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Cecilie Skog: Durch Höhen und Tiefen

Eisblaue Augen und den Explorer Grand Slam im Rücken: Cecilie Skog. | Foto: Archiv Skog
Cecilie Skog bezwang als erste Frau die Seven Summits und beide Pole. Doch weder die Berge noch die Eiswüsten stellten die Norwegerin vor die härteste Prüfung ihres Lebens – sondern der Tod ihres Mannes am K2.

Nur ein Meter sechzig hoch und doch eine ganz Große im internationalen Bergsteiger- und Abenteurer­geschäft. Als erste Frau weltweit bewältigte Cecilie Skog den Explorer Grand Slam, also die höchsten Berge aller ­Kontinente (Seven Summits) und beide Pole. »Hi, I’m Cecilie, nice to meet you«, sagt sie mit skandinavischem Zungenschlag, und ihre Augen leuchten gletscherblau. Seit über einem Jahr hat Cecilie Skog kein Interview gegeben. Aber heute – vor ihrem ­Vortrag bei Globetrotter München – hat sich die 38-Jährige ­für 4-Seasons Zeit genommen.

Cecilie, bevor du das typisch norwegische Friluftsliv zum Beruf gemacht hast, hast du als Krankenschwester in deiner Heimatstadt Ålesund gearbeitet. Was brachte dich dazu, den Kittel an den Nagel zu hängen und dich fortan im Daunenanzug härtesten Strapazen zu stellen?Auf dem Mount Everest habe ich den schönsten Sonnenaufgang meines Lebens gesehe

Als ich 17 oder 18 war, habe ich begonnen, rauszugehen und mit meinen Freunden die Natur zu erkunden. Wenn ich so auf den Bergen saß und auf den Fjord schaute, fühlte ich mich unglaublich präsent. Also wurde ich Gletscherführerin, verbrachte meine gesamten Ferien im Gebirge und träumte davon, noch höher ­hinaufzusteigen.

Es blieb nicht lange beim Traum, schon bald hast du dir den Mont Blanc vorgenommen.

Das war mit 21 Jahren. Am Mont Blanc habe ich erkannt, wie gut mein Körper mit dünner Luft klarkommt. Mein damaliger Freund ­
war bei unseren Touren in Norwegen immer vorausgeeilt, um zu ­demonstrieren, dass er der Schnellere ist. Am Mont Blanc ist er kaum hinter mir hergekommen. Das fand ich super (lacht).

Loriots Hunde würden sagen: Skog fühlt sich wohl am Pol... | Foto: Archive Skog

Dann hast du dir den Titel »erste Norwegerin auf einem Acht­tausender« gesichert. War es geplant, dass du den 8201 Meter ­hohen Cho Oyu im ­Alleingang meisterst?

Nein, war es nicht. Mein späterer Mann Rolf und ich, wir waren
28 und frisch verliebt, als wir 2003 in den Himalaja reisten. Am ­
Cho Oyu bekam Rolf solche Halsschmerzen, dass er in Lager 1 zurückblieb und ich mich allein auf den Weg zum Gipfel machte.

Am Cho Oyu wurde dir auch klar, dass der höchste Berg der Welt gerade hoch genug für dich ist?

Es war ein unglaubliches Gefühl, den Everest vor mir zu sehen. Viele Jahre hatte ich davon geträumt, ihn zu besteigen. 2004
bin ich dann mit einer Gruppe von der tibetischen Seite auf
den Everest. Um zwei Tage habe ich es verpasst, die allererste ­Norwegerin auf dem Everest zu sein. Aber das hat mein Erlebnis nicht ­geschmälert. Dort habe ich den schönsten Sonnenaufgang meines Lebens gesehen!

Auf Expedition oder am Berg mag ich es so einfach wie möglich. Deshalb schleppe2007 hast du deine Sammlung der Seven Summits vervollstän­digt. Den Mount Vinson als höchsten Berg der Antarktis hast du 2006 am Rande deiner ersten Expedition zum Südpol mitgenommen. Wie kam es, dass du auch die Eiskappen erkunden wolltest?

Rolf meinte, du bist kein echter Outdoormensch, bevor du nicht zu einem der Pole gegangen bist. Er liebte die Antarktis, hatte dort 18 Monate am Stück verbracht. Also fragte er mich nach ­meiner Rückkehr vom Everest, ob ich mit ihm zunächst Grönland durchqueren wolle. Auf diesem Trip wurde ich mit dem Polarvirus infiziert, und ich wollte mehr von diesem weiten Horizont und von dem Gefühl, zu gehen und immer weiter zu gehen. Noch während unserer Tour durch Grönland haben wir beschlossen, zum Südpol und zum Nordpol zu marschieren.

Hast du einen speziellen Stil beim Bergsteigen oder im Eis?

Als Rolf und ich 2003 gemeinsam im Himalaja waren, lebten wir völlig autark. Wir aßen zwei Monate lang Kartoffeln, mal gekocht, mal gebraten. Ich mag es so einfach und so echt wie möglich. Wenn ich andere Expeditionen in ihren riesigen Dom­zelten mit Fernsehgerät sehe, denke ich mir, die sind nicht wirklich hier. Ich gehe nicht in ein Basecamp, um dort Videospiele zu spielen. Und die Expeditionen ins Eis führten wir »unsupported« durch, also ­
ohne Unterstützung und ohne Materialdepots. Wir zogen unser ­gesamtes Gepäck aus eigener Kraft auf unseren Schlitten.

Cecilies Vorteil: eine kleine Windangriffsfläche. 2006 auf dem Weg zum Nordpol. | Foto: Archive Skog

Musst du als Frau härter trainieren als männliche Begleiter?

Ich habe früh realisiert, dass ich intensiver trainieren muss, wenn ich in dieser Arena mitmischen möchte. Vielleicht bin ich nicht die Stärkste, aber ich kann andere Dinge einbringen. Ein großes Ziel von mir ist es, mit meinen Tourenbegleitern gute Freunde zu werden. Dabei hilft meine Vergangenheit als Krankenschwes­ter. Meine liebevolle Fürsorge wird gern in Anspruch genommen, wenn es zum Beispiel gilt, Blasen zu versorgen (lacht).

In deinem Buch »Den Himmel berühren«, das leider vergriffen ist, beklagst du eine der größten Ungerechtigkeiten auf Erden: die Benachteiligung der Frauen beim Pinkeln.

Ja, das ist total unfair. Wir müssen immer die Hose runterziehen. Fast auf dem gesamten Weg zum Nordpol habe ich mich mit einer Blasenentzündung herumgeschlagen. Aber im Zelt mache ich ­
das wie die Jungs. Da habe ich neben der Pinkelflasche eine ­Pinkelhilfe, so einen Plastiktrichter mit Schlauch dran. Und das Beste daran: Dieses Ding schrumpft bei Kälte nicht (lacht).

Bist du 2005 allein mit Rolf zum Südpol?Die Tour zum Südpol war eher ein Aufwärmtraining für den Nordpol .

Nein, er führte eine Gruppe, der ich mich anschloss. Vor uns lagen 900 Kilometer Eis. Nach 32 Tagen der Stille und der Weite ­erreichten wir den Südpol mit all seinen Gebäuden, Baracken, Flaggen und Containern. Eine absurde Kulisse, aus der wir uns nach eineinhalb Tagen ausfliegen ließen. Ich hätte gern mehr Zeit in der Antarktis verbracht. So war es eher ein Aufwärm­training für die Tour zum Nordpol, die wir kurz nach unserer Rückkehr vom Südpol starteten.

Ein Marsch zum Südpol als Aufwärmtraining? So ein Satz kann nur einer Konditionsbestie wie dir über die Lippen kommen …

Es ist in der Tat viel einfacher, zum Südpol zu gehen als zum Nordpol. In der Antarktis stellen sich dir keine allzu großen ­Hindernisse in den Weg. Die Sonne schien rund um die Uhr und hat das Zelt aufgewärmt. Lediglich der ständige Wind zerrt an den ­Nerven. Und die Monotonie. Der Großteil des Trips findet in ­deinem Kopf statt, weil sich um dich herum nicht viel ändert. Deshalb ist ein Marsch zum Südpol vor allem mental anstrengend.

Und in der Arktis ist voller Körpereinsatz gefragt?

Vor unserer Tour zum Nordpol konnte ich mir mangels Zeit nicht genug Kraftreserven anfuttern. Normalerweise schaufelt man ­die Wochen vorher alles Mögliche in sich hinein und trinkt nach ­norwegischer Sitte Lebertran. Ich aber wog zu Beginn der Tour nur ­55 Kilo, während sich meine beiden Pulkas mit gesamt 127 Kilo gegen das Vorankommen stemmten. Außer Rolf und mir war unser Freund Per Henry Borch, kurz PH, mit von der Partie. Auf den ­ersten 300 Kilometern stellten sich Eisschollen in den Weg. Da sind wir mehr geklettert als gegangen. In diesem Packeis haben wir die erste Pulka ein paar hundert Meter über die Schollen ­gewuchtet und sind zurückgegangen, um die zweite nachzuholen. Einen Großteil der Strecke sind wir also dreifach gegangen.

Die Strecke dreifach zurückgelegt? Das ist ja brutal. Schließlich trennten euch 800 Kilometer vom Nordpol, als ihr in Kanada ­gestartet seid!

Und was die Sache nicht einfacher machte: Wir bewegten uns ­gegen die Eisdrift. Nachts sind wir häufig sechs, sieben Kilometer in die Richtung zurückgetrieben, aus der wir gekommen waren.

Wie motivierst du dich an solchen Tagen?

Jeder noch so harte Tag gibt mir ein gutes Gefühl: dass ich etwas kann. Ich bin gut darin, einen schweren Schlitten durch so eine raue ­Umgebung zu ziehen. Ich bin gut darin, ein Zelt zu errichten. Ich bin gut darin, auf meine Freunde zu achten.

Das Nordpolarmeer ist kein Nichtschwimmerbecken. Cecilie Skog im Trockenanzug. | Foto: Archive Skog

Ein weiteres Hindernis am Nordpol sind die so­genannten Waken, also Löcher oder Rinnen mit offenem Wasser, die sich nicht ­immer umgehen lassen. Wie habt ihr dieses Problem gemeistert?

Teilweise haben wir die Waken in wasserdichten Anzügen durchschwommen und die Pulkas wie Boote hinter uns hergezogen. Es kostet jedes Mal Überwindung, ins Polarmeer zu hüpfen, aber das Wasser ist wärmer als die Luft. Sehr zur Freude meiner Begleiter habe ich die Cecilie-Methode erfunden: Ich durchschwimme die Rinne ohne Pulka mit einem Seil um den Bauch. Dann legen sich die Jungs auf die Pulkas und lassen sich von mir rüberziehen.

Vier Tage vor Erreichen des Nordpols ging Rolf vor mir auf die Knie und überrei

Was sind für dich die Schattenseiten so einer Expedition?

Nicht die Sehnsucht nach einer Dusche, auch nicht das Verlangen nach besserem Essen. Vielmehr vermisse ich meine Familie und meine Freunde. Es fühlt sich mies an, dass sie sich Sorgen um mich machen, während ich die Zeit meines Lebens genieße.

Ein bisschen Stil muss sein. Weihnachten in der Antarktis. | Foto: Archive Skog

Polarregionen waren stets eine Domäne norwegischer Abenteurer. Haben dich Fridtjof Nansen oder Roald Amundsen inspiriert?

Weißt du was, ich habe nichts davon in meiner Kindheit gelesen. Erst Rolf legte mir nahe, diese Bücher zu lesen. Ehrlich gesagt fand ich sie ziemlich langweilig. Diese Bücher transportieren kaum Gefühle, sondern nur eine Menge Fakten. Auch die Sprache ist sehr nüchtern. Das trifft nicht mein Lebensgefühl im Eis. Ich liebe es, auf Ski unterwegs zu sein, zu lachen und zu fluchen.

Apropos: Rolf und PH haben sich bei eurer Tour zum Nordpol ­beschwert, weil du so unglaublich fluchst, nicht wahr?

Wenn der Schlitten zum 20. Mal umfällt, tut es gut, den Ärger
mit ein paar deftigen Worten rauszulassen. Und weißt du: Meine Haare sind nicht norwegisch, sondern spanisch. Meine Urgroßmutter ist Spanierin, von diesem Temperament habe ich wohl ­etwas geerbt.

Gleichzeitig haben sich Rolf und PH über ein paar Prinzessinnen-Allüren von dir mokiert …

Ich hatte Lipgloss und Feuchttücher dabei, um wenigstens ein bisschen Körperpflege betreiben zu können. Außerdem hatte Rolf zum Beispiel oft Eis am Bart, wenn er Wasser geschmolzen hat, und dann sind die Tropfen vom Bart ins Wasser gefallen. Das finde ich nicht so lecker. Rolf meinte, ich solle mich nicht so anstellen. Aber ich bestand darauf, dass wir trotz der Umstände ein bisschen Stil bewahren. Andererseits hat sich Rolf auf dem Weg zum ­Nordpol als wahrer Prinz erwiesen …

Du meinst, weil Rolf dir im Eis einen Heiratsantrag gemacht hat?

Vier Tage vor Erreichen des Pols rief Rolf von hinten, ich solle ­warten. Ich war schon etwas genervt, weil ich auskühlte. Dann kam er auf Ski auf mich zu, nahm meine Hände, ging auf die Knie und sagte: »Ich will, dass wir auch zusammen sind, wenn wir alt werden. Ich liebe dich. Cecilie, willst du mich heiraten?« Während mir die Tränen auf den Wangen festfroren, stammelte ich: ­»Natürlich will ich!« Dann hat er mir einen Ring gereicht, den er heimlich im Schlafsack aus Draht aus unserem Reparaturset ­geflochten hatte.

 

Hat Rolf dich auch gerettet, als du 40 Kilometer vor dem Nordpol im Polarmeer zu versinken drohtest?

Die Scholle, auf der ich stand, ist auseinandergebrochen. Ich lag also zwischen lauter Eisbrocken im Wasser und konnte mich nicht befreien, weil sich meine Ski unter Wasser verhakt hatten. Rolf versuchte, mich am Skistock herauszuziehen, aber ich hing fest. Erst nach elf Minuten gelang es PH von hinten, meine Ski in der eisigen Brühe von meinen Schuhen zu lösen. Dann zog Rolf mich völlig durchnässt aufs Eis. Ich habe mit dem Wind um die Wette geheult. Das war die einzige Situation der gesamten Expedition, in der ich lieber woanders gewesen wäre – am liebsten zu Hause auf meinem großen Sofa mit den weichen Kissen.

Würdest du dich als risikofreudige Person bezeichnen?

Mein Job besteht darin, es so sicher wie möglich zu machen. ­Dabei folge ich meist meiner Intuition. Wenn ich mich in einer ­Situation nicht wohlfühle, dann kehre ich um. Als Rolf und ich im Jahr 2005 den K2 versucht haben, sind wir umgekehrt, weil die ­Verhältnisse nicht gepasst haben. Danach dachten wir, dass wir den Berg kennen. Aber du kannst es nie hundertprozentig sicher machen. 2008 sind wir erneut zum K2, und dann ist dieser ­Eisblock abgebrochen, der Rolf in die Tiefe riss …

Wie schwer fällt es dir, über dieses Unglück zu sprechen?

Es hat ein Jahr gedauert, bis ich überhaupt darüber sprechen konnte. Den genauen Hergang des Unfalls mag ich nicht immer wieder schildern. Aber Rolf ist in meinem Herzen, ich denke jeden Tag an ihn. Noch heute muss ich oft weinen, wenn ich sage: »Mein Mann ist gestorben.«

Und dann ist dieser Eisblock abgebrochen, der Rolf in die Tiefe riss .

Plagen dich Schuldgefühle, obwohl ihr ja nicht unvorsichtig wart?

Ja, ich fühle mich schuldig, weil ich nicht meinem Bauchgefühl ­gefolgt bin. Manche Dinge waren perfekt, beispielsweise das ­Wetter. Aber es gab auch Dinge, die nicht gut standen. Es war zum Beispiel ungewöhnlich warm, vielleicht ist deshalb die Eislawine abgebrochen. Es war fürchterlich, Rolfs Eltern mitteilen zu ­müssen, dass ihr einziges Kind tot ist. In der Folgezeit hat mir
ein Psychiater erklärt, dass meine Schuldgefühle normal sind. So ­ergeht es auch Menschen, die bei einem Unfall als Beifahrer im Auto saßen, also überhaupt keine Schuld an dem Unfall tragen.

 

4-Seasons Info

Das Todesdrama am K2

Cecilies Ehemann Rolf Bae (Foto) starb am 1. August 2008 im Alter von 33  Jahren beim größten Unglück, das sich je am K2 (8611 m) ereignet hat. Elf Bergsteiger kamen dabei ums ­Leben. Während Cecilie und ein Begleiter zum Gipfel gehen, bricht Rolf den Aufstieg knapp unter dem Gipfel ab und wartet. Als das Trio nach Cecilies Rückkehr wieder absteigt, löst sich auf rund 8200 Metern am berüchtigten Flaschenhals eine Eislawine und reißt den voraus­gehenden Rolf mit in die Tiefe. Cecilie kann zwar in der Dunkelheit nicht sehen, wie Rolf abstürzt. Doch angesichts des gerissenen Fixseils ist ihr schnell klar, was passiert ist. Cecilie und ihrem Begleiter gelingt der Abstieg zum Camp IV. Andere Bergsteiger, denen durch die fortgerissenen Seile der Rückweg abgeschnitten wurde, haben weniger Glück. Manche stürzen beim ungesicherten Abstieg ab, andere erfrieren beim Warten auf Hilfe.

 

Wie hast du wieder neuen Lebensmut geschöpft?

Die Strände bei unserem damaligen Wohnort Stavanger haben mir geholfen. Zunächst saß ich nur da und habe versucht, mich im Gras zu verstecken, damit die Erinnerungen und die Gedanken mich nicht finden. Später bin ich mit Freunden und Verwandten dorthin gegangen, auch mit Rolfs Eltern. An den Stränden war es einfacher zu atmen. Es gab den Horizont, die Luft, den Himmel. Allmählich schöpfte ich Kraft und habe wieder Träume entwickelt. Rolf hat mich gelehrt, dass Träume wertvoll sind. Also habe ich sie mit beiden Händen gepackt und zwei Freundinnen gefragt, ob sie mit mir Grönland durchqueren möchten. Beide wollten. Das war fantastisch. Plötzlich hatte ich wieder Menschen, mit denen ich Träume teilen konnte. Das half mir, zurück ins Leben zu kommen.

Von eisigen Höhen hat Cicilie Skog erst einmal genug. | Foto: Archive Skog

Ein Girlstrip durch Grönland hat dich also wieder aufgerichtet?

Es blieb nicht beim Girlstrip. Denn es kam ein Mann ins Spiel. Ich hatte Ryan Waters einige Jahre zuvor im Himalaja kennengelernt, wo er als Guide arbeitet. Auch er war 2008 am K2 und hat ­zwei Freunde bei der Tragödie verloren. Als Ryan fragte, ob er mit uns drei Mädels Grönland durchqueren dürfe, haben wir es nicht übers Herz gebracht, ihm abzusagen. Jeder, der Grönland ­durchqueren möchte, sollte die Möglichkeit dazu bekommen! Ryan hatte wenig Erfahrung mit Skiexpeditionen, aber er hat ­unheimlich schnell ­gelernt und gute Laune verbreitet. Also habe ich ihn gefragt, ob ­er mal mit mir die Antarktis durchqueren möchte. Er meinte: ­»Natürlich will ich die Antarktis durchqueren – wo ist das?« ­Amerikaner sind nun mal nicht so gut in Geografie außerhalb ihres Landes ...

Du bist mit Ryan also nicht nur zum Südpol gegangen, sondern ihr habt die komplette Antarktis durchquert?

Neue Leidenschaft - Cecilie zurück im Leben. | Foto: Archive Skog
Wir haben 78 Kilo Essen für 78 Tage eingepackt und haben uns alle Zeit genommen, den 800 Kilometer langen Marsch zu ­genießen. Während der Tour fühlte ich Rolf so nah bei mir. Ich ließ die Gefühle einfach kommen, habe fast täglich geweint. Es tat ­so gut, abends hundemüde in den Schlafsack zu kriechen und ­endlich wieder ohne Medikamente einschlafen zu können. Und es tat gut, jemanden bei mir zu haben, der mich verstand und mir den nötigen Freiraum gab.

Ist Ryan für dich nun mehr als ein Expeditionspartner?

In der Antarktis war er lediglich ein guter Freund. Danach haben wir uns fast ein Jahr lang nicht gesehen. Im vorletzten Jahr bin ich in den Himalaja gereist, weil ich ihn vermisst habe. Wir haben uns dann im Manaslu-Basecamp getroffen und sind auch zusammen auf den Gipfel. Ryan lebt in Boulder, Colorado. Wir segeln gemeinsam auf dem Mittelmeer oder sehen uns in Norwegen.

Du warst nach Rolfs Tod auf dem Manaslu? Das heißt, die hohen Berge haben dich nicht losgelassen?

Das Wichtigste ist nicht das Ziel, sondern rauszugehen, es zu versuchen und SpaßNach Rolfs Tod hatte ich gesagt, dass ich keinen Achttausender mehr besteigen möchte. Die Besteigung des Manaslu war auch nicht geplant, sondern hat sich spontan ergeben. Vielleicht war es wichtig, noch einmal so hoch hinaufzugehen. Dadurch wurde ­dieses Kapitel nicht durch den Unfall abgeschlossen, sondern mit einem positiven Erlebnis. Aber ich sage niemals nie – nur dass mich die hohen Berge zurzeit nicht reizen.

Aber an den Polen bleibst du aktiv?

Im Sommer 2011 wollte ich mit dem norwegischen Abenteurer Rune Gjeldnes mit Ski und Faltkanadiern zum Nordpol. Nun ja, wir sind nicht sehr weit gekommen. Meist war zu wenig Wasser zum Paddeln und zu viel Wasser, um mit Ski zu gehen. Auf diesem Trip hat sich gezeigt: Das Wichtigste ist nicht, ans Ziel zu gelangen, sondern rauszugehen, es zu versuchen und Spaß zu haben.

Neue Leidenschaft. Bouldern mit Ryan. | Foto: Archive Skog

Hast du eine neue Leidenschaft?

Ja, das Segeln! Ich habe ein Boot in Barcelona und genieße es, mal wieder etwas von Grund auf zu lernen. Segeln ist ein bisschen wie auf Skiexpedition: die Weite, der Himmel, die Freiheit …

Möchtest du irgendwann eine eigene Familie gründen?

Rolf und ich, wir hatten Kinderpläne. Mit Ryan bin ich nun erst seit zehn Monaten ein Paar, und wir haben über das Thema noch nicht gesprochen. Andererseits bin ich jetzt 38 Jahre alt – vielleicht, vielleicht …

Du wohnst in der Hauptstadt Oslo und bist in deiner Heimat ­mindestens so berühmt wie Gerlinde Kaltenbrunner in Österreich. Wie gehst du mit der Publicity um?

Ach, ich bin doch nur ein Mädchen, das gern draußen unterwegs ist. Ein gewisses Maß an Öffentlichkeit brauche ich nun mal, um ­Sponsoren zu finden. Das akzeptiere ich als Teil meines Jobs.

Zu deinem Beruf gehört auch die Zusammenarbeit mit der ­norwegischen Outdoorfirma Bergans. Du lässt dich nicht nur sponsern, sondern bringst dich intensiv in die Entwicklung ein. Wie läuft das ab?

In Zusammenarbeit mit Bergans habe ich eine eigene Kleidungs­linie entworfen, die bislang ungefähr zehn Teile ­umfasst. Ich habe konkrete Vorstellungen davon, was ich draußen tragen möchte. Diese Ideen bringe ich zu den Leuten bei Bergans, die sich mit der Umsetzung auskennen. Dabei lerne ich viel über ­Materialien, und wir wollen die Produkte auch so umweltfreundlich wie möglich machen. Für dieses Jahr habe ich ein pinkes Teil in die Bergans-Kollektion geschmuggelt (lacht). Ich habe 2013 unter das Motto gestellt: »Bubblegum to the people!«

Inzwischen bereut Cecilie Skog die Teilnahme an einer Tanzshow im norwegischen Fernsehen. | Foto: Archive Skog

2010 hast du bei der Fernsehshow »Skal vi danse« mitgemacht, der norwegischen Version der RTL-Sendung »Let’s dance«. ­Genießt du es, im Rampenlicht zu stehen?

Ehrlich gesagt, ich habe es gehasst. Von Sonntag bis Donnerstag mit einem der besten Tänzer der Welt zu trainieren, das hat mir riesig Spaß gemacht. Aber am Samstagabend da raus zu ­müssen, wenn 25 Prozent der Norweger live zuschauen – das machte mir Angst. Als ich mir dann im Training zwei Rippen brach, bin ich aus der Sendung ausgestiegen.

Ich halte mich nicht für außergewöhnlich schön. Aber für eine gute AbenteureDu bist eine außergewöhnlich schöne Frau. Profitierst du in ­deinem Beruf davon oder ist das eher eine Last?

Ich halte mich nicht für außergewöhnlich schön. Mag sein,
dass sich manche Leute besonders für mich interessieren, weil ich ein zierliches Mädchen bin. Aber ich würde mir wünschen,
sie ­interessierten sich für mich wegen meiner Leistungen als ­Abenteurerin und nicht, weil ich irgendwie aussehe.  

 
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