präsentiert von:

Familienreise: Hüttentour im Val Grande

Herbststimmung im italienischen Nationalpark Val Grande. | Foto: Stefan Rosenboom
In der wilden, fließenden Landschaft des Val Grande suchte der Fotograf Stefan Rosenboom die Einsamkeit und neuen Lebenssinn. Er fand beides – und ein abenteuerliches Revier für eine Weitwanderung mit der ganzen Familie.
Zeit ist der Schlüssel für eine schöne und entspannte Tour mit Kindern.  | Foto: Stefan Rosenboom
Zeit ist der Schlüssel für eine schöne und entspannte Tour mit Kindern. | Foto: Stefan Rosenboom

Vor zwei Jahren war ich das erste Mal in diesen Bergen. Alleine wollte ich sein, gefrustet über Arthrose im Knie und die ersten verramschten Bücher. Sinnsuche und ein Test für Geist und Knie. Das Knie hat gehalten, der Geist und die Sinne waren verzaubert von dieser Landschaft. So entstand die Idee, mit meiner Familie und besten Freunden wiederzukehren. Dieses Tal, das müssen sie ­sehen, Susanne, Silja, Lisa, Thomas, Hannah und Lina.

Das Val Grande ist eines der letzten wirklich wilden Gebiete der Alpen, ein Kleinod, ein Paradies. Der Herbst ist die schönste ­Jahreszeit im Tal. Die Vielfalt der Laubbäume in dieser Region taucht die Wälder in tiefe satte Farben. Der Verstand mag nicht glauben, was das Auge da sieht.

Goldene Jahreszeit in einem Landschaftsjuwel. | Foto: Stefan Rosenboom
Goldene Jahreszeit in einem Landschaftsjuwel. | Foto: Stefan Rosenboom

So ist es beschlossen, wir brechen auf, vier Erwachsene und drei Kinder, acht bis zehn Jahre alt. Viel haben wir besprochen im ­Vorfeld, haben Ausrüstung optimiert und mit der Küchenwaage die Rucksäcke beladen. Thomas’ und mein Rucksack wiegen jeweils um die 25 Kilo, ich habe als »Gegengewicht« noch circa fünf Kilo Kameratasche am Bauch. Thomas hat dafür noch einen Akku­rasierer in den Rucksack geschmuggelt. Lisa und Susanne tragen um die 14 Kilo, und die Kinder haben ihre wichtigsten Dinge im ­Rucksack. Kuscheltiere, Bücher und eine warme Jacke für die Pausen. Im Prinzip tragen wir eine komplette Trekkingausrüstung durch die Berge und Täler. Bis auf ein Zelt wird hier alles benötigt. Die Hütten sind gemütlich, ein kleiner Ofen, Feuerholz, doch gibt es keine Betten. Also sind auch Schlafsack und Isomatte dabei. ­Essen für sieben Tage, Erste Hilfe und Soulfood für den Abend und zur Motivation in anstrengenden Phasen.

Wir wollen den Nationalpark von Süden nach Norden durchqueren, keine schwierigen Pfade, aber es wird auf und ab gehen. Handys haben wir nicht dabei, Empfang gäbe es ohnehin nicht. Im Falle eines Falles müssen wir uns selber helfen. So haben wir es besprochen, und alle stehen hinter dieser Entscheidung.

Frisches und so leckeres Quellwasser

Glücksmomente für Groß und Klein garantiert. | Foto: Stefan Rosenboom
Glücksmomente für Groß und Klein garantiert. | Foto: Stefan Rosenboom

In Premosello parken wir die Autos. Nach unserer Tour werden Thomas und ich sie mit dem Zug wieder erreichen. Premosello liegt auf etwa 300 Metern, unser Tagesziel, das ­Bivacco Colma, auf 1700 Metern … Es ist mild für die Jahreszeit, fast schon schwül. Die ersten 300 Höhenmeter laufen wir in dichtem Nebel. Nur ab und zu öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei. Wir kommen ins Schwitzen, Schweiß brennt in den Augen. Jeder ­versucht, seinen Rhythmus zu finden. Die Kinder reden, ­lachen, und gehen begeistert voraus. Wir, die Erwachsenen, haben Mühe, den Anschluss zu halten. Schon bald erreichen wir die Kapelle an der Alpe Lut. Die erste Pause, eine Quelle, frisches und so leckeres Wasser. Noch geht es auf einem Fahrweg bergan, ab der Alpe La Piana führt uns nur noch ein schmaler Sentiero hinauf. Die Häuser der Alpe wirken wie gewachsen aus den ­Materialien der umliegenden Berge. Schöner können eckige Dinge in die fließenden Formen der Landschaft nicht integriert sein. Schon hier treffen wir keine Menschenseele mehr. Es geht durch die Häuser der Alpe La Motta. Linker Hand  tauchen die ­Ruinen von Stapelli auf. Der Nebel zieht sich zurück, erste Blicke in die Tiefe und hinauf. Ein Zug gleitet lautlos durchs Tal. Oben am Hang Gämsen, und auch der Sattel ist schon zu sehen. Dort steht sie, die Alpe Colma. Doch der Weg zieht sich. Die Kinder machen immer mal wieder Pause und warten auf die erwachsenen Nachzügler. Ich bin beeindruckt von der Kraft der Kurzen. Sie motivieren sich gegenseitig, und in ihrer Begeisterung fressen sie förmlich die Höhenmeter. Ich bin am Schnaufen, Thomas quält ein erster Krampf. Der Hang wird kürzer. Die Hütte ist nah. Natürlich erreichen die Kinder zuerst unser Tagesziel. Doch wir sind wider Erwarten nicht alleine, Werner aus München sitzt schon vor dem Ofen, und sicher hatte er zu dieser Tageszeit nicht mehr mit einer ganzen Reisegruppe ­gerechnet. Doch die Chemie stimmt zwischen uns, und auch die Kinder haben sich wieder beruhigt. Sie waren entrüstet über den »Fremden« in unserer Hütte. Für sie waren diese Berge, Täler und Bivacchi vom ersten Moment an »ihr« Val Grande, verbunden mit dem ­Anspruch, diese Welt für sich alleine zu haben. Wenn ich ­ehrlich bin, muss ich sagen, dass ich es genauso empfinde.

Abstieg von der Alpe Colma. Die Schafe sind schon voraus. | Foto: Stefan Rosenboom
Abstieg von der Alpe Colma. Die Schafe sind schon voraus. | Foto: Stefan Rosenboom

Aus einer Leitung tröpfelt frisches Wasser. Im Sommer leben Schafe hier oben, eine der wenigen Almen, die wieder betrieben werden. Wir sitzen erschöpft am Hüttentisch und kochen Tee und Suppe – auf mitgebrachten Gaskochern. Sicher könnten wir auf dem Ofen unsere Mahlzeiten zubereiten, doch bei allem Anspruch an die Entschleunigung, hungrige Kinder sind beeindruckend unge­duldig. Draußen spielt der Wind mit den Wolken, und kurz ist er dann zu sehen, Richtung Westen: der Monte Rosa mit der höchs­ten Wand der Alpen, in der klaren Herbstluft zum Greifen nah.

Das wilde Herz des Nationalparks darf nicht betreten werden

Es wird Nacht. Scharfe Linien zeichnen sich ab im kalten Blau der Dämmerung. Im Osten steht die Cima Pedum 2111 Meter hoch am Rande des Riserva Integrale, eines Gebiets, das nicht betreten werden darf, das wilde Herz des Nationalparks. Sterne blinken am Himmel, so viele und so klar, der Himmel nicht mit Licht verschmutzt. Es wird kalt. Noch ein warmer Tee, dann rollen wir unsere Schlafsäcke auf dem Dachboden aus. Werner schläft unten auf dem Tisch – warum nur? Ich lese noch aus einem norwegischen Kinderbuch vor, doch schon bald übernehmen rhythmische Atemgeräusche die Szene. Tiefer Schlaf bis zum Morgen.

Salamander goes Handschuhe. | Foto: Stefan Rosenboom
Salamander goes Handschuhe. | Foto: Stefan Rosenboom

Es ist bedeckt, alles wie in Watte gepackt. Frühstück mit Müsli und Baby-Folgemilch. Ein Kaffee und noch ein zweiter. Werner macht sich früh auf den Weg, er möchte das Tal bis zum Bivacco Scaredi in einem Tag durchqueren – eine Strecke, für die wir drei Tage geplant haben. Wenn wir eines aus den bisherigen Reisen mit Kindern gelernt haben, dann dies: Zeit ist der Schlüssel für eine schöne und entspannte Tour. Mindestens die doppelte Zeit zu ­veranschlagen, ist sinnvoll, obgleich es mehr Schlepperei von ­Essen und Brennstoff bedeutet. Das Gefühl, als Familie autark unterwegs zu sein, ist wunderschön. Die entstehende Energie macht es möglich, auch den schwersten Rucksack tragen zu können.

Wald hat die Lichtung zurückerobert

Der Weg führt hinab, vorbei an der verfallenen Alpe La Serena, ein Ort zum Verweilen mit Birken in Gold. Wir machen Pause, sehr ­lange, denn es fällt schwer, sich aus dem warmen braunen Gras zu erheben. Jenseits des Baches steigen wir auf nach Colletta. Auch dies eine alte verfallene Alpe, der Wald hat sich die Lichtung ­zurückerobert. Beim Abstieg zum Rio Val Gabbio verlieren wir in engen Kehren an Höhe, das Rauschen wird immer stärker – leider auch das Brummen im Knie. Die Kinder springen mehr bergab, als dass sie laufen, denke ich mir mit einer Portion Neid.

Zu Gast bei Familie Siebenschläfer im Bivacco Gabbio. | Foto: Stefan Rosenboom
Zu Gast bei Familie Siebenschläfer im Bivacco Gabbio. | Foto: Stefan Rosenboom

Das Bivacco Gabbio ist mehr eine Höhle als eine Hütte. Die Kinder sind geschockt und wollen auf keinen Fall in diesem »Loch« schlafen. Doch der unheimliche Ruf des Waldkauzes bricht den Widerstand der Kinder – mit einem Mal zieht es sie ganz schnell in die nun auf einmal doch ganz heimelige Hütte. Allerdings: Auch diese Hütte ist bereits besetzt, kein Werner, sondern Familie »Ghiro« Siebenschläfer bewohnt den Großteil des Bivacco. Lisa kehrt den Kot und Dreck von der Schlaffläche. Dann spannen wir noch die Regenschirme darüber auf, um in der Nacht nicht Opfer weiterer Siebenschläfer-Attacken zu werden. Der Abend ist mild. Noch ­lange sitzen wir vor der Hütte an der knisternden Feuerstelle.

Der dritte Tag ist eine kurze Etappe. Entlang des Rio Fiorina geht es zum Bivacco In La Piana. Ein Adler nimmt den gleichen Weg, ungleich eleganter und schneller. In La Piana verdient fünf ­Bivacco Sterne. Gleich drei Hütten stehen den Wanderern zur ­Verfügung. Die Kinder entscheiden, und so wird das kleine Steinhaus in der Mitte unsere Heimat für zwei Tage. Wir wollen einen Rasttag einlegen, nicht weil wir zu erschöpft wären, sondern um dieser Landschaft die Möglichkeit zu geben, auf uns zu wirken. Wir kochen, backen Brot in dünnen Fladen auf dem Ofen, lesen, und die ­Kinder schnitzen an ihren Wanderstöcken. Den Weckdienst verrichtet die Morgensonne, und wir verbringen Stunden am Fluss. Die Kinder springen ins Wasser und trocknen sich in der Oktobersonne. Auf einem der warmen Steine sitzt träge ein fetter Frosch.

Herbstliche und textile Farbtupfer. | Foto: Stefan Rosenboom
Herbstliche und textile Farbtupfer. | Foto: Stefan Rosenboom

Am nächsten Morgen Regen, Wolken hängen tief über der Riserva Integrale. Der Aufstieg zum Bivacco Scaredi beginnt mit einem ­Zauberwald. Die Farben leuchten durch die Nässe noch stärker, wie lackiert. Die schwarzen Stämme stehen wie Tuschestriche im bunten Wald. Stille, jeder läuft in seinen Gedanken. Bei sich sein, im eigenen Rhythmus, Zeit vergessen, spüren und riechen. ­Wasserfälle am Weg, große Gumpen mit türkisfarbenem Wasser. Furchtlos steigen die Kinder in das frische Nass – ich bin eigentlich froh, dass so weit alles trocken ist.

Farbiges Finale mit dem Monte Rosa

Zur gleichen Zeit wie wir erreichen drei Wanderer das Bivacco. Wieder Enttäuschung bei den Kindern. Vor der Hütte kommen wir ins Gespräch. Es sind Ranger des Nationalparks, sie unternehmen eine letzte Kontrollrunde vor dem nahenden Winter. Wir bedanken uns – eher mit Händen und Füßen als auf Italienisch – für ihre wunderbare Arbeit in diesen Bergen. Ein Strahlen legt sich auf ihre Gesichter und versprüht Stolz. Dann beginnen sie ihren Abstieg nach Malesco, und wir verbringen die letzte Nacht auf unserer Durchquerung des Val Grande alleine im Bivacco. Scaredi liegt auf 1840 Metern, es wird frisch. Der Ofen bollert, doch die Hütte ist zu groß, um richtig warm zu werden. So sitzen wir in Daunenjacken verpackt am Tisch und genießen Trockenfutter aus der Tüte. Wir sind alle erschöpft, es war ein langer Tag, die längste Etappe dieser Tour. Sieben Stunden waren wir unterwegs.

Fotograf und Autor Stefan Rosenboom. | Foto: Stefan Rosenboom
Fotograf und Autor Stefan Rosenboom. | Foto: Stefan Rosenboom

Nach einer sternenklaren Nacht färbt sich am nächsten Morgen die Ostwand des Monte Rosa zum beeindruckenden Finale. Die Bedeutung seines Namens wird jetzt sichtbar. Wir stehen und staunen. Jeder bedankt sich in aller Stille für dieses Bild, für die Tage im großen Tal und für den Zauber der Freundschaft.

4-Seasons Info

Wer nicht fragt, bleibt dumm: Infos zum Trekking im Val Grande

Karte Val GrandeAnreise: Mit dem Zug über Verona und Mailand nach Domodossola. Mit dem Auto über die Schweiz und den St.-Bernardino-Pass.

Start- und Endpunkt: Ausgangspunkt der hier beschriebenen Süd-Nord-Durchquerung ist Premosello-Chiovenda – von Domodossola per Zug erreichbar. Vom Zielpunkt Malesco fährt die Centovallibahn zurück nach Domodossola.

Beste Zeit: Für die beschriebene Tour (geht bis auf 1860 Meter) in der Regel Mitte Mai bis Ende September. Im Frühjahr und Herbst ist man oft ganz alleine unterwegs.

Übernachten: In den Almhütten kostenlos. Spendenboxen hängen an der Wand. Achtung: Das im Text erwähnte Bivacco Gabbio ist momentan wegen Baufälligkeit geschlossen

Anspruch: Die Etappen zwischen den Hütten sind gut zu schaffen, das Gelände auf dem Hauptweg moderat. Abseits dieser Wege wird es richtig wild. Die Orientierung ist dann schwierig, es gibt keine Markierungen. Im ganzen Val Grande kein Handyempfang.

Gefahren: Im Sommer einige Schlangen, darunter die giftige Aspisviper. Daher Augen auf beim Hinsetzen etc.

Val-Grande-Knigge: Bitte sehr auf die Natur achten! Müll nicht in den Hütten lassen, auch keine gut gemeinten Proviant- oder Brennstoffreste. Holzvorrat immer wieder auffüllen, aber nur mit Totholz aus dem Umfeld der Hütten. In Scaredi ist dies nicht möglich, hier gibt es einen großen Holzvorrat im Nebengebäude.

Website der Nationalparkverwaltung: parcovalgrande.it.

 

Willi Weitzel gibt Tipps für Outdoor-Erlebnisse mit Kids: 4-Seasons.tv/kaufberatung-abenteuer-mit-kindern.

 
weiterführende Artikel: 
06.01.2016ArtikelReiseFamilienreise

Roadtrip USA: Elternzeit mal anders

Mit einem alten VW-Bus auf einen monatelangen Roadtrip in den USA zu gehen, ist nicht unbedingt eine klassische Entscheidung von Eltern mit einem acht Monate alten Baby. zum Artikel
07.01.2016ArtikelReiseTraumtour

Traumtour: Wüsten im Oman

Krieg und Terror plagen die Menschen in vielen Wüstenregionen. Aber im Oman gibt es sie auch heute noch: wogende Weite voller Sand und friedlicher Stille. zum Artikel
21.12.2015ArtikelMenschen

Gute Reise, Thomas!

Nach 35 Jahren bei Globetrotter zieht sich Geschäftsführer Thomas Lipke aus dem Beruf zurück – und möchte jetzt »noch mehr Träume leben«, vor allem beim Reisen und Fotografieren. zum Artikel
 Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Avaroa, Bolivien. | Foto: Tom Robinson
17.04.2015ArtikelMenschen

Reisefotografie: Füße voraus!

Frisch verliebt fotografierte Tom Robinson die Füße seiner Freundin und seine eigenen am Strand von Brighton. Das war 2005. Das Paar blieb unternehmungslustig, über die Jahre entstan­d ein Reisetagebuch der besonderen Art. zum Artikel
17.01.2014ArtikelReiseReisetippFamilienreise

Seychellen mit Familie: Wer hat die Kokosnuss geklaut?

Man muss nicht kriminell werden, um sich einen Familienurlaub auf den Seychellen leisten zu können. Denn vom Klischee des Luxusreiseziels ist die Inselgruppe im Indischen Ozean weiter entfernt als der Nordpol vom Südpol. zum Artikel
08.10.2012ArtikelReiseTraumtour

Traumtour: Slot Canyons, Utah, USA

Der Südwesten von Utah ist rot, heiß und felsig. Doch inmitten der Ödnis versteckt sich eines der großen Natur­wunder der Erde. Eine magische Welt aus Fels und Licht. zum Artikel