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Das Buch zum Trip: Norwegen der Länge nach

Foto: Christian Wittig
2013 wanderte Simon Michalowicz einmal längs durch Norwegen. 4-Seasons berichtete von seiner Tour mit einer Reportage. Kürzlich ist das Buch zur Fernwanderung erschienen. Unsere Autorin Johanna Stöckl hat es gelesen.

Ende Mai 2013 brach Simon Michalowicz am südlichsten Punkt Norwegens auf. Ziel: Das 3000 Kilometer entfernte Nordkap. Während der Fernwanderung, die er ohne Begleitung unternahm, ist ein Blog entstanden, von dem ich hörte, als der fidele Wandersmann bereits mehr als die Hälfte seiner Wegstrecke hinter sich gebracht hatte. Ab diesem Zeitpunkt folgte ich Simon mehr oder weniger auf Schritt und Tritt bis ans Nordkap und begleitete ihn virtuell auf den Weg zurück in seine Heimat. Als einer seiner zahlreichen Follower wusste ich also schon ziemlich gut Bescheid und war daher skeptisch als ich hörte, dass nun auch ein Buch zu seiner »Norge på langs«-Tour erschienen ist. Die Gefahr der Wiederholung und Langatmigkeit war durchaus gegeben.

Hat ihn die 140-tägige Wanderung verändert?

Was mich allerdings spontan angesprochen hat: Der umfassende Bildteil in der Buchmitte. Simon startet wohlgenährt und eher untrainiert im Süden Norwegens. Von Foto zu Foto wird er schlanker. Am Nordkap angekommen erkennt man ihn kaum wieder: Vollbart im Gesicht, schlaksig und durchtrainiert sein Körper. Rein optisch kommt jedenfalls eine völlig anderer Simon Michalowicz am Nordkap an. Ob ihn die 140-tägige Wanderung auch innerlich verändert hat? Im Blog, der sich im Wesentlichen auf kurze Beschreibungen der Ereignisse beschränkt hat, kam dieser Part für mein Empfinden zu kurz. Wen wundert’s, sind die Zeilen ja meist abends nach einer langen Etappe auf einem Smartphone entstanden. Wie will man auf kleiner Tastatur und müde vom Erlebten, noch groß in die Tiefe gehen?

Gestatten: Simon Michalowicz. | Foto: Simon Michalowicz

Außerdem interessiert mich, wie sich das Abenteuer mit etwas Abstand anfühlt. Was hat die Tour mit Simon angestellt? Wird er im Buch reflektiert darüber berichten können? Von den abgebildeten Landschaften auf den Fotos ganz zu schweigen. Verwunschene Hochebenen, bizarre Flusslandschaften, traumhaft schöne Seen und sagenhafte Lichtspiele hat der Autor festgehalten. Es scheint, als würde Michalowicz mit jeder Etappe, die ihn weiter nordwärts bringt, mehr und mehr aus der Zeit fallen. Phasenweise trifft er tagelang keinen Menschen. Wie empfindet er diese Einsamkeit? Macht sie ihn immer glücklich? Hat er manchmal Angst in der Weite? Hegt er wenigstens gelegentlich Zweifel?

Kein muskelbepackter Outdoor-Macho

Und dann ist da noch das Zitat von Adi Preißler auf dem Vorsatzblatt: »Grau ist alle Theorie – entscheidend is auf’m Platz.« Dieser Satz ist letztendlich dafür ausschlaggebend, dass ich das Buch doch in meine Tasche stecke. Ein Wanderbuch mit einer Fußballweisheit zu beginnen, erscheint mir kurios und macht mich richtig neugierig. Man ahnt, dass Fußballfan Michalowicz diesen Ausspruch der BVB-Legende Preißler bewusst an den Anfang seines Buches gestellt hat. Im übertragenen Sinne natürlich. Träumen wir nicht alle von Abenteuern? Spielen wir nicht alle einmal mit dem Gedanken auszusteigen? Aber: die wenigsten machen Ernst. Michalowicz allerdings hat sich diesen Traum erfüllt und erklärt im Prolog seines Buches, welcher im Übrigen in Briefform an eine unerfüllte Liebe gerichtet ist, dass er es leid war im Konjunktiv zu leben: Hätte, wäre, könnte.

Weite, Einsamkeit, Farben – das norwegische Fjell. | Foto: Simon Michalowicz
Weite, Einsamkeit, Farben – das norwegische Fjell. | Foto: Simon Michalowicz

Gleich zu Beginn der Tour – Simon verabschiedet sich von seinen Eltern, die ihn bis zum Startpunkt der Tour begleiten – fließen Tränen. Wie sympathisch: Michalowicz schämt sich weder für Schwächen noch für Fehlentscheidungen während der Tour, sondern schreibt ausführlich darüber. Ganz offensichtlich ist hier kein über den Dingen stehender, muskelbepackter Outdoor-Macho unterwegs, der uns einmal mehr erklärt, wie heldenhaft er die Wildnis überlebt. Im Gegenteil: Auf 272 Seiten präsentiert sich ein hochgradig normaler, junger Mann, der die Natur und Bewegung liebt und einmal in seinem Leben sprichwörtlich das Weite sucht. Ängste und Zweifel nehmen in den persönlichen Schilderungen erstaunlich viel Platz ein, was dem Buch gut tut, es authentisch, nachvollziehbar für den Leser und daher wertvoll macht. Und so liest man von mentalen Tiefs, von Schmerzen in den anfangs untrainierten Beinen, von Hungerästen, regelrechten Fressattacken und selbstverschuldeten Problemen, wie dem Verlust des wohl wichtigsten Gegenstandes auf der Tour: dem Zelt!

Seinen inneren Frieden gefunden

Überhaupt ist die Ehrlichkeit, mit der Michalowicz erzählt, der Grund, wieso man das Buch lesen sollte. Wer gerne draußen ist, den Norden mag, wird sich außerdem angesprochen und gut unterhalten fühlen. Das Buch schürt regelrecht die Lust darauf, selbst einmal eine lange Wanderreise anzugehen. Man muss schließlich – Simon ist der beste Beweis dafür – kein Profi sein, um außerhalb der viel zitierten Komfortzone bestehen zu können. Vorausgesetzt natürlich, man geht ähnlich gut vorbereitet und besonnen wie Michalowicz auf Tour, der sich, Zeitplan hin oder her, auch mal eine lange Pause gönnt, wenn sie vonnöten ist. Außerdem enthält das Buch viele wertvolle Tipps, die man auch auf kürzeren Wanderungen durch Norwegen mehr als gut gebrauchen kann.

Fotografieren bedeutet: vorlaufen, Kamera aufstellen, zurück laufen, Fernauslöser drücke ...
Fotografieren bedeutet: vorlaufen, Kamera aufstellen, zurücklaufen, Fernauslöser drücke ...

Warum man das Buch gerne bis zum Schluss liest und bedauert, dass die Tour am Nordkap endet? Weil Simon sich im Laufe der 140 Tage dauernden Trekkingreise nicht nur warm läuft und dabei beflügelnde Zustände wie den Wanderflow sehr anschaulich beschreibt, sondern weil er auch als Autor mit jedem Kapitel mehr und mehr zu Hochform läuft. Als der Herbst im Fjell Einzug hält, findet Michalowicz, das, was er wohl ganz unterbewusst gesucht hat: Seinen inneren Frieden. Er ist eins mit der Natur und findet darin im Stile eines Romantikers höchste Erfüllung. Und so erklärt er das finale Ziel zur Nebensache: Es geht um das Unterwegssein an sich, weniger um das Ankommen. Als Leser freut man sich an vielen Stellen mit dem Fernwanderer, etwa wenn er unter dem Schein der Nordlichter, welche er erstmals in seinem Leben bewundern darf, eine Art »Wandererleuchtung« erfährt.

Rentier im Maschendrahtzaun

Nicht zuletzt mag man das Buch, weil Michalowicz an vielen Stellen Humor beweist und sich selbst nie in den Vordergrund schreibt. Wie gesagt, hier ist ein Antiheld am Werk. Beispiel gefällig? Auf Seite 252 passiert Michalowicz auf der Etappe von Skaidi nach Honnigsvåg einen Maschendrahtzaun, in dem sich ein Rentier mit seinem Geweih verfangen hat. Simon will dem armen Geschöpf natürlich helfen, ist mit der verfänglichen Situation aber auch reichlich überfordert:

»Jetzt wäre ein wenig Sámiblut in meinen Adern hilfreich, dann würde ich das Tier einfach bei den Hörnern packen und mit meinem riesigen Jagdmesser befreien. Ich bin aber weder ein erfahrener Sámi noch geübt im Umgang mit verzweifelten Rentieren. [ ...] Irgendwie sind wir beide ganz schön nervös, doch als das Rentier mich so verloren anblickt, kann ich mir ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen – das grüne Netz hat sich zu einer Art Turban um das Geweih gelegt, sodass es aussieht, als hätte Marge Simpson dem Tier ihre Frisur überlassen ...«

Nur noch 45 Kilometer ... | Foto: Simon Michalowicz
Nur noch 45 Kilometer ... | Foto: Simon Michalowicz

Reflektiert sind auch die Erkenntnisse, die Simon auf den letzten Seiten seines Buches schildert. Zurück im normalen Leben sucht der Fußballfan als Dauerkartenbesitzer beim BVB einmal mehr die heißgeliebten Emotionen, die er bei einem Heimspiel seines Vereins unter 80.000 Gleichgesinnten im Westfalenstadion regelmäßig genießt. In der mitreißenden Atmosphäre der Fankurve stellt er fest, ähnlich intensiv in der Natur Norwegens gefühlt zu haben. Auf sich allein gestellt, mit einem dreißig Kilogramm schweren Rucksack auf dem Rücken, im Nieselregen, ungewaschen und hungrig.

Und so endet das Buch mit den Worten: »Es könnte alles so einfach sein.«

PS: Simon hat die Tour dann auch noch mal im Winter versucht. Scheiterte aber an den Witterungsbedingungen.

 
4-Seasons Info

Simon Michalowicz: Norwegen der Länge nach

Simon Michalowicz: Norwegen der Länge nach, Piper/Malik Piper/Malik, National Geographic
; ISBN: 978-3-492-40587-4; Globetrotter-Bestellnummer: 25.77.01, 14,99 €.

Simon kommt auch auf Lesereise:

08. Oktober: Geobuch, München

24. Oktober: Globetrotter Film & Vortragsfestival, München

- 27. November: Globetrotter, Hamburg

- 29. November: Globetrotter Lodge, Ascheffel

11. November: Globetrotter, Dresden

 

Weitere Infos hier.

 

 
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