präsentiert von:

Der Geist der Berge: Michael Pause im Interview

Foto: Moritz Attenberger
Michael Pause ... ist der wohl populärste Outdoor-Journalist der Republik ... erbte von seinem Vater die »Münchner Hausberge« ... leitet die Fernsehsendung »Bergauf-Bergab« ... macht Bücher und Filme über Berge ... nennt jeden Gipfel im Panorama beim (Vor-)Namen ... grüßt auf Tour Jung und Alt, weil Jung und Alt ihn grüßt ... spricht bayerisch – so, dass jeder es versteht. 4-Seasons besuchte den multimedialen Bergversteher, den seine Freunde »Micki« nennen, zu Hause am bayerischen Alpenrand.

Gute zehn Kilometer von dem Tisch, an dem wir sitzen, beginnen die Alpen. Wenn es nicht die Alpen wären, sondern die Nordsee?

Dann wäre es die Nordsee, und ich wäre höchstwahrscheinlich nicht Bergsteiger geworden. Aber ich weiß, dass viele Menschen zehn Kilometer von der Nordsee entfernt leben und mit Inbrunst von den Bergen reden, ja dass sie von den Bergen träumen. Und dass der Urlaub in den Bergen, fernab der Waterkant, für sie der Höhepunkt des Jahres ist.

 

Träumst du nicht manchmal von der Nordsee?

Ich war noch nie an der Nordsee! Am Nordmeer aber schon.

 
Leben auf der grünen Wiese: Michael Pauses Wohnort Kleinseeham. | Foto: Jörg Bodenblender

Wie klingt es denn, wenn der Berg ruft?

Er ruft Gott sei Dank nicht. Für mich ist es wichtig, dass die Berge immer da sind, zu allen vier Jahreszeiten, und dass ich bei schönem Wetter auch mal sagen kann: Heute lass´ ich die Arbeit Arbeit sein, heute geh´ ich in die Berge. Das ist ein großes Privileg. Und oft ist es ja auch so, dass eine Bergtour tatsächlich meine Arbeit ist.

 

Was ist deine erste Erinnerung an die Berge?

Ich war wohl sechs oder sieben, und wir waren auf dem Sellajoch in den Dolomiten. Meine Eltern sind geklettert, jeweils an unterschiedlichen Bergen. Meine Mutter kam mit ihrem Seilpartner früher zurück, und die Gruppe mit meinem Vater war noch nicht da, als es Nacht wurde. Das war natürlich aufregend. Später sind die Helden der Berge natürlich noch eingelaufen …

 
Familie Pause anno 1968. Noch weiß »Micki«, zweiter von links, nicht, dass er in die Fußstapfen seines Vaters, zweiter von rechts, treten wird. | Foto: Jürgen Winkler

Hingen dir als Kind die Berge nie zum Hals heraus?

An großes Gejammer kann ich mich nicht erinnern. Wir waren immer im großen Tross unterwegs, mit Eltern und vielen Geschwistern, und ganz oft in den Bayerischen Alpen. Da kann man nicht nur wandern, sondern auch – ganz wichtig – klettern. Kindern muss man Klettergerüste bieten, um sie für die Berge zu begeistern. Zu meinen frühen Erinnerungen zählen Klettereien am Felskamm der Ruchenköpfe im Spitzingseegebiet, nicht weit von hier. Davor rasteten wir immer am »Brotzeitfelsen«, das war ein Ritual. Und zum Schluss wanderten wir durch den Pfanngraben ins Tal, einen wunderschönen Bergbach entlang. Da konnten wir Dämme bauen und in die Gumpen springen. Auch so ein Ritual! Meine Eltern haben das sehr gut hinbekommen.

 

Erklär doch bitte den Menschen nördlich der Donau, was dein Vater gemacht hat.

Mein Vater war nach dem Krieg erst einmal Journalist, dann hatte er die Idee, einen Buchtyp zu entwickeln, den man später als »Auswahlführer« bezeichnete: »Die hundert schönsten …« – Wanderungen, Klettereien, Skitouren und so weiter. Diese Bücher haben damals den Nerv der Zeit getroffen. Die Leute hatten Ende der 1950er-Jahre wieder Geld, sie hatten ein Auto, sie wollten endlich wieder raus. Sie kauften Pause-Bücher und hakten oft Tour für Tour ab, weil die Auswahl schon sehr, sehr gut und kompetent war. 1965 veröffentlichte mein Vater dann den Klassiker »Münchner Hausberge«. Bereits vor seinem Tod, 1988, begann ich mit der Überarbeitung einiger seiner Bände.

 
Michael Pause, rechts unten, im Hochlager am Mount McKinley. | Foto: Hannes Hochenleitner

Du hast aber auch Bergabenteuer außerhalb Bayerns erlebt.

Vor allem 1976 in Nepal, bei meiner ersten Reise in den Himalaya. Aber nicht hoch oben, sondern eher unten im Tal, als wir unter schwierigen Umständen den Weg zurück in die Zivilisation finden mussten. Der Begriff Abenteuer hängt bei mir sehr hoch. Entscheidend ist für mich dabei ein Mindestmaß an Unberechenbarkeit, also ein ungewisser Ausgang. Eine Tour zum Mount McKinley in Alaska, wie ich sie 2007 mitmachen durfte, ist kein Abenteuer im eigentlichen Sinn, weil sie strikt durchorganisiert ist. Per Satellitentelefon hatten wir regelmäßig Kontakt mit dem Innsbrucker Wetteramt, das machte das Risiko in einem hohen Maß berechenbar. Und wir mussten sogar unser Klo mitnehmen. An so was denkt man bei einem echten Abenteuer wirklich nicht.

 

Erst Bergsteiger, dann Journalist – ganz der Papa …

So gerade verlief der Weg auch wieder nicht. Lange Zeit war ich mehr Skifahrer als Bergsteiger. Aber beruflich wollte ich schon immer Journalist werden, am liebsten Auslandskorrespondent in Washington.

 

Du hast Politik studiert. Verrätst du uns bitte den Titel deiner Magisterarbeit?

Ach, zu der ist es gar nicht mehr gekommen … Ich besuchte in München die Deutsche Journalistenschule, und bei den Praktika begeisterte mich die Praxis wesentlich mehr als die Theorie an der Uni. 1978 durfte ich meinen ersten Film für die Sendung »Bergauf-Bergab« drehen: Mit Langlaufski unterwegs im Bayerischen Wald. Da merkte ich schon, dass ich in dieser Nische mit den Bergen besser aufgehoben bin als im politischen Ressort.

 
Arbeiten unter blauem Himmel: »Bergauf-Bergab«-Produktion in den Allgäuer Alpen. | Foto: Georg Bayerle

»Bergauf-Bergab« läuft im Bayerischen Fernsehen seit 1975. Wie habt ihr euch so lang gehalten?

Indem wir Sehnsüchte und Erinnerungen wecken. In unseren Sendungen erkennen die Zuschauer ihre eigene Bergbegeisterung wieder. Wir zeigen die Menschen, die sie auch am Wochenende im Gebirge treffen: viele gute und echte Typen. Wir filmen nicht vom Hubschrauber aus, sondern schleppen unser Zeug selbst rauf, machen also sozusagen eine »ehrliche« Sendung. Und es gibt bei uns, wie überhaupt im Gebirge, keine Klassenunterschiede. Ich kriege Briefe von Chefärzten und Professoren, und ich kriege Briefe von Angestellten und Handwerkern. Dazu kommt unsere Kontinuität. In 35 Jahren haben nur zwei Leute die Sendung moderiert: Hermann Magerer, der Erfinder von »Bergauf-Bergab«, und ich.

 

Auf der letzten European Outdoor Film Tour EOFT sah man Free-Solo-Kletterer, Downhill-Mountainbiker und Extrempaddler. Dagegen wirkt »Bergauf-Bergab«, pardon, etwas harmlos …

Genau! Was erleben denn die Leute selbst in den Bergen? Klar, die wollen schon mal sehen, was die Huberbuam oder Stefan Glowacz wieder angestellt haben, und das zeigen wir auch. Aber unsere Zuschauer unterhalten sich vor allem dann gut, wenn sie nachvollziehen können, was sie sehen.

 

Wie viele Menschen verfolgen eure Sendung?

Wir haben in Bayern immer zwischen 200.000 und 300.000 Zuschauer, bundesweit im vergangenen Jahr im Schnitt ziemlich genau 400.000. Dazu kommen Zuschauer in Österreich und in der Schweiz, und zwar nicht wenige, wenn ich an die vielen Anrufe und Mails denke – und an die persönlichen Begegnungen im Gebirge. Das ist schon erstaunlich. Soweit ich weiß, gibt es so ein Programm nirgendwo sonst in Europa. Trotzdem ist »Bergauf-Bergab« natürlich eine bayerische Sendung, und das soll auch so sein. Viele Zuschauer aus Hamburg oder Berlin schreiben mir, das sei für sie jedes Mal wie eine halbe Stunde Urlaub …

 

… ohne Synchronisation und Untertitel.

Die braucht es gar nicht. Auch die Zuschauer im Norden verstehen den O-Ton Süd ganz gut.

 

Das Bayerische Fernsehen ist ein öffentlich-rechtlicher Sender. Ist das ein Vorteil?

Ganz klar. Die Privaten brauchen wegen der Fixierung auf die Einschaltquote das Spektakuläre, mit normalen Sachen fangen die gar nicht an. Unsere Quote ist zwar nicht sensationell, aber für das spezielle Segment sehr ordentlich – in Bayern liegen wir so zwischen fünf und neun Prozent. Leider sind die bayerischen Zuschauer absolut fußballverrückt, und das bekommen wir zu spüren: In unserer Sendung am 4. November 2010 zeigten wir ein Porträt des prominenten Kletterers und Abenteurers Kurt Albert, kurz nach seinem tragischen Tod. Ein wunderschöner Film. Und dann hatten wir eine Quote von 3,8 Prozent! Parallel lief Fußball – nicht einmal Champions League mit Bayern München, sondern nur Europa League: Getafe gegen Stuttgart.

 
Michael Pause: Ein Mann, der die Frauen versteht. | Foto: Archiv Pause

»Bergauf-Bergab« läuft jeden zweiten Donnerstagabend um 21.15 Uhr. Eigentlich ein toller Sendeplatz …

… für den nicht zuletzt unsere Zuschauer gekämpft haben. Vor vier Jahren hatte man uns auf den Freitagnachmittag, 17 Uhr, verschoben. Stell dir das vor: Da sind die einen noch bei der Arbeit und die anderen schon auf dem Weg ins Wochenende oder beim Packen. Kein Mensch, der sich für die Freizeit in der Natur interessiert, schaltet am Freitag um 17 Uhr den Fernseher ein. Die Zahl der Protestmails und -briefe, die daraufhin eintrafen, hat mich überrascht. Es wurden sogar Unterschriftenaktionen veranstaltet, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte. Am Ende hat der damalige Intendant Dr. Thomas Gruber gesagt, gut, da haben wir wohl einen Fehler gemacht – korrigieren wir ihn. Wir können uns schlecht über die Wünsche der Zuschauer hinwegsetzen, für die wir das Programm ja machen.

 

Du leitest auch das Tegernseer Bergfilmfestival, das 2010 zum achten Mal stattfand. Welche Filme zeigt ihr da?

Jedenfalls keine Youtube-Clips. Selbst die Jungen wollen nicht immer nur Häppchen haben. Sensationen im Sekundentakt ermüden. Ein Film braucht eine nachvollziehbare, glaubhafte Handlung, er muss gut erzählt sein, er braucht Spannungsbögen, interessante Charaktere und gute Locations – da hat man es in den Bergen ja leicht. Aber das Genre hat sich stark gewandelt, es ist weiter geworden. Wir zeigen spannende alpine Action genauso wie Landschaftsporträts, eindrucksvolle Dokumentarfilme und gelegentlich auch große Spielfilme.

 

Gute Filme sind teuer und werden oft von der Industrie bezahlt, die ihre gesponserten Athleten präsentiert. Was man auch sieht.

Das stimmt schon, und manchmal ist die Werbung etwas zu vordergründig. Aber es gibt auch gute Filme, die erst mit Unterstützung der Industrie entstanden sind. Zum Beispiel unser Siegerfilm 2010, »Mount St. Elias«, eine Red-Bull-Produktion. Da wird während der 100 Minuten ein- oder zweimal zu einer Red-Bull-Dose gegriffen. Wenn ich mir anschaue, was manchmal etwa bei Sport- und vor allem bei Fußballübertragungen auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen ist – also dagegen ist das wirklich harmlos.

 

Auch eine Facette des modernen Profibergsports: Der sogenannte Skyrunner Christian Stangl »visualisiert« im August 2010 den Gipfelsieg am K2.

Aber Stangl ist längst nicht der Einzige, der schwindelt – um es vornehm auszudrücken. Die Professionalisierung und Kommerzialisierung hat den Alpinismus in den letzten 30 Jahren tatsächlich extrem verändert, auch in der öffentlichen Wahrnehmung.

 

Ist Stangl ein Täter oder ein Opfer der Mediengesellschaft?

Zunächst einmal ist er eher ein Lügner. Er braucht mir nicht zu erzählen, was er alles »visualisiert« haben will, wenn er tatsächlich nicht auf dem Gipfel war. Die Münchhausen auf den Achttausendern sind Täter. Wobei – dass sie sich dabei ihren Sponsoren ausliefern, dass sie sich selbst so massiv unter Druck setzen, das macht sie auf der anderen Seite, wenn man so will, auch zu Opfern.

 
Marsch zum Mount McKinley (6194 m). Schlechtes Wetter und große Lawinengefahr verhinderten 2007 den Gipfelerfolg. | Foto: Wolfgang Tomaseth

Immer wenn im Gebirge wieder mal etwas Spektakuläres passiert und die Medien einen prominenten Kommentator suchen, finden sie alle denselben: Reinhold Messner.

Ja, auch wenn andere in der Sache oft viel kompetenter sind. Aber er war der Erste, der als Profibergsteiger wahrgenommen wurde, damals in den 1970er-Jahren. Weil man ihn eben auch jenseits der Bergsteiger-Community kannte, unter anderem als Werbeträger für Deinhard Lila und Stroh Rum. Er hat ja wirklich immer wieder sehr treffende Ausdrücke für die Entwicklung des Bergsteigens und Reisens gefunden: zum Beispiel den »Pistenalpinismus« oder das »Als-ob-Erlebnis«. Und er ist ein echter Medienprofi.

 

So wie du. Du warst auch Herausgeber der sehr schönen und am Ende ziemlich erfolglosen Zeitschrift BERGE, die 2008 eingestellt wurde. Ist die Zeit der anspruchsvollen Printmedien vorbei?

Das glaube ich nicht unbedingt, obwohl der Markt begrenzt ist. Wenn man seine Zielgruppe genau absteckt und wenn man dazu die passenden Marketing- und Vertriebswege findet, dann kann das schon funktionieren. Kommen wir noch einmal zur Nordsee zurück: So etwas wie mare könnte es durchaus auch im Bergbereich geben. Fernsehsendung, Zeitschrift und Internetportal, vielleicht sogar noch eine Buchreihe – und alles unter einem Dach. Das Thema Berg greift so weit aus, und die Begeisterung dafür ist so groß, dass es funktionieren könnte. Allein der Deutsche Alpenverein DAV hat mehr als 850.000 Mitglieder, und die Zahl der Aktiven ist noch viel größer.

 

Du selbst bist Präsident der sehr exklusiven Alpenvereinssektion Berggeist.

Richtig. Wir haben 100 Mitglieder. Wer ein neuer Berggeist werden will, muss vorgeschlagen werden und braucht zwei Bürgen. Seit 1996 können auch Frauen zu uns kommen.

 

Du meinst, seit 1896?

Nein, ich meine seit 1996. Wir waren, glaube ich, die letzte Sektion im DAV, die Frauen aufgenommen hat. Es freut mich, dass ich die entsprechende und längst überfällige Satzungsänderung damals durchsetzen konnte. Mit der Bergsteigerei ist halt auch viel Tradition verbunden, und die bremst gelegentlich den Fortschritt – das ist keine neue Erkenntnis.

 
Skifahren ist seine Droge: Michael Pause mit Freunden bei La Grave in den französischen Alpen. | Foto: Didier Givois

Wie hast du’s als Oberberggeist eigentlich mit dem neuzeitlichen Slacklining und Indoor Climbing?

Ich habe selber eine Slackline, draußen im Garten zwischen den Apfelbäumen! Das ist eine nette Spielerei und bei Könnern große Akrobatik. Punkt. Fürs Slacklining brauche ich keinen Berg. Entscheidend ist für mich aber, dass sich Bergsteigen – und »Bergauf-Bergab« ist eine Bergsteigersendung – im Freien abspielt, neudeutsch: outdoor. Kletterhallen sind wunderbare Einrichtungen, sie haben ein großes Publikum, aber in der Sendung nichts zu suchen. Auch Wettkampfklettern ist für mich nicht wirklich relevant, höchstens als Nebenaspekt eines Berichts.

 

Glaubst du nicht, dass du mit der Sendung eine Menge Menschen sozusagen aus der Halle ins Gebirge führen könntest?

Ehrlich gesagt nein. Von der Halle in Klettergärten und Sportklettergebiete, das passiert öfter. Aber es gibt Untersuchungen, die belegen, dass der Weg von der Halle ins Gebirge – ins Hochgebirge, sage ich bewusst – ein sehr weiter ist, den nicht viele gehen. Ich habe Leute erlebt, die in der Halle eine Sieben plus klettern, im echten Fels aber an einem guten Vierer scheitern. Das sind zwei ganz verschiedene Sachen. Zuerst mal zum Einstieg kommen, dann selbstständig die Route finden, ohne rote Punkte, bunte Griffe und gebohrte Haken, Seillänge um Seillänge völlig selbstständig absichern ...

 

… das schaffen nur die harten Burschen ohne Nerven.

Ach, das ist doch auch bloß ein Missverständnis in der öffentlichen Wahrnehmung: dass man sich beim Bergsteigen seinen Kick abhole, seinen Adrenalinstoß. Dabei geht es doch vielmehr um den Flow, um im Jargon zu bleiben. Die allermeisten Leute im Gebirge sind Bergwanderer – unter ihnen übrigens sehr viele junge Leute, so ab Mitte 20. Das finde ich toll.

 

Wem bist du im Gebirge noch nie begegnet?

Den viel zitierten Menschen mit »Migrationshintergrund«. Ich sehe bei uns zwar Türken beim Familienausflug im Grünen, aber ich bin noch nie einer türkischen Familie in den Bergen begegnet.

 
Mäusekino unterwegs – beim Trekken in Ladakh | Foto: Archiv Pause

An den berühmten Bergen stauen sich die Touristen. Aber viele Bergdörfer verzeichnen sinkende Gästezahlen. Werden die Alpen nun immer voller oder eher wieder leerer?

Jeder, der sich beklagt, dass er in den Bergen keinen ruhigen Winkel mehr findet, macht etwas grundsätzlich falsch. An Mont Blanc, Matterhorn oder Großglockner allein sein zu wollen – das ist ein Anspruch, den ich nicht verstehe. Es gibt auf der anderen Seite unendlich viele Freiräume. Ich sehe sie fast direkt vor meiner Haustür im Wilden Kaiser. Da habe ich vor 30 Jahren angestanden an den klassischen Kletterrouten. Jetzt gehe ich an einem traumhaften Wochenende wieder dahin und sehe noch drei Seilschaften. Unfassbar. In vielen alten und neu angelegten Klettergärten herrscht dagegen Hochbetrieb.

 

Und wie ist das auf den Wanderwegen? In den Berichten der Bergwacht liest man oft, dass viele Bergwanderer heute bestens ausgerüstet, aber nicht selten völlig ahnungslos sind.

Das stimmt. Erfahrung kann man eben nicht kaufen. Man kann zwar die Technik lernen, man kann lernen, wie man Knoten knüpft und ein GPS-Gerät bedient. Aber die Erfahrung bekommt man nur, indem man viele Touren geht. Ständig neue Kurse zu machen, genügt nicht. Und man lernt besonders gut, wenn man mit erfahrenen Begleitern unterwegs ist …

 

So wie du als Bub mit deinen Eltern auf Touren gekommen bist.

Ja, es ist ein ungeheurer Vorteil, wenn man schon als Kind an die Berge herangeführt wird. So lernt man mit der Zeit selbstverantwortliches Entscheiden in mehr oder weniger ausgesetzten Situationen – und das ist es, was das Bergsteigen letztlich ausmacht. Da sind so viele Faktoren zu beurteilen: Wetter, Kondition, Gelände. Das geht nur mit jahre-, besser noch jahrzehntelanger Erfahrung.

 
Fernziel: der Cerro Torre über dem Patagonischen Inlandeis. | Foto: Thomas Ulrich

Du bist jetzt 58. Von welchen Bergen träumst du noch?

Ich habe zwei Tourenlisten in meinem Kopf. Die eine fürs jetzige Leben, die zweite fürs nächste. Immer wieder mache ich Zwischenbilanz, da wandern dann ein paar Berge von der ersten auf die zweite Liste. Ich träume viel von Nepal, wo ich ein paar Mal war. Die wilden Berge Patagoniens, den Cerro Torre und den Fitz Roy, habe ich dagegen noch nie mit eigenen Augen gesehen. Einmal rund um das ganze Massiv zu wandern, das ist so ein Traum für dieses Leben. Vielleicht mach´ ich das mit meinem Sohn Simon – der hat nach seinem Magister an der Uni bei mir noch eine Reise gut. Auf einen richtig hohen Berg werde ich dagegen wohl nicht mehr kommen.

 

Was ist ein richtig hoher Berg?

Ein Siebentausender. Aber da machen wahrscheinlich meine Knie nicht mehr mit.

 

Warum dann nicht ins Flache? Vielleicht doch mal ans Meer?

Das kenne ich schon, von Reisen in die Heimat meiner Frau. Ihre Eltern leben in den USA, nahe der Atlantikküste in Maine. Aber immer wenn ich dort bin, will ich ins Hinterland. Etwa zum Mount Washington in den White Mountains von New Hampshire. Der ist nur 1917 Meter hoch, aber berüchtigt für sein extremes Klima. Man kann mit der Zahnradbahn und mit dem Auto hinauffahren, aber wir sind zu Fuß gegangen. Beim ersten Mal sind wir mit Ski im Schnee stecken geblieben, beim zweiten Mal im Sommer im Regen. Erst beim dritten Versuch haben wir den Gipfel erreicht. (Schweigt.) Ich bin einfach ein Bergmensch ...

 
4-Seasons Info
 

Keine Bergtour ohne Pause

 

Michael Pause, Jahrgang 1952, hat Politikwissenschaften studiert und eine Ausbildung an der Münchner Journalistenschule absolviert. Ersteres erleichtert ihm die Orientierung auf den Höhen und in den Tiefen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zweitere gibt ihm die Fähigkeit zur multimedialen Auseinandersetzung mit seinem Lebensthema: den Bergen.

 

Bergauf-Bergab
Seit 1998 leitet Michael Pause das Bergsteigermagazin im Bayerischen Fernsehen. Läuft jeden zweiten Donnerstagabend um 21.15 Uhr und wird bundesweit von rund 400.000 Menschen gesehen.

 

Tegernseer Bergfilmfestival
Die neue Institution im bayerischen Oberland verzeichnet seit 2003 Jahr für Jahr steigende Besucherzahlen. Schirmherr ist Heiner Geißler, der Festivalleiter heißt Michael Pause.

 

Walter Pause (1907–1988)
Einer der einflussreichsten Outdoor-Journalisten nach 1945 – in Bergsteigerkreisen legendär. Zum 100. Geburtstag gab Michael Pause das Buch »Mit glücklichen Augen« heraus.

 

Münchner Hausberge
Walter Pauses Klassiker ist von der Erstausgabe 1965 bis zur 22. Auflage im Jahr 2008 mehrfach überarbeitet worden. Seit rund 30 Jahren kümmert sich Michael um die Neuauflagen.

 

BERGE
Gute Texte und schöne Bilder waren am Ende nicht mehr genug. 2008 wurde das Magazin BERGE eingestellt. Michael Pause hatte es seit 1992 geleitet, zuerst als Chefredakteur, dann als Herausgeber.