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Die Wildnis-WG: Ein Winter im Yukon

Foto: Jürgen Kurapkat
Minus 30 Grad, 300 Kilometer zur nächsten Steckdose und Wölfe als Nachbarn. Genau das wünschten sich Jürgen Kurapkat und Michelle Ahlegian – und zogen für acht Monate in eine Hütte im Yukon. 4-Seasons wollte wissen, wie sich Romantik und Realität vertragen haben.
 

Jeder Jack-London-Leser träumt davon, mal in Alaska zu überwintern, doch nur wenige tun es. Wie wurde aus eurem Traum ein konkreter Plan?

Die Idee hatte ich lange mit mir herumgeschleppt, wie viele andere Leute vermutlich auch. Dann lernte ich Michelle kennen. Frisch verliebt saßen wir in einer Kneipe, und plötzlich erzählte sie mir, dass sie gerne einen Winter in einer Blockhütte in Alaska verbringen würde. Ich war natürlich hin und weg. Am gleichen Abend wurde beschlossen, diesen Traum umzusetzen, und zwar innerhalb von fünf Jahren. Uns war klar: Ohne Zeitlimit wird nichts daraus, weil sonst immer etwas dagegen spricht – der Job, das Geld, der Aufwand … Vier Jahre später waren wir soweit. Nur dass aus Alaska Kanada geworden war und aus dem Winter ein ganzes Jahr.

 
»Man rechnet nicht mehr in Urlaubstagen oder -wochen, sondern stellt sich auf eine andere Art zu leben ein.« | Foto: Jürgen Kurapkat

Zieht man dann mit Axt und Säge in die Wildnis und baut eine Hütte?

So haben es einige Pseudo-Trapper in den 70ern und 80ern gemacht: in den Busch gehen, Elche schießen, wahllos Bäume fällen, eine Hütte bauen und meinen, so auf den Spuren der großen Abenteurer zu wandeln. Die Leute im Yukon reagieren mittlerweile empfindlich auf solche Aussteiger. Legal ist ein Hüttenbau kaum zu realisieren, außerdem sind die Behörden echte Bürokratie-Weltmeister. Wir mussten also eine bestehende Hütte finden. Das ist nicht so schwierig: Der Yukon ist riesig, aber eben auch ein Dorf. Jeder kennt jeden. Man fragt sich durch, bis man den Richtigen findet. Fritz, ein Jagdanbieter, hatte etwas Passendes. Die Hütte war jedoch seit Jahren unbenutzt, über Zustand und Ausstattung gab es nur Vermutungen.  

 

Vorfreude ist die schönste Freude. Was habt ihr euch ausgemalt?

Einfaches Leben, unberührte Wildnis, weg sein von Terminen, Hektik und dem üblichen Ballast. Eigentlich alles, was man so von Outdoor-Touren im hohen Norden kennt. Nur, dass beim Hüttenwinter eine verschwenderische Menge an Zeit dazukommt. Da rechnet man nicht mehr in Urlaubstagen oder -wochen, sondern stellt sich auf eine andere Art zu Leben ein.

 

Gab es auch mulmige Gefühle?

Den ersten Bammel bekam ich, als Fritz die Landkarte ausrollte: Die Hütte lag schon verdammt weit draußen. Ich hatte viel über Blockhütten-Abenteurer gelesen, die meisten konnten in wenigen Tagen Fußmarsch eine Straße oder Siedlung erreichen. Bei unserer Hütte betrug diese Distanz über 300 Kilometer Luftlinie. Doch dann sagten wir uns: Wenn ein echter Notfall eintritt, sind 30 Kilometer wahrscheinlich ebenso unüberwindbar wie 300. Dann wären eben die 10.000 Dollar für den Helikopter fällig. Wenn es ums Überleben geht, ist das egal.

 
Vorbereitung auf den langen Winter: Jürgens Vater muss als Holzknecht herhalten. | Foto: Jürgen Kurapkat

Wie aufwändig war die Vorbereitung?

Um eine Hütte zu finden, war ich ein Jahr vor der Abreise nach Whitehorse geflogen. Michelle konnte wegen ihres Medizin-Examens nicht mitkommen. Ein halbes Jahr vorher kündigten wir Jobs und Wohnungen. Dann folgte der nervige Part der Vorbereitung: Papierkram, Möbel einlagern, Krankenversicherung klären und so. Dafür hat die Zusammenstellung der Ausrüstung sehr viel Spaß gemacht.

 

Du warst bis dahin Ausrüstungs-Redakteur beim Outdoor-Magazin. Kommt man gerade als Experte nicht in Versuchung, einen ganzen Outdoor-Laden einzupacken?

Klar, man will nur das Allerbeste mitnehmen – und die Suche nach der perfekten Ausrüstung hört ja nie auf. Meindl hat uns spezielle Schuhe gefertigt. Bei der Nobelmarke »Feathered Friends« in Seattle haben wir extrafette Daunen-Schlafsäcke bestellt und dort auf dem Weg nach Kanada abgeholt. Kniffliger war die Ausrüstung, von der wir keine Ahnung hatten, etwa zur Übertragung von E-Mails. Das brauchte ich, um jede Woche eine Kolumne ans Outdoor-Magazin zu senden. Bis heute habe ich nicht wirklich kapiert, wie das mit dem kleinen Organizer und dem Satellitentelefon funktioniert hat. Aber wir konnten sogar Digitalbilder durchschicken.

 

Wie darf man sich euren Auftritt im Yukon vorstellen? Ankunft mit 50 Koffern und Kisten?

Fünf Gepäckstücke, mehr nicht! Darunter waren eine riesige Alukiste und zwei dieser Monstersäcke von Ortlieb. Sebastian, ein befreundeter Musher, hatte uns einen alten Toyota vor den Flughafen von Whitehorse gestellt – vollgetankt und Yukon-typisch nicht mal abgeschlossen, mit dem Zündschlüssel im Handschuhfach. Sebastians Hundefarm war dann auch für zwei Wochen unser Basislager für die Einkäufe vor Ort. Da kamen wirklich einige Kisten zusammen, vor allem mit Lebensmitteln.

 

Zur Hütte seid ihr dann mit einer Pferde-Karawane und zu Fuß gekommen. Warum nicht mit dem Buschflieger?

Wir vermuteten, dass die provisorische Piste nahe der Hütte nicht einsatzfähig war. Also mussten wir als Vorhut hin, bevor Gepäck und Proviant eingeflogen werden konnten. Fritz wusste Rat: Einer seiner Guides würde mit 18 Pferden in ein Jagdcamp reiten, das relativ nahe bei unserer Hütte lag – da könnten wir doch mit! Wir hatten keine Ahnung vom Reiten, aber das Angebot klang einfach zu verrückt, um es auszuschlagen. Wir fanden es auch reizvoll, uns langsam der Hütte zu nähern – und uns nicht einfach per Buschflieger von der Zivilisation ausspucken zu lassen.

 
Der lange Weg in die Einsamkeit: vier Tage Reiten, dann drei Tage Wildnismarsch. | Foto: Jürgen Kurapkat

Wie hat euch das Reiten gefallen?

Eine gemütlicher Ritt für Touristen war das nicht. Der Guide hatte von Orientierung keine Ahnung und verfluchte ständig sein Pferd. Das hörte sich dann so an: You fucking fucking useless piece of shit! Aber diese vier Reittage waren schon ein spannender Auftakt.  

 

Wie ist das, wenn die Hütte auftaucht, in der man Monate leben wird?

Der erste Gedanke war nur: Uff, es ist eine Blockhütte! Was wir bis dahin an »Hütten« gesehen hatten, waren meist Bretterverschläge aus Sperrholz. Als wir mit den Pferden im Jagdcamp ankamen, war es von einem Bären übel verwüstet worden. Wir machten uns Sorgen. Aber unsere Hütte bestand zum Glück aus massiven Stämmen. Allerdings wussten wir erst nicht, ob es auch die Richtige ist. Drei Tage hatten wir uns vom Jagdcamp zu Fuß durch den Busch geschlagen und unzählige Bäche überquert. Bei den angepeilten GPS-Koordinaten angekommen, war da nichts. Eher zufällig fanden wir dann eine Hütte, die ein paar hundert Meter entfernt auf der anderen Flussseite lag. Via Satellitentelefon versicherte uns Fritz, dass wir richtig lagen – Erkennungszeichen waren zwei geschmackvolle Holzbrüste an der Tür. Als erste Amtshandlung hat Michelle sie entfernt und später zu Kerzenständern umfunktioniert.

 
Glück auf 18 Quadratmetern: Die Hütte ist eine warme Oase im arktischen Winter. | Foto: Jürgen Kurapkat

Mach es nicht so spannend – wie sah die Hütte aus?

Größer als erwartet, etwa 4 auf 5,5 Meter. Der Zustand war mäßig. Im Dach klaffte ein riesiges Loch, der Ofen war ein einziger Rosthaufen. Außer einem Tisch und zwei Bänken waren keine Möbel da, dafür pfiff es durch fingerbreite Ritzen zwischen den Stämmen. Immerhin gab es innen einige kräftige Querbalken, so konnten wir eine Art Traum im Traum verwirklichen: ein romantisches Himmelbett unterm Dach. Wir bauten ein Plateau aus Ästen, stellten unser Innenzelt darauf und packten die daunengefüllten Isomatten und die bauschigen Schlafsäcke hinein. Damit war das Schlafzimmer schon fertig – bequem, warm und gut geschützt vor den Hüttenmäusen.

 

Und am nächsten Morgen begann das Trapperleben?

Es begann noch am selben Tag, und zwar mit dem Präparieren der Landebahn. Die Überwinterung war ja erst gesichert, wenn der Buschflieger mit der Ausrüstung und dem Proviant landen konnte. Eine Woche lang haben wir von früh bis spät Steine geklaubt, Büsche gerupft und Löcher gefüllt. Als die Cessna dann nach mehrmaligem Kreisen sicher aufsetzte, war das ein erlösendes Gefühl. Jetzt konnte es richtig losgehen! Musste es auch, denn der Winter kommt früh im Yukon, und es war bereits Ende Juli. Die Hütte dichteten wir mit Moos ab, deckten das Dach mit Gras-fladen, hoben die Grube fürs Outhouse aus, bauten ein bärensicheres Lager für die Vorräte und vieles mehr. Am wichtigsten war ein großer Holzvorrat für den Winter. Wir fällten Bäume und schleppten sie scheibchenweise zur Hütte.

 

Das klingt nicht gerade nach Urlaub ...

War es auch nicht. Als der erste Schnee kam, fragten wir uns, wo denn der Sommer nur geblieben war. Bis dahin hatten wir hauptsächlich Holz gemacht, immer den drohenden Winter im Nacken. Vielleicht waren wir etwas übermotiviert durch die Kommentare der Locals vor dem Start – die fanden es unglaublich, dass wir ohne Motorsäge Holz für einen ganzen Winter sägen wollten.

 
Die langen Winternächte kommen kommen – die Bibliothek ist eingerichtet. | Foto: Jürgen Kurapkat

Wie erlebt man die plötzliche Einsamkeit?

Daran konnten wir uns langsam gewöhnen, denn vor dem Winter kam noch Besuch: Mein Vater und unsere Freunde Dirk und Bernd ließen sich per Cessna einfliegen und halfen kräftig mit. Dirk wusste als alter Pfadfinder ohnehin Bescheid, Bernd hackte zum ersten Mal im Leben Holz (und davon gleich Berge) und mein Papa ist ein Typ, der sowieso immer basteln muss. Er baute uns zum Beispiel eine neue, stabile Tür. Die Planken schlug er direkt aus den Pappel-Stämmen.
Als der Pilot die Besucher Ende September abholte, erzählte er, dass genau an diesem Tag auch »break down« sei – die ganzen Jagdcamps wurden dichtgemacht. Wir hatten zwar nie Jäger gesehen, aber alle paar Tage mal einen Buschflieger gehört. Das war nun vorbei. Nachdem auch die Cessna mit unseren Besuchern am Horizont verschwunden war, gab es keine fremden Geräusche mehr. Die Atmosphäre der nächsten Tage war unwirklich ruhig. Kühl und grau die Landschaft, und vollkommen still. Als würde alles darauf warten, dass der Winter kommt. Am 2. Oktober war es soweit: Der Schnee kam und blieb liegen. Jetzt wurde es ernst.

 
Nordland-Freaks mögen es kühl, ganz nach dem Motto: Gegen Kälte kann man sich schützen, gegen Hitze nicht! Im Yukon allerdings muss alles ran, was die Outdoor-Industrie an Zwiebelschichten zu bieten hat. | Foto: Michelle Ahlegian

Vor euch lagen mindestens sechs Monate Winter, zu zweit auf engstem Raum. Sieht man dem gelassen entgegen?

Ehrlich gesagt rechneten wir nicht mit Schwierigkeiten, im Gegensatz zu vielen Freunden. Deren Prognosen reichten von »abgefrorenen Hintern« über »Polarnacht-Depressionen« bis zum »Beziehungskrieg«. Mit der Kälte kommt man klar, das wussten wir von vielen Wintertouren. Der Körper stellt sich auch um: Als es im Januar mal gegen 0 Grad ging, liefen wir im T-Shirt rum. Die Dunkelheitsphasen fürchteten wir auch nicht. Und Beziehungsstress war im Vorfeld gar kein Thema – wir fragten uns eher, was andere Paare daran so bedrohlich fanden, mit dem liebsten Menschen intensiv zusammen zu sein. Es lag aber eine Grundspannung in der Luft, die auf praktische Sorgen zurückging: Was tun, wenn ein Bär die Hütte zerlegt? Sind genug tote Bäume fürs Winterholz da? Reichen die Lebensmittel?

 

Habt ihr euch denn wirklich nie gestritten?

Während des Winters eigentlich gar nicht. Eher davor. Unterschwellige Missstimmungen kamen dann beim gemeinsamen Holz-Sägen zum Ausbruch: Zieh doch nicht so an der Säge! – Stimmt gar nicht, du schiebst immer! Na ja, das schaukelte sich auf, und eines Tages fuhr Michelle mich an: Dann such‘ dir doch ‘ne andere! Ich bin dann wortlos gegangen – irgendwo in den Wald, wohin auch sonst? Doch je länger wir da draußen blieben, desto harmonischer wurde es. Und natürlich suche ich mir keine andere.

 
Jürgen – der beste Golfer im Umkreis von 300 Kilometern. | Foto: Michelle Ahlegian

Begannen mit dem Schnee die großen Ferien?

Holz machten wir weiterhin. Als klar war, dass das Fällen und Schleppen auch bei Schnee möglich ist, entspannten wir uns merklich und ließen den Winter kommen. Da gab es auch zu tun: Eis aufhacken, Wasser holen, Holz sägen, waschen, spülen, Kolumnen schreiben, Ausrüstung reparieren und so weiter. Ich weiß, das klingt nicht gerade nach einem ausgefüllten Alltag wie zu Hause. Aber wir passten uns dem Rhythmus der Natur an. Der Winter hat einen im Griff, Kälte und Dunkelheit machen träge. In welchem Maße, das merkten wir erst, als Mitte Februar die Tage wieder länger wurden: Da sprang der innere Turbo an. Unglaubliche Energie wurde frei, die Lust auf Entdeckungen, geistigen Input und Abwechslung stieg schlagartig.  

 

Zog der Winter ruhig dahin, oder gab es auch da besondere Momente?

Aber sicher: Lagerfeuer-Abende bei minus 30 Grad; Winterwelten im Mondlicht; duftende Brötchen frisch aus dem Ofen; die wöchentliche Mail von zu Hause; die Pfeife zweimal im Monat; Schlittenfahren auf einer Schneeschaufel; lustige Foto-Sessions; die Flasche Rotwein zu Weihnachten und die Silvesterparty unterm funkelnden Nordlicht. Spannend war auch das Beobachten von Tieren. Elche kamen bis ans Camp, ein Vielfraß jagte stundenlang einen Hasen, eine Karibouherde überquerte den Rogue River. Selbst das Verfolgen einer Bärenspur hat – trotz weicher Knie – Spaß gemacht. Sie führte auf die Hütte zu, bog aber 20 Meter vorher ab und machte artig einen Bogen ums Camp.

 

Ließen euch die Bären ansonsten in Ruhe?

Beim Ritt zum Jagdcamp sahen wir einen Grizzly, das war‘s auch schon. Wir waren äußerst vorsichtig, haben das Camp sauber gehalten und uns unterwegs mit Trillerpfeifen bemerkbar gemacht. Ein Gewehr hatten wir auch. Michelle ging mit ihrem amerikanischen Pass einfach in Seattle in den Laden und kam mit der Knarre wieder raus. Ich hatte keine Ahnung von Waffen, deshalb hatte mich Lukas Meindl, der ein erfahrener Jäger ist, auf einem Schießstand eingewiesen. Allerdings hatte sein Präzisionsgewehr nicht viel gemein mit unserer Pumpgun – das war mehr so eine Wumme wie aus einem Bruce-Willis-Film. Letztlich haben wir sie nicht gebraucht.

 
Raus aus der Hütte: Mehrtages-Touren mit Zelt und Schneeschuhen zählten zu den Highlights des Winters. | Foto: Michelle Ahlegian

Gab es auch unerwartete Probleme?

Einmal wurde es kritisch: Michelle bekam im Oktober Durchfall. Oft war ihr auch übel, aber so richtig krank fühlte sie sich nicht. Das Problem war, dass es nicht aufhörte. Nach einigen Wochen war sie ziemlich geschwächt. Es wurde immer klarer, dass es Beaver Fever sein musste, also Giardia, dieser fiese Einzeller. Dagegen hatten wir kein Medikament dabei. Natürlich wussten wir, dass Giardia in Kanada vorkommt, hatten die Krankheit aber nicht allzu ernst genommen, weil die Erreger von Magen-/Darmbeschwerden den Körper ja meist auf natürlichem Weg verlassen. Erst vor Ort lasen wir in Armin Wirths Buch »Erste Hilfe unterwegs«, dass Giardia auch chronisch werden kann. Michelle war offensichtlich auf dem besten Weg dorthin. Wir brauchten also Medikamente. Mit dem Satellitentelefon machten wir in Whitehorse eine Ärztin ausfindig, die uns nach Ferndiagnose das Rezept ausstellte. Ein Buschpilot holte das Mittel in der Apotheke, flog zur Hütte und warf es ab. Das Medikament kostete übrigens 16 Dollar, der Flug 900 Dollar. Michelle ging es bereits am nächsten Tag besser.   

 

Das Beaver Fever habt ihr besiegt. Was war mit dem berüchtigten Cabin Fever, zu Deutsch: Hüttenkoller?

Den gab es nicht, von gelegentlicher trüber Stimmung mal abgesehen. Michelle nannte das den Cabin Blues. Wir lasen viel und spielten unzählige Partien Canasta, verbrachten aber auch viel Zeit draußen. Neben den täglichen Touren in der Umgebung mussten wir nach jedem Schneefall die Landepiste platt treten, damit man im Notfall landen konnte. Das war unsere Outdoor-Gymnastik, so eine Art Power Nordic Walking. Außerdem haben wir einige Mehrtagestouren mit dem Zelt unternommen. Zu Beginn ging das prima, aber mit zunehmender Schneehöhe wurde es schwer. Der Schnee war extrem trocken und fein, jeder kleine Anstieg wurde mit Schneeschuhen und schwerem Rucksack zur Plackerei. Am angenehmsten war eine 4-Tage-Tour auf dem gefrorenen Fluss, da war alles eben.  

 

Mal ehrlich: Was habt ihr vermisst?

Materiell nichts, aber Familie und Freunde fehlten uns schon. Immerhin einmal pro Woche, wenn wir die Kolumne an die Outdoor-Redaktion schickten, konnten wir auch Mails von zu Hause empfangen. Dem fieberten wir immer entgegen. Was ich zeitweise vermisst habe, waren Zigaretten. Die waren schnell alle, aber ich wollte ja aufhören. Dieser »kalte Entzug« klappte wunderbar – ich kam nie in Versuchung, zur Tankstelle zu laufen.

 
Für den Notfall wird die Verbindung zur Außenwelt sichergestellt. | Foto: Jürgen Kurapkat

Einen Weltempfänger hattet ihr nicht dabei?

Bewusst nicht, auch um zu sehen, wie wichtig oder unwichtig die tägliche Infoflut uns ist. Mein Papa schmuggelte bei seinem Besuch ein Gerät ein, musste es aber wieder mitnehmen. Sonst wäre ich wahrscheinlich jeden Samstag davor gesessen und hätte »Heute im Stadion« gehört.

 

Hattet ihr Outdoor-Ausrüstung oder auch traditionelle Trapper-Kleidung?

Outdoor-Ausrüstung, vor allem Fleece und Daunenbekleidung. Ausnahme waren von meiner Mama handgenähte Lammfellmützen, 25 Jahre alt, aber herrlich warm. Pelze hätten uns vielleicht nützlich sein können. Diese kanadischen Workwear-Klamotten dagegen sind zwar warm und robust, aber zu schwer für Touren. Die Outdoor-Sachen haben sich auch bewährt, nur ein paar Nähte und Reißverschlüsse gingen kaputt.

 

Wie war die Rollenverteilung zwischen Michelle und dir? Klassisch?

Zugegeben: ganz klassisch. Ich war meist für gröbere Arbeiten wie Wasser holen, Ofen anfeuern oder Holz hacken zuständig; Michelle hat in der Regel gekocht, gespült, gewaschen und meistens den Pinkeleimer ausgeleert.

 

Hattet ihr kein Outhouse?

Doch. Kein stilechtes mit Herzchen zwar, aber eine Art Halb-Iglu. Bei minus 40 Grad geht man nachts nur ungern draußen pinkeln, daher der Eimer. Der Inhalt ist auch in der Hütte schnell gefroren. Die größeren Geschäfte mussten schnell gehen. Das Problem war dabei nicht, sich den sprichwörtlichen Hintern abzufrieren, sondern die Hände.

 
Ein Wehmütiger Blick aus dem Buschflieger auf Landepiste, Fluss und Hütte – die muss dort unten irgendwo sein. | Foto: Jürgen Kurapkat

Im März hat euch ein Buschflieger abgeholt. Fiel der Abschied schwer?

Als wir die Türe zum letzten Mal bärensicher vernagelten, war das schon traurig. Aber bereits seit Februar hatten wir das Gefühl, dass wir reif für eine Veränderung waren. Die Bücher waren ausgelesen, die Tage wurden länger, aber an ausgedehnte Touren war wegen der Schneemenge nicht zu denken. Als der Flieger kam, standen wir wieder da mit unseren fünf Gepäckstücken und einem kleinen Karton. Darin lagen ausgebrannte Dosenreste, mehr Müll war von den acht Monaten nicht übrig.

 

Was habt ihr in der Zivilisation als Erstes getan?

Mit lang vermissten Leckereien wie Wein, Oliven, Wurst und Senf aufs Hotelbett gefläzt und die Glotze angemacht. In der Hütte hatte ich morgens immer den Ofen geheizt und zitternd auf seine Wärme gewartet. Im Hotel stand ich auf, stellte die Heizung auf 20 Grad und kuschelte mich noch mal zu Michelle ins Bett. Trotzdem vermissten wir bald das einfache, intensive Leben im Busch. Wir waren bushed, wie die Kanadier sagen.

 

Habt ihr das Gefühl, etwas vom Weltgeschehen verpasst zu haben?

Zurück in Deutschland blätterte ich 50 Spiegel-Ausgaben durch. Da war viel passiert. Aber nichts, was ich im Yukon unbedingt hätte wissen müssen.

 

Pure Natur und einfaches, intensives Leben: Genau deswegen träumen viele Menschen von einem Winter in der Wildnis. | Foto: Jürgen Kurapkat
Darf man fragen, was dieses Jahr gekostet hat?

Alles in allem etwa 15.000 €. Das meiste ging für Flüge und Transporte drauf. Die Hütte kostete keine Miete. Und vor Ort gab es ja keine Möglichkeit, Geld auszugeben. Durch den jahrelangen Vorlauf konnten wir etwas ansparen, außerdem hat uns die Grip AG finanziell unterstützt, für die wir Outdoor-Bekleidung getestet haben. Über die Kolumne fürs Outdoor-Magazin kamen auch ein paar Euro zurück.

 

 

 

Was würdet ihr jemandem raten, der Ähnliches plant?

Den Mut haben und es einfach machen.

 
4-Seasons Info
 

Die Wildnis-WG

 

Jürgen Kurapkat, 38, aus Landau (Pfalz). Er wollte nach dem VWL-Studium einen Outdoor-Shop eröffnen, heuerte dann aber als Ausrüstungs-Redakteur beim Outdoor-Magazin an, wo er sieben Jahre Produkte testete. Seit der Rückkehr aus Kanada arbeitet er als europäischer Koordinator für Öffentlichkeitsarbeit bei Gore-Tex Footwear. Jürgen war vor dem Yukon-Jahr mehrfach in Kanada, bevorzugt zum Paddeln.

 

Michelle Ahlegian, 32, pendelte als Spross deutsch-amerikanischer Eltern zwischen den USA und Süddeutschland. Direkt vor dem Start in den Yukon beendete sie ihr Medizinstudium und arbeitet heute als Assistenzärztin für Chirurgie. Auch Michelle ist Wintertouren-süchtig und war zum Beispiel beim ersten »Fjällräven Polar Adventure« für das deutsche Team am Start.
Kennen gelernt haben sich Jürgen und Michelle im Testteam des Outdoor-Magazins. Zusammengezogen sind sie erst im Yukon. Heute wohnen sie – immer noch gemeinsam – in Nussdorf (Oberbayern).