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Der lange Weg nach Havasu

Foto: Martin Haag
Der Grand Canyon gilt vielen als schönster Platz des Planeten – und der schönste Platz im Grand Canyon wiederum ist das Wasserfall-Wunderland von Havasu. Globetrotter-Redakteur Martin Haag stieg hinunter in den großen Graben (auch, um seiner Midlife Crisis etwas Tiefgründiges entgegenzusetzen).
 

Ja ja, die Midlife Crisis. Bekanntlich schlägt sie sich bei jedem anders nieder. Während viele Altersgenossen in depressive Untätigkeit verfallen oder rote Sportwagen anschaffen, zieht es mich anderweitig runter – in den Grand Canyon nämlich. Vermutlich ist es das unglaubliche Alter der großen Schlucht, das mich wieder auf den Boden der Tatsachen bringt: 1,5 Milliarden Jahre – was bin da schon ich mit meinen knapp 40? Ein Sandkorn in den Wirbeln der Zeit …  

Auch wenn es der Grand Canyon vermutlich nicht bemerkt hat, seit gut 20 Jahren komme ich ihn immer wieder besuchen. Früher führten mich ausgiebige Rucksackwanderungen durch diesen Nationalpark der Superlative, heute sind es eher kurze, halbwegs sportliche Abstecher.

 

Alternative für alternde Abenteurer

Die Wunderwelt von Havasu: Türkis leuchtend stürzt der Creek gen Colorado. | Foto: Martin Haag

So beeindruckend wie das Alter des Grand Canyons ist allerdings auch die Anzahl seiner Besucher: fünf Millionen jedes Jahr! 95 Prozent davon fahren an die Südkante, raunen am Aussichtspunkt »Wow!« – und fahren weiter. Wer etwas länger bleibt, erlebt die wohl spektakulärste Landschaft des Planeten ungleich vielschichtiger. Zum Beispiel bei einem Sonnenuntergang oben auf dem Rim oder während einer sternenklaren Nacht im Camp der legendären Phantom Ranch, 2000 Meter tiefer. Doch selbst dieses umgekehrte Bergsteigen – vom Rim hinunter, den Colorado erreichen (statt eines Gipfelkreuzes) und wieder hinauf – hat so viele Anhänger, dass ich lieber Alternativen suche. Als alternder Abenteurer mag ich mein Ego auch nicht der Gefahr aussetzen, von Menschen oder gar Maultieren überholt zu werden. Daher schiele ich gerne auf abgeschiedene und für mich noch weiße Flecken der Nationalpark-Karte. Zuletzt blieb der Blick immer öfter an einem Indianerreservat mit dem verheißungsvollen Namen Havasupai hängen, was »Menschen des blaugrünen Wassers« bedeutet.

Die weltberühmten Wasserfälle des Havasu Creek sind natürlich kein Geheimtipp, aber: relativ schwer zugänglich! Das Village of Supai erreicht man nur per pedes, Maultier oder Helikopter, die Fälle selber nur nach mehrstündigem Wüstenwandern. Dorthin will ich meine Midlife Crisis ausführen.

Nun klagt man ja im Alter nicht nur gerne, man mag es auch bequemer. Daher entscheide ich mich gegen eine individuelle Tour und für einen Reiseveranstalter. Dieser kümmert sich auch um Permits und die Anreise zum Canyon, so spart man viel Zeit und einen Mietwagen (der während der mehrtägigen Tour weder sinnloses Geld kostet noch aufgebrochen werden kann). Mehrere Veranstalter sind in der Gegend aktiv, aber nur »Arizona Outback Adventure«, kurz AOA, bietet eigene und sehr gepflegte Campspots direkt unterhalb der Fälle an. Nach einer telefonischen Rückfrage zur Gruppe (nur wenige Personen) und der Altersstruktur (alle älter als ich, das ist mir zurzeit sehr wichtig) buche ich – nicht ahnend, dass dieses organisierte Abenteuer meine bislang erlebnisreichste Grand-Canyon-Tour werden würde.

 

Hinunter in den Abgrund

Wer sich bei einem örtlichen Veranstalter einbucht, braucht sich selbst um fast nichts mehr kümmern. | Foto: Martin Haag

Erster Stopp sind die Grand Canyon Caverns, die neben dem obligatorischen Truck Stop auch ein winziges Restaurant, einen Campground und ein klassisches Motel besitzen. Und natürlich gibt es – wie der Name bereits vermuten lässt – tief im Boden verborgene Höhlen, die es zu erforschen gilt.

Keiner aus der kleinen Reisegruppe, die sich jetzt am ersten gemeinsamen Morgen um den AOA-Allradbus schart, macht einen besonders frischen Eindruck. Aber es sind nette Leute. Andrey plant eine BBC-Reportage, Gail ist Reisebuch-Autorin, Namensvetter Martin trägt – wie er erklärt – sonst nur Anzug. Und dann ist da Julie aus Kanada, die Älteste im Team. Sie ist sich bezüglich ihrer Kondition für den kommenden Abstieg gar nicht sicher und leidet zudem unter Höhenangst. Ich sehe schon: Meine Midlife Crisis sollte sich hier in Schach halten lassen.

Nach kurzer Fahrt erreichen wir, zusammen mit den ersten Sonnenstrahlen, das Ende des Highway 18 und somit den Ausgangspunkt der Wanderung. Das Ambiente gleicht eher einem Schrottplatz als dem Vorhof zum Paradies: Ausrangierte Autowracks, teilweise halb in den Canyon geworfen, teilen sich den Ort mit Containern und einem provisorischen Helikopter-Landeplatz. Trotz der frühen Stunde tummeln sich Gleichgesinnte, die fürs Abenteuer rüsten, Indianer, die alte Schulbusse als Kioske dekorieren und streunende Hunde.

Es gilt, die schweren von den wichtigen Dingen für den Tagesrucksack zu trennen. Wie aus dem Nichts erscheint ein verwegener Maultier-Treiber mit einer Herde von sieben Stuten. Er verfrachtet unsere großen Säcke mit Ausrüstung, Essen und Trockeneis auf die Rücken der Tiere – und ist schon wieder verschwunden, noch bevor wir unsere Daypacks schultern können. Jetzt geht es endlich los – hinunter in den Abgrund!

Die kleinen Wasserfälle springt man, die großen haben eine Umgehung. | Foto: Martin Haag

Bald kommen uns die ersten Hiker entgegen. Der Weg, der noch vor uns liegt, steht in ihre verschwitzten Gesichtern geschrieben – und zwar genauer als in jeder Wegbeschreibung. Es könnte anstrengend werden. Tatsächlich erweist sich der Trail durch die glühend heiße Steppenlandschaft als steil, staubig und 10 Meilen lang. Vorbei an schattigen Rastplätzen, blühenden Kakteen-Feldern und alleine wandernden Maultieren geht es 700 Höhenmeter bergab.
Wir kommen nur langsam voran. Andrew filmt an jeder Ecke, Gail macht Notizen. Julie verlangt an vielen Stufen meine Hilfe – ich helfe ja gerne älteren Menschen. Nach vier Stunden erreichen wir den kühlen Havasu Creek und kurz darauf das Supai-Dorf. Hauptbestandteil der Ortschaft ist ein zum Helikopter-Landeplatz umfunktioniertes Baseball-Feld, das man auch direkt von Las Vegas anfliegen kann. Die überwiegend resigniert herumsitzenden Einwohner lassen vermuten, dass das Verbot von Drogen und Alkohol auch an diesem Ort nur eine Farce ist. Niemand will hier länger rasten als nötig. Vielleicht auch, weil jeder von uns »Außerirdischen« ein Stück weit zu dieser Problematik beiträgt und sich dafür schämt – mehr oder weniger bewusst.

Bildergalerie: Der lange Weg nach Havasu

Nach einer weiteren halben Stunde, längst wieder in unberührter Natur, stehen wir plötzlich am ersten großen Wasserfall. Der Havasu stürzt 30 Meter in die Tiefe. Es ist ein einzigartiger Platz: Nicht nur die Oase selbst, die nach all der Steppenlandschaft so üppig grün erscheint; es ist vor allem die Wasserfarbe, die so fasziniert – durch Mineralien eingefärbt, schimmert sie in einem unwirklichen  Türkis. Im Anschluss an die Fälle haben sich durch Ablagerungen natürliche Becken gebildet, die zum Baden einladen. Die Luft am Grund ist gesättigt von der Gischt und taucht die Sonnenstrahlen in weiches Licht. Ein wirklich verwunschener Ort.

 

Was für ein Leben!

Grüne Oase inmitten flirrend heißer Wüste: das AOA-Camp. | Foto: Martin Haag

Nur ein Stück unterhalb der Fälle, wo sich wieder ein Flusslauf bildet, liegt neben Katarakten und kleinen Sandstränden der private AOA-Campground. Ganz im Gegensatz zum örtlichen Zeltplatz (der vor ein paar Jahren einer Überschwemmung zum Opfer fiel und erst wieder hergerichtet werden muss) ist es hier hell, sauber und freundlich. Nach dem ersten erfrischenden Bad warten große Kuppelzelte, eine professionelle Outdoor-Küche und einladende Hängematten auf uns.

Guide Gary, nebenberuflich Kaffeehaus-Manager von Starbucks in Phoenix, zaubert auf dem Benzinkocher Latte Macchiato; Führerin Hansi leistet Erste Hilfe an geschundenen   Füßen; Platzwart Ryan bereitet Steaks und Salat. Was für ein Leben!

Die Nacht wird lang und lustig – übrigens ohne Alkohol, der natürlich auch für Besucher verboten ist. Hansi gesteht, warum sich ihr Vater für ihren merkwürdigen Vornamen entschieden hat – das Playmate des (Geburts-)Jahres 1972 trug denselben. Jeder erzählt seine Geschichten, fragt den Guides Löcher in den Bauch über Landschaft und Leute des Canyons. Julie spricht frei über ihre Höhenangst. Wir sind Freunde geworden. An einem Tag. Das geht nur im Paradies.

 

Der Sinn meines Kommens

Immer schön vorsichtig, immer mit Tevas: Die mineralischen Ablagerungen im Fluss sind teilweise scharfkantig. | Foto: Martin Haag

Der nächste Morgen verspricht noch mehr Abenteuer: Ein Ausflug zum Beaver Canyon steht an, es geht immer bergab Richtung Colorado River. Der Weg führt über die Mooney Falls und ist wirklich nichts für Angsthasen. In der Gischt der Fälle muss sich der Wanderer satte 70 Meter in die Tiefe hangeln. Eine Art Klettersteig führt durch kleine Höhlen und ist sehr glitschig, trotz Ketten zum Festhalten und in den Fels gehauenen Stufen. Es dauert lange, bis wir unten sind. Nicht nur für Julie. Der Blick von unten aber: gewaltig! Brüllend laut kommt hier das Wasser an und macht den Ort zu einem Tempel der Ehrfurcht.

Immer schmaler wird der Trail, immer verwunschener und unberührter die Landschaft. Dutzende Male durchwaten wir den Havasu Creek, kleinere Katarakte überwinden wir kletternd oder einfach durch Sprünge ins kühle Nass. Irgendwann verlassen wir den Trail, der sich immer dichter an den Felshang klammert. Das letzte Stück legen wir schwimmend zurück. Die wasserdicht verpackten Daypacks geben Auftrieb.

Dann der Höhepunkt unserer abenteuerlichen Wanderung: ein letzter Sprung in die schöne, sonnendurchflutete Bucht des Beaver Canyons. Hier erfahre ich endlich den Sinn meines Kommens: Die Erfahrung, dass alt werden doch im Kopf beginnt. Denn während mir der Sprung in den Pool für mein Alter deutlich zu hoch erscheint und ich vorsichtig abklettere, hüpft Julie mit einem Lachen im Gesicht als Erste.

 
4-Seasons Info
 

Havasu: Poesie aus Stein und Wasser

 

Das Erlebnis Havasu baut man am besten in eine größere USA-Reise ein. Einmal vor Ort, genügen drei bis fünf Tage, um den Grand Canyon von einer ganz besonderen Seite kennen zu lernen.

 

Charakter
Während Wanderungen am belebten Hauptkorridor mit Höhenunterschieden von 1500 m (Süd-Rim) bzw. 1800 m (Nord-Rim) aufwarten, ist der Hike am Havasu gemäßigt: 700 gut befestigte Höhenmeter sind es bis zu den ersten Fällen. Jedoch warten im Sommer Temperaturen weit über 40 °C auf den Wanderer.
Zum Supai-Dorf sind es 13 km, zu den Zeltplätzen nochmals 3 km, von dort bis zum Colorado weitere 8 km (schwierig, mit Kletterpassagen und Flusstraversen). Wer per Maultier in den Canyon möchte, bezahlt ca. 70 US$ (one way). Ein Helikopterflug kostet dasselbe.

Anreise
Der Autor empfiehlt Las Vegas als Ausgangspunkt für Touren auf eigene Faust. Man erlebt Natur und Metropole in jeweils extremer Ausprägung. Von Vegas fährt man im Mietwagen ca. 6 Stunden: Freeway 40 bis Stichstraße von Seligman, die auch bei (kaum zu erwartenden) Regenfällen ohne Allrad befahrbar ist. Achtung: Dieser »Highway 18« führt 65 Meilen durch die Ödnis – also Wasser und Sprit voll tanken.
Für organisierte Touren ist Phoenix der bessere Ausgangspunkt.
Für das Betreten des Reservates verlangen die Havasupai einmalig 20 US$ im Visitor Center des Dorfes.

Beste Zeit
Ganzjährig reizvoll. Wer baden und/oder Abenteuer jenseits der Havasu-Fälle erleben will, kommt zwischen Mai und Oktober.

Ausrüstung
Weniger ist mehr: Leichte Wanderschuhe, die auch nass werden können, sind die beste Wahl. Wer schwache Bänder hat oder sich in nassen Schuhen leicht Blasen läuft, packt stabile Wanderstiefel und ein paar Sandalen (z. B. Teva) ein und wechselt bei Flussquerungen die Schuhe. Absolutes Muss sind große Trinkblasen im (am besten wasserdichten) Rucksack. Außerdem Sonnenschutz: Hut mit Krempe, helle Bekleidung, starke Sonnenschutzcreme. Eine Feuchtigkeitslotion am Abend ist ein Segen für die Haut.

Übernachten
Öffentlicher Campground an den Fällen, 10 US$ pro Nacht/Nase, unbedingt reservieren: touristoffice@havasupaitribe.com (Kreditkarte erforderlich). Die Lodge im Village kostet 125 US$ pro Nacht und Nase plus 40 US$ Pfand (wofür auch immer). Unbedingt lange vorab reservieren: lodge@havasupaitribe.com.

Verpflegung
Leicht und energiereich, am besten zum Kocher gefriergetrocknete Mahlzeiten einpacken. Dazu Snacks (wie Energieriegel, Beef Jerkey etc.) und einen Filter oder Tabletten zur Wasserentkeimung.

Führer & Karten
Straßenkarten am besten vor Ort kaufen; eine handgemalte, aber dennoch praktische Wanderkarte gibt es im Supai-Dorf.

Veranstalter
AOA (www.azoutbackadventures.com) ist nicht billig, aber sehr professionell. Im Angebot sind reinrassige Abenteuertrips, aber auch kombinierte Wander-/Helikopter-Touren von 3 bis 5 Tagen. Preise ab 1350 US$. AOA kümmert sich dabei um ALLES, Kunden brauchen nur Persönliches und Trinkrucksack.