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Der frühe Vogel fängt den Wurm: Ein Survival-Experte im Interview

Zusammen mit Norbert Hillebrand 200 km zu Fuß durch die Libysche Wüste. | Foto: Joe Vogel
Mit dem Angeln als kleiner Knirps hat alles angefangen, heute durchwandert Johannes »Joe« Vogel Wüsten, gibt Bushcraft-Kurse oder schwimmt 300 Kilometer durch den Rhein – als Selbstversorger natürlich. Im großen 4-Seasons-Interview beschreibt der studierte Biologe die Faszination »Survival« und zeigt, dass mehr dahinter steckt als nur »Würmerfresserei«.

September 2010, der Rhein irgendwo zwischen Stein am Rhein und Kehl: Mitten im Fluss treibt ein kleines, gelbes Gummiboot. Nur wer genauer hinschaut, sieht, dass auch ein Mensch im Wasser ist. Durch ein Seil mit seiner Materialinsel verbunden kämpft Joe Vogel mit den Fluten — der Rhein führt ungewöhnlich viel Wasser in diesem Spätsommer. Immer wieder zieht die Strömung den jungen Mann unter Wasser, immer wieder taucht der Kopf kurze Zeit später wieder auf. Doch dann passiert es: Das Seil zwischen Schwimmer und Boot verfängt sich an einem Holzpfosten im Fluss. Sofort presst die Strömung Joe unter Wasser, seine selbst angelegte Fessel hält ihn erbarmungslos in der Tiefe. Sekunden dehnen sich zu einer Ewigkeit und die Versuche, sich zu befreien, werden immer verzweifelter. In letzter Sekunde gelingt es Joe, das Seil zu lösen und wieder an die Wasserobfläche zu gelangen. Der Survival-Experte hat seinem Namen alle Ehre gemacht — aber es war knapp.

 

4-Seasons: Wieso um alles in der Welt, schwimmt man 300 Kilometer durch den Rhein — ohne Nahrung, ohne Trinkwasser, nur mit einem Neoprenanzug und einem winzigen Schlauchboot mit Schlafsack, Messer und Feuerstahl?

Das muss reichen! Joe's Materialboje für seinen 300-Kilometer Rhein-Schwumm. | Foto: Joe Vogel

Joe Vogel: Ich fühle mich in den sumpfigen Rheinauen einfach wohl. Ich liebe das trübe Wasser, die Vielzahl der Tiere und selbst die mückenverseuchten kleinen Inseln mit ihren Weiden. Das alles erinnert mich sehr an die Floodplanes und die Mangroven Australiens. Aber Hand aufs Herz: im Nachhinein war das ganze eine ziemliche Schnapsidee, die mich Kopf und Kragen hätte kosten können. Ein Schlag auf den Kopf durch im Wasser liegende Eisenteile zum Beispiel hätte ausgereicht und ich wäre irgendwo als aufgedunsene Wasserleiche angetrieben worden. Diese Vorstellung macht mir immer noch weiche Knie.

 

Hast du denn irgendwelche Blessuren davongetragen?

Bei meinem unfreiwillligen Tauchgang schnalzte der Sicherheitsverschluss der Leine mit einem Ruck auf und zerschlug mir einen Nerv im rechten Daumen, der jetzt noch immer taub ist. Aber auch wenn ich die Aktion so sicher nicht wiederholen würde, bin ich froh über die gemachten Erfahrungen: So konnte ich zum Beispiel wenige Meter neben Bibern schwimmen und mein Wissen über die heimische Pflanzenwelt enorm erweitern. Mein Ziel war, wirklich eins mit diesem Biotop zu werden und wirklich mit der Natur zu verschmelzen. Nur mit einem Boot darüber hinweg zu fahren, hätte mir nicht gereicht. Also hab ich mir gedacht »Schwimmst du eben und suchst dir deine Nahrung in diesem Gebiet!« Und natürlich wollte ich auch meine Grenzen ausloten: Wie weit kann ich meinen Körper belasten? Die Auszehrung durch das kalte Wasser und die Stunden des Schwimmens. Die tagelange Mangelernährung. Eins steht fest: An meine Grenzen bin ich definitiv gekommen!

 

Auch die Jagd auf kleine Fische kann sich lohnen. | Foto: Joe Vogel
Apropos Ernährung: Was stand denn während der 14-tägigen »Reise« auf dem Speiseplan?

Fast ausschließlich pflanzliche Kost. Wurzeln, Wasserpfalnzen, Beeren — alles, was man eben so am Fluss findet. Als Highlight gab's dann auch immer mal wieder ein paar Schnecken oder Flussmuscheln. Insgesamt habe ich aber gerade einmal acht Kilogramm abgenommen. In Anbetracht der hohen körperlichen Belastung finde ich das echt o.k.

 

 

Keine schlechte Diät. Aber woher weißt du überhaupt, was essbar ist und wovon du besser die Finger lässt?

Die natürlichen Zusammenhänge zwischen Menschen, Pflanzen und Tieren haben mich schon immer interessiert und fasziniert. Also habe ich später dann Biologie studiert und bin seit ein paar Wochen endlich Diplombiologe. Mein Outdoor-Wissen hat sich über viele Jahre angehäuft. Seit ich ein kleiner Knirps bin, war ich immer draußen unterwegs. Und seit meinem 18. Geburtstag bin ich jedes Jahr zwischen zwei und drei Monaten auf Tour und lerne jedes Mal Neues dazu.

 
Foto: Joe Vogel

Was war deine bisher extremste Erfahrung bei deinen Abenteuern?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Bei jedem Projekt gibt es kritische Momente, aber eine Situation wird mir wohl immer im Kopf bleiben: In Australien war ich einmal zusammen mit meiner Freundin in einem Buschfeuer eingeschlossen. Nur durch das richtige Verhalten und viel Glück kamen wir aus der Nummer unbeschadet heraus.

 

 

Beim Cluburlaub im Hotel passiert einem sowas nicht ...

In der Tat schwöre ich mir nach jeder Tour, dass die nächste Reise »All-inclusive« wird. Ich bin kein Adrenalin-Junkie, der die Gefahr liebt, aber ich brauche dann doch immer wieder das Abenteuer. Am Hotelpool würde mir wohl ziemlich schnell langweilig.

 

Andere Kinder spielen Fußball oder fahren Skateboard — was lief bei dir anders?

Mein Vater ist Gärtner und hat mir viel über Pflanzen beigebracht. Mit neun Jahren habe ich von ihm eine Angel geschenkt bekommen, was zu ein paar Monaten Schwarzangeln mit umgebogenen Nagel und ohne Erfolg geführt hat. Aber der Virus hatte mich ergriffen. Mit elf hab' ich dann den Angelschein gemacht. Beim stundenlangen Ansitzen habe ich dann angefangen Krebse zu fangen und Pflanzen zu bestimmen – grundlegende Bushcrafttechniken. Durch die Filme des australischen Tierfilmers Malcom Douglas bin ich dann endgültig zum »Waldläufer« geworden.

 

 

Video-Special

Überleben in der Natur

Weitere Überlebenstipps von und mit Joe Vogel — von Messertechnik über Räuchern, Insektenschutz oder Notfall-Feuerzeugen — gibt's im Video-Special »Outdoor-Survival« auf 4-Seasons.TV.

 

Was genau ist überhaupt Bushcrafting bzw. Survival?

Eine allgemeine Definition gibt es nicht. Für die einen ist es eine Art romantisches Revival des Lebens unserer Vorfahren, andere, wie beispielsweise Armeeangehörige, sind auf diese Techniken angewiesen um im Ernstfall ihr Überleben in der Natur zu sichern. Und dann gibt es auch viele, die meinen, durch Bushcraft vermischt mit Trommelbau und pseudoschaminischen Ritualen zur Erleuchtung zu gelangen. Na ja. Am ehesten kann man Survival als die technische Notfallvorsorge ansehen, ohne Hilfsmittel möglichst lange in der Natur überleben zu können.

 
Lektion 1: Feuer machen. Lektion 2: Abendessen fangen. | Foto: Joe Vogel

Welche Leute interessieren sich dafür?

Jede Altersstufe, jeder Berufs- und Bildungsstand, jede Nationalität. Oft sind es Studenten, die die notwendige Freiheit haben, sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen. Aber das Interesse ist fast überall da. Wer einmal selbst ein Feuer gebohrt und so die erste eigene Flamme erzeugt hat, ist überglücklich und stolz auf sich — egal ob Manager oder Arbeitsloser. Die aktive Szene in Deutschland ist sicher noch überschaubar und deutlich kleiner als in Großbritannien oder den USA, aber auch durch das öffentliche Interesse begeistern sich immer mehr Menschen für Survival. Das merke ich schon an der Nachfrage nach meinen Kursen.

 

Du verdienst also inzwischen dein Geld mit deiner Leidenschaft?

Ja, schon seit vier Jahren lebe ich von meiner Arbeit als Survivaltrainer und Autor. Klar hätte ich auch einfach Bafög kassieren können und mir den zusätzlichen Stress neben dem Studium sparen können, aber so konnte ich mir etwas aufbauen, in das ich jetzt hauptberuflich einsteigen kann. Ich kann von meiner Arbeit gut leben, auch wenn es immer Luft nach oben gibt. Mir ist es aber wichtig, dass auch Menschen mit einem kleinen Budget an meinen Kursen teilnehmen können, deshalb sind diese auch sehr günstig. Der aktive Austausch mit der Szene bringt mir mehr, als wenn ich nur mit Managern durch den Wald laufe, denen die Faszination und Eigeninitiative für das Thema fehlt.

 
Geteilte Freude ist doppelt schön: Joe mit Kumpel Markus Kron nach einem 500-Kilometer-Marsch durch das australische Outback. | Foto: Joe Vogel

Was sagen denn deine Freunde und die Familie zu deinem Lebensweg?

Früher waren viele sehr skeptisch. Insbesondere Eltern neigen dazu, Flausen darin zu sehen, wenn sich jemand in jungen Jahren für etwas doch ziemlich ungewöhnliches interessiert. Mittlerweile haben es aber alle aktzeptiert, wohl auch weil sie sehen, wie viel mir dieses Leben gibt. Ein schlechtes Gewissen habe ich vor allem meiner Freundin gegenüber wenn ich mich mich wieder für ein paar Wochen zu einer Tour verabschiede. Ich bin sehr dankbar, dass mir mein Umfeld — sehr gute Freunde und meine Partnerin — mir diese Freiheit ermöglichen.

 

Letzte Frage: Wie fange ich mit Survival an? Gehe ich einfach nackt in den Wald und versuche, mich durchzuschlagen?

(Lacht) Langsam herantasten ist vielleicht der bessere Weg. Wie wär's also mal mit Ausflügen zum Baggersee (mit Badehose wenn möglich) und moderater Gewöhnung an die Natur? Die Fragestellungen ergeben sich dann ganz von alleine: Wie schütze ich mich vor Insekten, wie mache ich ein Lagerfeuer ... Dann heißt es ausprobieren, austesten, recherchieren. Bei Letzerem stößt man dann hoffentlich auf www.vivalranger.com und bucht vielleicht einen Kurs bei mir!

 
4-Seasons Info
 

Steckbrief Johannes »Joe« Vogel

 

Geboren: 04. Juli 1984

Wohnort: Karlsruhe

Beruf: selbstständiger Autor, Abenteurer, Survivaltrainer

Ausbildung: Diplom-Biologe, DLRG-Rettungsschwimmer, Katastrophenschützer des THW

Expeditionen und Projekte (Auszug):

  • 2003: Erste Expedition nach Australien mit dem Tierfilmer Malcolm Douglas
  • 2006: Recherchereise nach Australienreise: 500 km zu Fuß durchs Outback.
  • 2006: Veröffentlichung »Tierische Notnahrung: Überleben in der Natur«
  • 2008: Projekt TaSaB: Zusammen mit Norbert Hillebrand 200 km zu Fuß durch die Libysche Wüste. Recherche für »Das Handbuch Der Trinkwasserversorgung«
  • 2010: Expedition Trans Negev. Zusammen mit Mica Schober: Durchquerung der Wüste Negev - 150 Kilometer autark durch unwegsames Gelände in Israel
  • 2010: Extrem Survival — 300 Kilometer auf dem Rhein
  • 2011: Veröffentlichung »Outdoor Survival mit dem Messer«
 
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