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Die Berghaus-Story – Britisches Understatement

Foto: Archiv Berghaus
Vertrauen muss man sich verdienen. Diese Maxime hat Berghaus – die britische Outdoor-Company mit dem deutsch klingenden Namen – zur Firmenphilosophie erhoben. Unter dem Motto »Trust is earned« produzieren die Engländer schnörkellos ehrliche Produkte, auf die auch unter widrigsten Verhältnissen Verlass ist.
Berghaus früher: das Mountain Center, Newcastle. | Foto: Archiv Berghaus

Dachten Sie auch immer, Berghaus sei eine deutsche Marke? Stimmt nicht. 1966 eröffneten die britischen Bergsteiger Peter Lockey und Gordon Davison das »Mountain Center«, den ersten Kletter-Shop in Newcastle. Wenig später begannen sie, auch ausländische Kletter-Marken zu importieren. Für diesen Vertrieb musste ein eigener Name her. Und weil deutsches Kletter-Equipment für hohe Qualität stand und sich das Ganze »irgendwie nach Alpen« anhören sollte, wählten sie den Namen »Berghaus« – das deutsche Wort für »Mountain Center«, vermuteten sie wohl.

Es blieb nicht beim Import. Unter dem Berghaus-Label stellte man bald eigenes Equipment her. Der eigene Anspruch an die Ausrüstung und endlose Praxistests ermöglichten es Peter und Gordon, die Bedürfnisse der Kunden genau zu verstehen. Schnell genoss der Name Berghaus einen guten Ruf.  

 

King of Paclite

1974 verschaffte sich das innovative Duo die Aufmerksamkeit der gesamten Bergsport-Branche: Mit dem »Cyclops« brachte Berghaus den weltweit ersten Rucksack mit Innengestell auf den Markt, der sehr schnell einen respektablen Marktanteil eroberte.

Berghaus heute: die Zentrale in Sunderland. | Foto: Archiv Berghaus

Der Erfolg motivierte Berghaus, Ausrüstung auch in andere Länder zu exportieren – heute sind es mehr als 20. »Besonders in Deutschland, Benelux, Norwegen, Italien und Spanien entwickelt sich die Marke sehr positiv. Unser Ziel ist nicht schneller Umsatz, sondern ein solides Business«, sagt Lewis Grundy, Berghaus-Geschäftsführer und selbst Felskletterer, Alpinist und Läufer.

In Deutschland hat Berghaus heute den Ruf einer sehr verlässlichen, vielleicht auch etwas konservativen Marke. Letzteres zu Unrecht, denn die Liste der Innovationen kann sich sehen lassen: 1977 etwa setzte Berghaus als erste europäische Marke die atmungsaktive und wasserdichte Gore-Tex-Membran ein. Dank dieser langen und engen Partnerschaft liefert W. L. Gore bis heute »Schlüsselzutaten« für konkurrenzlose Produkte. »Viele unserer Kleidungsstücke nähen wir aus Gore-Tex-Laminaten, die nur wir bekommen«, so Lewis Grundy. »Dazu gehört zum Beispiel Gore-Tex Paclite Cassis, ein gemeinsam mit Gore und Pertex entwickeltes Laminat, das die leichtgewichtige Paclite-Konstruktion mit einem superrobusten Cordura-Oberstoff von Pertex kombiniert.« Keine große Überraschung also, dass Berghaus in Europa mehr Paclite-Produkte verkauft als jeder andere Hersteller.

Auch Globetrotter, Europas größter Outdoor-Händler, sieht die Paclite-Jacke »Trek« und die passende Hose ganz vorne – auf Seite 6 im Handbuch nämlich. Lewis Grundy weiß das zu schätzen: »Immer wenn wir innovative Produkte gebracht haben, hat Globetrotter das unterstützt. Vor allem neue, aber ungewohnte Konzepte brauchen eine gute Plattform.«

 

Gamaschen aus Traktorreifen

Schön und gut: die Arctic Gemini, kürzlich von der Stiftung Warentest ausgezeichnet. | Foto: Archiv Berghaus

Von den »ungewohnten Konzepten« profitieren auch Nischenprodukte. 1978 zum Beispiel brachte Berghaus die ersten »Yeti«-Gamaschen auf den Markt. Man mag es kaum glauben, aber die Oldies mit den umlaufenden Gummirändern sind bis heute Standard bei vielen Expeditionen. Die ziemlich schwer aufzuziehenden Gummi-Abschlüsse stellte Berghaus anfänglich aus alten Traktorschläuchen her (somit waren die »Yetis« vermutlich das erste Recycling-Produkt der Sportartikelindustrie).

Berghaus dachte nicht nur an extreme Alpinisten, sondern auch an die Wanderer. 1980 entwickelten die Briten das »Gemini«-Konzept, das erste System von wasserdichter Außenjacke mit einzippbarem Fleece. Man kann jede Jacke einzeln oder auch beide zusammen tragen. 20 Jahre später sind diese 3-in-1-Jacken noch immer beliebt und begehrt: Als die Stiftung Warentest letzten Dezember 14 Funktionsjacken prüfte, wurde die Berghaus-Jacke »Arctic Gemini« zum Testsieger gekürt und als »in jeder Beziehung ein guter Kauf« empfohlen. Dabei kannten die Tester das neueste Modell noch gar nicht: Für den kommenden Winter hat Berghaus das 3-in-1-Konzept weiterentwickelt und präsentiert das Big Chill Jacket. Mit ultraleichter Paclite-Außenjacke und heraustrennbarer, mit Primaloft isolierter Innenjacke wiegt sie fast 50 Prozent weniger als andere 3-in-1-Modelle.

 

Sir Chris Bonnington übergibt an die Huber-Buam

Alpine Aushängeschilder: Berghaus arbeitet eng mit Alex und Tom Huber zusammen. | Foto: Archiv Berghaus
Von Beginn an stattete Berghaus weltweit Expeditionen aus. 1977 gelang Chris Bonnington und Doug Scott als Ersten (und lange Zeit Einzigen) die Besteigung des Ogre (7.285 m) in Pakistan – bis heute ein Meilenstein der Alpinhistorie. Chris Bonnington, seit 1980 offiziell im Berghaus-Team, prägte die Marke mit seiner Persönlichkeit und seinen Erfahrungen. Er ist von der Marke praktisch nicht mehr wegzudenken. Mittlerweile ist der von der Queen geadelte »Sir Chris« über 70 Jahre alt – und testet noch immer Berghaus-Produkte in der ganzen Welt.

 
 

Auch Alan Hinkes, der als erster Brite alle 14 Achttausender besteigen will, ist Berater bei Berghaus. Nach der Besteigung des Dhaulagiri 2004 fehlt ihm nur noch der Kangchenjunga zur Erfüllung seines Lebenstraums.

Aus der engen Zusammenarbeit mit Spitzenbergsportlern wie Chris und Alan entstand 1986 die »Extrem«-Serie. Das Trango Jacket, Aushängeschild der Linie, entwickelte sich zum Klassiker und blieb in unterschiedlichen Versionen über zwölf Jahre lang Bestandteil der Kollektion.

Berghaus-Pro Alan Hinkes will als erster Brite auf allen 14 Achttausendern der Erde stehen. 13 hat er schon. | Foto: Archiv Berghaus

Bis heute arbeitet Berghaus mit einigen der besten Outdoor-Sportler und Alpinisten zusammen, die sich auf die Ausrüstung verlassen und wichtige Impulse für die Weiterentwicklung geben – mit Alex und Thomas Huber, als »Huber-Buam« und vielleicht derzeit beste Allround-Alpinisten bekannt, ebenso wie mit dem jungen Klettergenie Leo Holding. Im kleinen Berghaus-Team werden große Kreise geschlossen: 2001 gelang Thomas Huber als Erstem die Wiederholung von Chris Bonningtons Ogre-Besteigung.

 
 

Bei solchen Touren ist »verlässliches Equipment« kein Werbe-Blabla, sondern lebensnotwendig. Spätestens seit seiner Tour am 6.543 m hohen Shivling in Pakistan weiß Thomas Huber, dass seine Ausrüstung nicht kaputt geht: Auf den letzten 500 Höhenmetern wurde ihm klar, dass er es mit dem schweren Gepäck nicht nach oben schaffen würde. Also ließ er seinen Rucksack »abstürzen«. Der Berghaus-Pack krachte und schlitterte 1500 Höhenmeter in die Tiefe – über Schnee, Eis und Felsen – bevor er auf dem Parbat-Gletscher liegen blieb. Nach erfolgreicher Besteigung sammelte Thomas seinen Rucksack wieder ein – dieser war etwas mitgenommen, aber durchaus noch zu gebrauchen.

Berghaus-Domäne I und II: High-End-Rucksäcke wie der wasserdichte C7 Pro und innovative Bekleidung wie das wintertaugliche 3-in-1-Jacket »Big Chill«. | Foto: Archiv Berghaus

1993 zogen sich die Gründer Gordon und Peter aus dem »Big Business« zurück, um wieder mehr privat zu klettern. Sie verkauften Berghaus an die in London sitzende Pentland Group, die zahlreiche Sport- und Lifestylemarken besitzt. Pentland freute sich, mit Berghaus das Markenportfolio um einen Namen mit Tradition und hoher Glaubwürdigkeit zu bereichern. Trotzdem kamen zunächst schwierige Zeiten: Durch Umstrukturierungen konzentrierte sich das Unternehmen zunächst auf den Kernmarkt England. Das führte zu Einbußen im Export und sogar zur Schließung der Deutschland-Niederlassung.

 

Inzwischen ist Berghaus wieder auf Kurs, geführt von Managern, die selber Bergsportler und Outdoorer sind. Dank der Größe von Pentland bekommt Berghaus weltweit gute Einkaufsbedingungen – was sich in einem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis widerspiegelt – und verfügt über enorme Ressourcen für die Produktentwicklung. In Deutschland arbeitet Berghaus mit festangestellten Außendienst-Mitarbeitern und freut sich zurzeit über deutlich steigende Umsätze.

 

Mit britischem Understatement

Spielt das Alter eine Rolle? Die Bergsteiger-Legenden Doug Scott und Sir Chris Bonnington beim Klettern in Schottland. | Foto: Archiv Berghaus

Auch in den letzten Jahren stellte Berghaus regelmäßig wegweisende Konzepte vor. 1998 gewann der »Nitro«, eine Art Klammeraffe in Gestalt eines Rucksacks, den vom englischen Design Council verliehenen »Millennium Product Award«. Ein spezielles Trage- und Kompressionssystem fixiert den »Nitro« ungewöhnlich fest auf dem Rücken, worüber sich vor allem Actionsportler wie Biker und Geländeläufer freuen. Als Beitrag zum Lightweight-Trend brachte Berghaus 2003 die »Extrem Light«-Kollektion heraus, eine Leichtgewichts-Linie, die sich über alle Produktkategorien – Bekleidung, Schuhe und Rucksäcke – erstreckt.

Ein Versiegen des Ideenstroms ist nicht abzusehen: Seit Anfang 2005 gibt‘s den Bioflex-Rucksack, der mit dem »Ispo Outdoor Award« geadelt wurde: Sein Tragesystem passt sich an die natürliche Gehbewegung des Körpers an. Das verspricht weniger Ermüdung und mehr Tragekomfort.

Angesichts dieser Innovationsflut mag es verwundern, dass Berghaus in Deutschland zwar Kennern ein Begriff ist, bei der breiten Masse aber relativ unbekannt. Dass Berghaus den Innengestell-Rucksack erfunden hat und als erste Europäer Gore-Tex verwendete, wissen die wenigsten. Vielleicht liegt das ja daran, dass Berghaus keine »laute« Marke ist. Die Briten üben sich lieber in Understatement, feilen an klaren Designs und werkeln weiterhin an der Verwirklichung ihres Mottos: »Trust is earned«.