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Der andere Alltag – Bali-Schweiz per Rad

Foto: Nicole Meyer & Jörg Henze
Nicole und Jörg sind wieder zu Hause. Fast zwei Jahre waren sie weg – mit den Fahrrädern um die halbe Welt: Südostasien, Indien, Türkei, Marokko … Nun gewöhnen sie sich wieder an die Heimat. Wo der Alltag fremd und exotisch erscheint und die Ferne seltsam vertraut.

Mühsam treten wir in die Pedale – das Stimmungsbarometer ist auf dem Nullpunkt angelangt, der Fahrradcomputer hingegen zeigt eine Außentemperatur von über 50 Grad Celsius an. Die 
Steigung ist steil und endlos, aber Schieben wäre jetzt noch schlimmer. Unerträglich jucken die Salzkristalle auf der Haut, den permanenten Durst können wir gar nicht mehr stillen. Ein Gefühl, als befinde sich das Hirn im fortgeschrittenen Stadium der Auflösung. Wie ist das auch anders zu 
erklären, was wir hier gerade machen.

Hindutempel am Mount Bromo auf Java. | Foto: Nicole Meyer & Jörg Henze

Der Monsunregen lässt nicht mehr lange auf sich warten, der Himmel ist bereits bedrohlich schwarz. Keine Hitze ist stechender als die vor dem erlösenden Gewitter. Wie in den letzten Tagen, fast mit Schweizer Pünktlichkeit, öffnet der Himmel seine Schleusen. Höchste Zeit, ein Plätzchen für unser Zelt zu suchen. Was mit vereinzelten Tropfen anfängt, wächst sich auch heute wieder zu einem Wolkenbruch aus. Das Zelt steht, wir greifen zur Seife und genießen die Naturdusche in vollen Zügen. Unsere Glückshormone schlagen Purzelbäume. Spätestens jetzt wissen wir wieder, wieso wir das alles machen. In diesem Moment können wir uns nichts vorstellen, was schöner wäre …

Zwei Jahre ist das jetzt her. Wir sind nicht mehr auf Borneo, schon lange nicht mehr. Und das Wasser zum Duschen kommt nicht als wilde Erfrischung direkt vom Himmel, sondern sauber dosierbar, kalt oder warm, in unserem eigenen Bad direkt aus der Wand. So lange und so viel wir 
davon haben wollen. Das Gleiche zu tun, kann doch völlig anders sein.

Bildergalerie: Bali-Schweiz per Rad – Gesichter einer großen Reise

Denn so, wie wir beim Start zu unserer Reise mitten hinein in die Andersartigkeit katapultiert wurden, so stehen wir nun wieder dort, wo wir damals aufbrachen: in einem Alltag, der uns eigentlich so vertraut sein sollte und der trotzdem nie mehr derselbe sein kann wie vorher.

Harte Bergwertung in Ladakh. | Foto: Nicole Meyer & Jörg Henze

Fast zwei Jahre waren wir weg – mit den Fahrrädern um die halbe Welt. Knapp 18.000 Kilometer haben wir unter die Felgen genommen. Jetzt sind wir seit vier Monaten dabei, uns wieder an die Heimat in der Schweiz zu gewöhnen, die uns nun manchmal fremder und exotischer erscheint als die Länder Asiens. Dabei hatten wir am Anfang noch Schwierigkeiten, genau das abzulegen, was hierzulande Programm ist: alles haben zu können, zu jeder Zeit, mit dem geringsten Aufwand und immer mehr zu leisten in noch kürzerer Zeit. Aber von vorne …

»Nach ungefähr drei Filmen, zwei sehr leckeren Mahlzeiten und unendlichen Versuchen, die richtige Schlafposition zu finden, landen wir endlich in Denpasar. Wie Zombies werden wir aus dem Flughafen gespuckt, mit den wohlbehaltenen Kisten unserer Velos und des Anhängers unter den Armen …«

Lichtspiele im indischen Himachal Pradesh | Foto: Nicole Meyer & Jörg Henze

So beginnt unser Tagebuch am 14. Juni 2008. So beginnt unsere große Reise … Die letzten Tage, ja Wochen vor dem Abflug waren Hektik pur. Mit der gleichen Perfektion und Effizienz, mit der wir unsere Vorbereitungen erledigten, gehen wir nun daran, die ersten Tage unterwegs zu »meistern«. Doch Bali, die Insel der Gelassenheit, fordert keine Meister, sondern Besucher mit Bauchgefühl, Spontaneität und Geduld. Geduld, auf den richtigen Weg zu kommen. Geduld, die richtige Information zu ergattern. Geduld, die geringste Kleinigkeit zu erstehen. Doch in dieser Ruhe liegt die Kraft. Die Menschen hier strahlen Gelassenheit, Fröhlichkeit und eine tiefe Beseeltheit aus.

Ausgetrockneter See in Kashmir. | Foto: Nicole Meyer & Jörg Henze

Wir haben nur ein paar Brocken Indonesisch gelernt. Trotzdem unterhalten wir uns oft und ausgiebig mit den Einheimischen. Sei es mit Händen und Füßen, sei es mithilfe unseres »Ohne-Worte-Wörterbuchs« oder, und das ist wohl die direkteste Art des Dialogs, mit den Augen. Immer wieder müssen wir uns nach dem Weg erkundigen, fragen, ob wir hier nächtigen dürfen und was in dieser leckeren Speise enthalten ist. So »sprechen« wir mit Menschen, mit denen wir sonst nie in Kontakt gekommen wären, und haben viele unvergessliche Begegnungen. Obwohl der Dialog sehr einfach ist, wird uns Vertrauen und Offenheit entgegengebracht. Das erstaunt und beeindruckt uns immer wieder.

Vor dem Gewitter in Marokko. | Foto: Nicole Meyer & Jörg Henze

Wir brauchen Monate, um unser Reisetempo zu finden. Es erscheint paradox: Indem wir die neue Langsamkeit annehmen, kommen wir immer müheloser und zügiger voran. Fast unmerklich fällt jedes Gefühl des Gehetztseins von uns ab. Tag für Tag stehen wir mit dem Krähen der Hähne bei Sonnenaufgang auf, um die Stunden vor der großen Hitze zu nutzen. Längst hat jedes Teil in den Fahrradtaschen seinen festen Platz gefunden, sodass wir mit dem Packen in wenigen Minuten fertig sind. Auch die Dürftigkeit unserer Garderobe erspart sehr viel Zeit. Zwei Hosen und zwei T-Shirts wechseln sich zwei Jahre lang ab; je nach Duft kommen sie an die Reihe ;-). Ein kleines bisschen Extrakleidung ist auch noch dabei, für die Zeit, in der wir nicht auf dem Rad sitzen. Wir müssen schmunzeln, wenn wir an unser Kleidersortiment zu Hause denken und daran, wie undenkbar es anfangs erschien, mit so wenig auszukommen. Aber wer keine Wahl hat, hat auch keine Qual. Wie herrlich!

»If you can dream it, you can do it.« Das taugt nicht nur als Motto für die Reise, sondern ist Programm für eine gute Partnerschaft. | Foto: Nicole Meyer & Jörg Henze

Manchmal sitzen wir stundenlang mit knurrenden Mägen auf dem Fahrradsattel, und es will einfach keine der sonst so zahlreichen Freiluftküchen am Straßenrand auftauchen. Der Verkehr ist anstrengend – und hin und wieder können wir uns gerade noch in den Graben retten. Das Leben spielt sich auf der Straße ab, und neben den vielen Mopeds, Autos und Lastwagen wuseln noch Menschen, Hühner und Schweine über die Fahrbahn. Bisweilen sogar Elefanten.

Endlich! Eine Garküche. Wir sind gerettet! Schnell wird bestellt, im Magen grummelt’s bedrohlich. Die nette Dame hinter der Nudelpfanne lässt sich jedoch nicht hetzen. Mit der sprichwörtlichen asiatischen Gelassenheit bereitet sie in aller Ruhe ein leckeres Gericht zu. Schnell lernen wir: Jeder isst hier genau dann, wann er Hunger hat, oft mehrfach am Tag und selten zu Hause. »Essen gehen« ist weder etwas Besonderes noch teuer, sondern alltäglich und günstig. Supermärkte sind dagegen selten. Man versorgt sich eher auf dem Markt oder im Krämerladen um die Ecke.

 

Zwei Jahre unterwegs – per Rad und Flugzeug.

Was uns zu Hause satt gemacht hat, bekommen wir hier nicht. Den Temperaturen angemessen, gewöhnen wir uns immer mehr an leichte Reisspeisen, viele Früchte und scharf Angebratenes. Die Fata Morgana eines feinen, knusprigen Brotes mit Schweizer Käse schwindet zunehmend. Die einheimische Kost sättigt uns weit mehr, auch wenn wir, zur allgemeinen Belustigung, manchmal zwei oder drei Portionen verdrücken. Doch auch unser Kocher kommt zum Einsatz. Wenn wir mal wieder energy food brauchen und keine Garküche in Sicht ist, gibt es Porridge, Milchreis oder Nudeln aus dem eigenen Topf.

Telefonieren wir mal wieder mit zu Hause, hören wir, wie sehr man uns um unsere »Ferien« beneidet. Um welche Ferien? Kann einem das Radeln so sehr zum Alltag werden? Unser tägliches In-die-Pedale-Treten kommt uns nicht wie Arbeit oder das eintöniges Abspulen von Kilometern vor. Aber auch nicht wie das anhaltende Prickeln von erholsamen Ferien.

5328 Meter: Höhepunkt in Ladakh. | Foto: Nicole Meyer & Jörg Henze

Wind und Wetter ausgesetzt und immer mit der als richtig empfundenen Geschwindigkeit unterwegs, macht uns das Radfahren von Tag zu Tag freier. Immer öfter schieben wir auch ein paar radelfreie Tage ein und bleiben an einem Ort. Schnell wird der kleine Essstand an der Ecke vertraut. Die Menschen erkennen uns wieder, und wir werden zum Teil ihrer Gemeinschaft. Oft verweilen wir an sehr unspektakulären Plätzen. Wir genießen das Gefühl des häuslichen Alltags für den Moment, bis der Zeitpunkt für einen Wechsel ansteht und wir bereit sind, uns wieder zu lösen. Keiner zwingt uns dazu, der Impuls liegt in uns selbst.

Bei einer Rast kommen wir mit einem Mann ins Gespräch. Wir erzählen ihm, dass wir unsere Räder im Flugzeug von der Schweiz nach Asien mitgebracht haben. Diese Erklärung löst erst mal einen Lachanfall aus und gleich danach unverhohlenes Staunen. Der Mann kann nicht verstehen, dass diese Fahrräder mehr von der Welt gesehen haben sollen als er. Und warum überhaupt ein Fahrrad mitbringen? Es gibt hier doch auch welche, und ein Fahrrad ist so gut wie das andere …

Wieder einmal wird uns schlagartig bewusst, welchen Luxus wir da verkörpern, obwohl wir doch vermeintlich so einfach und so nah an den Menschen unterwegs sind. Natürlich ist unsere Art zu reisen sehr ursprünglich und ohne viel Schnickschnack. Dass wir überhaupt reisen können, ist jedoch ein echter Luxus, den sich fast alle Menschen, denen wir begegneten, nicht leisten können. Oft haben sie nicht einmal die nächstgelegene Stadt, geschweige denn ihr Nachbarland gesehen. Schmerzlich erkennen wir, dass ein »angemessenes Reisen« kaum noch möglich ist. Immer wird man der sein, der aus den reichen Ländern kommt, über den Zeitungen und das Fernsehen berichten. Kein schönes Gefühl, aber leider eine Tatsache.

Und so bleibt nur der Versuch, Brücken zu schlagen, von Mensch zu Mensch, über alle Unterschiede hinweg. Genauso wie wir die Einfachheit unterwegs bewundern, die bei uns in Europa schon längst am Schwinden ist, wird hier der unwiderrufliche Fortschritt angestrebt. Wie erfrischend war doch das Übergießen mit eiskaltem Wasser aus einem »Mandi«, einem Wasserbecken, mit einem kleinen Eimer. Keine Dusche kann das Gefühl ersetzen – und hat es trotzdem längst getan.

»Die Straße gehört uns« – Jörg und Nicole genießen ihre Auszeit. | Foto: Nicole Meyer & Jörg Henze

Wir bewegen uns nun wieder auf alten Pfaden und doch wirkt alles neu. Wir merken es auch daran: Seit wir zu Hause sind, vergeht uns Hören und Sehen. Zeitung, Fernseher, Radio, Handy, Werbung hier und Werbung dort. Was wir auf unserer Reise an einem normalen Radeltag erlebten, war nicht zu viel, um gewissermaßen analog, eins zu eins aufgenommen und verarbeitet zu werden. Jede Begegnung am Straßenrand hatte genügend Zeit und Raum. Und nun müssen wir plötzlich wieder lernen, all diese Eindrücke zu filtern.

Es ist wirklich unglaublich, wie wir uns trotz täglicher Bewegung in den zwei Jahren nicht nur im Radeltempo verlangsamt, sondern wohl auch innerlich entschleunigt haben. Wir sind wieder zu Hause, und, natürlich, wir genießen es: das eigene Klo, die Federbetten und auch den Umstand, jede Nacht ein festes Dach über dem Kopf zu haben – und zwar ein Dach ohne Löcher. Wir haben beide wieder einen Job gefunden, schneller als gedacht. Wir erfreuen uns an unseren Familien und Freunden, an den stressfreien Radelwegen und grünen Wiesen und an den Überraschungen, die uns das Leben auch in der gut strukturierten Schweiz bietet.

Tagebuch schreiben wir nicht mehr, denn wir sind ja angekommen … oder vielleicht doch noch nicht?

 

Das Reisetagebuch von Nicole und Jörg ist auf ihrer Webseite zu  finden – Fotogalerie inklusive: www.perrad.ch

 

 

4-Seasons Info
 

iplantatree.org – Jetzt aufbäumen!

Nicole und Jörg spenden das Honorar für ihren 4-Seasons-Beitrag an die Onlineplattform iplantatree.org. Die Non-Profit-Organisation lädt Firmen und Privatpersonen zu Spenden ein, um mit dem eingenommenen Geld Bäume zu pflanzen – zu Hause und auf der ganzen Welt.

 
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