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Die selbst entworfene Walz: Eine Zwischenbilanz

In den Straßen von Deli. | Foto: Fabian Sixtus Körner
Handwerker gehen auf die Walz - warum also nicht auch Designer? Fabian Sixtus Körner reist seit anderthalb Jahren durch die Welt und arbeitet gegen Kost und Logis als Fotograf und Gestalter.

Es begann mit einer Unachtsamkeit. Als ich in Shanghai an der Passkontrolle anstand, fiel mir auf, dass meine kleine Umhängetasche mit Pass und Kreditkarte weg war. Ich hatte sie im Flugzeug vergessen. Weil man mich auch nach Bitten und Betteln nicht zurück in die Maschine ließ, sah ich meine Walz, noch bevor sie begonnen hatte, schon als gescheitert an. Die komplette Crew samt Piloten machte sich lustig, aber die Putzkolonne hatte ein Einsehen: Sie überreichte mir die Tasche und rettete mein Projekt.

 

Als Designer auf der Walz

Selbstportrait in Alexandria: Ägypten wartet auf das Ende des Ramadan, Fabian wartet mit. | Foto: Fabian Sixtus Körner

Seit Januar 2010 habe ich 30 Meter hohe Bambusgerüste bestiegen, um für David Chipperfield Architects historische Gebäude in Shanghai neu zu gestalten; ich schüttelte die Hände zahlreicher Minister und anderer hochrangiger Politiker als »International Ambassador der Kuala Lumpur Design Week«; ich legte Tausende von Kilometern in Zügen, Bussen und Autorikshas zurück, um im Süden Indiens einen vertikalen Garten für ein Gebäude aus Supermarktregalen zu entwerfen; ich wurde in die Freihandelszone von Alexandria geschmuggelt, um ein neues Coporate Design für eine der führenden Werften im Mittelmeerraum zu entwickeln; Ich veranstaltete mit einigen der besten afrikanischen Fotografen das größte afrikanische Fotografie Festival in Addis Abeba und gründete eine Organisation zur Untersützung junger, indischer Fotografen in Bangalore. Seit einigen Wochen arbeite ich als Fotograf und Designer für ein Musiklabel in Brisbane und kehre demnächst nach Malaysia zurück, um das Wira Foto Fest zu kuratieren und in der Jury eines Modelwettberb zu sitzen.

Nach der Ankunft in China hatte ich noch 255,69 Euro und den niedergeschriebenen Vorsatz, auch alle anderen Kontinente zu bereisen. Es gab weder eine Reiseroute noch einen ersten Job, ich wollte das Abenteuer nicht kaputtplanen. Alles was zwischen meiner Ankunft im Shanghaier Hostel bis heute passierte entwickelte sich während der Reise. Ich ging einfach davon aus, dass mir die verschiedenen Orte vielerlei Ideen und Kontakte bringen würden.

Erleuchtung 1: Kuala Lumpur. | Foto: Fabian Sixtus Körner

Im Grunde gibt es, wie in der »normalen« Arbeitswelt auch, zwei Wege um an einen Job zu kommen. Entweder man fragt direkt an oder kennt jemanden der jemanden kennt. Alle meine bisherigen Jobs sind nie durch direkete Anfrage entstanden. Immer hörte ich »Leider kann ich dich zur Zeit nicht unterbringen, aber ich kenne da jemanden!«. In Indien hat dies bisher den größten Kreis geschlagen. Ich verbrachte einige Zeit im nord-westlichen Himalaya mit dem Plan, dort für eine Organisation Designworkshops zu geben. Leider wurde daraus dann nichts.

Erleuchtung 2: Kloster Lamayuru, indischer Himalaja. | Foto: Fabian Sixtus Körner

Zurückgekehrt nach Delhi kontaktierte ich einen Holländer, den ich auf einer früheren Reise kennengelernt hatte und von dem ich wusste, dass er einige Monate in Indien gearbeitet hatte. Er leitete mich an eine Freundin aus Bangalore weiter, die mir sogleich ein paar Adressen mailte. Tags drauf saß ich im Zug nach Bangalore – 36 Stunden non-stop –, wo ich gleich nach meiner Ankunft einen Architekten traf. Bei einer Tasse schwarzem Kaffee fragte er mich, was ich denn gerne machen würde. Ich stellte die Gegenfrage: Was es denn an Projekten zu tun gäbe? Worauf er mir wiederum die Frage stellte, ob ich Büroarbeit oder doch eher experimentelles Arbeiten bevorzugen würde. Ich wette, er kannte meine Antwort, bevor er die Frage stellte. »Ich glaube ich kenne da jemanden, der genau das Richtige für dich hat!« 20 Minuten später stand ich vor einem dreigeschossigen Gebäude, das aus Supermarktregalen zusammengesteckt wurde. Ich wurde als der neue »Artist in Residence« vorgestellt und blieb vier Wochen, in denen ich einen vertikalen Garten auf einer modularen Fassade entwickelte.

Fotostory: Die Ballade vom fahrenden Gesellen

Da meine Reisekosten nicht oder nur selten von den Arbeitgebern bezahlt werden, plane ich meinen nächsten Stopp auch immer mit Blick auf die Höhe der Ausgaben. Danach wähle ich mein Verkehrsmittel: Danach wähle ich meine Verkehrsmittel: Flugzeug, Schiff, Boot, Bahn, Metro, Bus, Minibus, Offroader, Pickup, Rikscha, Ochsenkarren, Fahrrad und natürlich, wenn es die Distanz zulässt, die eigenen Füße – vor allem auf Kurztrips, um den Großstädten zu entfliehen und ein paar Bildstrecken von ländlichen Gebieten zu fotografieren.

Indien ist Weltmeister! Straßenparty bei der Kricket-WM. | Foto: Fabian Sixtus Körner

Eine meiner Leidenschaften: in fremden Städten ohne Karte oder GPS loszuziehen und mich bewusst zu verlaufen. So finde ich oft tolle Motive und habe großartige Begegnungen mit Menschen, die eher selten Westler treffen. Wie etwa in Cherkos, einem Slum in Addis Abeba. In solchen Momenten lasse ich meine Kamera erst mal in der Tasche, nicht aus Angst vor Raubüberfällen, sondern weil die Erfahrung lehrt, dass Menschen meist zugänglicher sind, wenn man ihnen nicht gleich eine Kamera vor die Nase hält. Ich verbrachte den Nachmittag in Cherkos mit ein paar Jungs beim Tischfußball. Nachdem ich gleich im ersten Spiel den lokalen Kickermeister knapp besiegte, verlief der restliche Nachmittag sehr entspannt.

 
Hunde-Wellness auf einem Hindu-Friedhof, Bangalore. | Foto: Fabian Sixtus Körner

Den Grundstein für meine zweijährige »Design-Walz« legte meine erste längere Reise als Backpacker während des Studiums. Jeder der ähnliches selbst erlebt hat und Gefallen daran findet kennt das Gefühl: Es ist eine Art Sucht nach dem Unbekannten, dem unbekümmert sein und dem Bewusstsein über das Erlebte.  Als ich später die ersten Gehversuche in der Arbeitswelt absolvierte, merkte ich, dass ich oft nicht mehr wusste was am zurückliegenden Donnerstag passiert war. So schnell wie möglich musste ich das Gefühl des Reisenden zurückbekommen, zugleich aber auch weiterhin meine Leidenschaft zum Gestalten pflegen. Als ich anfing mich mit der traditionellen Walz auseinanderzusetzen, viel mir auf, dass diese die gleichen Anforderungen stellte wie ich sie auch selbst an mich und meine Reise hatte. Also schrieb ich die Richtlinien über mehrere Wochen auf meine Profession als Gestalter und die Anforderungen der heutigen Zeit um.

Eine der wichtigsten Erkenntnise für mich selbst ist wohl, dass ich mit Offenheit und Ehrlichkeit bisher am weitesten gekommen bin, auch wenn dies Risiken beinhaltet, wie zum Beispiel gefeuert zu werden. Trotzdem hatte ich damit bisher in allen Kulturen die besten Erfahrungen. Selbst dort, wo man Direktheit am wenigsten erwartet.

 

Für 4-Seasons erinnert sich Fabian an einige Episoden seiner Walz.

 

Chinese wider Willen

Nacht in Minhang, Fabians Heimat für fünf Wochen. | Foto: Fabian Sixtus Körner

Eigentlich hatte ich in Shanghai ja ein kleines Zimmer in der Stadt angemietet. Doch pünktlich zum chinesischen Neujahr eröffnete mir meine Vermieterin, dass ein neuer Mieter in mein Zimmer einziehen würde. Durch die Verständigungsprobleme hatte ich ihr offensichtlich nicht meine Verweildauer klarmachen können. Ganze zwei Tage bleiben mir, eine neue Bleibe zu finden - und das genau zum wichtigsten Feiertag des Jahres! Natürlich scheiterte dieses Vorhaben. Aus Mitleid bot mir die Noch-Vermieterin daraufhin an, bei ihr unterzukommen. Mir blieb keine Wahl, also packte ich meine Sachen und zog in den Vorstadt-Bezirk Minhang zu meiner Wieder-Vermieterin, ihrer zweijährigen Tochter und ihren beiden Eltern. Die folgenden fünf Wochen lang lebte ich also chinesisch, hielt die täglich dreistündige Fahrt in maßlos überfüllten Zügen tapfer durch und aß mich per Zeichensprache durch die Menüs der vorstädtischen Garküchen.

 

Machen Kleider wirklich Leute?

Einfach mal abhängen – auch auf der Walz. | Foto: Fabian Sixtus Körner

Übermüdet durch die Anreise aus Shanghai saß ich, wie es sich für ein muslimisches Land gehört, barfuß im Büro der Kuala Lumpur Design Week bei einer Tasse Kaffee. Als mich der Event-Präsident fragte, ob ich mit zu einem Treffen kommen wolle, dachte ich zunächst, dass ich die anderen Teammitglider kennenlernen würde. Da ich Jeans, Flip-Flops und ein T-Shirt mit Totenköpfen und Dämonen trug, fragte ich, ob ich mir etwas passendes anziehen sollte. »Nicht nötig«, antwortete er. Als wir dann an einem der teuersten Gebäude der Stadt ankamen und ganz nach oben in die Chefetage fuhren, war ich nicht mehr so überzeugt von meiner Garderobe. Es stellte sich heraus, dass wir die Managerin des Hauptsponsors treffen sollten und so endete das Meeting in einem schicken Konferenzraum mit sechs stilvoll gekleideten Malaysiern und einem Westler in Sandalen und Totenkopf-Shirt. Dennoch verlief die Verhandlung über die Eröffnungszeremonie für uns sehr erfolgreich und ich konnte meinen ersten Einsatz als International Ambassador des Festivals als Erfolg verbuchen.

 

Qualen am Gandana-Pass

Auf der Walz im Himalaja: Fabian in Leh. | Foto: Fabian Sixtus Körner

Nach fünf Monaten Designwalz gönnte ich mir eine kleine Auszeit im indischen Himalaya, ohne Telefon und Laptop. Der einwöchige Hemistrek sollte zu einer meiner größten Herausforderungen werden. Die ersten beiden Nächte über 4000 Meter verbrachte ich meist schlaflos und fiebrig, die Luft wurde immer dünner und das Laufen schwerer. Tag drei sollte der Höhepunkt der Tortur werden. Die trockenen Chapati-Scheiben zum Frühstück im Homestay bei einer Ladakhischen Familie bekam ich einfach nicht runter und so machte ich mich auf den Weg - müde und ohne Kraftreserven. Ich kann mich nicht erinnern wann ich das letzte mal einen so intensiven Kampf mit meinem eigenen Körper geführt habe. »Umkehren!« schoss es mir alle paar Meter durch den Kopf. Doch der Rückweg wäre nicht weniger qualvoll gewesen. Ich schleppte mich den Pass hoch, atmete laut stöhnend ein und aus, musste im 10-Minuten-Takt rasten und erreichte nach acht Stunden völlig ausgelaugt das Ziel, den Gandala Pass.

 

 

»Where are you from?«

»Wanna play?« Mt. Entoto, Äthiopien. | Foto: Fabian Sixtus Körner

Auf dem Hinweg von Kashmir nach Ladakh verbrachte ich eine Nacht in Kargil, einer Stadt mit größtenteils muslimischer Bevölkerung und kriegerischer Vergangenheit im Kaschmirkonflikt. Zwei Tage zuvor gab es einen Zwischenfall im Mittelmeer, bei dem eine türkische Flotte vom israelischen Militär geentert wurde. Ich war gerade beim Abendessen im Obergeschoss eines kleinen Restaurants, als von der Straße immer lauter werdende Sprechchöre zu hören waren. Der Blick aus dem Fenster hinunter auf fahnenschwingende Menschenmassen, die zu ihrem Kanon simultan immer wieder die Fäuste in die Luft schlugen und mit riesigen Fackeln umherwirbelten, ließ mich erschaudern. Eine Anti-Israel-Demo fand dort unten statt und die Stimmung konnte nicht angeheizter sein. Wer schonmal in Indien war, weiß, dass ein großteil der Backpacker aus Israelis besteht. Die Männer oft mit dicken Bärten bestückt. Ich sah nach mehreren Wochen ohne Rasur dem israelischen Durchnitts-Backpacker sehr ähnlich, fasste also den Plan, so lange zu warten bis sich die Unruhen gelegt hatten und dann zurück ins Hostel zu laufen. Als der Zeitpunkt gekommen war, zog ich meine Kapuze tief ins Gesicht und lief schnellen Schrittes die staubige Straße entlang. Kurz bevor mich die rettende Dunkelheit verschlucken konnte, sah ich im Licht der Straßenlaterne, dass mich jemand ins Auge gefasst haben musste und nun direkt auf mich zukam. Der junge Kashmiri blieb vor mir stehen und verbaute mir so den Weg. »Where are you from?«. Keine ungewöhnliche Frage. Man bekommt sie oft gestellt von Einheimischen und nachdem man sie beantwortet hat, gehen die Fragen normalerweise weiter. »Germany? Very good. Which city?« So kommen in der Regel Fragen über Fragen, die man immer wieder gerne beantwortet, da die Menschen tatsächlich an den Antworten interessiert sind. Doch nicht dieses mal. »Germany«, antwortete ich. »OK«, sagte der junge Kashmiri, wendete sich ab und lief zurück zur anderen Straßenseite. Ich setze meinen Weg schnellstmöglich fort, zurück ins Hostel, das ich an diesem Abend nicht mehr verließ. Es ist ein ungutes Gefühl zu wissen, dass mich in dieser Situation nur meine Herkunft und somit auch die Geschichte meines Landes rettete.

 

Auf YouTube gibt's noch ein Video von Fabians beschwerlicher Reise von Indien nach Ägypten: Bangalore Hauptbahnhof - Kairo Flughafen in 49 Stunden!

 

4-Seasons Info

Fabian Sixtus Körner, 29,

ist Designer, Fotograf, Innenarchitekt, Blogger und Vollzeitreisender. Anfang 2010 startete er ein Projekt, in dem er die Welt bereist und innerhalb seiner Professionen für Kost und Logis arbeitet. Als Grundlage für diese Reise dient ihm die traditionelle Walz, deren Richtlinien er für sein Projekt auf die heutige Zeit umschrieb. Sein Ziel ist es, innerhalb von zwei Jahren alle fünf Hauptkontinente als Design-Wandergeselle zu bereisen.
Über seine Erlebnisse schreibt er in einem Online-Walztagebuch: http://fabsn.com/theblog

 
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