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Der kraxelnde Bücherwurm

Foto: Manuel Arnu
Zweitliebste Beschäftigung aller Globetrotter ist das virtuelle Reisen zwischen Buchdeckeln. Das ist bei Christiane Golbs nicht anders. Sie betreibt diese Passion allerdings als Profession: Als Leiterin der Buchabteilung der Filiale Dresden liest, lebt und atmet sie Bücher auf 150 Quadratmetern. Wie war das doch gleich mit der Made im Speck?

 

Gut vernehmbar, aber angenehm unaufdringlich erklingt Weltmusik aus den Lautsprechern in der Buchabteilung der Globetrotter-Filiale Dresden. Hat man es sich in einem der Clubsessel der Leseecke gemütlich gemacht, einen Reiseführer aus einem exotischen Land in der Hand, und schließt die Augen, entführen einen die Klänge auf eine musikalische Weltreise. Mit jedem Song ein neuer Kontinent. Fremdländische Klänge mischen sich mit eigenen Sehnsüchten, Abenteuer werden lebendig. Schlägt man die Augen wieder auf, entschädigt der Panoramablick aus dem Obergeschoss auf die begrünte World-Trade-Center-Passage für die Enttäuschung, dass all die bunten Bilder im Kopf der schnöden Wirklichkeit gewichen sind.

Schmökern erlaubt – die Buchabteilungen der Globetrotter-Filialen laden zur Gedankenreise. | Foto: Manuel Arnu

Umgeben von den sehr technisch strukturierten Abteilungen Fahrrad, Bergsport und Kanu ist die Buchabteilung eine Oase der Phantasien und Wünsche. Hier werden Träume geboren, Pläne geschmiedet. Im Großen wie im Kleinen. Nicht nur große Abenteuer nehmen hier ihren Lauf, manchmal darf es auch »nur« eine Wandertour im Erzgebirge sein, oder eine Kanutour auf der Elbe. Und damit jeder Kunde das Buch bekommt, das er sucht, dafür gibt es Christiane Golbs.

Christiane Golbs leitet die Buchabteilung und wer heute, an einem Januartag, genauer hinschaut, der stellt fest, dass die junge Frau leicht humpelt. Gestern hatte Glatteisregen Dresdens Straßen in ein tückisches Pflaster verwandelt und Christiane, die tagein und tagaus mit dem Fahrrad zur Arbeit radelt, war schmerzhaft auf dem Blitzeis ausgerutscht. Einen Tag später lässt sich die gut trainierte Sportlerin ihre lästigen Blessuren kaum noch anmerken, wenn sie zwischen den Regalen der 150 Quadratmeter großen Buchabteilung von Kunde zu Kunde eilt. Für Christiane ist der Jahresbeginn eine Zeit zum Durchatmen. Es herrscht nicht mehr das geschäftige Treiben der Vorweihnachtszeit, wenn Bücher massenweise unter den Weihnachtsbäumen landen und der Frühling noch ein fernes Datum im Kalender ist. Denn sobald in Dresden das Thermometer zweistellige Temperaturen anzeigt, gehen Wander-, Kletter-, Rad- und Kanuführer wie warme Semmeln über den Ladentisch. Aber auch in der Nebensaison wartet ein verführerisch großes Sortiment auf reisewütige Leseratten. Über 1.500 Reiseführer wollen gelesen werden, darunter alleine zwei Meter Frankreich und drei Meter Italien. Reinhold Messner beschreibt sein »Leben am Limit«. Überlebenskünstler und solche, die es werden wollen, können sich zwischen acht Bänden von Survival-Guru Rüdiger Nehberg wählen oder gleich die ganze Enzyklopädie in die heimische Bibliothek aufnehmen. Und natürlich entkommt man Deutschlands derzeit bekanntestem Pilger Hape Kerkeling auch nicht in Dresden, der mit breitem Lächeln auf dem Buchdeckel verkündet: »Ich bin dann mal weg.« Selbstverständlich ist der ironische Erfahrungs-bericht auch bei Globetrotter ein Bestseller.

 

30 Jahre auf der Welt, 14 bei Globetrotter

Christiane liebt die Herausforderung des Kletterns in der Sächsischen Schweiz. | Foto: Archiv Golbs

Kurz nach der Wende eröffnete das Hamburger Unternehmen Globetrotter in Dresden seine erste Filiale. 1990 begann der Ausrüstungsspezialist zunächst in einem kleinen Laden in Dresden. Ein Jahr später erfolgte der Umzug in das Dresdner Sporthaus am Pirnaischen Platz mit einem rund 600 Quadratmeter großen Geschäft. Die gebürtige Dresdnerin Christiane Golbs hatte in den frühen 90er Jahren noch andere Träume. Obwohl sie schon immer dem Sport verbunden war und bereits mit fünf Jahren begann, Schwimmen als Leistungssport zu betreiben, wollte Christiane Restauratorin werden. Nur gab ihr kein Betrieb eine handwerkliche Lehrstelle, stattdessen landete sie durch Zufall bei Globetrotter und begann eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Inzwischen ist die 30-Jährige Globetrotter 14 Jahre treu und mit dem Umzug in das moderne World-Trade-Center im Jahr 1998 übernahm Christiane Golbs die Buchabteilung der erneuerten und vergrößerten Filiale. Seitdem ist sie auch für den Einkauf und das Buchsortiment in Dresden zuständig. Nur ein kleiner Teil des Bestands wird über die Hamburger Zentrale abgewickelt. Die kleine Kollektion ausgesuchter Bücher aus dem Hauptkatalog muss in jeder Globetrotter-Filiale ausliegen, ansonsten ist es dem Gespür von Christiane überlassen, was in die Buchauslage in Dresden kommt. Zu den klassischen Reiseführern, Ratgebern und Biographien kommen auch viele Bücher mit regionalem Bezug.

Dresden ist eine der meistunterschätzten Sportstädte Deutschlands. Es gibt zwar weder einen erstklassigen Fußballverein noch einen zweitklassigen Handballverein, dafür 63 % Wald- und Grünfläche – Outdoorabenteuer in Stadt und Umland sind somit ein Leichtes. Im Winter sieht man Menschen mit Skiern in die Straßenbahn steigen, das Skigebiet Altenberg im Erzgebirge ist nur 40 km entfernt. Der Elberadweg zählt zu den schönsten seiner Art in Deutschland und auf der Elbe selbst tummeln sich Kanuten aus sechs Dresdner Kanuclubs sowie zahlreiche Wasserwandertouristen.

Gut verkaufen sich auch die 14 regionalen Kletterführer aus der Sächsischen Schweiz und der näheren Umgebung. Das Klettern im Sächsischen genießt einen außergewöhnlichen Ruf. Die Routen sind lang und von ungewöhnlicher Beschaffenheit. Hier gibt es über 1.100 freistehende Sandsteinfelsen, die theoretisch über 15.000 Kletterrouten ermöglichen. Aber neben den topologischen Auffälligkeiten ist es vor allem der allgemein anerkannte Ehrenkodex, der das Klettern so außerordentlich macht. Wer in der Sächsischen Schweiz klettert, braucht gute Nerven oder einen guten Vorsteiger. Das weiße Magnesia-Pulver, das den Schweiß für einen besseren Griff bindet, ist verboten. Bohrhaken als Zwischensicherungen gibt es nicht, noch nicht mal Klemmkeile oder andere metallische Hilfssicherungen werden geduldet. Alleine mit Bandschlingen dürfen Kletterer Zwischensicherungen legen. Als Knoten in Risse gesteckt oder um Felsnasen gelegt, sind sie die einzige Sicherheit zwischen den wenigen soliden Standplätzen. Auch Christiane liebt diese Herausforderung. Man vermeidet, an seine Grenzen zu gehen, vertraut auf eigene Stärken und auf eine aufrichtige Selbsteinschätzung. Bisher ist ihr dies gelungen. Noch nie musste Christiane eine Knotenschlinge auf ihren Halt überprüfen, weil sie unverhofft aus der Wand gefallen ist.

 

Ein Buch im Rucksack geht immer

Auch im Winter mag Christiane es »on the rocks«. | Foto: Archiv Golbs

Neben den regionalen Reiseführern, so berichtet Christiane Golbs, seien vor allem Individual-Reiseführer die Verkaufsschlager. Allen voran die umfassenden Länderführer des legendären Reiseverlags »Lonely Planet«. Fast jeder Winkel der Erde wurde von den unermüdlichen Reisebuchautoren des australischen Verlags durchleuchtet und beschrieben. Seit zwei Jahren gibt es die englischsprachigen Standardwerke für Rucksackreisende zum Teil auch in Deutsch. Eine kleine, wohl ausgesuchte Auswahl an Biographien und Erfahrungsberichten sorgt für entspannten Lesespaß im Urlaub oder für Inspiration. Auch in Christiane Golbs großer privater Buchsammlung stapeln sich vor allem Standardwerke der Reisebuchliteratur. Nicolas Vaniers »Schneekind« hat sie ebenso tief beeindruckt wie das »Blockhaus am Denali« von Dieter Kreutzkamp und eine innige Liebe zur winterlichen Jahreszeit geweckt. Mit Leidenschaft zieht es Christiane Golbs zum Skifahren in verschneite Bergwelten. Sei es zum Tourenskifahren in die französischen Alpen oder zum Langlaufen in den skandinavischen Winter. Vor wenigen Tagen stand sie noch in einem einsamen schwedischen Fjäll, die Langlaufskier an den Füßen und einen 16 kg schweren Rucksack auf den Schultern. Täglich 20 Kilometer aus eigener Kraft durch Schwedens Winterwunderwelt, von Hütte zu Hütte. Das Zusatzgewicht Buch hat sie dabei gern in Kauf genommen – wo es im schwedischen Winter doch so früh dunkel wird und die Kanonenöfen in den Hütten so gemütlich knistern.

Lesefreudige Outdoorsportler finden in der Globetrotter-Buchabteilung Bücher zu fast allen Lebenslagen. Nicht nur die üblichen Reiseführer drängeln sich in den Büchergestellen, auch Sprachführer oder Ratgeber für Botanik, Messerkunde, Knotenkunde, Kochen und Survival beanspruchen ordentlich Regalmeter. Ein spezielles Handbuch aus dem Reise-Know-How-Verlag klärt über Drogen in Reiseländern auf, zeigt globale Trends, listet Strafmaße in klassischen Drogenländern auf und gibt Tipps zu traditionellen und legalen Drogen. Das Outdoorhandbuch Sex-Basixx vermittelt echtes »Basiswissen für draußen«. Das kleine Taschenbuch beschreibt Vorbereitung, Technik und Varianten für zweisame Stunden in freier Natur. Und sollte man beim Stöbern in den Bücherregalen und dank Christianes kompetenter Einschätzung ein Traumreiseziel gefunden haben und kurzfristig den Entschluss fassen, zu verreisen, kann man sich, getreu dem Globetrotter-Leitsatz »Träume leben«, auf 2.400 Quadratmeter Verkaufsfläche mit allem nötigen Reisezubehör ausstatten und im Reisebüro im Erdgeschoss sofort buchen.