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Die unermüdliche Jane Goodall

»Wenn Umweltschutz Rockstars hätte, Jane Goodall wäre Mick Jagger, Bob Dylan, John Lennon und Elvis in einer Person.« Zitat aus dem Dokumentar- film »Jane’s Journey«. | Foto: the jane Goodall Institute / Michael Neugebauer
»Wenn Umweltschutz Rockstars hätte, Jane Goodall wäre Mick Jagger, Bob Dylan, John Lennon und Elvis in einer Person.« Zitat aus dem Dokumentar- film »Jane’s Journey«. | Foto: the jane Goodall Institute / Michael Neugebauer
Jane Goodall war schon die weltweit führende Schimpansen-Expertin, als sie ihr Lebensthema um den umfassenden Schutz des Lebens erweiterte. Mit dieser Botschaft reist die 81-Jährige um die Welt. 4-Seasons traf einen der außergewöhnlichsten Menschen unserer Zeit.

Wo Jane Goodall hinkommt, rührt sie Menschen an und motiviert sie zum Mitmachen. | © the Jane Goodall Institute / Ivan Sainz-Pardo
Wo Jane Goodall hinkommt, rührt sie Menschen an und motiviert sie zum Mitmachen. | © the Jane Goodall Institute / Ivan Sainz-Pardo
Dr. Goodall, Frau UN-Friedensbotschafterin oder Dame Commander des Britischen Königreichs – wie genau dürfen wir Sie ansprechen? 

Ach, sag doch einfach Jane. 
 

Gerne. Man kennt Jane Goodall heute als weltberühmte Wissenschaftlerin und Naturschützerin. Uns würden aber auch die Anfänge interessieren: Was weckte in einem kleinen Mädchen aus Südengland die Sehnsucht nach Afrika?

Schimpansen sind uns in vielem      ähnlich. Sie grüßen und umarmen sich, sie betteln und drohen. Sie führen Krieg und können brutal sein, aber auch sehr zärtlich.

Als Kind haben mich sämtliche Tiere fasziniert: Regenwürmer, Schnecken, Hühner, Hunde. Und ich verschlang die Bücher über Dr. Dolittle. Der hatte einen Papagei, der ihn die Sprachen von 498 Tierarten lehrte. Ich wollte auch gerne so einen Papage­i. Dann wurde Tarzan mein Held. Ich streifte mit ihm in meiner Fantasie durch den Regenwald. Nun, er entschied sich nicht für mich, sondern für die andere Jane. Trotzdem war klar: Ich werde Tier­forscherin in Afrika!
 

Wie alt warst du da? 

Zehn Jahre. Meine Mum verstand, dass da wohl mehr war als kindliche Schwärmerei. Sie sagte: »Wenn du etwas wirklich willst, hart dafür arbeitest, deine Gelegenheit nutzt und nicht aufgibst, dann wird es dir auch gelingen.« 
Es war die Nachkriegszeit, wir hatten weni­g Geld. Ein Studium kam nach der Schule nicht infrage. Aber Mum meinte, Sekretärinnen würden überall gebraucht   – vielleicht bekäme ich ja so einen Job in Afrika. Sie war sehr pragmatisch. Also lernte ich Steno und tippen.
 

Eine ehemalige Schulfreundin hat dich dann tatsächlich nach Kenia eingeladen. Manchmal muss man Glück haben, oder? 

Richtig, aber diesem Glück stand noch einige­s im Wege. Das war 1956. Ich hatte lange gespart und endlich das Geld zusammen. Doch dann kam die Suezkrise, der Suezkanal wurde gesperrt. Die Schiffs­route nach Kenia führte nun ums Kap der Guten Hoffnung – sie wurde länger und teurer. Also musste ich alles verschieben und jobbte weiter als Kellnerin, Sekretärin und Postbotin. Im März 1957 stand ich dann endlich am Hafen in London. Kurz vor dem Auslaufen merkte ich, dass mein Pass fehlte. Er musste mir wohl aus der Tasch­e gefallen sein. Grauenvoll! Doch jeman­d fand den Pass, brachte ihn zum Reisebüro Cook, und ein Mitarbeiter er­wischte mich noch rechtzeitig. Und ich ging endlich an Bord der »Kenya Castle«.
 

Die Affenliebe von Jane, am 3. April 1934 geboren, ist früh absehbar.
Die Affenliebe von Jane, am 3. April 1934 geboren, ist früh absehbar.
Welche Pläne hattest du da im Kopf?

Ich glaube, ich hatte mir überhaupt keine richtigen Gedanken gemacht – und keine Ahnung, wie es weitergehen würde. Ich war einfach glücklich, nach Afrika zu kommen. Dort folgte ich dann dem Rat meiner Mutte­r und suchte einen Job. Im Natur­historischen Museum Nairobi arbeitete der bekannte Paläoanthropologe Louis Leakey. Ich rief einfach an: »Hello, kann ich Louis Leakey sprechen.« Ruppige Antwort: »Ich bin Louis Leakey, was wollen Sie?« Louis gab mir dann tatsächlich einen Job als Sekretäri­n. Good old Mum.
 

Louis Leakey erforschte die Entwicklung des Menschen und hatte die Idee, dafür Menschenaffen zu beobachten. Er regte drei Langzeitprojekte an, die jeweils von einer jungen Frau übernommen wurden: Dian Fossey bekam die Gorillas, Biruté Galdikas die Orang-Utans – und Jane Goodall die Schimpansen. Warum die Sekretärin ohne Studium? 

Ich hatte ja nicht nur getippt. Louis Leakey testet­e mich in geduldigem Arbeiten, besonders bei einer Ausgrabungs-Expedition in der Olduvai-Schlucht. Stunden verbrachte ich auf Händen und Knien, um mit einem Pickel Erde und Gestein zu entfernen. Eines Abends war ein junger Löwe in der Nähe unseres Camps. Ich glaube, Louis Leakey beobachtete mich und sah, dass ich keine Angst hatte. Daraufhin durfte ich nach Gombe, wo das Schimpansen-Projekt seinen Anfang nahm. Zum wissenschaft­lichen Einarbeiten gab es praktisch nichts, nur das fantastische Buch »Mentality of Apes« von Wolfgang Köhler, der schon 1926 über die mentalen Fähigkeiten von Menschenaffen geschrieben hatte.
 

Stimmt es, dass deine Mutter dich in den Dschungel begleitet hat? 

Die Behörden wollten nicht, dass eine 23-jährige weiße Frau alleine reist und forscht. Also kam Mum mit. Die Leute sage­n immer, ich sei mutig gewesen, in den Regenwald zu gehen. Doch die eigentlich Mutige war Mum: Sie musste in einem Armee-Zelt hausen, mit Schlangen und Skorpionen auf dem Boden. Unbequeme Feldbetten, zwei Stühle, ein Tisch, eine Paraffinlampe, ein paar Holzboxen und ein Koffer für unsere Habseligkeiten. Mehr gab es nicht. Mum war körperlich nie besonders kräftig gewesen und wurde mehrmals krank. Die Malaria erwischte uns beid­e. Wir lagen nebeneinander auf unseren Betten, glühten vor Fieber. Drei Tage lang lag unsere Temperatur über 40 Grad. Mum hat alles mitgemacht.
 

Der Gombe Nationalpark ist durch dein Schimpansen-Projekt berühmt geworden. Wie sah es dort bei eurer Ankunft aus?

Im Tanganjika-See durften wir leider nie baden. Tagsüber hätte das den       einheimischen Moslems nicht gefallen. Nachts ging es nicht wegen der Krokodile.

Es war der 14. Juli 1960. Wir kamen in einem kleinen Boot über den Tanganjika-See. Ein Regierungsbeamter brachte uns hinüber. Er dachte, wir seien verrückt und lebensmüde. Am anderen Ufer empfing uns ein beeindruckender Einheimischer: Idi Matata trug einen rot gepunkteten Turba­n und ein weißes, langes Gewand, darüber einen roten Frauen-Wintermantel. Es war wirklich heiß, aber das war ihm egal, denn der Mantel war die Freude seine­s Lebens. Erst später habe ich erfahren, dass Matata der berühmteste Medizinmann weit und breit war. Zwei afrikanische Wildhüter hatten ihre Hütten in der Nähe. Sie zeigten uns, wo wir unser Zelt aufstellen sollten. Es war ein guter Platz, denn er war mittendrin im Schimpansengebiet.
 

Wie bist du gestartet im wissenschaftlichen Neuland?

Vor Sonnenaufgang stand ich auf, nahm mir einen Kaffee aus der Thermoskanne und eine Scheibe Brot. Wenn es noch Glut gab, toastete ich das Brot. Dann ging ich los, machte mich auf die Suche nach den verborgenen Schimpansen. Ich kletterte Hügel hoch oder kroch durchs Unterholz, immer den Affenschreien nach. Wenn mich die Schimpansen erspähten, ergriffen sie die Flucht. Doch ich gab nicht auf. Stunde um Stunde saß ich ruhig da und beobachtet­e die Tiere durch den Feld­stecher. Manchmal ging ich auch nachts los. Es klingt vielleicht komisch, aber ich fühlte mich im Strahl der Taschenlampe sicher – trotz der Leoparden und Büffel.
 

Was tat deine Mutter unterdessen im Dschungel?

Sie betrieb eine kleine Klinik, mit Pflaster, Aspirin und einfachen Medikamenten. Während ich Schimpansen beobachtete, knüpfte Mum Beziehungen zu den Einheimischen. Abends genossen wir manchmal unser »Candle Light Bath« in einem kleinen Zuber. Es gab den schönen Tanganjika-See, wir durften aber nicht darin baden. Tagsüber hätte das den einheimischen Moslems nicht gefallen, nachts ging es auch nicht – wegen der Krokodile.
 

1960 kam Jane zum ersten Mal in den Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania, um das  Verhalten von Schimpansen zu erforschen – in der ersten Zeit ganz alleine. Bis heute kümmern  sich Forscher des Jane-Goodall-Instituts und Wildhüter um die Affen. | © the Jane Goodall Institute Fernando Turmo
1960 kam Jane zum ersten Mal in den Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania, um das Verhalten von Schimpansen zu erforschen – in der ersten Zeit ganz alleine. Bis heute kümmern sich Forscher des Jane-Goodall-Instituts und Wildhüter um die Affen. | © the Jane Goodall Institute Fernando Turmo
Das Forschungsprojekt war auf sechs Monate angelegt – standest du unter Druck, Ergebnisse zu liefern?

Und wie. Anfangs konnte ich nicht einmal die Schönheit des Regenwalds genießen. Ich wusste, wenn ich nichts liefere, dann war’s das. Mit der Zeit hatte ich das Vertrauen eines Schimpansen mit silbergrauem Bart gewonnen, ich nannte ihn David Greybeard. Gut fünf Monate waren schon vorbei, da beobachtete ich David Greybeard, wie er Blätter von einem Zweig streifte und mit diesem in einem Termitenhügel stocherte. So angelte er sich die leckere­n Insekten. Er benutzte also ein Werkzeug! Ich wusste gleich, dass dies eine aufregende Entdeckung war. Meine Forschungen konnten weitergehen, denn die National Geographic Society sprang nun als Sponsor ein. Mittlerweile forschen wir seit 55 Jahren in Gombe.
 

Die National Geographic Society lieferte dir auch einen Ehemann, richtig? 

(lacht) Das kann man so sagen. Der Tier­filmer und Fotograf Hugo van Lawick kam nach Gombe. Es entstanden ein Artikel für National Geographic und der Dokumentarfilm »Miss Goodall and the Wild Chimpanzees«, der die Schimpansen in die Wohnzimmer der Menschen brachte. Ein weiteres Ergebnis war eine Hochzeit, denn zwei Jahre später heirateten Hugo und ich.
 

Immer auf Tour, vom US-Univortrag zur Schulklasse in China. Seit 20 Jahren war Jane nicht länger als drei Wochen an einem Ort.  | Foto: © Rajah Bose / Gonzaga University. Links: © the Jane Goodall Institute / Ma Xiaogang
Immer auf Tour, vom US-Univortrag zur Schulklasse in China. Seit 20 Jahren war Jane nicht länger als drei Wochen an einem Ort. | Foto: © Rajah Bose / Gonzaga University. Links: © the Jane Goodall Institute / Ma Xiaogang
Wie ging es mit David Greybeard weiter?

David kam als Erster in unser Camp. Er bediente sich bei den Bananen. Bald brachte er weitere Schimpansen mit. Durch David entdeckte ich auch, dass Schimpansen Fleisch essen. Er verspeiste ein Flussschweinjunges. Bis dahin hatte man die Schimpansen für Pflanzenfresser gehalten. Mein schönstes Erlebnis mit David Greybeard war, als ich ihm einen Ölpalmkern auf der offenen Hand hinhielt. Er schaute erst die Frucht an, dann mich. Dann nahm er die Frucht. Er ergriff aber auch meine Hand und hielt sie sanft in der seinen.
 

Worin sind uns die Schimpansen ähnlich?

Oh, in so vielem. Sie grüßen sich, halten Händchen, umarmen sich, betteln, drohen mit der Faust, haben lange, intensive Bindungen zwischen Mutter und Kind und auch zwischen Geschwistern. Sie führen Krieg, meistens wegen ihres Territoriums, und sie können brutal sein, aber auch sehr zärtlich.
 

Als dein Sohn zur Welt kam, hast du dir von der Schimpansenmutter Flo manchen Rat geholt – was konntest du von ihr lernen?

Ich sah, dass gute Schimpansenmütter toleran­t, liebevoll, gelassen, verspielt und beschützend sind, aber auch auf Disziplin bedacht. Und dass sie ihre Jungen in dem unterstützen, was für deren Entwicklung wichtig ist.
 

Good old Mum: Janes Mutter Margaret zog furchtlos mit in den Regenwald. | Foto: © the Jane Goodall Institute / Hugo van Lawick
Good old Mum: Janes Mutter Margaret zog furchtlos mit in den Regenwald. | Foto: © the Jane Goodall Institute / Hugo van Lawick
Ist die Primatenforschung noch so spannend wie in deinen Anfangsjahren?

Es gibt heute ganz andere Ausstattungen und Methoden. Urin- und Kotproben etwa können rasch auf Geschlechts- und Stresshormone oder auf Krankheitskeime hin untersuch­t werden. Die Proben liefern auch DNA, damit kann man etwa der Frage nachgehen, ob Väter mit ihrem Nachwuchs Beziehunge­n pflegen oder die Paarung mit den eigenen Töchtern vermeiden. Wir untersuchen auch SIV – ein Virus, das als Ahne des HI-Virus gilt – und lernen dadurch, wie HIV übertragen wird. Vielleicht hilft dies, ein Mittel gegen Aids zu finden.
 

Schimpansen im Zoo – ist das für dich eigentlich ein Tabu?

Bis heute werden Dian Fossey und ich verwechselt. Manchmal kommen die Leute: »Ich habe Ihren Film ›Gorillas im Nebel‹ gesehen, Sie sind großartig!« Dabei ist Dian am Ende des Films ja tot.

Es kommt auf den Zoo an. Wenn es dort genügend Platz gibt und die Tiere etwas zu tun haben, dann kann es okay sein. Langeweile ist für alle Tiere schrecklich, nicht nur für Schimpansen. Wir haben oftmals einen verklärten, romantischen Blick auf die Wildnis. Doch durch Wilderer, Abholzung oder steigende Bevölkerung ist das Leben in der Wildnis für Schimpansen manchmal grauenvoll. Wer weiß, vielleicht würden diese gestressten und verfolgten Schimpansen ein Leben in einem wirklich guten Zoo tatsächlich vorziehen …
 

1977 hast du das Jane-Goodall-Institut gegründet – welche Idee steckte dahinter?

Die Zahl der Schimpansen erholte sich kaum. Darum gründete ich eine internationale Tier- und Umweltschutzorganisation, die auf die Belange der Schimpansen aufmerksam machen soll und auch ihre Habitate schützt. Immer in Zusammenarbeit mit den Einheimischen in den Dörfern vor Ort. Und ich wollte junge Leute für unsere Ideen gewinnen. Mittlerweile gibt es Jane-Goodall-Institute in 28 Ländern.
 

Und die Wissenschaftlerin ist zur Aktivistin geworden …

Richtig los ging das 1986, als ich eine Konferenz in Chicago besuchte. Dort berichteten Forscher aus ganz Afrika, wie schlimm es um die Schimpansen stand. Vor allem in Regionen, in denen die Bevölkerung wuchs und der Wald gerodet wurde. Man jagte die Schimpansen sogar. Schimpansenkinder wurden in großer Zahl gefangen und die Mütter getötet, bevor die Kinder in medizinischen Labors oder als Buschfleisch auf den Märkten landeten. Ich war damals völli­g schockiert. Am Ende der Konferenz stand für mich fest: Ich musste etwas tun. 
 

Dr. Goodall at work: Obwohl sie nicht studiert hatte, durfte die Sekretärin per Sondergenehmigung in Cambridge promovieren. | Foto: © the Jane Goodall Institute. Unten: Courtesy of the Goodall Family
Dr. Goodall at work: Obwohl sie nicht studiert hatte, durfte die Sekretärin per Sondergenehmigung in Cambridge promovieren. | Foto: © the Jane Goodall Institute. Unten: Courtesy of the Goodall Family
Diesen Drang spüren viele Menschen, aber nur wenige sind bereit, ihr Leben auf den Kopf zu stellen. Wie hast du angefangen?

Ich hatte einige Schwarz-Weiß-Fotos und ein paar Werkzeuge der Schimpansen. Dami­t organisierte ich eine Ausstellung und reiste in Afrika umher, um von den Schimpansen zu erzählen. Zum Glück hatt­e ich ein gut funktionierendes Netzwerk und viele Unterstützer. Ich habe sehr schnell kapiert, dass man Schimpansen nur retten kann, wenn man sich auch um die Menschen vor Ort kümmert. Genau wie es Mum schon gemacht hatte.
 

Seither bist du 300 Tage im Jahr welt­weit im Dienst deiner Sache unterwegs. Von der Einsamkeit und Natürlichkeit des Regenwalds rein in die Hektik der modernen Zivilisation. Was für ein Kontrast. Wie ist dir der Wechsel gelungen?

Ich weiß es nicht. Irgendwie, vielleicht inde­m ich versuche, den Regenwald in mir zu tragen. Der Geräuschpegel im Westen macht mir besonders zu schaffen. Überall Autos, Flugzeuge, Maschinen, Lärm. Es ist niemals still.
 

Seit 1991 gibt es die Jugendorganisation Roots & Shoots, auf Deutsch »Wurzeln & Sprösslinge« – was soll dabei sprießen? 

Jeder kann etwas tun und verändern, zu jede­r Zeit. Mittlerweile gibt es »Roots & Shoots«-Gruppen in über 130 Ländern, sogar in Nordkorea.

In Tansania besuchte ich ein Camp für Flüchtlinge aus Burundi und dem Kongo.Die Kinder und Jugendlichen waren nervös und perspektivlos. Sie wollten etwas tun, hatten aber keine Möglichkeiten. Mit zwölf Schülern einer Highschool in Dares­salam begannen wir, uns Projekte zu über­legen, die jeder machen kann. Gutes tun. Projekte für Menschen, für Tiere oder für die Umwelt. Vom Kindergarten bis zur Universität können Gruppen alte Menschen besuchen  oder Bäume züchten und auspflanzen. Oder Hunde ausführen. Egal was. Jeder kann etwa­s tun und verändern, zu jede­r Zeit. Mittlerweile gibt es Gruppen in über 130 Ländern, sogar in Nordkorea.
 

Du setzt dich für Walderhaltung, nachhaltige Entwicklung und Wiederaufforstung ein. Das bedeutet aber, dass Einheimische ihr Ackerland hergeben müssen. Bist du bei ihnen eher gefürchtet oder beliebt?

Oh, sie lieben meine Mitarbeiter und mich! Es gibt eine Abmachung, dass die Dörfer um Gombe zehn Prozent ihres Landes zur Aufforstung abgeben. Gemeinsam haben wir dieses Land-Use-Management ausgearbeitet. Im Gegenzu­g erhalten die Leute Jobs, Mikrokredite und Stipendie­n. Und die Schimpansen haben wieder mehr Lebensrau­m.
 

Umweltzerstörung, Bevölkerungsexplosion, Heere von Flüchtlingen – das sind keine guten Aussichten. Hast du dennoch Hoffnung?

Natürlich! Ohne Hoffnung gibt man doch auf. Außerdem setze ich auf das menschliche Gehirn. Wir können viele Krankheiten heilen, wir sind auf dem Mond gelandet, dann können wir doch unsere Gehirne auch für die Lösun­g der Probleme nutzen, die unser Überleben gefährde­n. Grund zur Hoffnung geben mir auch die Erneuerungsfähigkei­t der Natur und – ganz wichtig! –    die Entschlossenhei­t und Energie junger Menschen.
 

Du bist nun 81 und unermüdlich unterwegs. Was müsste erreicht sein, damit du es gemütlicher angehen könntest? 

Ein Zuschauer wollte sich einen Sport­wagen anschaffen. Nach meinem Vortrag war ihm wohl die Lust vergangen. Bei der Probefahrt fluchte er: »Verdammte Jane !« – und spendete das Geld an uns.

Eine üppige Schenkung oder Stiftung! Dann müsste ich mich nicht mehr um die Gelder und Spenden für all die Projekte kümmern. Das wird schwerer, ich bin ja kein junge­r Hüpfer mehr. Aber wenn ich die Tränen der Rührung in den Augen der Zuhörer sehe, freue ich mich immer noch über all die Regenbogen, die dann in ihren Herzen entstehen. Dadurch finden Veränderungen in uns statt. So wie bei einem Zuschauer aus Holland, der sich eigentlich einen teuren Sport­wagen anschaffen wollte. Aber nach meinem Vortrag war ihm wohl die Lust vergangen. Während der Probefahrt fluchte er jedenfalls los: »Verdammte Jane!« – und spendete das Geld lieber an uns.
 

Deine Kollegin Dian Fossey wurde 1985 in Afrika ermordet. Trotzdem sind sie und ihre Arbeit für die Gorillas vielen Menschen noch sehr präsent. War sie eine Schwester im Geiste für dich?  

Dian und ich kannten uns sehr gut, ginge­n aber unterschiedlich vor. Während ich die Menschen aus der Nachbarschaft in das Schimpansen-Projekt einbezog und ihnen Jobs gab, ließ Dian die Leute nicht zu den Gorillas. Sie hatte schreckliche Angst um die Affen und griff sogar Wilderer mit einer Metallstange an. 
 

Immer auf Tour, vom US-Univortrag zur Schulklasse in China. Seit 20 Jahren war Jane nicht länger als drei Wochen an einem Ort.  | Foto: © Rajah Bose / Gonzaga University. Links: © the Jane Goodall Institute / Ma Xiaogang
Immer auf Tour, vom US-Univortrag zur Schulklasse in China. Seit 20 Jahren war Jane nicht länger als drei Wochen an einem Ort. | Foto: © Rajah Bose / Gonzaga University. Links: © the Jane Goodall Institute / Ma Xiaogang
Schürte Dians Tod damals Ängste in dir?

Nein, eben weil ich die Einheimischen einband. Aber meine arme Mutter, die bekam von der BBC einen Anruf: »Hast du schon gehört, Jane ist ermordet worden!« Was für ein Schock. Es brauchte einige Telefonate, bis sich das Missverständnis aufklären ließ. Bis heute werden Dian und ich verwechselt. Manchmal kommen die Leute: »Ich habe Ihren Film ›Gorillas im Nebel‹ gesehen.« – »Wirklich?« – »Ja, Sie sind darin großartig!« – »Dann kennen Sie doch auch das Ende …« 
Am Ende des Films ist Dian ja tot.
Ohne Hoffnung gibt man doch auf. Grund zur Hoffnung geben mir die Erneuerungsfähigkeit der Natur und – ganz wichtig! – die Entschlossenhei­t und Energie junger Menschen.

Dian Fossey wurde von Sigourney Weaver gespielt. Wen würdest du dir als Jane Goodall wünschen, sollte Hollywood dein Leben verfilmen?

Oh, ich kenne mich mit Schauspielern nicht gut aus …
 

Schade, ich hatte gehofft, du würdest Meryl Streep nennen. Aber warum lachst du? 

Es gibt in der Tat vage Verhandlungen wege­n eines Films, doch es ist noch gar nichts spruchreif … Aber Meryl Streep wird darin vielleicht meine Mutter spielen. Good old Mum.
 
Dokumentarfilm

Jane‘s Journey - der Film

Der preisgekrönte Dokumentarfilm (103 min) des deutschen Regisseurs Lorenz Knauer erzählt Janes faszinierende Lebensgeschichte. Dorfbewohner in Gombe kommen zu Wort, ebenso Wegbegleiter oder Promi-Unterstützer wie Angelina Joli­e – alle hat der »Jane-Effekt« gepackt. Als DVD und BluRay erhältlich sowie auf Streaming-Portalen wie iTunes verfügbar.

 

 
 
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