbeilaufen. 

Florian Schulz at work: Wer an die großen Tiere heranwill, darf keine Angst vor den kleinen haben. | Foto: Florian Schulz
Florian Schulz at work: Wer an die großen Tiere heranwill, darf keine Angst vor den kleinen haben. | Foto: Florian Schulz
Ist Nanuk nicht das Inuit-Wort für Eisbär? 

Emil (lacht): Genau. Unser Nanuk ist nämlich »made in Greenland«. 

Ist der Umgang mit den richtigen Bären tatsächlich so easy? 

Florian: Man lernt, die Situation einzuschätzen. An einem Ort wie Katmai in Alaska haben die Grizzlies meist schon mal Menschen gesehen, sind satt von den Lachsen und relativ locker drauf. Fernab der Zivilisa­tion ist das Verhalten unterschiedlich, manche fliehen, andere komme­n näher. Dann sollte die Körpersprache stimmen, man muss Ruhe bewahren oder den Grizzly mal laut ansprechen. Mit Eisbäre­n ist es wieder anders, die juckt mein Gebrüll gar nicht.    Des­wege­­­n ist man bewaffnet und schießt notfalls in die Luft.

In deinem Bildband »Ein Jahr in der Arktis« spielen Eisbären eine Hauptrolle. Ging alles glatt?  

Wir campten oft zu zweit im Eis, einer hatte immer Eisbären-Wach­e vor dem Zelt – die ganze Nacht, teilweise bei null Sicht im Schnee­gestöber. Das geht schon an die Nerven. Aber dafür haben wir dort ein junges Eisbären-Pärchen entdeckt, in der Paarungszeit, und konnten die beiden über Tage beobachten. Richtige Probleme gab es keine. 

Sind die schönsten Fotos auch die gefährlichsten? 

Nein. Bei den Eisbären muss man aufpassen, aber die größte Gefah­r in der Wildnis ist die eigene Dummheit. Wie zuletzt beim Fotografieren von völlig harmlosen Vögeln auf Spitzbergen: Auf der Suche nach dem perfekten Blickwinkel kam ich immer näher an die Eiskante, bis ich merkte, dass das Stativ schon durchs Eis stach. Erst beim Zurückgehen wurde mir klar, was ich da getan hatte. Beinahe wäre ich eingebrochen. Im minus zwei Grad kalten Wasser macht man vielleicht einen Schwimmzug, bevor die Muskeln erstarren. Einen Schritt weiter, und das wär’s gewesen mit mir.

Du bist unglaublich nah dran an den Tieren. Wie schafft man das? 

Man baut eine Beziehung auf. Ein paar Tage Fototour genügen dafür nicht. Mir gefällt es, ein Gebiet richtig zu erkunden, wochenlang draußen zu sein, die Vogelstimmen, die Gerüche und die ganze Atmosphär­e kennenzulernen. Irgendwann weiß ich: Das Tier kommt hier- oder dorthin, also kann ich mich ideal positionieren. Im Lauf der Zeit wird man ein Teil der Szenerie, die Tiere legen ihren Argwohn ab. Und dann gelingen die Bilder, die herausragen.

Was heißt »im Lauf der Zeit« denn konkret in Stunden?

Für die Nahaufnahme einer Robbenmutter mit Jungem: zehn Stunde­n. Ich lag auf dem Eis und bin Stück für Stück herangerobbt, von hundert Metern Entfernung bis auf zwei Meter. Die Robbe blieb dabei entspannt und hat direkt vor mir das Junge gesäugt. 

Pause auf der Barentssee vor Spitzbergen: Die Eisbärfamilie spielt eine Hauptrolle in Florians Arktis-Bildband.  | Foto: Florian Schulz
Pause auf der Barentssee vor Spitzbergen: Die Eisbärfamilie spielt eine Hauptrolle in Florians Arktis-Bildband. | Foto: Florian Schulz
Kommt man an Eisbären auch auf zwei Meter ran? 

Besser nicht. Das Cover meines Bildbands zeigt eine Weitwinkel-aufnahme aus 30 Zentimetern Entfernung, aber das entstand per Fernauslöser. Es hat davor allerdings auch mehrere Tage gedauer­t, bis ich wusste, wo der Bär vermutlich hinmarschiert. 

Funktioniert das Prinzip Geduld bei allen Tieren?

Bären und Wölfe spüren Persönlichkeit. Bei Vögeln ist es anders:  Da muss man einfach im Tarnzelt sitzen und warten. Bei meinen jüngsten Fotos von Schnee-Eulen waren das 72 Stunden.

Wird das auf Dauer nicht unfassbar langweilig? Beginnst du dann, mit dir selbst zu reden?

Ich kann in der Zeit viele Bildideen im Kopf entwickeln und mich zugleich auf die Natur einlassen, sie ganz tief wahrnehmen. Das Licht ändert sich ständig; Mitternachtssonne, Nebel – absolut faszinierend. Das ist fast schon Meditation. Der absolute Gegensatz zu dieser immer schneller werdenden Welt, wo alles sofort da sein muss und alles so laut ist. Wenn ich mit Emil draußen bin, reden wir gar nicht. Sitzen einfach nur da und nehmen die Situation wahr. Langweilig war es mir noch nie. Gut, wenn alles schiefgeht, es pausenlo­s regne­t und die Kamera ins Wasser fällt, dann fragt man sich schon: »Was mache ich hier?« Oder, wenn ich mal alleine unterwegs bin: »Waru­m bin ich nicht zu Hause bei der Familie?«

Mein erster Mensch? Grizzly an Alaskas Nordküste.  | Foto: Florian Schulz
Mein erster Mensch? Grizzly an Alaskas Nordküste. | Foto: Florian Schulz
Welches Tier fasziniert dich besonders? 

Schon der Wolf. In der Alaska Range haben wir sechs Wochen ein Rudel begleitet. Wölfe kommunizieren und jagen auf eine Weise, die uns völlig rätselhaft ist. Auch wie sie uns Menschen wahr­nehmen, analysieren und durchschauen – der Wahnsinn.

Und dennoch konntet ihr dem Wolfsrudel folgen? 

Am Anfang hält man großen Abstand. Hinterherrennen funktioniert nicht, auch überlisten lassen sich Wölfe nicht, die sind viel zu schlau und dir meist einen Schritt voraus. Besser sucht man einen guten Platz und wartet auf sie. Dann: den Tieren Zeit zur Annäherung geben, keine hektischen Bewegungen machen. Sitzen bleiben, nicht immer gleich den Kopf suchend heben oder zur Kamera lange­n. Sondern einfach schauen, ruhig auch mal in die andere Richtung. Man investiert Zeit, lässt manche Fotos aus – und bekommt dafür später bessere. Einmal haben wir zwei Wolfs­welpen beim Mittagsschlaf entdeckt und konnten sie beim Auf­wachen fotografieren, das war ein ganz besonderer Moment.

 

Bildergalerie: Making-of Buchtitel

 

Wie bist du zur Naturfotografie gekommen? 

Ich war schon als Kind viel draußen und habe Vögel beobachtet. Auch ein bisschen Volleyball gespielt und im Schultheater mit­gemacht, aber Natur war für mich das Wichtigste. Der Zahnarzt im Dorf machte vogelkundliche Führungen. Die Fotografie kam bald dazu. Oft bin ich morgens um vier aufgestanden und eine Stunde ins Naturschutzgebiet geradelt. Schon als Teenager saß ich eine Woch­e lang frühmorgens an, nur für ein Bild von einem Eisvogel.

Dickschnabellummen tauchen vor Baffin Island.  | Foto: Florian Schulz
Dickschnabellummen tauchen vor Baffin Island. | Foto: Florian Schulz
Erinnerst du dich an dein erstes Tierfoto überhaupt?

In der Sonne dösende Eidechsen auf der Insel Mainau! Aufgenommen mit der Praktica meines Vaters, alles manuell einzustellen, mit Schraubgewinde und einem windigen Belichtungsmesser. Aber es war eine gute Lehrzeit, man musste die Kamera richtig verstehen. Heute knipsen viele drauflos, immer im Automatikmodus.

Der Einstieg in die Profiszene gilt als wahnsinnig schwer. Wie ist dir das gelungen? 

Ich wusste bereits mit 15 Jahren, dass Fotografie mein absoluter Traum ist. Ich bin dann mit 17 nach Amerika gegangen, um der Natu­r näher zu sein, den Grizzlybären, den Hirschen und Wolfs­rudeln. Ich hatte mir die erste Kamera gekauft und wollte Natur­fotograf werden, doch jeder hat gesagt: »Das schaffst du nicht.     Davon kann man niemals leben!« Selbst Profifotografen redeten so. Da wollte ich es dann doch lieber als Lehrer versuchen und studierte Biologi­e und Englisch. Das konnte ich mir auch vorstellen. 

Aber Lehrer bist du nicht geworden … 

Ich merkte bald, dass ich mindestens versuchen sollte, meinen Traum zu realisieren. Ich wollte mir später nicht sagen müssen: »Mensch, hätte ich doch ...« Also ließ ich das Studium bleiben und hängte mich voll rein. Erstaunlicherweise klappte das. Erste Fotos in Magazinen und kleine Aufträge. Es ging stetig bergauf. 

Als Fotograf bist du Autodidakt. Hattest du Vorbilder?

In Amerika habe ich natürlich die Bilder von Art Wolfe und Frans Lanting bestaunt. Das hat mich schon beeinflusst. Andererseits entdeckte ich später, dass Leute wie der Österreicher Ernst Haas mit seinem Buch »Die Schöpfung« schon vor über 40 Jahren Sachen gemacht haben, die heutzutage als modern gelten; etwa verwischte Bewegungen, die eine ganz spezielle Dynamik reinbringen.

Tauchen die Tier, muss auch der Fotograf unter Wasser. Temperatur: minus zwei Grad.  | Foto: Florian Schulz
Tauchen die Tier, muss auch der Fotograf unter Wasser. Temperatur: minus zwei Grad. | Foto: Florian Schulz
Was, würdest du sagen, zeichnet deine Fotos aus? 

Mir ist wichtig, ein Gefühl für eine Landschaft und ihre Tierwelt zu schaffen. In meinen Bildern sind die Tiere oft recht klein in einer gewaltigen Landschaft. Oder ich komponiere so, dass das Tier prominent ist, aber doch eine Geschichte erzählt wird. Im Englischen heißt das »a sense of place«, ein Gefühl für den Ort. Und diese Orte müssen bei mir totale Wildnis sein, vom Menschen unverändert. Deswege­n zieht es mich in diese abgelegenen Gebiete.  

Braucht man ein dickes Fell als Naturfotograf? 

Meinst du in Sachen Wildnis oder in Sachen Selbstvertrauen?

Beides. Erst mal die Wildnis … 

Bei minus 40 Grad helfen viele Lagen Merinowolle. Das Beste ist traditionelle Kleidung aus Eisbärfell, die aber natürlich nur die Inuit herstellen und tragen dürfen. Wir bekamen in Grönland mal Hosen ausgeliehen – der Hammer! Die Begeisterung für den Job ist immer noch so groß, dass ich auch bei Eiseskälte freudig meine ganze  Ausrüstung rumschleppe – auch wenn es auf den Rücken geht.  

Und wie steht es mit dem Selbstvertrauen als Fotograf? 

Das kann man weder kaufen noch ausleihen. Ich muss meine Arbeit erst selbstkritisch anschauen. Emil kennt das, verdreht dann oft die Augen und stöhnt: »Florian! Jetzt sei doch mal zufrieden!« Wenn dann endlich das Gefüh­l da ist, dass eine Geschichte stimmt, muss man auch daran glauben – und sich nicht vom ers­ten Redakteur verunsichern lassen, der herumkrittelt. Es ist auch wichtig, dass ich immer wieder realisiere, dass ich ja meine Leidenschaft auslebe.

Zu Robben robben: Zehn Stunden kroch Florian für dieses Foto übers Eis.  | Foto: Florian Schulz
Zu Robben robben: Zehn Stunden kroch Florian für dieses Foto übers Eis. | Foto: Florian Schulz
Inzwischen spielst du in der Champions League, machst große Geschichten für National Geographic. Ist man damit ausgelastet? 

Die Arbeit für National Geographic ist ein wichtiger Baustein, aber nicht der einzige. Manche Luftaufnahmen aus Nordwest­alaska etwa sind entstanden, weil die Ölindustrie diese Gebiete bedroht. Geschütztes Land, auf dem Karibuherden mit einer halben Million    Tieren herumziehen, soll verkauft werden. Also werfen Naturschützer, der Verlag oder ich Geld für den Buschflieger zusammen. Die Fotos geben der unbekannten Natur ein Gesicht, und plötzlich      finden auch die Leut­e in den Städten diese Wildnis schützenswert. 

Führt die Schaffung von Öffentlichkeit zu konkreten Ergebnissen? 

Es ist eine Chance. Momentan arbeiten wir auf 2016 hin, wenn die Amtszeit von Präsident Obama endet. Ist die öffentliche Zustimmung groß genug, könnte er – quasi als Abschiedsgeschenk – das Arctic National Wildlife Refuge dauerhaft unter Schutz stellen. Projekt­e wie dieses sind uns wichtig und auch persönlich Wahnsinns­erlebnisse. Einmal campten wir dort eine Woche lang, und Tag für Tag zogen die Karibu­s direkt am Zelt vorbei – über 60 000 Tiere. 

Moin! Ein Walross taucht auf – direkt vor der Linse.   | Foto: Florian Schulz
Moin! Ein Walross taucht auf – direkt vor der Linse. | Foto: Florian Schulz
Und du machst dabei wieder Fotos, die sonst keiner hat …  

Ohne solche Kooperationen und ein gutes Netzwerk geht es nicht. Bei den Dreharbeiten für den Imax-Film »To the Arcti­c« bekam ich den Job als Begleitfotograf. Ein Glücksfall. Mal kannte ich mich an einem Drehort besser aus, mal das Filmteam. Die Arbeit von Emil und mir setzt sich aus vielen solcher Bausteine zusammen, so könne­n wir eigen­verantwortlic­h extreme und aufwändige Projekte angehen. Für den Bildband »Ein Jahr in der Arktis« gab es kein Zeitlimit. Er ist der Grundstein für den Vortrag »Abenteuer Arktis«, den ich manchmal auch in Deutschland zeige. 

Wie viele Arktis-Touren waren für Buch und Vortrag notwendig? 

Schwer zu sagen – jedenfalls hat sich das auf Jahre vor Ort addiert. Die Bilder im Buch sind über zehn Jahre entstanden, wobei es zuletzt eine intensive Phase von drei Jahren gab. Mit dem Schnee­mobil haben wir Tausende Kilometer zurückgelegt, per Hunde­schlitten einige Hundert, dazu viele Flugstunden im Buschflugzeug. Unser schönstes Vehikel ist ein altes Segelboot, das wir renoviert haben. Vom Segeln hatten wir recht wenig Ahnung, sind aber trotzdem monatelang in Südostalaska herum­geschippert. 

Ernährt dieser Lebensstil eine junge Familie? 

Die Honorare vieler Magazine reichen nicht mal für die Speicher­karten. Wir wussten von Anfang an, dass man von Fotoreportagen allein nicht leben kann. Darum gibt es verschiedene Standbeine: Auftrags­arbeiten, Reportagen, Bücher. Auch die Vorträge, die uns besonders Spaß machen, weil vom Publikum direkte Rückmeldung kommt. Man hört Oh! und Ah!, führt hinterher Gespräche – und merkt, ob man auf dem richtigen Weg ist. Das alles zusammen trägt sich, wir können nach unsere­r Vorstellung arbeiten. Wirtschaftlich wäre es siche­r klüger, Best-of-Fotos über Agenturen zu verkaufen, aber wir sehen uns klar als projektorientierte Fotografen. 

Emil und Florian in Eisbär-Leihhosen der Inuit. | Foto: Florian Schulz
Emil und Florian in Eisbär-Leihhosen der Inuit. | Foto: Florian Schulz
Ein anderes Herzensprojekt von dir trägt den Namen »Freedom to Roam«. Da geht es um die Schaffung von Korridoren, um bedrohte Ökosysteme zu erhalten. Erzähl doch mal!

Das begann vor Jahren, als ich im Yellowstone und anderen Nationalparks fotografierte, vor allem Grizzlybären. Bei der Recherche wurde klar, dass selbst die geschützte Wildnis im Norden Amerikas keine heile Welt mehr ist. Ein Wissenschaftler erklärte mir, dass auch ein riesiger Park wie der Yellowstone nicht groß genug sei, um Wölfe und Bären erhalten zu können. Die Tiere müssten eigentlich weit über die Parkgrenzen hinauswander­n können, um genug Nahrung zu finden. Aber das ginge nur, wenn die Schutzgebiete über Naturkorridore verbunden wären, in denen sich die Wildtiere relativ gefahrlos bewegen könnten. Da hat es bei mir »klick!« gemacht. Ich wusste: Diese Idee will ich bekannt machen, das wird mein Projekt. 

Was meinst du mit »Freedom to Roam« genau?

Man kann es mit »grenzenloser Wildnis« übersetzen. Es geht um die Natur als vernetztes System. Ein Syste­m für wandernde Tiere wie Bären und Wapiti-Hirsche, aber auch für Pflanzen, die ebenfalls immer mehr isoliert werden. Natürliche Prozesse werden       dadurch verhindert. Je mehr Isolation, desto weniger Biodiversität.

Was hast du also unternommen? 

Unter anderem einen Bildband konzipiert und viele Vorträge gehalte­n. Auch eine große Ausstellung, die durch ganz Amerika   gewandert ist. Derzeit ist ein zweites Buch zum Thema in Arbeit, der WWF hat die Idee inzwischen über­nommen. Wir arbeiten dabei als Partner zusammen.

Du verbringst seit Jahren viel Zeit in der nordischen Wildnis. Siehst du den Klimawandel kommen? 

Er ist längst da. Ich merke das daran, dass sich Reiserouten von Inuit geändert haben, dass manche zu bestimmten Zeiten gar nicht mehr aufs Eis können. Dass an Hügelketten der Permafrostboden abreißt und die gesamte Gras- und Vegetationsnarbe runterrutscht. Dass die Küsten erodieren. Dass schon Anfang Juli kein Eis mehr auf dem Ozean vor Alaska ist. Dass die Eisaus­dehnung so gerin­g wie noch nie ist. Ich sehe das live, aber jeder kann sich das auf Karten anschauen. Die Fakten liege­n auf dem Tisch … 

Beobachten ist die Regel, Eingreifen die seltene Ausnahme:  Emil trägt ein verirrtes Karibukalb zurück zu seiner Mutter. | Foto: Florian Schulz
Beobachten ist die Regel, Eingreifen die seltene Ausnahme: Emil trägt ein verirrtes Karibukalb zurück zu seiner Mutter. | Foto: Florian Schulz
Trotzdem kommt der Klimaschutz nur im Schneckentempo voran … 

Es ist schockierend, wie wenig auf diese bekannten Tat­sachen reagiert wird. Und dabei ist das nur ein Aspekt. Auf der anderen Seite sind da die chemischen Prozesse: Die Ozeane werden immer saurer, so dass sich das Plankton auflöst, die Basis der Nahrungskette. Wir sehen es auch an den Überschwemmungen und den großen Stürmen, und die werden noch viel massiver werden.

Die Frage nach der eigenen Klimabilanz kennt ihr als Vielreisende natürlich auch …

Klar, diese Fragen stellen wir uns ebenfalls und bemühen uns, zu reduzieren. Ich glaube aber, dass der positive Effekt unserer Arbei­t – allein wenn es uns gelänge, die Ölindustrie noch ein paar Jahre aufzuhalten – unseren CO2 -Ausstoß um das Mehrfache gutmacht.

Noch ziehen Karibuherden durchs Arctic National Wildlife Refuge in Alaska. Aber die Ölindustrie ist auf dem Vormarsch.  | Foto: Florian Schulz
Noch ziehen Karibuherden durchs Arctic National Wildlife Refuge in Alaska. Aber die Ölindustrie ist auf dem Vormarsch. | Foto: Florian Schulz
Gibt es ein Anti-Frust-Rezept für Naturschützer?   

Man muss lernen, damit umzugehen. Schon mit 17 habe ich meinem Schuldirektor einen langen Brief geschrieben und vorgeschlagen, Umwelterziehung als Schulfach einzuführen – damit die Schüler konkret lernen, was sie tun können. Natürlich wurde kein neues Schulfach eingeführt, nur der Brief in der Schulzeitung abgedruckt. Inzwischen sind die Schulen weiter, aber alles geht so langsam. Mittlerweile sehe ich diesen Kampf auch philosophisch: Ich tue das, was ich tun kann – woran ich glaube, was richtig ist. Gleichzeitig weiß ich jedoch auch, dass wir Menschen nicht das Wichtigste sind … 

Du meinst, der Mensch ist verzichtbar? 

Im Zweifelsfall: ja. Wir machen unsere Welt kaputt, wir rotten gerad­e mehr Tiere aus als jede Eiszeit oder sonstige Katastrophe. Wir halten uns für gehobene Lebewesen, die alles an Kultur und Wissenschaf­t haben. Dabei sind wir total ignorant. Aber wenn es tatsächlich schiefgeht, verschwinden die Menschen eben. Die Natu­r ist viel älter, flexibler und stärker als wir. Sie wird sich erhole­n und bleibe­n. Trotzdem werde ich den Kampf für die Wildnis und die Artenvielfalt nicht aufgeben – und es zumindest versuchen. Das sind wir der nächsten Generatio­n einfach schuldig.

 

4-Seasons Info

Mehr von Florian Schulz

Florian Schulz (38) stammt aus Weingarten (Baden-Württemberg) und gilt als einer der weltbesten Wildnis­fotografen. Mit seiner Frau Emil (33) und Sohn Nanuk (2) lebt er in Alaska und Oberschwaben. Vorträge im deutschsprachigen Raum sind aus Zeitgründen leider selten, die nächsten Termine: 

  • 09.11.14 in Linz (A) 
  • 14.11.14 Holzmaden 
  • 21.11.14 Deggenhausertal 
  • 22.11.14 Oftersheim 
  • 06.01.15 München 

Alle Infos, weitere Termine und mehr zu Florian: visionwildnis.com

Der aktuelle Bildband heißt »Ein Jahr in der Arktis« (National Geographic, 39,95 €). Globetrotter-Bestellnummer: 21.38.28

 

 
weiterführende Artikel: 
28.10.2013ArtikelMenschenNeue Horizonte

Sabbatjahr: »Das war Träume leben pur«

Horst Rafler, Keramikmeister aus Niederbayern, gönnt sich mit Ende 40 ein Sabbatjahr. Was tun? Über den Atlantik segel­n? In der Karibik tauchen? Den Amazonas hoch­schippern? Mit Pferden durch die argentinische Pampa ziehen? zum Artikel