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Das Weite suchen – Olaf Meinhardt im Interview

Foto: Olaf Meinhard
In zwei Jahrzehnten vom Autoschrauber über den »Globetrotter des Jahres« zum erfolgreichen Reisefotografen – der Weg des Weltenbummlers Olaf Meinhardt war oft holprig, manchmal entbehrungsreich, aber immer zielgerichtet. Seinen jüngst preisgekrönten Bildband über die Transsibirische Eisenbahn nahm 4-Seasons zum Anlass für ein launiges Interview.

Deinem neuen Buch über die Transsib nach zu urteilen, war einst die Märklin-Eisenbahn dein liebstes Spielzeug, oder?

Nicht ganz, aber die Lego-Eisenbahn gehörte durchaus zu meinen Lieblingsspielzeugen. Ich habe mir ständig neue Schienen gewünscht, um meine Streckenführung immer weiter auszubauen. Am Ende hat mein Kinderzimmer nicht mehr ausgereicht, die Gleise überwucherten den Flur, und meine Brückenkonstruktionen waren sehr gewagt – ganz wie die der Transsibirischen Eisenbahn.

 

Bildergalerie: Olaf Meinhardts Reise um die Welt

Und aus dieser Kinderfantasie ist jetzt ein Buch geworden?

Ja, ein Bildband. Aber der ist besser als jede Kinderfanatsie. Denn wenn man sieht, durch welche Regionen die Transsib führt, dann ist das schon beeindruckender als mein wohltemperiertes Kinderzimmer. Temperaturen zwischen 40 Grad plus und 40 Grad minus; Taiga, Wüsten, Permafrostböden, Berge, gewaltige Ströme und und und. Da konnte meine Lego-Eisenbahn natürlich nicht mithalten.

 

Wer ist Zielgruppe dieses Buches: Eisenbahnfans oder Reisende?

In erster Linie sind es die Reisenden: Menschen, die ein Land und deren Kultur kennenlernen möchten und bewusst die Bahn als Transportmittel wählen. Sie ist nicht zu schnell und auch nicht zu langsam für Sibiriens Ausmaße. Aber um mit der Transsibirischen Eisenbahn glücklich zu werden, sollte man in seinem Herzen auch ein bisschen Eisenbahnfan sein, sonst nerven die rüttelnden Gemeinschaftsklos, die Enge mit den quatschenden, spielenden, Tee oder Wodka trinkenden Abteilgenossen, das stete Gestolper über die nicht verschweißten Gleise.

 
Vorfahrt für Wüstenschiffe – tierischer Zwischenstopp in der Wüste Gobi. | Foto: Olaf Meinhardt

Eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn galt unter Globetrottern jahrzehntelang als Statussymbol. Ist dem immer noch so?

Die Transsib ist nach wie vor in aller Munde, ob bei Eisenbahnfans, betuchten Rentnern oder abenteuerhungrigen Globetrottern. Grundsätzlich muss niemand irgendetwas machen, aber wer sich die Transsib entgehen lässt, ist selbst schuld.

 

Die Transsib hat verschiedene Varianten und Strecken. 4-Seasons bittet um Aufklärung ...

Die Hauptstrecke verläuft von Moskau nach Wladiwostok im Fernen Osten. 9288 Schienenkilometer und sieben Tage der aufgehenden Sonne entgegen. Davon zweigt zum einen die BAM ab, die Baikal-Amur-Magistrale. Von Tajschet, unweit des Baikalsees, führt sie im Abstand von einigen Hundert Kilometern parallel zur eigentlichen Transsib ebenfalls an den Pazifik. Zum anderen sind es die Transmongolische Bahn, die vom Baikalsee durch die Mongolei bis nach Peking führt, und die Transmandschurische Bahn, die durch Nordchina hindurch den Weg nach Wladiwostok abkürzt. Auch im europäischen Teil gibt es drei verschiedene Möglichkeiten, sich dem Ural zu nähern.

 

Welche Tipps hast du für Nachfahrer parat?

Für einen echten Globetrotter sind natürlich die preiswerten »Plazkartnyj«- Waggons interessant. Offene Abteile, schmale und unbequeme Pritschen, aber original russisches Leben. Hier wird gemeinsam gelacht und der Fladen geteilt, der Wodka fließt und die Omas stricken dir Socken. Unter den Bänken werden streng riechende Fische gehortet und der Soldat neben dir konnte sich schon etliche Tage nicht die Füße waschen. Ach ja – ein paar Kenntnisse der russischen Sprache sind auch sinnvoll. Kaum jemand spricht Englisch, und das Hände-Füße-Kauderwelsch ist auf so langen Fahrten schnell ausgereizt.

 

Kann man auch mit dem Auto von Moskau nach Wladiwostok fahren?

Na klar! Eine Kolonne von gebrauchten japanischen Autos bewegt sich stetig in entgegengesetzter Richtung: von Wladiwostok in Richtung Moskau – ein einträgliches Geschäft für eine Reihe von Russen. Die einzige Straße, die Russland von Westen nach Osten durchschneidet, ist allerdings – obwohl recht neu – in bedauernswertem Zustand. Die Schlaglöcher sind zum Teil so groß, dass sich eine Kuh darin verstecken könnte, manchmal fehlt der Asphalt gänzlich. Wir sind mit unserem Lada Niva bis zum Baikal gefahren und dann in Richtung Ulan Bator abgedriftet. Ohne Geländewagen wäre es ziemlich schwer gewesen.

 
Wer das Erlebnis Transsib noch steigern will, fährt und speist im Sonderzug Zarengold. | Foto: Olaf Meinhardt

Entstand das Projekt »Transsibirische Eisenbahn« aus reiner Liebe zum Thema, oder hattest du auch die kommerzielle Vermarktbarkeit im Hinterkopf?

Mal ganz ehrlich – reich werden kann man mit Bildbänden nicht. Das Buch läuft zwar richtig super, obwohl es erst seit Kurzem auf dem Markt ist, aber trotzdem haben wir noch nicht mal das Geld wieder drin, das wir in die Reise investieren mussten. Aber es gibt Hoffnung, schließlich haben wir gerade den ITB-Award für den besten Reisebildband gewonnen. Aber schlussendlich muss man das Projekt schon richtig lieb haben.

 

Welche Bahnstrecken dieser Welt sollten noch auf die »To-do-Liste« eines Weltenbummlers?

Die kleine Waldbahn in Nordrumänien ist wirklich aufregend und in Bolivien, Indien oder Burma gibt es auch ziemlich abenteuerliche Strecken. Als Nächstes fordert aber der Nachwuchs seinen Tribut und es stehen die Brockenbahn und der Rasende Roland an der Ostsee auf dem Programm.

 

Du hast 1995 den alljährlich von Globetrotter Ausrüstung verliehenen Reisepreis »Globetrotter des Jahres« abgeräumt. Womit?

Ich bin in dreieinhalb Jahren mit dem Fahrrad um die Welt gefahren – und kurz vor zu Hause wurde mir in Polen das Rad mitsamt Ausrüstung geklaut. Von meinen verbliebenen 80 Mark investierte ich 30 in ein neues Fahrrad und fuhr weiter bis nach Hause. Dort im Dezember 1994 angekommen, bewarb ich mich ohne Hintergedanken zum »Globetrotter des Jahres«. Die ausgelobten 5000 Mark schienen mir allerdings schon verlockend. Ob am Ende primär meine Reisegeschichten und die Fotos Anklang gefunden haben, oder ob auch eine Spur Mitleid aufgrund des Diebstahles nach 43.000 problemlosen Kilometern bei der Vergabe mitschwang, sei dahingestellt ;-)   

 
Nach der Weltreise folgten diverse Touren mit Bike und Boot in der Mongolei. | Foto: Olaf Meinhardt

Hat diese Auszeichnung deine weitere Karriere beeinflusst?

Welche Karriere? Ich habe weder 8000er bestiegen noch Wüsten durchquert und Pole erreicht. Ich habe nur Länder bereist, die ich als interessant empfinde, und dabei als Reisemittel verwendet, was mir gefallen hat. Irgendwann habe ich angefangen, Geschichten oder Fotos zu veröffentlichen und habe dafür vielmehr eine mögliche Karriere als Deutschlands bester Outdoor-Verkäufer an den Nagel gehängt. Das Reisen ist ein toller Job, mit dem man gerade so über die Runden kommen kann. Karriere würde ich das allerdings nicht nennen, denn Karriere klingt für mich nach viel Geld. 

 

Andere machen nach der Lehre zum Kfz-Mechaniker den Meisterbrief, du bist erst mal dreieinhalb Jahre Fahrrad fahren gegangen. Hast du diesen Schritt je bereut?

Auf keinen Fall. Es war für mich unglaublich wichtig, diesen Schritt zu tun. Mit Anfang 20 wusste ich noch nicht, was das Richtige für mich ist. Auf der Reise habe ich mich selbst gefunden. Ich bin schon ein sehr umtriebiger Typ. Wenn ich zu lange zu Hause bin, bekomme ich die Krise. Ein normaler Urlaub als Angestellter reicht mir einfach nicht.

 

Der Wunsch, deine Reisen fotografisch zu illustrieren, wuchs zeitgleich?

Unterwegs habe ich mir in Kathmandu eine neue Kamera gekauft, die war da so schön billig, und seitdem habe ich viel Freude am Fotografieren. Irgendwann entwickelt man sich zu einem richtigen Jäger, ständig ist man auf der Suche nach gutem Licht, besonderen Motiven und spannenden Situationen. Sobald ich unterwegs bin, bin ich immer auf der Jagd.

 

Was hat seinerzeit das Fernweh in dir entfacht?

Nichts Bestimmtes. Ich wollte von Kindheit an die Welt erkunden. Mit 15 habe ich meine erste größere Radtour gemacht. Meine Freunde mit dem Mofa, ich mit dem Rad. In den Herbstferien wollte dann keiner mehr mit, da bin ich halt alleine gefahren. Abenteuergeschichten und Reiseberichte habe ich natürlich auch gelesen, inspiriert hat mich zum Beispiel Ted Simon, der mit dem Motorrad um die Welt gefahren ist. Beeinflusst haben mich aber mehr die Leute, die ich unterwegs getroffen habe.

 

Du hast den Boom der Outdoor-Branche quasi vom Fahrradsattel aus miterlebt. Was hat dich daran am meisten beeindruckt?

Meine ersten Touren habe ich noch mit einfachsten Mitteln bewältigt: billige Dreifachradtaschen, die wie ein nasser Sack am Rad hingen, Regenbekleidung, bei der man nicht wusste, ob man nun vom Regen oder vom eigenen Saft nass war, und ein Einwandzelt aus dem Kaufhaus, das einer Tropfsteinhöhle glich. Meine Lehrlingsgehälter wurden nach solchen Erfahrungen sofort in gute Ausrüstung investiert, die seinerzeit manchen Quantensprung mitmachte. Auf mein erstes vernünftiges Zelt, das in Sturm und Regen zur Burg wird, war ich besonders stolz: ein North Face Tadpole.

 
Wenn Väterchen Frost die Region um den Baikalsee fest im Griff hat, heißt es umsatteln von der Bahn auf das Rad. | Foto: Olaf Meinhardt

Und wie steht es mit der immer leichter werdenden Ausrüstung?

Sofern die Sachen stabil genug sind, ist »light« natürlich immer gut. Aber bricht einem beispielsweise irgendwo in der Pampa der Alurahmen, hat man ein Problem. Mit herkömmlichem Stahl kommt man deutlich weiter. Mir ist einmal im Altaigebirge mein stählerner Radanhänger gebrochen. Ich habe ihn nebst aller Ausrüstung aufs Fahrrad geladen und in die nächste Siedlung geschoben. Und genau in dieser kleinen Jurtensiedlung schweißte gerade jemand an ein paar Stahlrohren herum. Ich habe auch eine Naht bekommen – sie hält heute noch. Was ich wirklich gern mal probieren möchte, sind die Tipis aus modernen Materialien: leicht, riesengroß und drinnen prasselt ein Feuerchen. Klasse! Mein Sponsor Bergans hat so etwas im Programm. Muss mir mal eine Tour dazu ausdenken ...

 

Welche technischen Innovationen möchtest du nicht mehr missen?

Ich habe noch die Zeiten mit chronisch undichten Radtaschen erlebt, wo man alles extra in Plastiktüten verpacken musste. Also vielen Dank an Herrn Ortlieb. Wünschen würde ich mir einen Outdoor-Kinderwagen für meinen Sohn Gustav. Leicht, geländegängig und mit kleinem Packmaß. Oder eine Kindertrage, in die zusätzlich zum Kind auch das Gepäck für eine Hüttentour passt. Vater und Sohn müssen ja mobil bleiben, wenn Mama arbeiten geht.

 

Kann man die Welt immer noch mit 3-Gang-Rad und auf dem Ledersattel umrunden?

Logisch, es geht ja ums Reisen und Erleben. Den 4700 Meter hohen Khunjerab-Pass zwischen Pakistan und China habe ich beispielsweise mit einem chinesischen 1-Gang-Fahrrad bewältigt. War echt geil, da zählt das Erlebnis und nicht die Technik. Und was den Sattel betrifft – dem einen Hintern gefällt Gel besser, dem anderen Leder.

 

Worin unterscheidet sich der Weltumradler von heute von dem von vor fünfzehn Jahren?

Den größten Unterschied dürfte das Internet ausmachen. Jeder Zipfel dieser Welt ist schon einmal von irgendwem bereist worden. Nur früher wusste man das nicht zwangsläufig. Je ungewöhnlicher heute die Reisen, desto größer der Mitteilungsdrang der Leute. Die Informationen erschlagen einen fast. Dadurch geht häufig der Überraschungseffekt verloren, das Gefühl, gerade etwas gänzlich Neues zu entdecken.

 

Als du 1991 zu deiner dreieinhalbjährigen Weltumradlung gestartet bist, waren die politischen Grenzen noch klar gezogen. Wo radelt man heutzutage den Globus entlang?

Auf meiner Weltreise bin ich relativ problemlos durch den Nahen Osten, Jemen und Pakistan geradelt. Russland ging auch schon. Heute gibt es, glaube ich, mehr Einschränkungen als damals. Zudem hat der Verkehr weltweit gewaltig zugenommen, deshalb würde ich wahrscheinlich nur die kleinsten Wege nehmen. Wie weit man kommt, spielt aber auch keine so große Rolle. Die Welt fängt ja schon hinter der Haustür an.

 

Hattest du während deiner Tour kritische Momente, in denen du um dein Leben bangen musstest?

Sicherlich gab es unheimliche Situationen, aber das Gefühl »Das war es jetzt.« hatte ich eigentlich nie. Als ich einmal bei Wachsoldaten am Suezkanal übernachten musste, habe ich beim Aufwachen in den Lauf einer Kalaschnikow geblickt. Dann hat es Klick gemacht, der Soldat hat gelacht und ich fand es gar nicht witzig. Im Allgemeinen bin ich aber von Natur aus sehr vorsichtig und habe ein Gespür dafür, wann es brenzlig wird.

 

Welche Region hat dich auf deiner Weltreise am meisten fasziniert?

Da wären zum einen die uralten Städte Syriens und die vielfältigen Landschaften Neuseelands. Aber die Bergwelt Pakistans und Nepals haben Fotografenauge und Weltenbummlerherz ganz besonders inspiriert. Auch die Weite der Mongolei war etwas, was meiner Seele guttat. Eine Enklave der Ursprünglichkeit inmitten der zivilisierten Welt.

 

Wie lange hat es gedauert, bis du die Mongolei wieder besucht hast?

Leider ging es nicht so schnell, wie ich wollte. Auch musste ich für ein neues Abenteuer erst einmal Geld sparen. 1996 konnte ich dann wieder zwei Monate freinehmen und flog mit meinem Traum-Reiserad, das ich von meinem Globetrotter-Preisgeld hatte anfertigen lassen, nach Ulan Bator.

 
Ein Bauwerk nicht von dieser Welt und auch mit der Transsib zu erreichen: die 8800 Kilometer lange Chinesische Mauer. | Foto: Olaf Meinhardt

Welche Regionen in der ehemaligen Sowjetunion musst du unbedingt noch sehen?

Die zentralasiatischen Staaten finde ich sehr interessant, die Bergwelten von Tadschikistan oder Kirgisistan müssen atemberaubend sein. Da hat mich schon ein wenig der Schriftsteller Dschingis Aitmatow inspiriert. Kamtschatka mit seinen Vulkanen, der ursprünglichen Natur und den alteingesessenen Volksstämmen ist natürlich auch eine Reise wert.

 

Reisen geht ja bekanntlich durch den Magen. Was sollten Russland-Reisende unbedingt probiert haben, und wovon gilt es, die Finger zu lassen?

Pelmeni (eine Art Maultaschen) sind schon sehr lecker. Man kauft sie am besten den alten Frauen auf dem Bahnsteig ab. In Russland gibt es jedoch keine krassen Überraschungen, es herrscht die einfache, deftige Hausmannskost vor. In der Mongolei sieht das schon anders aus: Chserimtschik, Aruul und andere trockene Käsesorten sind sehr gewöhnungsbedürftig. Oder Airag, vergorene Stutenmilch, ist ebenfalls etwas recht Spezielles für Fans. Um die nächste Frage schon vorwegzunehmen: Ich bin natürlich ein großer Fan.

 

Wie lang war der Weg vom KFZ-Mechaniker über den Fachberater in einem Outdoor-Laden zum selbstständigen Reisefotografen?

Als Geselle habe ich nach meiner Lehre nur drei Monate gearbeitet. Ein Automechaniker, der kein Auto hatte, das passte in damaligen Zeiten irgendwie nicht zusammen. Als Outdoor-Verkäufer war ich zehn Jahre in Lohn und Brot. Natürlich mit Unterbrechungen: Um meine Reiseträume zu verwirklichen, habe ich immer mal wieder gekündigt und bin dann ein paar Monate weggefahren. Nach den Touren bin ich aber stets wieder eingestellt worden. Wahrscheinlich weil ein Verkäufer, der so ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern kann, ganz gut ankommt.

 
Goldene Löffel gibt es bei Reisefotografen nicht – dafür aber viel Genugtuung. | Foto: Olaf Meinhardt

Womit verdienst du heute deine Brötchen und Fahrradschläuche?

Vor ungefähr vier Jahren habe ich den Schritt gewagt, freier Fotograf zu werden. Ich wollte einfach einmal etwas Neues machen, und die Fotografie ist schließlich meine große Leidenschaft. Ich muss aber gestehen, dass es wirklich nicht ganz einfach ist, von der reinen Fotografie zu leben. Bildbände über die Mongolei, die Transsib oder Rumänien zu erarbeiten, hat mir natürlich am meisten Spaß gemacht, aber das reicht nicht zum Leben und schon gar nicht, um neue Reisen vorzufinanzieren. Daher habe ich auch schon weniger exotische Themen wie Irland oder die Donau für den HB-Bildatlas produziert. Eine weitere Einnahmequelle sind Bildagenturen, die meine Bilder vermarkten. Dazu kommen noch diverse Veröffentlichungen in Zeitschriften.

 

Und die Rente ist sicher?

Meine bestimmt nicht.

 

Wie steht es in Zeiten der Weltwirtschaftskrise mit der Sponsorensuche? Halten dir deine Unterstützer weiterhin die Treue?

Von zu vielen Abhängigkeiten und Verbindlichkeiten halte ich nichts. Die meisten meiner Reisen waren verhältnismäßig billig. Ein Flug und ein bisschen Ausrüstung – essen muss ich ja auch zu Hause. Unser Transsib-Projekt allerdings wäre ohne Sponsoren nicht möglich gewesen. Fahrkarten und Übernachtungen in den Städten galt es zu bezahlen, dazu kamen teure Eintritte und Fotogenehmigungen. Die Zusammenarbeit mit dem Reiseunternehmen »Lernidee« war da wirklich klasse, und auch mit der am Projekt beteiligten Firma Bergans of Norway arbeite ich schon seit Jahren freundschaftlich zusammen.

 

Zurück zur Faszination Bildband. Ist die im Internetzeitalter ungebrochen?

Ich hoffe! Ich selbst finde Bilder im Internet nicht toll. Ein gutes Foto muss auf Papier gedruckt sein, um richtig zur Geltung zu kommen. Dazu kommt das Gewicht des Buches, der Geruch der Farbe, das Rascheln des Papiers, ein gutes Layout …

 

Was rätst du Nachwuchsfotografen, die selbst einen Bildband fotografieren wollen?

Seit Jahren träume ich davon, einen Bildband über den Baikalsee zu machen. Aber so lange die Verleger davon überzeugt sind, dass es dafür keinen Markt gibt, wird nichts passieren. Bis mein Mongoleibuch in Angriff genommen wurde, musste ich sieben Jahre warten und viele Leute überzeugen. Aber das Wichtigste ist das Machen und nicht das Veröffentlichen. Vielleicht hat man Glück oder auch nicht. Doch die Reise, die Erlebnisse und die kreative Arbeit kann einem niemand mehr nehmen. Also los!

 

Muss man in Zeiten von Google Earth, Facebook und unzähligen Online-Blogs überhaupt noch real reisen, um die Welt zu erleben?

Wenn es für viele Menschen ausreicht, per Internet die Welt zu erforschen, dann ist das gut für diejenigen, die sich auf den Weg machen. So sind die schönen Ecken weniger überlaufen. Und ich kann bessere Bilder machen, mit denen ich wiederum das Internet füttern kann – also wartet besser vor dem Monitor ;-)

 

Können auch Abstinenzler durch Russland reisen?

Ja schon, es ist nur nicht immer leicht, sich aus der Affäre zu ziehen, insbesondere als Mann. Ich trinke auch nicht gern und habe letztlich doch hier und da ein Gläschen mittrinken müssen. Frauen dürfen eher mal passen.

 

Wie steht es um die russische Seele?

Ist man überzeugter Anti-Alkoholiker, sollte man sich ein paar gute Ausreden zurechtlegen, um die russische Seele nicht zu kränken. Ansonsten ist es wohl die Schwermut, die viele Russen vor allem beim Wodka trinken überfällt, die als russische Seele bezeichnet wird. Und urplötzlich kann die Stimmung wieder umschlagen in Überschwang, Feierlaune und pure Lebensfreude. Ein irgendwie sympathisches Gemüt.

 

Den Reiz deiner Russland-Fotos macht die Nähe zum Thema aus. Darf ein guter Fotograf schüchtern sein?

Ich denke, es gibt viele Wege, gute Bilder zu machen. Um marktfähig zu sein, sollte ein Fotograf schon ein sehr breites Spektrum haben. Sorgsam komponierte Landschaftsaufnahmen gehören dazu, in manchen spontan auftretenden Situationen aber auch eine schnelle und offensive Herangehensweise – nein, schüchtern sollte man nicht sein. In Russland war es ganz anders, da wir im Team gearbeitet haben. Meine Frau Anne hat mit ihren Russischkenntnissen und ihrer offenen Art oft die Herzen der Russen erweicht und ich konnte in Ruhe aus dem Hintergrund meine Bilder machen. Wenn ich allein war, musste ich natürlich auf meinen nonverbalen Charme zurückgreifen.

 

Wo lernt ein Weltenbummler die Frau des Lebens kennen, die ihm auf seine Reisen folgt?

Im Ausrüstungsladen. Ich habe Anne ein Mückenmittel verkauft und ihr eine Kundenkarte aufgeschwatzt. Die Kundendaten habe ich dann natürlich streng vertraulich behandelt ...

 
Ein eingespieltes Team – auf Reisen und in der Heimat: Olaf und Anne Meinhardt. | Foto: Archiv Meinhardt

Anne zeichnet für die Texte in deinem Transsib-Buch verantwortlich. Hattest du bei der Heirat etwa Hintergedanken?

Anne hatte schon vor unserer Begegnung Radreisen und Wandertouren unternommen. Da hatte sie also schon die ersten Hürden bei mir genommen. Paddeln fand sie auch toll, da musste ich einfach zuschlagen. Dass sie zudem gut schreiben kann und als angehende Lehrerin nur wenig Fehler macht, war nur noch das i-Tüpfelchen.

 

Ihr wohnt nahe deiner Heimatstadt Braunschweig auf einem Campingplatz. Was soll das denn?

Was sollen wir denn in einer Wohnung? Wir haben einen großen alten Zigeunerwohnwagen mit riesigem Vorzelt, einen Bauwagen mit Büro und Gästebett, sehr nette Nachbarn und viele Bäume um uns herum. Die Jurte fehlt leider noch. Für das einsame Blockhaus am See muss ich wohl noch viele, viele Bücher verkaufen. Dann lieber so.

 

Seit einem Jahr ist die Familie Meinhardt zu dritt. Wie bekommt ihr die oft mehrmonatigen Fotoreisen mit einem Kleinkind unter einen Hut?

Bis jetzt noch gar nicht. Wir waren zwar gerade ein paar Wochen mit Zelt und Auto in Spanien unterwegs, aber das war mehr Urlaub als Fotoreise.

 
Mittlerweile diktiert Sohn Gustav die Reisepläne im Hause Meinhardt. | Foto: Archiv Meinhardt

Wie sieht für euch jetzt die ultimative Reise aus?

Wir suchen noch nach neuen Möglichkeiten, das Abenteuer Kind mit dem Abenteuer des Reisens zu verbinden. Unser Gustav hat so viele Hummeln im Hintern, dass ein 5000 Meter hoher Pass ohne Gangschaltung weniger anstrengend ist als ein Tag mit unserem kleinen Wildfang.

 

Irgendwelche letzten Worte?

Welcher Verlag oder Sponsor möchte mit mir einen supergeilen Bildband über den Baikalsee machen?

 

4-Seasons Info
 

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Olaf ist der Mann fürs Feine im Groben, ein Bär mit dem Einfühlungsvermögen eines Lawinenhundes. Jüngster Beweis: sein Bildband über die Transsib.

 

Seine Bildbände über Südamerika, Rumänien, Irland, die Donau, die Mongolei und die Transsibirische Eisenbahn (Globetrotter-Bestellnummer buk-58-902, 49,90 Euro) sowie zahlreiche Veröffentlichungen in Magazinen zeugen von zäher Ausdauer. Bei der Landschaftsfotografie reicht ihm nicht das perfekte Motiv, Olaf will immer auch das perfekte Licht. Zudem ist er ein Spezialist für Situationsfotografie, für Bilder, die unwiederbringliche Momente einfangen. Olafs allergrößte Spezialität aber ist Lammkeule Provence!