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Das erste Mal Canyoning: Schluchteln für Anfänger

Nicht ohne meinen Guide, vor allem wenn er mir den besten Sprungplatz zeigt! | Foto: Julian Rohn
Canyoning gehört seit Jahren fest ins Repertoire einer jeden Outdoorschule. Trotzdem fristete es in meiner Wochenendplanung zwischen Paddeln, Bergsteigen, Mountainbiken und Wandern ein Schattendasein. Zeit dies zu ändern, bei meiner ersten Canyoningtour.

Sonne, Berge, Wasser und eine tiefe Schlucht – nicht ungewöhnlich für einen Wildwasser-Paddler. Für mich gehören diese drei Zutaten zu einem ordentlichen Wochenende einfach dazu. Seit zwei Jahrzehnten bin ich inzwischen auf den Wildwassern der Alpen unterwegs und auch der Wasserlauf, an dem wir nun stehen, ist mir nicht unbekannt.

Waldspaziergang im eigenen Saft – Wellnessbehandlung inbegriffen. | Foto: Julian Rohn

Wir sind in Tirol in der Nähe von Reutte, dem Eingang zum Lechtal. Die Bundesstraße führt hier über ein tief eingeschnittenes Tal und schon mehrmals habe ich mir oben auf der Brücke so meine Gedanken über eine mögliche Befahrung des Flusses am Talgrund gemacht. Doch für mehr hat es nie gereicht, zu nah die Wildwasserperlen im nahen Inntal, zu kurz ein Wochenende. Heut ist das anders. Wir sind ohne Boote unterwegs, dafür mit den Bergführern Samuel und Franz.

Vom Kleinwalsertal sind wir herübergefahren, denn an den Klassikern im Allgäu stimmt die Wassermenge nach dem tagelangen Regen nicht. Zu viel Nass kann beim Canyoning gefährlich werden, dass machen uns die beiden Bergführer schnell klar. Die Wassermenge und die potentiellen Gefahren vor dem Start abzuschätzen, das gebe ich heute gerne in die Hände der Profis ab. Gute Ortskenntnisse zum Einzugsgebiet des Gewässers, Steilheit des Geländes und eine detaillierte Wettervorhersage wären einzuholen gewesen. Schon zu Beginn wird klar: Canyoning macht man nicht auf eigene Faust, sondern man holt sich einen Guide.

Canyoning – eine Einbahnstraße und kein Rundweg

Wasser- und Höhenangst sind fehl am Platz beim Canyoning. | Foto: Julian Rohn
Die Krux des Canyonings kenne ich bereits vom Wildwasserpaddeln. Man bewegt sich immer mit dem Wasser bergab. Eine Einbahnstraße – Rundwege gibt es nicht. Was beim Paddeln oft zu einem motorunterstützten Umsetzakt ausartet, lässt sich beim Canyoning zu Fuß erledigen. »Die meisten begangenen Schluchten in den Alpen sind nicht länger als fünf Kilometer«, erzählt Franz, das kann man gut zu Fuß erledigen. Unsere heutige Schlucht bietet zu dem die Möglichkeit von oben wie unten einzusteigen, das heißt, uns bleibt die Wahl: Schwitzen im Neoprenanzug und dann ins kühle Nass – oder erst auskühlen und anschließend warmlaufen bis zu den Autos. Samuel hat die Entscheidung schon für uns gefällt: »Vor dem Vergnügen kommt die Arbeit« und so steigen wir im dicken Fünf-Millimeter-Neopren 150 Meter steil bergan. Die Kühle dieses Frühsommertags ist da schnell vergessen.

Bildergalerie: Das erste Mal Canyoning: Schluchteln für Anfänger

Die Ausrüstung ist stark an die Bedürfnisse der Canyonisten angepasst. Der Neoprenanzug ist so dick, dass sich darin das kalte Bergwasser schnell aufwärmt. Mit Kapuze und langem Overall ist das Monstrum nur zu wenigen anderen Outdoorsportarten zu gebrauchen. Am Klettergurt befestigt hängt eine Gummischürze über den Allerwertesten, denn selbst das dickste Neopren wäre nach der hundertsten Rutsche wohl durch. Zusätzlich tragen wir alle einen Helm.

Canyoning – die goldenen Regeln aus dem Freibad fallen mir wieder ein.

Nach gut 30 Minuten haben wir den Aufstieg geschafft. Trotz sportlicher Fitness und Temperaturen unter 20 Grad Celsius stehen wir in unserem eigenen Saft. Die goldenen Baderegeln aus Freibadzeiten fallen mir wieder ein und so liegen wir kurze Zeit später alle nebeneinander im Plansee und kühlen ein erstes Mal ab. Samuel erklärt derweil auf was es ankommt, jederzeit ist der Wanderweg zu erreichen, keiner muss, alle Sprünge lassen sich auch umgehen. Noch eine goldene Regel aus dem Freibad fällt mir wieder ein – diesem Gruppenzwang auf dem Zehn-Meter-Turm konnte man nie entrinnen. 

Spätestens hier kommt man ohne Seil und Guide nicht weiter – die Faszination Canyoning erschließt sich mir. | Foto: Julian Rohn

Hinter der Staumauer steigen wir in den Canyon. Ohne Mauer würde hier ein richtiger Bach gen Tal rauschen – fürs Canyoning dann indiskutabel. Dank Wasserableitung ist es aber nur wenig mehr als aus dem heimischen Gartenschlauch rinnt. Der erste Sprung ist knapp drei Meter hoch in einen tiefen grünen Gumpen. Kein Problem. Wie im Schwimmbad täuscht das klare Wasser eine viel größere Höhe vor. Der »Einschlag« kommt früher als erwartet, der eigentliche Aha-Effekt stellt sich erst nach dem Eintauchen ein: Was eben im See noch recht gemächlich ging, ist nun binnen Millisekunden passiert, der Körper ist umschlossen vom kalten Wasser und ein Neoprenanzug ist doch kein Trockenanzug. Kurz bleibt mir die Luft weg. Auch der Weg zurück an die Wasseroberfläche ist länger als erwartet. Ohne zu murren folgt einer dem anderen. Kurz überlege ich, ob es nicht doch mehr Sinn machen würde auf dem Wanderweg gen Tal zurückzugehen, als hier rumzuplanschen. Ein Boot das wäre nun toll.

Hält das? Klar, der Guide will seinen Job ja auch nicht verlieren. | Foto: Julian Rohn
Wenige Tage vor unserem Besuch in der Klamm hat ein Hochwasser die Wände »geschruppt«. Gut für uns, erzählt Franz: »Die Steine sind nun wieder griffig«. Mir wird mulmig bei dem Gedanken. Wir sitzen inzwischen an einer Abrisskante, kaum vorzustellen, wenn uns nun eine Wasserwand von hinten erwischen würde. Die beiden Profis wissen uns zu beruhigen und das Wetter sieht auch nicht nach einem Platzregen aus.

Etwa 25 Meter geht es in die Tiefe, leider nicht springend, sondern gesichert am Seil. Samuel lässt uns ab. Für Ungeübte können Sprünge solcher Höhe nicht nur schmerzhaft sein, sondern auch zu ernsthafte Verletzungen führen. Im Pool klemme ich den Karabiner aus der Sicherung und bin alleine in der vom Wasser geformten Landschaft. Trotz dem nur wenige Meter entfernten Wanderweg, wird mir die Faszination des Canyonings klar: Hier kommt man ohne Abseilen einfach nicht hin. Auch mit Boot keine Chance. Nach und nach folgen die Anderen und wir schwimmen mit offenen Mündern im großen Pool. Die Kälte ist egal, die Landschaft einfach fantastisch.

Canyoning – Grandios, was Meister Wasser hier geschaffen hat.

Wir steigen weiter dem Schluchtausgang entgegen. Eine längere Strecke laufen wir durchs Kiesbett. In unser »fetten« Montur komme ich mir deplatziert vor. Doch ehe ich zu viele Gedanken über den Sinn des Canyonings verschwenden kann, kommen wir an die zweite Steilzone. Mehrere Stufen und Rutschen steigern wieder die Adrenalinausschüttung. Grandios, was Meister Wasser hier in den Stein geschnitzt hat.  Vor nicht ganz einer Stunde sind wir auf dem Wanderweg hier lang gelaufen, doch so richtig nehme ich das Wunderwerk der Natur erst jetzt wahr. Ganz zu schweigen vom Spaßfaktor, den ein Abstieg im Flussbett bietet. 

Schlucht bezungen – warme Klamotten ich komme. | Foto: Julian Rohn
Nach der Engstelle öffnet sich das Tal. Wir sind am Ende der Tour angekommen. Die Autos und warme Kleidung warten. Zwei Tage waren wir als Gruppe zusammen, haben mit Haglöfs zehn Jahre Deutschlandvertrieb gefeiert, doch irgendwie hat sich in den letzten zwei Stunden was verändert. Wir haben zusammen viel erlebt – ein Nebeneffekt, der so manchen Manager aufhorchen lassen wird. Für uns hingegen war es nur Spaß und ein wenig Adrenalinkitzel unter Anleitung.

Ich werde demnächst anders auf das kleine Tal bei Reutte schauen. Zum Kajakfahren ist es definitiv zu eng und zu steil, doch man kann ja noch eine andere Outdoorsportart mit Sonne, Bergen und Wasser in einer tiefen Schlucht verbinden, das hat mir unser kurzer Ausflug heute gezeigt.

 

4-Seasons Info

Canyoning – Schluchteln

Beim Canyoning wird eine Schlucht von oben nach unten durchstiegen. Der Wasserdurchlauf ist dabei sehr gering. Immer wieder gilt es den Flusslauf zu queren. Dabei kommen verschiedene alpinistische Techniken zum Einsatz. Den größten Spaß bieten natürlich Rutschen im blanken Fels und Sprünge. Die begangenen Schluchten sind meist nur im Rahmen einer Canyoning-Tour zu erreichen. Hier steht das gemeinsame Naturerlebnis mit einer sportlichen Leistung im Mittelpunkt. Als eigenständige Sportart etablierte sich Canyoning erst in Spanien und Frankreich. Hier widmen sich ganze Familien am Wochenende dem Schluchteln. In den Nordalpen erfolgte der Durchbruch in den 90er Jahren und schwappte dann nach Nordamerika - hier ist Canyoning auch unter dem Namen Canyoneering weit verbreitet.

Canyoningtouren sind ähnlich wie Kletterrouten oder Klettersteige in verschiedene Schwierigkeitsgrade eingeteilt. Es gibt inzwischen unterschiedlichste Spielarten:

 

Canyoning in den Alpen


Fast jede Outdoorschule bieten Canyoning-Touren auf ihrem »Haus-Creek« an. Dabei kann man zwischen unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden wählen. Auch wenn Einstieg und Schwierigkeiten bekannt sind, ist immer der Rat eines Guides einzuholen. Die schmalen Canyons erlauben keine Fehler bei der Wettereinschätzung. Unglücke zeigen immer wieder die Gefahr dieses Sports. Unsere Tour wurde von Franz Perchtold von der Bergsportschule »Die Bergführer« und Samuel Riezler durchgeführt. 

 

Die Kollegen von 4-Seasons.tv haben zahlreiche Videos zu Canyoningtouren gesammelt: http://4-seasons.tv/thema/canyoning-abenteuer-in-der-schlucht

 
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