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Die Bergans Story – Patent Nr. 20547

Foto: Archiv Bergans
Manchmal beginnen große Geschichten mit einem kleinen Ärgernis: Im norwegischen Skrimfjellet war ein Jäger namens Ole so genervt von seinem schmerzenden Rücken, dass er aus einem Wacholderzweig einen Transportrahmen bastelte. 100 Jahre später ist Ole F. Bergans Idee in jeden Rucksack der Welt eingebaut – und die Outdoor-Marke Bergans feiert runden Geburtstag.

Gemeine Frage fürs Outdoor-Quiz am Lagerfeuer: Was verbindet die Polar-Pioniere Amundsen, Scott und Shackleton, den Everest-Besteiger Sir Edmund Hillary und die modernen Abenteurer Rune Gjeldnes, Torry Larsen und Cecilie Skog? Die richtige Antwort: Alle waren bzw. sind mit Rucksäcken und Kraxen der norwegischen Firma Bergans unterwegs.

Ach, zu einfach? Fiesere Frage: Wo liegt Bergan Castle? Weiß niemand? Das ist ein markanter Tafelberg in der antarktischen Shackleton-Range, der von den Entdeckern nach Ole Ferdinand Bergan benannt wurde. Eine Respektsbekundung sowohl für den norwegischen Tüftler als auch für seine bahnbrechende Erfindung – die ahnen lässt, was für eine unglaubliche Erleichterung der Gestell-Rucksack für das Leben draußen bedeutete.

 
Mit einer Idee zum Weltmarktführer: Ole F. Bergan. | Foto: Archiv Bergans

Bergans Meis og Rygsaek

Ole Ferdinand Bergan (1876–1956) muss ein cleverer und interessanter Mann gewesen sein. Ein Tüftler, der sich über unpraktische Ausrüstung grün und blau ärgern konnte und die Angewohnheit hatte, so lange daran herumzubasteln, bis sie seinen Vorstellungen entsprach. Er beschäftigte sich nicht nur mit Outdoor-Equipment. Im Lauf seines Lebens meldete er 45 Patente an, darunter die erste Step-In-Skibindung, eine elektrische Harpune für den Walfang, einen Forstschlitten mit Bremse und einen Verbrennungsmotor ohne Ventile.

Das Patent jedoch, das seinen Namen weltberühmt machen sollte, wurde unter Nr. 20547 als »Bergans Meis og Rygsaek« eingetragen und sicherte der Firma Bergans für 25 Jahre – so lange war die Erfindung geschützt – quasi das Monopol für richtige Rucksäcke. Wer sich nun fragt, was an einem simplen Rahmengestell so sensationell ist, braucht es nur an seinem eigenen Rucksack wegzudenken: Egal ob als Außengestell (klassische Kraxe) oder Innengestell (bei neueren Rucksäcken üblich) konzipiert, macht erst der Rahmen den Sack zum Rucksack. Körpernahes Tragen ohne Geschaukel, das Belüften des Rückens, die Lastübertragung auf den Hüftgurt, die praktische Aufteilung in Fächer – all das wäre ohne das Rahmenprinzip nicht möglich.

Bestseller von Bergans anno 2008: Die Softshell-Jacke Stamsund ...

Wie eingangs erwähnt kam Ole Bergan, damals im Hauptberuf Fahrradmechaniker, aus ganz praktischen Erwägungen auf die Idee des Rahmengestells. Rucksäcke waren 1908 bessere Beutel und nicht für den Transport von echten Lasten geeignet. Die erlegten Rauhfußhühner schleppte Ole auf einer der damals üblichen Holzkraxen – wuchtige Konstrukte, die heute jedem Orthopäden die Tränen in die Augen treiben würden. Vielleicht war Oles Gedankenblitz ja eine direkte Folge seiner Rückenschmerzen: Aus einem Wacholderzweig bog er einen schlüssellochförmigen Rahmen zurecht, der den Konturen seines Rückens folgte. Nach diesem »Fjell-Prototypen« baute er zuhause ein erstes Tragegestell aus leichtem Stahlrohr und Riemen. Das Grundprinzip seiner Überlegung, nämlich dass ein anatomisch geformtes Tragegestell die Last stabilisiert und das Ganze nahe am Körper getragen werden kann, gilt bis heute.

Als »Bergans Meis og Rygsaek« überall gelobt wird, leitet Ole auch den Namen seines neuen Unternehmen von seinem eigenen ab: »Bergans«.

 

»Ein Geschäft ist ein Geschäft«

... und der Rucksack Rondane. | Fotos: Archiv Bergans

Einer, der den Rahmenrucksack besonders schätzte, war der Großhändler Sverre Young aus Christiania (Oslo). Nach einigen Jahren der Zusammenarbeit mit Ole kaufte er ihm das Patent für 1500 Kronen ab. Kurz danach gelang es dem weitsichtigen Geschäftsmann Young, eine große Menge der Rucksäcke an die Armee zu verkaufen. Obwohl Young nun allein die Rechte besaß, machte er sich als Mann von Ehre und Fairness auf den Weg zu Ole, um den Gewinn mit dem Erfinder zu teilen. Es heißt, dass Ole Bergan abgelehnt habe – mit den Worten: »Ein Geschäft ist ein Geschäft.« Ehrenmann bleibt Ehrenmann.

Das hielt Ole Bergan aber nicht vom Tüfteln ab: 1910 entwickelte er einen Lederrucksack, 1920 präsentierte Bergans den weltweit ersten Rucksack für Frauen – in sechs verschiedenen Ausführungen! Dass heutzutage mancher Outdoor-Hersteller plötzlich die »Frauen entdeckt« und spezielle Damen-Ausrüstung konzipiert, würde Ole vermutlich mit einem feinen Lächeln quittieren.

 

Bergans wurde mit Preisen überhäuft

Grund zum Lächeln hatte er aber auch schon damals genug: Ein Vierteljahrhundert lang durfte nur Bergans Gestellrucksäcke bauen, wurde von Alpinisten und Natursportlern aller Art geliebt und bei internationalen Ausstellungen mit Preisen und Medaillen überhäuft. In Ländern wie den USA, Russland und China wurde der Begriff »Bergans« zum Synonym für den Rucksack an sich – so wie bei uns »Tempo« für Papiertaschentücher. Witzige Anekdote am Rande: Als die norwegische Firma auf den amerikanischen Markt expandierte, lehnten die US-Behörden den Markennamen »Bergans« erst mal ab – mit der Begründung, dass es nicht zulässig sei, die allgemeine Bezeichnung für ein Produktklasse als »exklusive Warenmarke« zu verwenden.

Bergans-Stammkunde: Roald Amundsen. | Foto: Archiv Bergans

Das Patent 20547 lief zwar eines Tages aus, so dass nun jeder Hersteller Rahmenrucksäcke anbieten konnte. Aber die Norweger hatten die Zeit genutzt, sich einen großen Vorsprung erarbeitet und die Produktpalette systematisch ausgebaut: Man entwickelte Kindertragen und sehr erfolgreich auch Schulranzen, ferner Gamaschen, diverse Ski- und Skisprungbindungen, die erste symmetrische Langlaufbindung weltweit, Messer, Zelte, Isomatten, Schlafsäcke und die genialen faltbaren Ally-Kanadier. Ab 1967 produzierte die Firma auch spezielle Bekleidung für Bergsteiger, Angler und Jäger und setzte auch damit auf dem skandinavischen Markt neue Maßstäbe.

So hätte es munter weitergehen können, doch dann kam der Juni 1986: Ein Feuer brach in der Bergans-Fabrik in Nord-Odal aus. Produkte und halbfertige Ware im Wert von 20 Millionen Kronen gingen in Flammen auf. Das gesamte Warenlager für die Saison 1986/87 war vernichtet, ebenso – und vielleicht noch schlimmer – die Waren- und Schnittmuster für die Produktion. Bergans schickte Leute in die Outdoor-Läden, die die eigenen Produkte kauften, um sie dann wieder für die Schnittmuster aufzutrennen oder in Einzelteile zu zerlegen. Dann stellte sich auch noch heraus, dass die Firma unterversichert war. Nach einer 78-jährigen Erfolgsstory stand Bergans beinahe vor dem Aus.

 

Das Comeback von Bergans nach dem Rückschlag

Aufgegeben wurde dennoch nicht. Nach einem Jahr lief die Fertigung wieder, Bergans besaß nun eine Textilfabrik mit computergesteuertem Zuschnitt und einem Testlabor für Textilien. Trotzdem reichte es nicht: Während des Produktionsausfalls hatte die Konkurrenz zu große Marktanteile erobert. 1990 gab Bergans die Textilfertigung im großen Stil auf. Fürs erste konzentrierte man sich wieder auf den skandinavischen Markt.

Werbung à la Bergans: Früher mit dem »klar besseren Rucksack« (ganz links), heute mitg den Birkebeinern. | Foto: Archiv Bergans
Vielleicht war es weise Voraussicht, dass Bergans schon seit 1945 auf ein sehr ungewöhnliches Logo setzt. Es zeigt die »Birkebeiner«, Rebellen aus der norwegischen Bürgerkriegszeit um das Jahr 1200. Die Birkebeiner waren raffinierte und zähe Kämpfer und errangen schließlich die Macht. Das Bergans-Logo ist die stilisierte Version eines berühmten Gemäldes von Knud Bergslien: Zwei Birkebeiner bringen den jungen Hakon Hakonson in Sicherheit – auf Skiern, um die Verfolger abzuschütteln. Hakon wurde später König von Norwegen und die Skitour der Birkebeiner zur Legende.

Bergans musste nach dem verheerenden Rückschlag von 1986 zwar nicht Krieg führen, zeigte aber durchaus Birkebeiner-Qualitäten: Mit Ausdauer und Raffinesse eroberte man Marktanteile zurück, erst in Skandinavien, dann in Mitteleuropa. Die legendären Rucksäcke – immer wieder fortentwickelt und verbessert – bildeten dabei das traditionelle Rückgrat der Firma.

Auch bei der Bekleidung ging es voran. 2005 gelang der Durchbruch auf dem deutschsprachigen Outdoor-Bekleidungsmarkt, als Türöffner erwiesen sich dabei die Funktionsjacken, die bei den Globetrotter-Kunden regelmäßig 5-Sterne-Wertungen einfahren.

Apropos: Globetrotter und die Norweger sind alte Bekannte und auf vielfältige Weise verbunden. So ist Peter M. Carati, der vor 29 Jahren zum Globetrotter-Gründungsteam gehörte, heute Deutschland-Chef von Bergans. Ein Grund mehr, einer der interessantesten Firmen der Outdor-Branche zum 100. Geburtstag zu gratulieren: til lykke med fødselsdagen!

 

4-Seasons Info
 

Mit Bergans auf Expedition

 

Seit 1908 rüsten die Norweger Abenteurer aus. Einige Bergans-Kunden im Überblick …

 
  • Der norwegische Polfahrer Roald Amundsen (1872-1928) widmete fast sein ganzes Leben den Entdeckungsreisen. Seine größten Erfolge waren die Entdeckung der Nordwestpassage und die Leitung der berühmten Expedition, die 1912 erstmals den Südpol erreichte.
  • Der amerikanische Entdecker Lincoln Ellsworth (1880-1951) begleitete den damals weltberühmten Roald Amundsen bei der Erkundung des Nordpols mit dem Luftschiff »Norge« im Jahr 1926. Lincoln Ellsworths Vater war erheblich an der Finanzierung dieser Expedition beteiligt.
  • Der Brite Robert F. Scott (1868-1912) ist vor allem bekannt, weil er sich mit Roald Amundsen einen Wettlauf um die Ersterreichung des Südpols lieferte, ihn aber einen Monat später als Amundsen erreichte. Auf dem Rückweg ins Basislager kam die ganze Mannschaft ums Leben.
  • Ernest Henry Shackleton (1874-1922) war britischer Polarforscher und führte die Antarktis-Expedition von 1914 bis 1916. Sein Schiff Endurance wurde zwar zwischen Eisschollen förmlich zerquetscht, doch ihm gelang es noch, die Mannschaft zu retten. Weil er nie einen Mann verloren hat, wird er bis heute bewundert.
  • Der Neuseeländer Sir Edmund Hillary (1909-2008) nahm 1953 an einer britischen Besteigung des Mount Everest teil. Hillary und der nepalesische Sherpa Tenzing Norgay erreichten am 29. Mai als erste den Gipfel. Später leitete Hillary die dritte Expedition, die bis zum Südpol vordrang.
  • Dem Norweger Rune Gjeldnes gelang es als erstem Menschen, die drei größten Eisflächen der Erde ohne Support zu überqueren: 1996 zog er in Längsrichtung über Grönland, 2000 durchquerte er das sibirische Polarmeer über den Nordpol bis nach Kanada und 2006 auf Skiern die Antarktis.
  • Die einzige Frau, die bislang den Südpol und den Nordpol erreichte sowie den Mount Everest bestieg (auch der »dritte Pol« genannt), stammt ebenfalls aus Norwegen und heißt Cecilie Skog. Sie bestieg außerdem auch noch die »Seven Summits«, die jeweils höchsten Gipfel der sieben Kontinente.