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Chilenisches Patagonien: Sehnsuchtsziel für Naturliebhaber

| Foto: Mirco Lomoth
Weite Ebenen, zerklüftete Gletscherfelder, Granittürme und ein Wind, der sogar Bäume krumm wachsen lässt – das chilenische Patagonien ist ein Sehnsuchtsziel für Naturliebhaber. Am eindrucksvollsten erlebt man es im Pferdesattel.

Don José reitet voran. Er trägt sein Messer im Gürtel und auf dem Kopf ein schwarzes Barett, die Kopfbedeckung der Gaucho­s. Wie eine gemütliche Kugel schaukelt er pfeifend im Sattel, flüstert hin und wieder seinem Pferd etwas zu und galoppiert­ dann plötzlich los – über einen von silbrig-grauem ­Treibholz gesäumten Strand am Ende der Welt.

Sehnsuchtsstraße am Ende der Welt zwischen Puerto Consuelo und Puerto Natales. | Foto: Mirco Lomoth

Wir folgen, durchqueren kalte Flüsse, drücken die Schenkel in die Flanken unserer Pferde, um sie auf steile Sandhänge zu treiben. Das Meer liegt gekräuselt im Fjord, als würde es seine Gewalt nur mühsam zurückhalten­, die Berge auf der anderen Seite der Bucht tragen Schneefetzen des letzten Winters. Es ist ein sonniger Frühlingstag, der patagonische Wind, der die Bäume am Ufer zu ­aufgespannten Bögen verformt hat, peitscht Gischthäubchen vom Salzwasser auf den Kiesstrand.

Irgendwo­ im Unterholz müssen die Kühe stehen, die Kälber sollen ­gebrandmarkt werden. Hernán García und Sohn Sebastián halten von einer­ Anhöhe Ausschau nach ihnen, die Eigentümer der Estancia­ Mercedes, von der wir am Morgen aufgebrochen sind. Mittag­s rasten­ wir auf einer Lichtung, Berberitzensträucher blühen­ tiefgelb. Wir setzen uns auf flachwüchsiges Gras, das sich wie ein dicht gewebter grüner Teppich ausrollt. Don José ­entzündet ein sparsames Feuer, erhitzt Wasser in einem verbeulten Teekessel­. Eine Weile lagern wir dort im Nirgendwo, trinken den bitteren­ ­Aufguss und dazu kräftige Spritzer Weißwein aus einem Fellschlauch, scherzen, lachen, schweigen.

Barett und Pferd: die »Gaucho-Insignien« der Freiheit. | Foto: Mirco Lomoth

Es ist das Zusammen­sitzen­ in­mitten menschenleerer patagonischer Natur, das man nicht mehr vergisst. In der Erinnerung wächst es zu einer ­Sehn­sucht heran, nach dem Süden, seinen Menschen und seine­r Maßlosigkeit. Ein Chimangokarakara-Falke segelt über uns ­hinweg, seine hellen Flügelspitzen glänzen in der Sonne. Als wir ­wieder in die Sättel steigen, lassen uns flüchtige Wolken frösteln.­ Bald darauf prescht Don José behände ins Unterholz, seine Hunde bellen in der Ferne. Sie haben offenbar die Kuhherde­ aufgespürt.

Die Estancia Mercedes liegt an einem Strand aus dunklen Steinen und Muschelschalen, ein paar flache Holzhäuser mit roten Dächern­, ein Eissturmvogel sitzt auf einem Bootsschuppen. Im alten Haupthaus steht Hausherrin María Angélica mit einem Rindereintopf am Herd, sie serviert ihn mit knusprigen Backkartoffeln, rötlich gefärbt von gemahlenem Räucherchili. Don José und Hernán García sitzen am Tisch, über ihnen an der Wand Flinte, Hufeisen, Steigbügel und polierte Kuh­hörner­. Es ist die andere Form patagonischer Geselligkeit, eng gedrängt am warmen Ofen, die Natur wird zu einem von Gardinen gerahmten Stillleben.

Früher war die Schafzucht für die Menschen im Süden ein einträgliches Geschäft, heute sind die Farmen verlassen und verfallen. | Foto: Mirco Lomoth

»Unsere Vorfahren haben viele Opfer gebracht, um sich hier eine Existenz aufzubauen«, sagt María Angélica. »Deshalb lieben wir diese­n Ort und wollen ihn teilen.« Seit vier Genera­tionen lebt ­Familie García Iglesias hier, seit José Iglesias Díaz aus Asturien übersiedelte und 1916 mit der beschwerlichen Schafzucht auf dem sumpfigen Land der Halbinsel Antonio Varas begann – nur ­20 Kilometer von Puerto Natales, und doch weit entfernt vom Rest der Welt. Erst seit ein paar Jahren führt eine Straße hier­her­, vorher konnte man die Estancia nur per Pferd oder Boot erreichen. Die Schafzucht des Urgroßvaters hat die Familie aufgegeben, heute gibt es nur Kühe, und seit zwei Jahren können Touristen das wilde Chile auf der Estancia erleben, weit abseits der üblichen Routen. Hausherr Hernán pafft an seiner Pfeife, lädt auf einen weiteren Rotwein ein, aber die letzte Fähre setzt bald über.

Weite erleben und Wind spüren

Patagonien ist ein Mythos – vielleicht schon, weil niemand, der von Norden kommt, genau weiß, wo es beginnt. Wer in diesen Breiten unterwegs ist, will Weite erleben und Wind spüren, kalbende­ Gletsche­r sehen oder zu den Granitspitzen im Nationalpark Torres del Paine wandern. Bei der mehrtägigen Wanderung spürt man die Härte der Natur am eigenen Körper, kann sich an manchen Orten gegen Windwände lehnen, marschiert zu Seen und Gletscherkanten durch urtümlichen Bewuchs krummer Süd­buchen, kann Kondore und straußenähnliche Nandus beobachten.

 

Im kurzen Sommer ist im Torres-del-Paine-Park allerdings oft viel los, fast als sei er der ­einzige Ort, an dem die Natur erlebbar ist. Dabe­i bietet Chiles Süden nahezu unendlic­he Möglichkeiten für Outdooraktiv­e: Auf ­der Straße Carretera Austral kann man von Puert­o Montt aus mehr als 1200 Kilometer durch grün wuchernde Einsamkeit gen Süden ­fahren und kommt an einem gute­n Dutzend Nationalparks und Natur­schutzgebieten vorbei, ebenso am legendären Wildfluss Futaleufú, zu dessen auf 50 Kilometer verteilte Stromschnellen Wassersportler aus aller Welt pilgern.

Je weiter südlich man kommt, desto öfter geht es durch flaches Land mit kargen Weiden, auf denen hier ein Schaf steht, dort eine Herde Guanacos oder ein Nandu mit zerfleddertem Federkleid. Die Werke des Menschen wirken einsam hier. Gatter stehe­n im ­Nirgendwo, Blechhäuschen hocken neben ­immer windschieferen Bäumen, wo Menschen auf Post hoffen – Miniaturmodell­e der Anwesen, zu denen ­lange Alleen führen. Irgendwann ein Schild: Willkommen in der Provinz der letzten Hoffnung.

Chatwin schuf ein Sehnsuchtsziel

Reitausflug zur Höhle des Mylodons. Zwischen den uralten Felszeichnungen grüßt eine Replik des Riesenfaultiers. | Foto: Mirco Lomoth

Es war Bruce Chatwin, der mit seinem Buch »In Patagonien« ­diese ferne Gegend im Süden für viele im Norden zum ­Sehnsuchtsziel machte. Der Hautfetzen eines seltsamen Tieres, den ein Cousin seine­r Großmutter aus Patagonien geschickt hatte, führte ihn her. Auf der Suche nach dessen Ursprung reist er über Feuerland nach Chile, bis an die Bucht der letzten Hoffnung, nach Puerto Consuelo. Dort trifft er den deutschstämmigen Hermann­ Eberhard, dessen Großvater 1895 in einer Höhle ein Fell mit Haut- und Knochenresten entdeckte: die Überreste eines Mylodons­, eines pflanzen­fressenden Riesenfaultiers, das seit rund 10 000 Jahren ausge­storben­ ist. Die Estancia der Eberhards kann man besuchen, sie liegt nur wenige Kilometer nördlich von Puerto Natales: Weiße Häuse­r unter­ roten Dächern stehen vor einem beein­druckenden Panorama­ schwarzer Berge mit schneebedeckten Gipfeln. Auf dem Fjord dümpeln Schwarzhalsschwäne, die schon Chatwin beo­b­achtet­ hat. Puerto Consuelo war damals eine Schaffarm, dann sank der Wollpreis, seither sind Moose auf den Gattern gewachsen. Heute kommen gelegentlich Touristen, um Kajak zu fahren, zu reiten oder Lamm zu essen, das auf einem Stahlkreuz überm Feuer gegart wird.

»Der Bergrücken dort drüben heißt Dorothea, mein Ururgroßvater hat ihn nach seiner Tochter benannt«, sagt Erik Eberhard. Er sitzt mit hohen Ledergamaschen im Sattel, auf dem Kopf das unvermeidliche Barett. Wir reiten zur Höhle des Mylodons, die Hufe der Pferde versinken im Morast, ihr Fell glänzt vor Anstrengung. Weißgrau abgestorbene Baumstämme ragen aus flachem Gestrüpp hervor, blassgrüne Flechten an ihnen wehen im Wind wie lange Bärte. Wolken ziehen über den Himmel, werfen fliehende Schat­ten­ auf die Welt, kalter Wind und die milde Nachmittagssonne röten­ unsere Gesichte­r. Am Fuße einer Anhöhe satteln wir ab, lassen­ die Pferde grasen. Erik zeigt verblasste Zeichnungen auf grauem­ Stein unter einem Felsüberhang. Schlangen, Kreise, Finger­ab­drücke, Tausende Jahre alt. Er lehnt sich an den Fels und schaut über das Land, bis zu den fernen Spitzen der Torres del Paine und zur Höhle des Mylodon­s, die wie eine schwarze Wunde in einer Felswand klafft. In seinen Augen funkelt die Liebe zu diesem Ort, zur Ferne des Horizont­s, zur rauen Natur. Zum Süden.

 
4-Seasons Info

In Chiles wildem Süden

Anreise: LAN fliegt täglich von Frankfurt über Madrid nach Santiago und weiter nach Punta Arenas. Mietwagen kann man am Flughafen leihen.

Unterkunft und Aktivitäten: Hotel Bories House bei Puerto Natales bietet gemütliche Zimmer. Die Eigentümer organisieren Ausritte und mehrtägige Touren (estanciatravel.com). In Puerto Natales gibt es zudem den Veranstalter Tutravesia, der Kajaktouren anbietet. Die Estancia Mercedes auf der Halbinsel Antonio Varas erreicht man von Puerto Natales aus per Fähre. Die Estancia Puerto Consuelo liegt rund 20 Kilo­meter nordwestlich von Puerto Natales. Mylodon-Höhle: Trekking­touren in Patagonien (auch im Torres del Paine NP) bietet etwa Wikinger Reisen an, Tel. 023 31/90 46.

Allgemeine Infos: Viele weitere Reiseinformationen über Patagonien und natürlich Chile insgesamt unter: chile.travel­. Guter Reiseführer: Chile, Stefan Loose Travel ­Handbücher, Globetrotter-Bestellnr. 17.86.48.

Chile bei Globetrotter: Im Oktober präsentiert sich Chile bildstark und informativ in den Globetrotter-Filialen Köln und München, Infos dazu unter: globetrotter.de/chile. Auf chile-globetrotter.de gibt es zudem einen großen Chile-Trip von Wikinger Reisen zu gewinnen sowie weitere inspirierende Reisetipps.

Weitere Infos auch bei den Kollegen von 4-Season.tv/chile-patagonien

 
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