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Die Globetrotter des Jahres 2005

Foto: Thomas Zwahlen
Schnell, schnell – das ist keine Reise. Reisen heißt, sich Zeit zu nehmen. Das wussten schon die alten Afrikaner. Und Globetrotter. Um all jene zu ehren, die nach diesem Vorsatz die Welt entdecken, die sich mit Haut und Haar auf Land und Leute einlassen und die von ihren Reisen mehr als nur ‘nen Sonnenbrand mitbringen, kürt man daher in Hamburg alljährlich den »Globetrotter des Jahres«. 2005 wurden sogar zwei Reisen ausgezeichnet ...

Die Schweizer Martina Steinmann und Thomas Zwahlen verbrachten insgesamt zwei Jahre in den Hochgebirgswüsten von Ladakh. Sie waren mit Esel und Pferden unterwegs, freundeten sich mit Nomaden an, waren Gäste ihrer Feste und halfen den Ladakhis bei der Ernte.

 
Um bis zu 50 Tage autark durch die karge Weite Ladakhs zu trekken, transportierten die Schweizer ihr Gepäck auf Pferden. | Foto: Thomas Zwahlen

Harrer ist Schuld. Schon als kleiner Bub hatte Thomas dessen Buch »Sieben Jahre in Tibet« geradezu verschlungen, die Lust auf Himalaya-Abenteuer entstand also quasi unter der Bettdecke. Im Juni 1998 stapfte er zusammen mit Freundin Martina durch einen halben Meter Neuschnee zwischen Lamayuru und Leh. Der Kindheitstraum wurde wahr. Leider verletzte sich Martina zwischendurch an der Schulter. Um ihre Rucksacktour fortzusetzen, musste Plan B her. Sie kauften einen kräftigen Esel. Leider war das Tier wasser- und brückenscheu. »Bei der ersten Brücke haben uns zehn Einheimische beim Schieben und Ziehen geholfen«, erzählt Thomas. Doch der Esel blieb stur. Es folgte Plan C: Gepäck abladen, über die Brücke tragen, Esel rübertragen, Gepäck auf den Esel laden. Das wurde schnell zum Alltag, denn der Esel blieb bei seiner Aversion – und wurde nach dem Trek verkauft. Egal, Martinas Schulter ging es wieder besser, und den Rest der Reise engagierten sie sich als Aushilfen auf den Feldern, wo sie die ersten Wörter des schwierigen ladakhischen Dialekts lernten.

Nach eineinhalb Jahren Kontoauffüllen kehrten die Schweizer Skilehrer 2001 zurück. Dieses Mal sollten Pferde als Packtiere dienen. »Dies würde es uns ermöglichen, zwei bis drei Monate autark unterwegs zu sein. So konnten wir uns länger bei den Nomaden aufhalten, ohne den Leuten wegen fehlendem Proviant zur Last zu fallen«, erklärt Thomas und fügt lachend hinzu: »Die erste Woche haben wir alle lahmen, blinden und alten Pferde vorgeführt bekommen. Bis wir Pippi und Paldan entdeckten. Nach einer Woche feilschen gehörten sie uns.«

 

Gelbköpfe in dicker Daunenjacke

Wer sich auf Land und Leute einlässt, bringt von seinen Reisen mehr mit, als nur 'nen Sonnenbrand. | Foto: Thomas Zwahlen

Nur acht Minuten dauerte dagegen die Ausbildung zum Hufschmied. Ausgerüstet mit 20 Hufeisen und Proviant für 50 Tage brachen sie in Richtung Tsomoriri-See auf. »Die leeren Weiten des tibetischen Hochplateaus haben uns sofort in ihren Bann gezogen«, schwärmt Martina. Abwechslung gab es durch zufällige Begegnungen mit Nomaden. Mittlerweile konnten sie sich schon recht gut unterhalten. »Die Nomaden staunten über uns zwei »goser« (Gelbköpfe) mit dem klapprigen Zelt. Und wir staunten über die blutigen, rohen mit Innereien gestopften Därme, die uns als Gastmenü aufgetischt wurden.«

Martina und Thomas staunten auch, wie abgehärtet die Nomaden waren – nicht nur beim Essen. »Wir saßen in warmer Unterwäsche und Daunenjacke bei Temperaturen unter Null vorm Zelt. Die Kinder spielten dagegen barfuß und im löchrigen T-Shirt. Einen heißen Eisentopf nehmen die Nomaden mit bloßen Händen aus dem Feuer und tragen ihn in aller Seelenruhe herum.«

Foto: Thomas Zwahlen

Nach drei Wochen tauchte der blaue See zwischen den Gipfeln auf. Auf dem Rückweg nach Leh führte der Weg durch das Felsenkloster Phuktal. »40 Mönche haben uns angefeuert, als wir die Pferde ohne Gepäck die leiterartigen Treppen hinaufgezerrt haben. Als es ans Gepäck schleppen ging, war der Klosterhof leer. Bis auf Dorje, einen kleinen Novizen, der uns half.«

Ob Martina und Thomas mit dem Globetrotter-Preisgeld Flugtickets kaufen oder lieber Winterschlafsäcke, ist noch nicht entschieden. Fest steht aber, dass es nächsten Winter wieder gen Himalaya geht. »Wir möchten über die zugefrorenen Flüsse in Zanskar zu den abgelegenen Dörfern wandern. Da kann es minus 30 Grad geben. Ein Einheimischer hat dort von einem Briten alte Skiausrüstungen bekommen. Als Skilehrer wollen wir den Leuten Unterricht geben. Und natürlich auch unsere Freunde und Pferde wiedersehen.«   

 

 

Die Globetrotter des Jahres 2005, Teil II

 

3000 km strampelten die Ehepaare Nicolai und Balzert im letzten Jahr von Berlin nach Athen zu den Paralympics. Stramme Leistung, besonders wenn man bedenkt, dass zwei der vier Radler stark sehbehindert sind.

 
Geschafft, das Meer vor den Toren Athens ist erreicht. | Foto: Archiv Nicolai/Balzert

»Wenn wir unseren Rhythmus gefunden haben, dann ziehen wir durch«, bekennt Albert Balzert. So kam es, dass er und seine blinde Frau Jutta an den Bergen immer die Nase vor Team Nicolai hatten. Und Berge gab es viele auf ihrer 3000 Kilometer Tandem-Tour von Berlin nach Athen zu den Paralympics 2004. Durch Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien waren der stark sehbehinderte Thomas Nicolai mit Ehefrau Ilona aus Berlin sowie die Balzerts aus Witten unterwegs. »Wir wollten zeigen, dass wir als sehbehinderte und blinde Radfahrer mit unseren sehenden Piloten auf dem Tandem zu anspruchsvollen sportlichen Leistungen fähig sind«, sagt Tandem-Hilfen-Initiator Nicolai. Seine Frau Ilona erinnert sich: »Überall rief man uns freundliche Worte zu. Das spürte man, auch wenn wir die Sprache nicht verstanden.«

Diverse Bergprüfungen wurden in Rekordzeit absolviert. | Foto: Archiv Nicolai/Balzert

35 Tage dauerte die Tour, 127 Kilometer die längste Etappe. Und das alles mit null Pannen und null Stürzen. Vor der Abfahrt suchten und fanden sie Sponsoren, so dass die stolze Summe von 25.000 Euro zusammen kam. Das Geld wurde in Tandems, Bildschirmlesegeräte, sprechende Haushaltshilfen, tastbare und sprechende Uhren, Aufnahmegeräte für Hörbüchereien und Blindenschrift-Schreibmaschinen investiert, die man sehbehinderten Menschen in den durchradelten Ländern zugute kommen ließ. Zu diesem Zwecke wurden die Radler von einem Fahrzeug begleitet, in dem sich die Spenden bis unters Dach stapelten.

Für dieses Jahr plant Tandem-Hilfen ein internationales Tandem Camp für blinde und sehbehinderte Jugendliche, Infos dazu unter www.tandem-hilfen.de.