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Extrem gewöhnlich: das Wetter

Michael Theusner im Trockenen. | Foto: Klimahaus Bremerhaven 8° Ost
Avantgardistische Architektur und ein spektakuläres Ausstellungskonzept: Das Klimahaus in Bremerhaven, 2009 eröffnet, ist ein Publikumsmagnet. 4-Seasons sprach mit dem Meteorologen Dr. Michael Theusner, der dort seinen Arbeitsplatz hat, über atmosphärische Turbulenzen und die Zukunft des Reisens.

4-Seasons: »Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Ausrüstung.« Unterschreiben Sie diesen Satz?

Michael Theusner: Nein, denn es gibt definitiv Wetter, bei dem selbst die beste Ausrüstung nichts hilft. Gegen Kälte und Regen kann man ja gut etwas tun, aber kaum gegen einen Tornado.

 

Von Sommerloch konnte 2010 wettermäßig keine Rede sein: Hitze und Feuer in Russland, Überschwemmungen in Osteuropa und Asien, Schneechaos in Südamerika … Geht das im nächsten Jahr so weiter?

Bestimmt, denn es gibt jedes Jahr irgendwo auf der Erde solche Wetterextreme. 2010 sticht da gar nicht besonders hervor. Extremwetter gehört leider zum allgemeinen Wettergeschehen dazu. Aber da die Weltbevölkerung immer weiter wächst, gibt es auch immer mehr Betroffene.

 

Hightech-Amöbe an der Weser: das Klimahaus in Bremerhaven. | Foto: Klimahaus Bremerhaven 8° Ost

Tornados gucken kann man ja schon in Niedersachsen – an welche Wetterextreme werden wir uns in Mitteleuropa noch so gewöhnen müssen?

An neue Wetterextreme werden wir uns wohl nicht gewöhnen müssen. Aber wir werden uns an allgemein wärmeres Wetter und häufigere Hitzewellen anzupassen haben. Und das tun wir auch schon. So wird mir wahrscheinlich kaum jemand glauben, dass die scheinbar sehr kalten Temperaturen im August 2010 völlig im Durchschnitt lagen. Es geht also sogar noch viel kälter! Aber das kommt eben immer seltener vor.

 

Genießen die Besucher im Klimahaus nur die Show oder spüren sie, dass sie das alles tatsächlich etwas angeht?

Es gibt sicher einige, gerade die jüngeren, denen ein Besuch im Klimahaus einfach nur Spaß macht. Aber mit Spaß lernt man leichter. Viele Besucher nehmen so auch mit nach Hause, dass Klimaschutz für den Einzelnen gar nicht viel kosten muss und dass man damit am Ende sogar viel Geld sparen kann.

 

Im Klimahaus macht man eine virtuelle Reise auf dem 8. östlichen Längengrad. Wie lang bleibt die Ausstellung aktuell?

Das ist ganz unterschiedlich. In den Tropen muss man seltener aktualisieren, da dort der Klimawandel weniger rasant abläuft als in den Polarregionen. In der Arktis gab es in den letzten Jahren einige negative Überraschungen. Die sommerliche Meereisausdehnung hat nach 2006 viel schneller abgenommen, als es die Klimamodelle vorhergesagt haben.

 

Werden die Reiseveranstalter schon bald neue Ziele suchen müssen?

Sommerskigebiete wird es in den Alpen auf mittlere Sicht wohl kaum noch geben. Und es könnte natürlich auch sein, dass es manchen am Mittelmeer zu warm sein wird und dass sich der Badetourismus schwerpunktmäßig vielleicht an den Atlantik verlagert. Da die Trockenheit im Sommer aller Voraussicht nach zunehmen wird, könnten die Touristengebiete am Mittelmeer allgemein Probleme mit der 
Wasserversorgung bekommen.

 

Werden in Zukunft eher die höheren Temperaturen oder die ungleich verteilten Niederschläge das Problem sein?

Das lässt sich gar nicht voneinander trennen – beides geht Hand in Hand. Zu wenig und zu viel Wasser, also Dürren und Überschwemmungen, führen öffentlichkeitswirksam zu Katastrophen. Dagegen finden die Hitzewellen weit weniger Beachtung. Dabei werden sie immer häufiger und extremer. Schon jetzt steigen dadurch die Sterblichkeitsraten. Nehmen Sie nur den Sommer 2003: Da gab es durch die Auswirkungen der lang anhaltenden, extremen Hitze in Europa ungefähr 40.000 Tote.

 

Es muss ja nicht immer alles schrecklich sein. Welche Reiseländer werden denn durch den Klimawandel gewinnen?

Das kann ich leider so direkt nicht beantworten. Vielleicht profitieren ja Skandinavien und Island von den höheren Temperaturen im Sommer.

 

Dann werden wir unseren Lesern bald die ersten Weinberg-Wanderwege in Lappland vorstellen können, oder?

Das hängt wohl von der Qualität des Weins ab, den die Leser in Lappland genießen möchten.

 

Was ist Ihnen selbst auf Reisen wichtiger: eine gute Ausrüstung – oder doch eher das gute Wetter ...?

Da ich sehr gern wandere, ist mir beides wichtig. Bei gutem Wetter macht mir das einfach mehr Spaß. Aber da man sich leider nicht auf gutes Wetter verlassen kann, nehme ich auch immer eine gute Ausrüstung mit. Im Tasmanischen Hochland saß ich mal 21 Stunden im Zelt fest – bei Dauerregen und Orkanböen von bis zu 160 Stundenkilometern. Ohne eine gute Ausrüstung wäre das ein echtes Problem gewesen.

 

Weitere Infos: www.klimahaus-bremerhaven.de

 
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