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Elbsandstein: Familienwandern auf dem Malerweg

Foto: Diana Haas
Urlaub mit den Eltern ist so eine Sache: Als Teenager absolviert man ihn eher widerwillig, als Erwachsener hat man meist ganz andere Interessen. Ingo Hübner suchte nach einer Brücke zwischen den Generationen – und fand sie auf dem Malerweg im Elbsandsteingebirge.

Ein Foto. Darauf zu sehen: ein blonder Junge mit Tomatensoßeverschmiertem Mund an einem Tisch, ein Teller Spaghetti vor ihm. Nackter Oberkörper, Schulranzen auf dem Rücken. Dieser Junge bin ich. Aus irgendeinem Grund besitzt das Foto Kultstatus in unserer Familie. Etwa dreißig Jahre später die szenische Analogie zum Foto: Geburtstag meiner Mutter, jemand hat ihr einen Wanderrucksack geschenkt, weil es die Runde gemacht hat, dass wir im Elbsandsteingebirge wandern werden. Sie setzt ihn auf, was schon ziemlich außerirdisch erscheint – ich glaube, sie hat noch nie in ihrem Leben einen Rucksack aufgehabt –, sagt: »Wetternei, cool!«, beugt sich ganz gelassen über den Tisch (der übrigens am selben Platz steht, wo das Kindheitsfoto entstand) und schneidet die Geburtstagstorte an. Mehr als nur ein Déjà-vu-Erlebnis, eine Szene mit potenziellem Kultstatus für das kollektive Familiengedächtnis.

Schluchten und Felsformationen geben den Ton an. | Foto: Ingo Hübner

Nach über 30 Jahren wird also die erste Reise mit meinen Eltern ins Elbsandsteingebirge- auf den Malerweg führen. Sie hatten wohlgemerkt vorher mit Wandern nie was am Hut, und nun wollen sie gleich sieben Tage mitmachen – wahrscheinlich habe ich ihnen einfach zu viel davon vorgeschwärmt: Das Elbsandsteingebirge – ein Sehnsuchtsort im wilden Osten, wo sich Menschen in archaisch-monumentalen Landschaften verlieren und am Lagerfeuer gemeinsam in die Flammen starren. Wo gescheiterte- Vater-Sohn-Beziehungen wortlos gekittet werden, bevor der eine seine letzte Reise antritt. Aber halt, so weit ist der Vater natürlich noch lange nicht, doch planen wir schon so etwas Ähnliches wie eine Familienzusammenführung inmitten einsamer Natur – zumindest unterbewusst.

Drei Monate später, der Uttewalder Grund am Uttewalder Felsentor. »Die meisten Reisenden ergreift ein Schauer, wenn sie unter den eingeklemmten Steinblöcken weggehen und wenn sie durch sind, sehen sie sich rasch schüchtern um«, schrieb der Pastor Carl Heinrich Nicolai in seinem 1801 erschienenen »Wegweiser durch die Sächsische Schweiz« über das Felsentor. Seine Wegbeschreibungen vom Liebethaler Grund und durch das Felsentor weiter über die Bastei und den Großen Winterberg mauserten sich bald zur Pflichtlektüre für Reisende und Künstler gleichermaßen und begründeten damit die heute als Malerweg bekannte Route.

In diesem schriftlichen Zeugnis ist zudem das damals vorherrschende Gefühl gegenüber der Landschaft erkennbar: Noch galt sie als eher schauriger Antiwohlfühlort. Erst in der nun aufkommenden Romantik wird sie, inspiriert vor allem durch die Malerei Caspar David Friedrichs und die seinem Stil nacheifernden Künstler, langsam in eine transzendental angehauchte Sehnsuchtslandschaft umgedeutet.

Wie selbstverständlich schießen sich auch gleich die Eltern auf die düstere Gefühlslage ein: »Was, durch solche Engstellen sollen wir durch, solche steilen Treppen hinab? Und wozu überhaupt, hier ist es doch dunkel, feucht und kalt!« Na gut, das wird erst mal überhört. Als sie in Stadt Wehlen auf dem Marktplatz am frühen Abend einen Cappuccino in der wärmenden Sonne schlürfen, sind sie fürs Erste wieder besänftigt. Eine günstige Gelegenheit, ich preise den morgigen Tag, schwärme von der Bastei und dem Blick übers zerklüftete Land beidseits der Elbe.

Bildergalerie: Elbsandstein: Unterwegs am Malerweg

Feindbild dicker August

Doch davor steht der Aufstieg über den Schwarzbergweg. Der Vater ist frohen Mutes, witzelt sogar: »Ob der dicke August sich zum Jagen hier mit der Sänfte hat rauftragen lassen?« Später werden wir zwar erfahren, dass August der Starke trotz seiner Leibesfülle beileibe kein Jammerlappen war, doch im Moment gibt er ein gutes Feindbild zum Aufbau eigener mentaler Wanderstärke ab. Kurz vor dem Plateau geht der Mutter schließlich die Puste aus. Warum ich ihr nicht verraten hätte, dass der Weg ständig auf und ab gehe, stöhnt sie. »Wir sind im Elbsandstein-G-E-B-I-R-G-E«, buchstabiere ich kurz den hinteren Teil des Worts. Vermutlich läuft so beinahe jeder Familienurlaub mit Kindern ab.

Schon um 1800 kamen Künstler auf dem späteren Malerweg zur Bastei. | Foto: Diana Haas

Auf der Bastei geben sie mir zu verstehen, dass ich ihnen gestern Abend nicht zu viel versprochen hätte, eine dolle Aussicht sei das. »Doll« ist in unserer Familie das Synonym, das für den Ausdruck größter Glücksgefühle benutzt wird. Trotzdem kommt auf der Basteibrücke noch die Frage, warum wir hier unter Blut, Schweiß und Tränen hinaufgewandert seien, wenn doch alle anderen Besucher offensichtlich mit dem Auto zur Bastei kämen.
»All meine Gedanken, die ich hab, die sind bei dir«, dringt ein wohlklingender Tenor aus dem tiefer liegenden Wald, der mit jedem weiteren Schritt hinab voller wird. Hinter der nächsten Wegbiegung steht der Sänger, inbrünstig stimmt er immer neue mittelalterliche Lieder an. Die Mutter ist hingerissen, in der nächsten Pause bittet sie Christian, der erzählt, dass er im Sommer meist singend durch die örtlichen Wälder zieht, um eine Zugabe von »All meine Gedanken«. Fortan ist das ihr Lied, nichts scheint sie mehr aus ihrem Wanderrhythmus bringen zu können. Vorbei an der Felsenbühne Rathen und dem Amselsee, wieder rauf in den Wald Richtung Hockstein.

Oben ein neues Problem: Als die Mutter und ich im Anblick des Polenztals schwelgen, ich dabei übermütig in Titanic-Manier aufs Geländer der Teufelsbrücke steige und die Arme hochreiße, mahnt der Vater, der zuvor förmlich über die Brücke gerannt war, zur Vorsicht: Ich sei wohl wahnsinnig geworden, heißt das in seinen Worten. Dann gesteht er öffentlich seine notorische Höhenangst, die selbst auf andere Personen übergreifen könne. Bevor mir etwas Unschönes rausrutscht, besinne ich mich und buchstabiere abermals: »Wir sind im Elbsandstein-G-E-B-I-R-G-E.« Kammerherrn Carl von Voß schien es ähnlich wie dem Vater ergangen zu sein, er schrieb 1822 in »Eine Reise nach Dresden«: »Doch kann man sich eines Schauers nicht erwehren, wenn man über die schmalen ... Brücken die mehr als 100 Fuß tiefen Abgründe überschreitet und die dicht unter denselben aufwärts führenden Treppen ersteigt.« Auf diesen müssen wir  nun hinab, geradewegs durch die Wolfsschlucht. Eng und ziemlich hoch, vielleicht 15 Meter, sind die Wände, nur ein Fingerbreit Licht ist oben zu sehen. Die Mutter hat jetzt Platzangst, sagt sie, aber nur ein bisschen. Im Polenztal ist die Platzangst vergessen, die Märzenbecher auf der Wiese lassen die Mutter strahlen. Dafür ist der Vater bereits im Wald verschwunden, ihn reitet scheinbar die Höhenangst. Noch einmal führt der Weg durch den Schindergraben steil hinauf. Bis nach Hohnstein, wo die Burg sich aus dem grünen Waldmeer erhebt und in artistischer Anmut auf dem höchsten Felsen ruht.

Die Ängste des Vortages sind vergessen, bei »All meine Gedanken sind bei dir« wandern wir am nächsten Morgen unbeschwert neben mächtigen Sandsteinwänden durch den Wald. Grün, frisch und sonnig die Atmosphäre. Rechts geht es tief runter, der Vater hält sich so weit wie möglich links. Unbedarft locke ich die Eltern wenig später in die Gautschgrotte, wo sich der Vater unversehens an einer erhöhten Felskante wiederfindet, auf die er nicht vorbereitet war. Klagelaute von sich gebend, macht er sich auf allen Vieren den Weg zurück, verhuscht wie ein verschreckter Fuchs. Doch die Stimmung bleibt gut, und als wir die Gaststätte am Brand erreichen, wähnt sich die Mutter gar wieder im siebten Schnitzelhimmel (Schnitzel hatte sie erst gestern Abend). Ich sage, jetzt wird erst noch ein Stück gewandert, bevor es eine Pause gibt, sie sagen, nichts da!

Achterbahn der Gefühle

Von Brand führt der Malerweg einmal mehr steil hinab, diesmal in den Tiefen Grund. Endlose Treppen ohne Geländer, Tiefe, die einen richtig anzieht. Da ist die gute Laune der Mutter verflogen. Sie ist in ihrer Jugend mal mit einem Freund Achterbahn gefahren, da dachte sie, der Wagen fliegt in der Kurve raus, seitdem sind solche ungeschützten Höhen nichts für sie. Irgendwie hat sie es doch geschafft, ich habe ihr gut zugeredet und sie an die Hand genommen. Kaum sind wir unten, geht es auf der anderen Seite schon wieder auf Treppen steil hinauf. Doch hoch hat die Mutter kein Problem – zumindest mit der Höhe nicht. Wie lange das noch so nach oben gehe, murrt sie irgendwann. Diesmal buchstabiere ich nicht, schweige einfach.

Nachmittags erreichen wir Altendorf, die Mutter hat sich unterwegs Mut gemacht mit der Geschichte von der Frau, die mit Aborigines auf Walkabout war. Wahlweise hat sie vor sich hingemurmelt: »Die hatten nichts zu trinken dabei«- oder »Barfuß und fast nackt waren die im Busch unterwegs.« In der Ferne ragen die Schrammsteine imposant in den Himmel. Ich sage: da steigen wir morgen rauf. Sie sagen: du spinnst!

Auf der Geraden läuft es sich ohne Klagen. | Foto: Ingo Hübner

Doch ich behalte recht, kurz hinterm Schrammsteintor dränge ich sie kurzerhand die fast senkrechten Eisenleitern des Wildschützenstieges hoch. Auf dem Schrammsteingrat angekommen, erkläre ich, der weitere Weg sei harmloser als wieder den Stieg zurück. Aber hier haben sie ohnehin genügend Ablenkung: ein anderes Paar kämpft mit ähnlichen Problemen. Der Mann an der Hand seiner Frau. Die Frau erzählt der Mutter, dass sie vor einigen Jahren nicht auf dem Grat hätte stehen können, doch heute löse die Erhabenheit der Felsen ein gutes Gefühl in ihr aus. Ihr Mann übe sich gerade noch darin. Die Mutter setzt sich und versucht sich in etwas, das aussieht wie Meditation. Minuten vergehen, sie lächelt, dann sagt sie, so eine bombastische Szenerie hätte sie in Deutschland nie vermutet. Nur, wo ist der Vater abgeblieben? Spurlos verschwunden. Später finden wir ihn wartend an einer Kreuzung im Wald, er gibt sich cool, die Ausblicke seien sagenhaft gewesen, er musste auf dem Gratweg nur etwas schneller gehen.

Die Läuterung der Eltern vollzieht sich beim Anstieg auf den Großen Winterberg. Keine Klagen mehr, nur noch Lobreden auf die monumentale Natur. Als wir schließlich auf dem Gipfel den Sonnenuntergang erleben, die Elbe ein glühendes Band in der Landschaft ist und sich die Felstürme der Schrammsteine und die Tafelberge wie gigantische Scherenschnitte daraus erheben, sind sie ganz still. Carl von Voß schrieb über diese Aussicht: »Es ... füllten sich die meisten Thäler mit dem reinsten Silberglanz und schwebten in lichten Wolken um die grauen Felsspitzen. Plötzlich erglühten sie, von den Strahlen der eben hinabsinkenden Sonne-getroffen, an mehreren Stellen im hellsten Feuerscheine und färbten sich immer röther und feuriger, bis sie den Anschein glutrother Lavaströme erhielten … Sprachlos, diesen Eindrücken ganz hingegeben, bemühte ich mich, dies wundervolle Bild tief in meine Seele einzuprägen, um es bis ans Ende meines Lebens zu bewahren.«

Tja, was soll ich sagen, mit den Eltern verhält es sich ähnlich wie mit den Romantikern: Sie haben die Wanderung durch eine anfangs schaurige und Ängste heraufbeschwörende Gegend umgedeutet in eines ihrer schönsten Erlebnisse. Ständig rufen sie an und fragen, wann wir wieder im Elbsandsteingebirge wandern.

 
4-Seasons Info

Auf den Spuren der Romantiker

Seit 2006 ist mit dem Malerweg eine der schönsten Wanderrouten Deutschlands wieder begehbar.

Karte MalerwegCharakter: Der heutige Malerweg ist 112 km lang und als Rundweg von Pirna aus konzipiert. Die 68 km rechts der Elbe folgen weitgehend dem historischen Weg, den bereits vor 200 Jahren Reisende und Künstler nahmen. Die 44 km lange Strecke auf der linken Seite wurde ganz neu entworfen. Die Wanderung ist auf acht Tagesetappen ausgelegt (siehe www.malerweg.de). Rechtselbisch führt der Malerweg größtenteils durch den Nationalpark »Sächsische Schweiz«, dort wandert man meist durch Schluchten und Felsformationen. Linkselbisch ist der Malerweg durch offene Landschaft und Tafel-berge wie den Pfaffenstein geprägt. Caspar David Friedrichs »Wanderer im Nebelmeer« ist ein Motiv dieser Seite.

Anreise und vor Ort: Die Bahn bietet das Elbsandsteingebirge als »Fahrtziel Natur« an, www.bahn.de. Oder mit dem Auto bis Dresden, weiter auf die A17 bis nach Pirna. Vor Ort ist kein Auto nötig, der ÖPNV ist gut ausgebaut, www.vvo-online.de.

Infos und Pauschalen: Beim Tourismusverband Sächsische Schweiz (Bahnhofstr. 21, 01796 Pirna, Tel. 03501/470147, www.saechsische-schweiz.de) lassen sich komplette Touren als auch einzelne Übernachtungen buchen. Der Verband hält zudem Kartenmaterial etc. bereit. Sächsische Schweiz Tours, www.sax-ch-tours.de, Tel. 035974/50 550, organisiert Touren und übernimmt den Gepäcktransport von Unterkunft zu Unterkunft.

Individuell Übernachten: Bei individueller Planung, z. B. von einzelnen Tagesetappen, eignen sich folgende Herbergen, die von Pirna aus am Weg liegen: