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Die Karriere des Jens Holst: vom Stift zum Schuhchef

Foto: Michael Neumann
Eigentlich wollte Jens Holst Handwerker werden. Outdoor war für ihn nur ein Begriff aus dem Englischunterricht. Per Zufall landete er bei Globetrotter Ausrüstung – als erster Azubi überhaupt. Aber aus Lehrjahren wurden bald Herrenjahre, heute ist Holst Filialleiter in Frankfurt und verantwortlich für den gesamten Schuheinkauf.
 

Die große Liebe ist es nicht. »Ich mag keine Großstädte«, sagt Jens Holst frei heraus. Eine bemerkenswerte Aussage, denn Jens Holst ist Leiter der Globetrotter-Filiale in Frankfurt. Aber so ist er, Jens Holst. Er sagt es ungeschminkt, mit einer erfrischenden Ehrlichkeit. Einen Hamburger stellt man sich gemeinhin anders vor: etwas kühler vielleicht, trocken und nicht gleich gesprächig. Jens Holst ist das Gegenteil. Er redet und erzählt. Am laufenden Band. Mit seiner Wohnung hier in Frankfurt ist er auch nicht ganz glücklich. Dritter Stock, drei Zimmer, Küche, Bad. Kein Keller. Jens ist auf einem Bauernhof 50 km vor Hamburg aufgewachsen. Ein Häuschen im Grünen wäre ihm lieber. Entspannt lehnt er sich auf seinem Stuhl am Esstisch zurück, verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Man spürt sein Selbstbewusstsein, seine Entschlossenheit. Kein Zweifel, Jens ist ein Macher, er kann Dinge anpacken und zu Ende führen. Hinter ihm ragt ein wohlsortiertes Bücherregal mit gut zwei Festmetern Literatur auf, vorwiegend zum Thema Kanada. »Abenteuer im arktischen Kanada« oder »Alleine bis ans Ende der Straßen« lauten die Titel. Dicke Schinken, die Träume zum Leben erwecken. Gegenüber an der Wand hängt eine Weltkarte. Blaue Fähnchen stecken in den Ländern, die er bereits bereist hat. Die roten Fähnchen sind von seiner Frau. Grün haben sie beide zusammen besucht. Es sind ganz schön viele Fähnchen.

Während seiner Schulzeit sieht es für Jens Holst zunächst nicht nach der großen Outdoorkarriere aus. Er will eigentlich Handwerker werden, wie seine Freunde, doch die Zielstrebigkeit, die er heute besitzt, lässt er als 16-jähriger Schüler vermissen. Outdoor ist ein Fremdwort. Urlaub auch. Holst kennt nur Ferien auf dem Bauernhof.

 

Auge in Auge mit DEM Nehberg

Besser als Bundeswehr: trampend durch die Türkei. | Foto: Archiv Holst

Der Zufall will es, dass ihm seine Lehrerin Frau Fuchs, die Mutter des berühmten Arved Fuchs, auf die Sprünge hilft. Arved kannte Peter Lechart, einen Gründer von Globetrotter Ausrüstung, seit einem gemeinsamen Segeltörn und vermittelt Jens einen Praktikumsplatz im Globetrotter-Shop Hamburg, der gerade mal seit drei Jahren existiert. Zu Beginn verläuft das Praktikum schleppend, Jens Motivation hält sich stark in Grenzen. Verkäufer – das hat für Jens wenig gemein mit den wahren Männerjobs wie Maurer, Schreiner oder Mechaniker, denen seine Kumpels nachgehen. Trotzdem, bei Globetrotter glaubt man an seine Fähigkeiten und gibt ihm eine weitere Chance: eine Lehre als Sportfachverkäufer. Jens Holst wird 1982 der erste Azubi bei Globetrotter Ausrüstung, Personalnummer 12 oder 13, da erinnert sich Jens nicht mehr so ganz genau.

Obwohl Jens immer noch von seinen Freunden gehänselt wird, beginnt ihn seine Arbeit zu faszinieren. Die Arbeit bei Globetrotter ist ungezwungen, Kunden sitzen zwischen Ikearegalen auf dem Fußboden und trinken Kaffee mit den Angestellten. »Jeder Tag war spannend«, berichtet Jens rückblickend. Mit der Briefwaage muss er Trockennahrung aus Großpackungen abwiegen und eintüten. Natürlich nascht er heimlich und bekommt noch nie gekannte Bauchschmerzen. Hin und wieder schaut Rüdiger Nehberg auf ein Schwätzchen und eine Tasse Kaffee im Laden vorbei. DER Rüdiger Nehberg! Der Schlagzeilen in der Bildzeitung machte, als er ohne einen Pfennig Geld in der Tasche durch Deutschland reiste und totgefahrene Tiere von der Straße kratzte und grillte. Der Nehberg, der mit einem Floß den Atlantik überquerte. Der stand nun plötzlich vor ihm und plauderte mit seinen Chefs. Auf einmal bekommt Jens Kontakt mit der großen, weiten Welt. Langsam, Tag für Tag schleicht sich das Outdoorvirus in seine Blutbahnen, bis er, gerade mal 17 Jahre alt, seine erste große Reise wagt. Mit dem Rucksack nach Schweden, ganz alleine. Während der ersten Wanderung verläuft er sich sofort und irrt drei Tage querfeldein durch Schwedens Wildnis. Sein Speiseplan ist spartanisch: Müsli und Quellgemüse. Wegweisend dann das zufällige Treffen mit einigen Globetrotter-Kunden: Diese setzen ihn zurück auf die Spur und geben ihm etwas von ihrer Schokolade. Jens erkennt, dass Outdoorerlebnisse auch mit Genuss verbunden sein können.

 

Ins Mekka der Backpacker

Die Tour im Jeep durch China fällt trotz gültigen Führerscheins der Bürokratie zum Opfer. | Foto: Archiv Holst

Nach seiner Lehre zum Sportfachverkäufer verpflichtet sich Jens für vier Jahre bei der Bundeswehr – ein echter Männerjob. Doch schon nach einem knappen Monat bemerkt er, dass dies ein Fehler war. Nach 15 Monaten Grundwehrdienst und einer immerhin stattlichen Abfindung ist er wieder draußen und trampt sechs Wochen mit dem Rucksack durch die Türkei. Jens setzt seine Arbeit bei Globetrotter fort und spezialisiert sich im Bereich Bücher, Reiseführer, Schuhe und Kanus. Eine Reise nach Kroatien zeigt ihm, dass der gewöhnliche Strandurlaub nichts mehr für ihn ist. Jens ist bereit für die großen Abenteuer, bereit fürs Mekka der Backpacker: Pakistan, Asien, Himalaja. Mit Bus und Bahn reist er 1986 durch Pakistan und bekommt das ganz große Programm geboten: Schießereien, Straßensperren, korrupte Beamte. Er wird als Scheckbetrüger festgenommen, weil den Angestellten einer Bank seine Unterschriften auf seinem Reisepass und den Traveller-Schecks nicht identisch erscheinen. Mit neuen Erkenntnissen über das pakistanische Rechtssystem und intensiven Eindrücken asiatischer Kultur kehrt er in seine Heimat zurück, leider auch zusammen mit irgendeiner Krankheit. Jens verliert zehn Kilo Körpergewicht und braucht ein halbes Jahr, bis er wieder auf den Beinen ist. »Ich war immer derjenige, der die Zecken aus dem Wald holt.« Wer so empfänglich für Getier und Krankheiten ist, sollte sich besser von Asien fern halten, das sieht Jens schnell ein.

1988 unternimmt Jens seine erste Kanutour in Kanada. Drei Monate Urlaub. Nach neun Wochen trifft ihn zum ersten Mal das Heimweh mit voller Wucht und er kehrt verfrüht nach Deutschland zurück. »Dort hatte sich aber nichts geändert«, stellt er heute noch enttäuscht fest. Bei ihm selbst aber schon. Er hat sich mit dem Nordland-Virus infiziert. 1990 folgt eine Kanutour auf dem South McMilian, anschließend eine Radtour durch Kanada. 1991 plant er zusammen mit Andreas Bartmann, heute Geschäftsführer von Globetrotter Ausrüstung, eine Expedition im Geländewagen von Peking nach Hamburg. Drei Wochen lang feilschen sie vor Ort mit den Behörden um die Herausgabe der Fahrzeuge. Die Chinesen verlangen 40.000 Mark Pfand, zahlbar sofort und bar. Angeblich sollen sie das Geld an der pakistanischen Grenze wieder ausgehändigt bekommen. Das Misstrauen überwiegt und nach drei Wochen kehren die zwei unverrichteter Dinge nach Deutschland zurück. Kaum daheim, flattert ein Fax von Arved Fuchs aus dem Fernschreiber. Ob Jens die Winterwache auf Arveds Schiff Dagmar Aen in Sibirien übernehmen könne. Warum nicht? Über zehn Wochen verbringt er auf dem Schiff, zusammen mit einem Russen, der weder Deutsch noch Englisch spricht. Während es draußen bis zu minus 50 Grad kalt wird, muss Jens das Schiff eisfrei halten, die Maschinen warten und Öfen reparieren. Die Isolation im sibirischen Winter ist für Jens echte Selbsterfahrung, er teilt sie mit verbannten russischen Journalisten, mit denen er viel feiert und trinkt. Einigermaßen trinkfest kehrt Jens nach Deutschland zurück.

Foto: Archiv Holst

Auf einer Händlerschulung von Old Town lässt er sich zum »Open Canoe Moving Water Instructor« ausbilden. Er lernt von Stechpaddellegende Bob Foote persönlich die Eskimorolle im Kanadier. Seinen Könnensstand beschreibt er heute als Balance aus Angst und Können. »Ich traue mir einiges zu, weiß aber, was ich kann und was nicht.« Richtiges Wildwasser ist aber immer noch nicht seine Welt. »Ich will nicht nass werden, ich will Boot fahren.« 1993 paddelt er den Big Salmon und den Stewart, läuft den Chilkoot-Pass. 1995 ist sein Ziel die Canol-Road, ein 400-Kilometer-Trip entlang einer alten, stillgelegten Pipeline. Schwer beladen, mit 35 kg Gepäck, muss er nach 100 Kilometern aufgeben, weil er sich Blutblasen gelaufen hat. Und das ihm, dem Schuhexperten. Zu dieser Zeit ist Jens bei Globetrotter nämlich bereits für den Einkauf der Schuhe zuständig. Der Abbruch beschert Jens lädierte Füße und viel übrige Zeit. Er entschließt sich zu einer Kajaktour in der Glacier Bay. »Sehr empfehlenswert, wenn man Lust auf Bären hat«, meint Jens. »Noch nie habe ich so schlecht geschlafen und so viele Bären gesehen.« Zwei Jahre später paddelt er den Bonnet Plume, einen der schönsten Flüsse seines Lebens.

 

Fahrten ohne Gewähr

Immer wieder Kanada – auf unzähligen Kanutouren erpaddelt Jens Holst den Hohen Norden. | Foto: Archiv Holst

Im März 1999 wechselt Jens von Hamburg nach Hessen und eröffnet in Frankfurt die fünfte Filiale von Globetrotter Ausrüstung. Aus dem Azubi ist ein Filialleiter geworden. Dazu kümmert er sich um den gesamten Einkauf des Schuhsortiments – nicht weniger als 300 verschiedene Modelle. Jens schätzt heute noch die Entwicklungsmöglichkeiten in der Firma, die ihn immer wieder zu Fortbildungen und Managementtrainings schickt. »Da merkt man, wo man steht«, erklärt Jens. Er hat zwar nur einen Hauptschulabschluss und fachlich kann er mit studierten Managern aus anderen Branchen vielleicht nicht ganz mithalten, aber im Bereich Mitarbeiter- und Menschenführung sieht er sich ganz weit vorne. Denn bei Globetrotter zählen noch andere Werte als Profit. Mitarbeiter geben ihren persönlichen Erfahrungsschatz, ihr Wissen aus Reisen und Abenteuern an die Firma weiter und werden dafür honoriert. »Das Reisen und das Surren des Benzinkochers gehört bei uns einfach dazu«, befindet Jens.

2000 folgt eine Kanutour in Maine, 2001 der Pelly River. 2002 ist ein gutes Jahr für Jens mit Reisen nach Kreta, Mauritius, Kanada, Madeira und La Réunion. Im folgenden Jahr, 2003, zieht Globetrotter Frankfurt in größere Räumlichkeiten um. Trotz Neueröffnung findet Jens im selben Jahr noch Zeit für Reisen nach Bali und an die Bowron Lakes. Bei Schneetreiben und im späten Oktober erlebt er eines seiner intensivsten Kanuerlebnisse.

Kanada, immer wieder Kanada. »Die Einsamkeit, die Weite. Das sind Fahrten ohne Gewähr«, erklärt Jens die Faszination seines Lieblingslands, das ihm Respekt vor der Natur gelehrt hat. »Man steht als Mensch nicht ganz vorne, kann nicht alles schaffen.« Eine wichtige Erfahrung für den Macher, den ehrgeizigen Jens Holst. Allein die körperliche Anstrengung ist Ausgleich zum stressigen Alltagsleben. »In Kanada kann ich stundenlang an einem See sitzen und einfach nichts tun, nichts sagen.« Den Traum einfach auszusteigen, selbst für ein Jahr, den hat er aufgegeben, das lässt die Arbeit nicht zu. Aber in einer kanadischen Blockhütte überwintern, das wäre vielleicht was. Oder einfach mal wieder vier Wochen Urlaub mit dem Kanu. Seit der Geburt seines Töchterchens Chiara vor gut einem Jahr verstauben seine Boote. »Ich bin ziemlich ungeduldig, bis das Kind größer wird.« Ein typischer Satz von Jens Holst. Ehrlich, gerade heraus. So wie er selbst.