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Der Mann mit den Messern

Foto: Michael Neumann
Wenn es um Messer geht, fragt man bei Globetrotter am besten Semih Serbes – der Mann weiß, wovon er spricht. Schließlich hat er auch seine große Liebe mit schneidigen Geschenken erobert – wie 4-Seasons-Autor Ingo Hübner beim Ortstermin in Hamburg erfuhr.

Zugegeben, ich war kein Messerfreund. Hatten immer so etwas Beunruhigendes an sich. Und wozu sollten sie dem unerfahrenen Stadtmenschen denn in der Wildnis taugen? Dass man sich selbst eine große Schnittwunde zufügt? Oder möglicherweise gar dazu, einen Elch oder einen Hirsch auszunehmen, nachdem man ihn zur Strecke gebracht hat? Wo hätte das schon hinführen sollen, außer zu gar nichts. Das war ja kürzlich erst im Kino in »Into the Wild« zu bewundern. Erst müht sich Alex Supertramp ziemlich blutig mit dem Elch ab und dann machen ihm die Fliegen und Maden das Fleisch abspenstig.

Weiß, wovon er spricht: Semih Serbes bei der Arbeit. | Foto: Michael Neumann

Da glitzern sie also hinter dem Glas der Thekenvitrine vom Globetrotter am Wiesendamm: Klappmesser, Messer mit starrer Klinge, große, kleine, goldene, schwarz mattierte, polierter Stahl, so viele Messer auf einem Haufen sieht man nicht oft. Das Green Beret Messer, olivgrün, mit der längsten Klinge in der Auslage, scheint mir das richtige für den Elch zu sein.

»Wofür möchtest du das Messer einsetzen?«, fragt Semih Serbes. Die Ecke mit den Messern, und das ist wirklich nicht abgedroschen, ist sein Reich. Also, probieren wir es gleich mal mit dem Elch erlegen und anschließend ausnehmen aus. Wetten, dass Semihs Griff gleich zum Green Beret Messer geht? Nein, doch nicht, aus der anderen Vitrine holt er ein Messer, das so aussieht, wie das, das meine Oma immer zum Apfelschälen benutzt hat. »Cold Steel Master Hunter heißt das Teil. Es hat eine fünf Millimeter starke Dreilagenstahl-Klinge in Drop-Point Form. Der Griff ist aus Kraton, ein Kunststoff, der auch bei Arbeiten mit feuchten Händen rutschsicher ist.« Die Infos sprudeln nur so aus Semih heraus. »Das ist ein aus der Jagdpraxis heraus entwickeltes Messer, ich erklär dir mal, warum.« Die Augen hinter seinen in kupferfarbenen Draht gefassten Brillengläsern leuchten jetzt. Eine dezente Brille, wie sie oft Gelehrte tragen, die ihr Leben über Bücher gebeugt verbringen. »Nehmen wir mal an, du hast ein Wildschwein erlegt und willst dir einen schönen Wildschweinbraten machen, dann musst du es natürlich zuerst zerlegen.« Semih tut so, als läge das gute Tier rücklings auf dem Verkaufstresen. »Du setzt das Messer zwischen den Hinterläufen an der Bauchdecke an und schneidest das Schwein etwa zwei Finger tief immer schön entlang der Fahrtrichtung auf.« Zielstrebig und offenbar sachkundig führt er das Messer durch das imaginäre Schwein. Dann erklärt er das weitere Prozedere. Die Details ersparen wir uns an dieser Stelle, nur so viel sei noch verraten: Die kurze Klinge ermöglicht eine präzise Schnittführung, die wäre mit einer langen Klinge nicht möglich. Nun ist klar, warum das Messer das Prädikat »aus der Jagdpraxis entwickelt« trägt. Und auch eine von Semihs Freizeitbeschäftigungen ist deutlich geworden: Er ist Jäger, manchmal mit Gewehr, manchmal auch mit Pfeil und Bogen.

»Ich bin auf der Suche nach einer Stabtaschenlampe, wie sie die US-Sheriffs immer am Gürtel tragen«, ruft ein Kunde über den Tresen. Semih grinst: »Was wollen Sie denn damit, die waren doch aktuell, als die Waltons noch im Fernsehen liefen.« Schon klärt er ihn über die Vorzüge von LED-Taschenlampen auf.

Semih Serbes, allein der Name hat einen scharfen Klang. Sprechen Sie ihn mal laut aus. »Ist übrigens türkisch, mein Vater war Türke, sieht man doch, oder?«

 

Semih, der atavistische Vorstadtindianer

Wenn die Motorsäge dreimal klingelt – als stellvertretender Filialleiter ist Semih ein gefragter Mann. | Foto: Michael Neumann

Der stellvertretende Leiter der Hamburger Globetrotter-Filiale ist seinen Jagdutensilien nicht ganz unähnlich. Der Mann ist wie ein unter äußerster Spannung stehender Bogen, der permanent mit den trockensten, schnoddrigsten, unglaublich treffsicheren Ansagen um sich schießt. Um ihn von seiner Bühne zu bekommen, muss man ihn förmlich wegzerren, nur dann kann man mal in Ruhe mit ihm schnacken. Sonst sind immer gleich mindestens zwei, drei Kunden da, die Semihs Talent beanspruchen.

Semihs Element sind zweifellos Messer, das war schon immer so, selbst als kleiner Knirps, als er draußen in der Feldmark, vor den Toren Hamburgs, mit den anderen Jungs gespielt hat. »Zum Holz bearbeiten und Baumhäuser bauen brauchte man einfach ein Messer«, erinnert er sich. Sein erstes eigenes hat er schon mit fünf Jahren geschenkt bekommen, »ein Schweizer Taschenmesser, Marke Champ, das hatte alles, Blaulicht und Kickstarter inklusive.« Sein Faible für die Jagd hat sich ebenfalls recht früh entwickelt. »Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich mit zwölf den ersten Hasen erlegt.« Natürlich mit Pfeil und Bogen. Als er das Tier mit nach Hause gebracht hat, hat seine Großmutter ihm gleich auf ihre Weise die Leviten gelesen. »Junge, wenn du Tiere jagst, musst du sie hinterher auch zum Essen zubereiten.« Gesagt, getan. Der Hase hat ihm aber nicht besonders gut geschmeckt, »das war ein seltsames Gefühl, ein Tier zu essen, das ich selbst gejagt hatte.« Niemand aus Semihs Familie war zuvor Jäger, noch hatten seine Großeltern jemals irgendeinem Stallhasen das Fell über die Ohren gezogen. »Ich glaube, ich bin ein lebender Atavismus, bei mir hat irgendeine genetische Veränderung rückwärts stattgefunden«, lächelt Semih entwaffnend. Heute ist seine Gefriertruhe immer bis an den Rand voll mit selbst gejagtem Wild. Es hat einfach was, wenn man für sein Essen selbst sorgen kann, findet er.

Egal ob Messer, Kettensäge oder Axt: Semih Serbes mag es scharf. | Foto: Michael Neumann
Eigentlich wollte Semih mal Forstwissenschaften studieren, doch es kam alles ganz anders. Die Förster um Hamburg herum vererben ihre Reviere meist in der Familie, »es wäre vermutlich sehr schwer gewesen, hier eines zu ergattern – und weg aus Hamburg wollte ich nicht.« Da traf es sich gut, dass sein Freund Achim Lechhart, der Sohn des Globetrotter-Gründers Peter Lechhart, ihn als Mitarbeiter für das Hamburger Geschäft gewinnen wollte. »Ich also hin, gleich Richtung Chefetage, wo mich ein Mann fragte, ob mir zu helfen sei. In dem Glauben, dass Lechhart auch in der Filiale der Chef sei, verkündete ich mit dem Brustton der Überzeugung, ich hätte einen Termin beim Chef.« Der Mann war Rainer Neuber, der Filialchef. Perfekter kann ein Einstand nicht sein. Aber das war 1989, eine Zeit, »in der alles im Aufbruch war, alles improvisiert und der Sex noch ungefährlich«, sagt Semih. In seiner Hosentasche röhrt eine Motorsäge. Sein Handy. »Du Gunnar, ich kann jetzt nicht, da ist einer da, der ein Portrait von mir machen will«, lacht Semih und klingt dabei, als könne er das selbst nicht glauben. »Neulich, da habe ich wieder einmal so ein Holzfällercamp übers Wochenende geleitet und zum Dank hat mir einer der Teilnehmer den Klingelton geschenkt«, sagt er.

Jagen, Tauchen, Holzfällen, das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus Semihs Freizeitrepertoire. »Die Kunden glauben manchmal, dass wir Verkäufer nicht mehr wissen, von was wir sprechen.« Mit manchen geht Semih dann ins Holzfällercamp und zeigt ihnen, was Sache ist. Semih lebt seine Arbeit und wenn man ihn fragt, was er gern tun würde, wenn alles noch mal ganz anders kommen würde, muss er erst lange überlegen und dabei legt sich seine Stirn in Falten: »Etwas mit Tieren, mit denen kann ich recht gut«, sagt er schließlich. Warum jetzt nicht wie aus der Pistole geschossen Starverkäufer auf dem Hamburger Fischmarkt oder Komödiant mit Hamburger Schnauze kam, steht in den Sternen. Da hätte er sicher ebenfalls eine große Karriere vor sich gehabt, aber oft erkennt der Künstler sein eigenes Talent einfach nicht.

 

Wohnzimmer mit Waldblick

Semihs »Arbeitszimmer« hinterm Gartentor. | Foto: Michael Neumann

Selbst im Urlaub, wenn er nach Skandinavien fährt, probiert Semih neue Messer und Äxte aus. Manchmal zieht es ihn jedoch ganz woanders hin, ganz ohne neue Klingen. In die Wüste. Um der Seele Raum und Freiheit zu geben – das würde er selbst zwar so nicht sagen, aber er wird ganz ruhig und fokussiert, als er über sie ins Schwärmen gerät. »Die Wüste in ihrer Weite, die Leere und die Stille, besonders diese unglaublichen Nächte unter den Sternen, das ist alles so unbeschreiblich.« Dann ist er wieder der alte Semih: »Mit dem Hanomag bin ich mit meinem Kumpel Guntram von Hamburg nach Nordafrika gerumpelt, das war mein erster großer Trip.«

Zuhause ist Semih ein ruhigerer Typ, das scheint am guten Einfluss seiner Frau Imke zu liegen. »Seit wir zusammen sind, bin ich etwas verrückter geworden und Semih etwas normaler«, sagt sie. Vielleicht ist es zudem die Nähe zur Natur, die ihn entspannter macht, denn obwohl er permanent betont, wie schön es in Hamburg ist, meint er eigentlich, wie schön es bei Hamburg ist. Die beiden wohnen ganz gemütlich in einem Holzhaus in Lemsahl im waldigen Norden von Hamburg. Ein Orca aus Blech als Briefkasten, über der Eingangstür Thors Hammer und daneben auf einer Holzbank ein herrenlos wirkendes Hirschgeweih, ansonsten ist alles ganz normal, beruhigend vorstädtisch eben. Gleich hinter dem Haus beginnen der Wald und das Naturschutzgebiet Wittmoor, hier arbeitet Semih für den Bund Naturschutz, hier gehen sie täglich spazieren – er, Imke und Gjambo, ihr Rhodesian Ridgeback. Im Moment liegt Gjambo allerdings im Wohnzimmer und schnarcht lautstark vor sich hin. Imkes Zuneigung hat sich Semih – natürlich nicht nur, aber auch – mit Messern erobert. Sie hat eine Box in der Größe einer Schuhschachtel voll mit seinen Liebesbeweisen.

Vielleicht kennt Semih ja das Foto von den White Stripes, auf dem die Musiker Jack und Meg eine Szene der alten Messerwerferzunft aus dem Zirkus nachstellen. Vertrauen, Liebe, Nervenkitzel und der Ausdruck leichter Verrücktheit sind in der Aufnahme zu sehen. Das Bild würde gut in das Wohnzimmer der Serbes passen.

 

Semih, der Schlangenbändiger

Semihs eigene Messersammlung ist in mehreren großen Alukisten untergebracht. Wie viele er besitzt, weiß er selbst nicht genau, aber ein paar Hundert sind es schon. Der Sammler und die Sammlerwut. Früher hat Semih noch etwas anderes gesammelt, oder ganz korrekt ausgedrückt: Schlangen gezüchtet und getauscht. »Es gab eine große Schlangencommunity, in der die Tiere getauscht wurden, das war ähnlich wie bei den Philatelisten«, sagt er und guckt dabei so unschuldig, wie es eigentlich nur kleine Kinder können. Angefangen hat es mit Würgeschlangen, später waren es Klapperschlangen. Einmal hat ihn eine beim Füttern gebissen, aber das war zunächst nur halb so wild. Er hat sich einen Stauverband angelegt und ist dann ins Krankenhaus gefahren. »Dort ist es richtig witzig geworden. Die Ärztin wollte mir den Verband nicht abnehmen, weil sie dachte, das Gift breite sich über die Blutbahn aus, und ich hätte vor lauter Blutstau fast den Arm verloren. Also musste ich selbst Hand anlegen. Ich wusste ja, dass das Gift im Gewebe wirkt, nur die Ärztin wollte mir das nicht glauben.« Irgendwie hat die Bild-Zeitung Wind von der Sache bekommen und die Reporter standen bald im Krankenhaus auf der Matte. Semih redete aber nicht mit ihnen und sie titelten dann einfach »Giftschlange bricht in Wohnung von Semih S. aus«. Das hat eine Diskussion über den Sinn der Haltung solcher giftigen Tiere ausgelöst. Jetzt hat Semih sein Lausbubengrinsen drauf: »Eine ganz schöne Welle war das damals.« Schließlich hat Imke Semih gezähmt und ihm solche verrückten Beschäftigungen ausgeredet.

Semihs Reich: in der Service-Oase ist der Name Programm. | Foto: Michael Neumann
Heute lässt er es in seiner freien Zeit auch mal ruhiger angehen, Semih liest viel. »Der Geschmack von Apfelkernen« war sein letztes Buch. Da geht es um die Schicksale der Frauen einer Familie innerhalb von drei Generationen, um den Tod, die Liebe, Erinnerungen und das Vergessen. Imke hat ihn schon etwas misstrauisch beäugt, als er das gelesen hat. »Es mag komisch klingen, aber mich hat diese Geschichte ziemlich berührt«, sagt er nachdenklich. »Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.« Das ist ausnahmsweise mal kein Spruch von Semih, sondern das wusste bereits Franz Kafka.
 

 
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