präsentiert von:

Drei Zinnen und ein Schweinehund: Klettersteigtouren rund um Sexten

Foto: Ingo Hübner
Die Drei Zinnen sind das steinerne Herz der Dolomiten. Rundherum führen Klettersteige zu immer neuen, sprachlos machenden Ausblicken über diese Landschaft – sofern es der Autor schafft, sein äußerst komfortables Basislager, ein Europa Wanderhotel, zu verlassen.
Über das Drei-Zinnen-Plateau führen so einige Wanderwege. | Foto: Ingo Hübner

Ein süffisantes Grinsen umspielt seine Mundwinkel, breitbeinig fläzt sich der Schweinehund im Sessel am Bettende. Da saß er gestern früh schon und hat so dumm gegrinst. Hinter der Fensterfront thronen die Berge der Sextner Sonnenuhr, wirken wie eine Fototapete. »Na, so früh wach, willst nicht noch ein bisschen schlafen?«, neckt der Schweinehund sofort, als er bemerkt, dass ich blinzele. Die gleiche doofe Frage wie gestern. Ich ignoriere ihn und blinzele weiter dem Tag entgegen. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass der Flachlandtiroler gestern kurz vorm Gipfel aufgegeben hat«, bohrt er weiter. »Flachlandtiroler, pass auf, was du da sagst«, fauche ich ihn an. »Und überhaupt hat das gestern am Wetter gelegen, um 14 Uhr ist es richtig dick zugezogen auf dem Drei-Zinnen-Plateau. Da war an einen Aufstieg auf den Toblinger Knoten nicht mehr zu denken«, spricht der Mund einfach. Aber was muss ich mich eigentlich vor dem Schweinehund rechtfertigen? Schon 6.50 Uhr, also raus aus dem Bett, das so bequem ist, dass es einen gar nicht aufstehen lassen will. Der Schweinehund protestiert, doch mit einem scharfen Blick bringe ich ihn zum Schweigen. »Wir sehen uns«, knurrt er, als ich die Zimmertür hinter mir zuschlage.

Wie vor fast jedes große Erweckungserlebnis in den Bergen – in diesem Fall der Anblick der Drei Zinnen – hat der liebe Gott ein kleines Martyrium gesetzt – in diesem Fall den Aufstieg aus dem Fischleintal. 1000 Höhenmeter vorbei am Einserkofel in einer Art Rinne, in der sich im Sommer die Hitze bestens staut. Und der ist bereits voll da, der Sommer. Man muss wissen, die Klettersteige in den Dolomiten lassen sich nur dann gehen. Gefühlte 800 Meter weiter oben steht eine Bank am Wegesrand und wer sitzt da gemütlich in der Sonne? Natürlich wieder der Schweinehund. »Ah, auch schon hier! So wie du aussiehst, wärst lieber auf der Sonnenterrasse des Hotels geblieben und hättest einen Cappuccino geschlürft. A bisserl La Dolce Vita genießen, da steht ihr Flachlandtiroler doch drauf.« Ich erwäge kurz, ihm mit dem Klettersteigset im Rucksack eins überzuziehen, schnaube aber nur verächtlich und lasse ihn wortlos sitzen. Warum sich in dieser einzigartigen Kulisse ärgern lassen, die so bilderbuchmäßig schön ist, dass einem die Tränen vor Rührung kommen könnten.

Über die Klettersteigroute auf den Paternkofel brachten Soldaten im Ersten Weltkrieg schweres Kriegsgerät auf den Gipfel. | Foto: Diana Haas

Auf dem Plateau entfaltet die Dolomitenlandschaft endgültig ihre ganze gebieterische Herrlichkeit. Kathedralenartig streben die Drei Zinnen gen Himmel, ihre Spitzen geheimnisvoll wolkenverhüllt. Von irgendwoher zielt ein Sonnenstrahl auf die Große Zinne, das kann man gut und gern göttliche Beleuchtung nennen. Links der lang gestreckte Paternkofel – der wird morgen mit Walter, dem Chef des Europa Wanderhotels, Berghotel Tirol, bestiegen –, geradeaus die Drei-Zinnen-Hütte, rechts der markante Felsturm des Toblinger Knotens. Es fällt schwer zu glauben, dass in so einer Landschaft Menschen noch in der Lage sind, Krieg gegeneinander zu führen. Doch genau über das Plateau verlief im Ersten Weltkrieg die Front zwischen Italien und Österreich-Ungarn, und man lieferte sich von 1915 bis 1917 hier einen gnadenlosen Stellungskrieg – vor allem um die Vorherrschaft über die Gipfel. Denn wer sie kontrollierte, kontrollierte das Gebiet. Auch der das Plateau um etwa 200 Meter überragende Toblinger Knoten war als Aussichtspunkt strategisch wertvoll. Heute folgt ein Klettersteig durch die nordseitigen Kamine der alten Route auf den Gipfel. Und der ist, um in der Kaminsprache zu bleiben, ziemlich zugig. Über 17 Leitern geht es senkrecht und teilweise noch etwas mehr als senkrecht nach oben, der Rücken meist nur von klarer Höhenluft umspielt. Kurz umgedreht und man fühlt sich wie ein Vöglein in den Weiten der Berge. Oder vielleicht ein wenig wie der Huber Alex, der nebenan die Große Zinne free solo bezwungen hat. Wenn der Schweinehund das jetzt sehen könnte, aber vor so viel freier Höhe hat der Schiss!

 

Am »Zwergentod« braucht‘s lange Beine

Zwischendurch darf man auch mal die Kulisse bestaunen. | Foto: Ingo Hübner

Und nicht nur Höhenängstliche stoßen beim Aufstieg an ihre Grenzen, sondern auch kleine Menschen. Am so genannten »Zwergentod« gilt es, in einem Kamin ohne Leiter aufzusteigen, die Wände so weit auseinander, dass man Beine, zwei Meter lang, dafür braucht. Keine Bange, die werden automatisch länger, als sie in Erinnerung sind, denn umkehren ist nicht mehr. Schließlich eine Steilwand queren und einige Leitern mit schwindelerregendem Nichts im Rücken nach oben und der Gipfel ist erreicht. Immer noch sind die Spitzen der Zinnen wolkenverhüllt, strotzen vor Erhabenheit, aber nun sind sie Teil eines 360-Grad-Panoramas, das sich vor einem streckt, wölbt und dehnt, als sei der Toblinger Knoten das geometrische Zentrum dieser Berge. Ein Pärchen sitzt schon eine Weile und staunt. Der Mann kramt einen Flachmann aus seinem Rucksack, wir trinken einen Gipfelschnaps.

Um 6.05 Uhr schleiche ich mich aus dem Zimmer, der Schweinehund schnarcht in seinem Sessel noch vor sich hin. Doch so leicht lässt er sich nicht abschütteln. Am Frühstücksbüfett steht er plötzlich neben mir, raunt mir ins Ohr, ob ich den Tag nicht lieber auf der wunderschönen Sonnenterrasse des Hotels verbringen wolle, als mit dem Walter auf den blöden Paternkofel zu steigen. »Hau ab«, zische ich und lasse ihn stehen. Nachdem ich Walter über meine blutigen Zehen – das Resultat von zwei langen Abstiegen – aufgeklärt habe, lässt er Gnade walten: Schelmisch grinsend, wie ich meine, erklärt er, dass wir von der anderen Seite direkt bis zum Plateau fahren. Von dort sei es ein Katzensprung um die Zinnen herum bis zum Klettersteig auf den Paternkofel. Hat der Walter mich gerade auch Flachlandtiroler genannt oder habe ich mich verhört? Sei’s drum. Wenn schon Andy-Warhol-artige Collagen von Luis Trenker die Hotellobby zieren, liegt die Vermutung nahe, dass in den Augen des Südtirolers ausnahmslos jeder ein Flachlandtiroler ist, der nicht aus dem Stand die Große Zinne bezwingen kann – free solo versteht sich.

Die dramatische Szenerie der zerklüfteten Dolomiten-Bergwelt wird manchmal noch vom Wetter untermalt. | Foto: Ingo Hübner

Luis Trenker war allerdings nur der berühmteste Gast in Walters Hotel, sozusagen bloß die Spitze des Eisbergs an Kletterpersönlichkeiten, die mit Sexten in Verbindung stehen. Die Sextner Brüder Johann und Michel Innerkofler gelten mit als die wichtigsten Erschließer der Dolomiten, ihre Erstbesteigung der Kleinen Zinne 1881 als Meilenstein des Kletterns. Auch dem Bergführer Sepp Innerkofler gebührt mit der Erstbegehung der Nordwand der Kleinen Zinne 1890 ein Eintrag in die Kletter-Annalen. Allerdings widerfuhr ihm ein für Bergsteiger eher untypischer Tod: Er fiel am 4. Juli 1915 während der Kämpfe auf dem Paternkofel. Walters Geschichtsstunde endet am Beginn des Klettersteigs erst mal, mit dem Hinweis, dass der Steig Sepps Namen trage. Jetzt ist nämlich Konzentration gefordert, denn der Weg führt zunächst durch einen nassen, rutschigen und sehr schwarzen Stollen. »Die Kriegsparteien haben sich überall wie die Maulwürfe durch die Berge gegraben«, erklärt der Walter und verschwindet im Dunkel jenseits des Stirnlampenlichts. So dunkel bleibt es nur kurz, der Steig führt weiter an der Bergflanke entlang über ein Sims, hin und wieder müssen kleine Schneefelder gequert werden. Dann der nächste Stollen und diesmal bohrt er sich quer durch den Berg. Mehr Wanderpfad denn Klettersteig windet sich ein schmales Band über steilen Geröllhängen weiter dem Gipfel entgegen, immer wieder an in den Fels gehauenen Unterständen vorbei, morsche Holzbrücken überwinden gähnende Abgründe. »Über die Pfade transportierten die Soldaten nicht nur Nachschub auf den Gipfel, selbst tonnenschwere Kanonen haben sie raufgeschleppt«, erzählt der Walter. Dieser Kraftakt erscheint unfassbar, und nur wenig später noch unfassbarer, denn da geht auch diese Route in fast senkrechte Kletterei über.

 

Dramatische Schicksale in dramatischen Bergen

Fast so frei wie ein Vogel dem Gipfel des Toblinger Knotens entgegen. | Foto: Ingo Hübner

Der Walter scheint endgültig in seinem Element, behände und geschwind wie eine Bergziege steigt er vor, gibt immer wieder Anweisungen, wo Hände oder Füße als Nächstes hin sollen. Und plötzlich stehen wir oben auf dem Paternkofel. Zwei Gipfelkreuze nur wenige Meter entfernt. Eines ist dem Sepp Innerkofler gewidmet. Der Walter sagt, die Todesursache sei bis heute nicht eindeutig geklärt. Eine Version behauptet, der Sepp sei versehentlich vom Sperrfeuer der eigenen Männer getötet worden, die andere, dass ihn der Italiener Piero de Luca mit einem Stein am Kopf getroffen habe und er abgestürzt sei. Genau diesen Piero de Luca soll der Sepp noch wenige Tage zuvor aus den Wänden der Großen Zinne gerettet haben, da er sich in ihnen verstiegen hatte. »Dramatische Schicksale in dramatischen Bergen«, sagt der Walter nachdenklich. Wie recht er hat, rund um uns drängen sich Zacken, Türme, Wände, spitze Nadeln so weit das Auge reicht und ein Himmel darüber, als gäbe es kein Morgen. Doch das gibt es. Und soll ich darüber noch etwas verraten? Der Schweinehund hat sich nicht mehr blicken lassen.

 
4-Seasons Info
 

Auf die Gipfel!

 

Ideale Basis für Klettersteigtouren rund um die Drei Zinnen ist Sexten. Hier liegt das Berghotel von Walter Holzer, ein Mitglied der Europa Wanderhotels. Ihr Anspruch: perfekte Wanderferien.

 

Anreise/Vor Ort
Bequem reist man mit der Bahn bis nach San Candido/Innichen, von dort mit dem Taxi nach Sexten. Online ist das Ticket zurzeit bis Fortezza/Franzensfeste buchbar, dort muss man ohnehin umsteigen und löst ein Ticket bis San Candido, www.bahn.de. In Sexten gute Busverbindungen zu allen Zielen in der Region.

Übernachten
Berghotel Tirol, Helmweg 10, Tel. +39/0474 710386, www.berghotel.com. Das Hotel verleiht kostenlos Klettersteigsets und bietet ein wöchentliches Wanderprogramm an (geführte Klettersteigtouren auf Anfrage in Zusammenarbeit mit der Alpinschule Sexten). Das Berghotel ist eines von zurzeit 72 Mitgliedern der Europa Wanderhotels. Alle Gastgeber sind ausgebildete Wander- oder Bergführer- und haben ein wöchentliches Programm mit mindestens drei geführten Wanderungen. Jedes Hotel verfügt über eine Wanderinfothek mit Wanderkarten, Natur-, Pflanzen- und Kulturführern und verleiht kostenlos Rucksäcke und Wanderstöcke. Alle Hotelküchen setzen außerdem auf Produkte aus der jeweiligen Region.

Infos
Infos über die Europa Wanderhotels: www.wanderhotels.com. Der aktuelle Katalog ist im Internet oder telefonisch bestellbar, Tel. +43/4710 2780. Weitere Hotels in Südtirol, die Klettersteigtouren anbieten, sind der Cyprianerhof in Tiers, www.cyprianerhof.com, das Wanderhotel Europa in Seis am Schlern, www.wanderhotel-europa.com, und das Bella Vista in Trafoi, www.bella-vista.it.

Literatur
Ein sehr guter Klettersteigführer mit allen relevanten Steigen rund um Sexten: »Dolomiten-Südtirol-Gardasee« aus dem österreichischen Alpinverlag, 29,95 Euro, www.alpinverlag.at.

 

 
weiterführende Artikel: 
16.04.2005ArtikelBeratung und ServiceKaufberatung

Kaufberatung Schuhe: der gestiefelte Kunde

Christian Bahlow ist Experte für Wandern und Trekking in der Hamburger Globetrotter-Filiale am Wiesendamm. Für 4-Seasons plauderte er aus dem Nähkästchen mit der Aufschrift »Die perfekte Schuhberatung«. zum Artikel
15.05.2009ArtikelOutdoorsportWandernReise

Südtirol via Wanderhotel: Nur wandern musst Du selbst!

Anreisen, sich um nichts kümmern und ab in die Natur – so lautet das Konzept der »Europa Wanderhotels«. Diana Haas und Ingo Hübner haben sich im Südtiroler Eisacktal eingebucht und den Rundum-Service genossen. zum Artikel