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Durchs wilde Deutschland: Andreas Kieling im Interview

Andreas Kieling zu Besuch im Seeadlerhorst.
Andreas Kieling zu Besuch im Seeadlerhorst. | Foto: Andreas Kieling
Andreas Kieling, Deutschlands bekanntester Tierfilmer, war wieder unterwegs – und wieder vor der Haustür. »Durchs wilde Deutschland« führen sein neues Buch und eine kürzlich ausgestrahlt­e ZDF-Doku. Ein Gespräch über ein Leben mit Wölfen, Wildschweinen und Widersprüchen.

Andreas, bitte mal ergänzen: »Denk ich an Deutschland in der Nacht ...

»… dann bin ich um den Schlaf gebracht, ich kann nicht mehr die Augen schließen, und meine heißen Tränen fließen.«
Nicht schlecht, oder? Viele wissen allerdings nicht, dass Heinrich Heine nicht aus Kummer, sondern aus Sehnsucht nach seine­r Heimat keinen Schlaf fand. Wenn überhaupt, liege auch ich nachts nur wach, weil mir so viele über­wältigende Erlebnisse aus meiner Heimat durch den Kopf gehen.

Als Bärenmann bist du bekannt geworden, »Durchs wilde Deutschland« war jetzt das zweite große Heimatprojekt innerhalb kurzer Zeit. Echte Faszination oder verkauft sich das Thema einfach gut?

Kieling forscht: Wollhandkrabben in der Dresdner Elbe ...

Natur will gefühlt werden und wo geht das besser als in der Heimat? Der »Wandersommer«, für den ich mit meiner Hündin Cleo 2009 sieben Wochen lang durch die Republik gestreift bin, war bisher die emotionalste Unternehmung in meiner langen Laufbahn als Tier­filmer. Bei diesem zweiten Deutschland-Projekt wollte ich Details: Wie genau sehen die Lebensräume der Tiere aus? Welchen Einfluss haben wir Menschen? Wie steht es wirklich um die deutsche Natur?  

 

Hast du Antworten gefunden?

Der Natur in Deutschland geht es besser, als viele denken. Die Artenvielfal­t ist deutlich größer als vor 20, 30 Jahren, und auch Tiere, die kurz vor dem Aussterben standen, haben sich erstaunlic­h gut erholt. Allen voran große Prädatoren wie Wolf, Adler, Luchs, Wanderfalke oder Uhu. Dafür gibt es drei Gründe: das Verbot von Umweltgiften wie DDT in der Landwirtschaft, das Einrichten großer Schutzgebiete und — ganz simpel — die Klimaerwärmung; schon ein Grad mehr sorgt für ein üppigeres Pflanzenwachstum, die Insektenpopulationen steigen, Vögel haben mehr zu fressen …

… und plötzlich stehen auch Luchs und Wolf wieder auf der Matte. Ist es wirklich so einfach?

... und auf Steinbockpirsch am Watzmann. | Fotos: Andreas Kieling

Der entscheidende Faktor sind wir Menschen. Lange waren wir so bequem, zu glauben, dass Bär, Steinbock, Seeadler und Co. nur in den verstecktesten Winkeln der Eifel, im Schwarzwald oder in den Alpen existieren können. Das ist aber völliger Quatsch. Diese Tiere haben zuletzt nur noch da gelebt, weil wir sie dorthin verdrängt habe­n. Aber wenn du sie lässt, den Luchs, den Wolf, den Bär, dann stellst du auf einmal fest: Die können durchaus in unserer Nähe lebe­n. Ganz nach dem Prinzip: leben und leben lassen. Die Tiere sind dazu bereit — aber sind wir es auch?

Du meinst also, man müsse die Natur mehr sich selbst überlassen?

Man darf nicht vergessen: In Deutschland leben 82 Millionen Mensche­n, und wir alle wollen einen gewissen wirtschaftlichen und so­zialen Wohlstand. Unsere Landschaften sind seit Jahrhunderten von der Kultur geprägt und das ist auch völlig in Ordnung. Wenn wir zum Beispiel hektarweise Energiemais für Biogasanlagen anbauen, vermehren sich die Wildschweine dank des üppigen Futterangebots wie die sprichwörtlichen Karnickel. Da müssen Jäger eingreifen, andernfalls rafft irgendwann eine Seuche die ausufernden Bestände dahin. Aber wenn in eigens eingerichteten Schutzgebieten wie dem Nationalpark Berchtesgadener Land kranke Gämsen geschossen werden, damit sie nicht das idyllische Bild für die Touristen stören, kann ich das nicht verstehen. Der Adler und andere Raubtiere sind auf alte und schwache Beute angewiesen — überlassen wir es doch ihnen, die Bestände in solchen Revieren zu regulieren!

Dann wäre jetzt aber auch Hans Wurst nicht mehr am Leben …

»Sag Cleo, wo geht's zu den wilden Tieren?« | Foto: Andreas Kieling

Cleo und ich waren gerade dabei, im Segeberger Forst in Schleswig-Holstein die Nutzung von Grünbrücken durch Wildtiere zu dokumentieren, als plötzlich ein Waldkauz eine kleine Haselmaus aus einer Hecke pflückte. Obwohl es das Schicksal des kleine­n Nagers sein sollte, war mein Beschützerinstinkt geweckt, und ich lief wild gestikulierend auf den Kauz zu. Der ließ die Maus tatsächlich fallen — durchbohrt von den Klauen des Raubvogels lag sie zuckend im Gras. Wie durch ein Wunder hat das zähe Kerlchen überlebt und reiste — auf den Namen Hans Wurst getauft — mit uns fast zwei Monat­e lang durch Deutschland. Natürlich war das ein Eingriff in die Natur, aber mein Leben ist ja nicht weniger widersprüchlich als das vieler Deutscher.

Mit welchen Widersprüchen muss Andreas Kieling klarkommen?

Oft bin ich wochen- oder monatelang allein in der Wildnis, komme zurück und gehe in eine Halle mit 1500 Leuten und erzähle von meinen Abenteuern. Ich gebe Interviews, trete im Fernsehen auf und ständig klingelt das Telefon. Ich bin ein ruhiger, introvertierter Typ, und mir fällt dieser Wechsel in das öffentliche Leben immer wieder schwer. Wenn ich dann sage: »Oh Gott, komm Cleo, wir verschwinden«, können die Leute das natürlich nicht verstehen. Die sehen mein Haus, meine tolle Familie, das Geld, das ich verdiene, und fragen sich: »Was jammert denn der Kieling jetzt wieder?«

Trotzdem hast du Erfolg: Dein Buch »Ein deutscher Wandersommer« stand acht Monate lang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Warum?

Wissen, dass sie auf der deutschen Seite der Grenze nichts zu befürchten haben: Steinböcke im Berchtesgadener Land sind nicht kamerascheu. | Foto: Andreas Kieling

Weil ich authentisch bin. Mit meiner wildromantischen, natur­bezogenen Wanderung durch Deutschland habe ich offenbar die Sehnsüchte der Menschen geweckt. Wer mit offenen Augen und Ohren durch die Heimat geht, erlebt die wunderbarsten Dinge — und das ohne Jetlag, katastrophale CO2-Bilanz und leergeräumtes Bankkont­o. Geh mal in die Rheinauen — da denkst du, du bist am Ama­zonas. Oder die Alpen — die sind genauso schön wie die Rocky Mountains, die Anden oder der Himalaja, mindestens!

Erwarten Fans und Medien nicht die Exotik ferner Länder und Tiere?

Ich könnte bestimmt noch 130 Bärenfilme machen und hätte dami­t sensationelle Einschaltquoten. Aber genauso wie für die großen Räuber kann ich mich für Vögel, Reptilien oder Insekten begeistern. Wenn ich mich im Frühling auf eine Blumenwiese setze, bin ich einfach entzückt und staune, was da um mich herum alles flattert, summt, brummt, blüht und grünt. Ich habe diese Freud­e für die kleinen Dinge nie verloren. Trotzdem werde ich mich in den nächsten zwei Jahren wieder auf die Spuren der Letzten ihrer Art begeben, um zu sehen, wie es um Berggorilla, Eisbär, Wüsten­elefant und all die anderen bedrohten Arten steht.

… mit einem Tross von Assistenten und Redakteuren im Schlepptau?

Auf Deutschlands einziger Hochseeinsel Helgoland sind die Kegelrobben zu Hause. | Foto: Andreas Kieling

Nein, überhaupt nicht. Früher in Alaska und Nordkanada war ich sogar ganz allein unterwegs. Aber es ist besser, jemanden dabeizuhaben, der dir den Rücken freihält. Mit dem Blick durch den Suche­r der Kamera blendest du die restliche Welt um dich herum aus — wenn dann ein Eisbär, Grizzly oder auch ein Wildschweinkeiler hinte­r dir auftaucht, kann das schnell gefährlich werden. Meist sind wir zu dritt unterwegs: Cleo, ich und ein weiterer Kameramann.

 

Cleo ist ein vollwertiges Teammitglied?

Unbedingt! Mit ihrer Spürnase hat Cleo schon manchen scheinbar hoffnungslosen Dreh gerettet und mich zu den kamerascheuen Tiere­n geführt. Auch überträgt sich meine Stimmung ganz stark auf den Hund: Ist Herrchen glücklich, ist auch Cleo zufrieden. Aber kein Wunder — mit ihr verbringe ich mehr Zeit als mit meiner Familie.

Seid ihr nur mit Zelt, Schlafsack und Kamera unterwegs?

Im von Autobahnen durchschnittenen Deutschland freuen sich Wildschwein & Co. über Grünbrücken. | Foto: Andreas Kieling

Wenn es darauf ankommt, bin ich sehr leidensfähig, und Nächte draußen im Wald sind für mich das Salz in der Suppe. Aber ich bin 52 Jahre alt und muss mir nichts mehr beweisen. »Durchs wilde Deutschland« ist an 240 Drehtagen entstanden, meist hat sich ein Bett für die Nacht gefunden. Wenn ich mal für eine Besprechung zum ZDF muss, nehme ich zwar die Treppe statt des Aufzugs, aber ich klettere ja auch nicht an der Fassade hoch in den fünften Stock.

»Durchs wilde Deutschland« sollte eine Inventur der heimischen Natur werden – wie wichtig waren dabei die Menschen?

In Deutschland gibt es für jedes Tier, jeden Lebensraum Experten — ich wäre dumm, die Hilfe dieser Fachleute nicht in Anspruch zu nehmen. Früher war ich selbst 80 Prozent draußen in der Feld­forschung und nur 20 Prozent im Büro, heute ist das Verhältnis manchmal umgekehrt. Wenn mir dann der Bergführer aus dem Berchtesgadener Land sagen kann, wo die Steinböcke zuletzt gesehe­n wurden, hilft mir das natürlich sehr. Und mir war es schon immer eine Freude, naturverbundene Menschen kennenzulernen.

Was war dein stärkstes Erlebnis im wilden Deutschland?

Ein Mann sieht rot: Andreas Kieling nach dem Sturz aus der Hirschkäfer-Eiche. | Foto: Andreas Kieling

Es wäre vermessen, ein einziges Ereignis herauszugreifen. War es die Kletterei auf einen Seeadlerhorst in Mecklenburg-Vorpommern? Oder im Wattenmeer zu stehen, und um dich herum landen 50.000 Zugvögel, die gerade aus Westafrika kommen? Genauso verblüfft war ich, als eine Kegelrobbenmutter auf Helgoland neben mir im Wintersturm ihr Junges bekommen hat. Vielleicht waren es auch die glücklichen Wochen mit den Hirschkäfern in der Colbitz-Letzlinger Heide, auch wenn mir da ein morscher Ast auf den Kopf fiel.  Die Käfer und ich waren immer etwas beschickert, weil ich sie mit Bier anlockte und auch selbst mal einen Schluck nahm.

Muss man denn ganz tief hinein in den dunklen Wald, um das wilde Deutschland zu entdecken?

Dicker Fisch: Solche Welse leben in Deutschlands Gewässern. | Foto: Andreas Kieling

Die Frage ist doch: Wie definiere ich Wildnis? Das ist alles eine Frag­e der Perspektive. Als Kind habe ich mich auf meiner kleinen Insel in der Saale gefühlt wie Robinson Crusoe, das war Wildnis pur! Das kannst du aber auch mitten in der Großstadt finden: Da reicht ein kleiner Teich, ein bisschen Schilf, ein paar Wasserpflanzen, und schon hast du — wenn du die urbanen Geräusche ausblendest — ein kleines Stück wilde Natur. Wenn du großes Glück hast, schwimmt sogar ein Biber vorbei und du sagst: »Wow, dass es das mitten in Berlin, Stuttgart, Leipzig oder Hambur­g noch gibt!« Nach so einem Erlebnis versteht man auch Heinrich Heine nicht mehr falsch.

 
4-Seasons Buchtipp
 

»Durchs wilde Deutschland — von den Alpen bis zum Wattenmeer«

Für die aktuelle ZDF-Dokumentation »Kielings wildes Deutschland« streifte­n Andreas Kieling und Hündin Cleo fast 14 Monate durchs Land — von den Bergen bis zur See.

Auch das aktuelle Buch schildert in 13 spannenden, informativen und unterhaltsamen Episoden Kielings Erleb­nisse mit Deutschlands vielfältiger Natur. Auf hohen Bergen, in tiefen Seen und sogar mitten in der Großstadt fahndet Kieling nach wilden Tieren und verrät, welche Naturwunder Deutschland zu bieten hat.

320 Seiten, 67 Fotos, Malik Verlag, München, 22,99 Euro, Globetrotter-Bestellnummer: 20.34.98

 
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13.11.2010ArtikelAktuell

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Kommentare

offensichtlich geht 4-seasons diesem Selbstdarsteller und Trickser auch auf den Leim !!!
Solltet mal die neuesten Pressemeldungen über ihn lesen.

Hallo Ludger, gehen Sie bitte nicht der Presse auf den Leim. Sie sollten einmal Andreas' Stellungnahme dazu lesen. Die Vorwürfe stehen in keiner (!) Relation zu seiner Leistung.