präsentiert von:

Canales Patagónicos: Mit dem Kajak durch chilenische Fjorde

Bei patagonischem Traumwetter Richtung Glaciar Jorge Montt. | Foto: Archiv Koch
Regen, Sturm und kalte Finger: Mit Faltbooten durch die Fjorde und Buchten Patagoniens. 1300 Kilometer Einsamkeit von Caleta Tortel bis nach Puerto Natales.
Patagonische Papstaudienz: 200 Meter vor dem Pio-XI-Gletscher. | Foto: Archiv Koch

Klimaerwärmung? Gletscherrückgang? Dieser Gletscher hält sich nicht an die globalen Spielregeln: Am Rande des Glaciar Pio XI ziehen wir unsere Kajaks an Land. In der Karte ist das Ende der Gletscherzunge im Fjord Seno Eyre genau eingezeichnet, aber wir erreichen das Eis bereits zwei Kilometer früher. Was wir nicht hatten glauben wollen, sehen wir jetzt mit eigenen Augen: dieser Gletscher wächst! Er rumpelt in den Wald; ein abgestorbener Baum ragt aus den mit Geröll überschütteten Eismassen, viele umgeworfene Bäume schiebt er vor sich her. Gletscher trifft Hochwald: Ein untrügliches Zeichen, dass das Eis in den vergangenen Jahrhunderten nie so weit vorgerückt ist. Der nach Papst Pius XI benannte Gletscher gilt als größter Gletscher Südamerikas, gespeist aus den höchsten Bereichen des südlichen patagonischen Inlandeises, der größten Gletscherregion außerhalb Grönlands und den polaren Regionen. Doch auch im kalten Patagonien ist die Ausbreitung des Eises eher eine Ausnahme. Während unserer zwei Reisen durch die patagonischen Fjorde, waren alle weiteren großen Gletscher deutlich geschrumpft und folgen damit dem weltweiten Trend.

 

Nördlicher Teil: Von Caleta Tortel nach Puerto Edén

Wir waren schon öfter im argentinischen Teil Patagoniens, diesmal wollten wir die chilenische Seite kennenlernen. Im Westen des Inlandeises besteht Chile nur aus Fjorden und Inseln: es gibt keine Straßen, keine Wege und – mit Ausnahme einer einzigen kleinen Siedlung – keinerlei Orte. Dafür gibt es Steilküsten, Urwälder, Wasserfälle und zahlreiche Gletscher, die ins Meer kalben! Ein spannendes, einsames Seekajak-Revier.

Mitte Dezember 2008 starten wir in Caleta Tortel zum ersten Teil unserer Tour. Der 400-Seelen-Ort am Ende der Carretera Austral liegt zwischen nördlichem und südlichem patagonischen Inlandeis. Hier endet die Straße, weiter geht es nur übers Meer. Also packen wir unsere Boote mit Essen voll und lassen die Zivilisation für einen Monat hinter uns. Ziel ist der winzige Fischerort Puerto Edén, knapp 500 Kilometer entfernt.

Bildergalerie: Mit dem Faltbboot in Patagonien

Bevor wir aufbrechen, müssen wir noch das »Zarpe«, die Genehmigung der Armada  einholen. Den Kontakt zur chilenischen Marine haben wir schon von Zuhause aufgenommen und eine umfangreiche Ausrüstungsliste zugeschickt bekommen. Der Capitán de Puerto nimmt seine Aufgabe sehr ernst und kontrolliert die mitgeführte Sicherheitsausrüstung, angefangen von Schwimmwesten, Trockenanzügen, Reservepaddel über Epirb-Notsender, Signalspiegel, Satellitentelefon, VHF-Funkgerät, Signalraketen und vieles mehr. Am Ende bekommen wir das ersehnte offizielle Papier mit Stempel und Unterschriften.

Unser erstes Ziel ist der Glaciar Jorge Montt. Auf einer Breite von vier Kilometern ergießt er sich ins Meer. Wir paddeln durch den Fjord gen Süden. Laut Karte und GPS sollten wir längst am Gletscherrand sein – doch davon ist weit und breit nichts zu sehen. Nur vereinzelte Eisberge im Wasser zeigen, dass es ihn geben muss. Es ist bereits Abend, wir bauen die Zelte fürs Nachtlager auf, wandern auf einen Hügel und dann sehen wir den Gletscher in der Ferne: Er hat sich einige Kilometer hinter die nächste Biegung des Fjords zurückgezogen. Eigentlich wäre der nächste Tag ein Ruhetag, jetzt wird doch gepaddelt. Wir fahren im Zickzack zwischen zahllosen großen und kleinen Eisbergen hindurch die letzten Kilometer zur Gletscherzunge. Wie es sich wohl anfühlt, wenn ein Eisturm abbricht und einen Mini-Tsunami auslöst?

 

Das Wetter bestimmt Tagesablauf und Paddelstrecke

Erst beim vierten Anlauf klappt die 25-Kilometer-Passage vom Canal Baker zum Fjordo Nef. | Foto: Archiv Koch

Unser nächstes Zwischenziel ist der Canal Baker, ein in West-Ost-Richtung offener Fjord, berüchtigt wegen seiner heftigen Westwinde. Da müssen wir durch, und zwar gegen den Wind. Wir befinden uns etwa auf 48 Grad südlicher Breite, vergleichbar der Höhe von München auf der Nordhemisphäre. Doch es fehlt der wärmende Golfstrom, das Meer ist nicht einmal zehn Grad Celsius warm. Hier auf der Luv-Seite der Andenkordilleren treiben die pazifischen Tiefs in rascher Folge heran, um sich an den Bergen, also über uns, abzuregnen. Sie bringen Nordwestwinde mit, die sich, je nach Ausrichtung der Fjorde, auf Nord oder West kanalisieren. Der starke Gegenwind blockiert uns einige Tage, und an Heiligabend starten wir bereits den dritten Versuch, die 25 Kilometer im Canal Baker Richtung Westen bis zum Fjordo Nef zu paddeln. Aber schon nach 5 Kilometern kommen wir nicht mehr gegen den auffrischenden Wind an und flüchten in den nächsten Seitenfjord. 100 Paddelschläge und keinen Meter Strecke – Frohe Weihnachten. El Baker es feo – der Baker ist gemein, hatten uns unsere Gastgeber in Caleta Tortel gewarnt.

Mühsam mit der Machete freigelegt: Urwaldlager am Meer. | Foto: Archiv Koch

Die Vegetation ist undurchdringlich. Zwischen knorrig-krummen Bäumen wachsen meterhoch Moose, Farne, Flechten und überwuchern abgestorbene und umgefallene Bäume. Der Lagerbau beschäftigt uns täglich mindestens zwei Stunden: Auf den Kiesstränden oder den anschließenden Wiesen können wir nicht zelten, sie stehen bei Flut unter Wasser. Wo die Flut nicht hinkommt, beginnt gleich das grüne Chaos. Wir schneiden mit Ast- und Gartensägen winzige Zeltplätze aus dem Gebüsch. Oft müssen wir zusätzlich kleine Mauern errichten und die gerodete Fläche mit Kies oder Gras auffüllen, um einen halbwegs ebenen Platz zum Schlafen zu haben oder nicht knöcheltief im Sumpf zu versinken.

Es gibt auch schöne Tage mit Sonne und wenig Wind. Der Canal Baker kann sich nicht ewig wehren und endlich schaffen wir die Passage. Sofort ist die Welt wieder in Ordnung, mit Rückenwind geht es zügig durch den Fjordo Nef nach Süden. An dessen Ende wartet eine Portage auf uns – sie erspart einen größeren Umweg, der uns in direkte Nähe zum offenen Pazifik führen würde, wo wir den Wetterlaunen noch stärker ausgesetzt wären. Schon die indianischen Ureinwohner Patagoniens, die Kawesqaroder Alacalufe, haben diesen Übergang benutzt, und nach ihnen ab und zu ein paar verrückte Paddler wie wir. So finden wir hier einen »Weg« durch den Urwald. Weg ist zuviel: es ist eine Schneise im Wald, wo die Vegetation anscheinend gelegentlich ausgeschnitten worden ist. Auch wir müssen erst zahllose Dornenranken abschneiden und dicke Äste über tiefe Sumpflöcher legen, bevor wir die Boote und das Gepäck den einen mühsamen Kilometer durch den Wald tragen können.

 

Begegnung mit dem Wappentier

Kleine und kleinste Fjorde bringen uns schließlich zum Canal Messier. Hier sind wir vor den stärksten Winden einigermaßen geschützt und wir kommen gut voran. Es bleibt Zeit für einen zweiten Abstecher in den 40 Kilometer langen Canal Tempanos. An seinem Ende kalbt der Glaciar Tempanos ins Meer – noch! Auch dieser Gletscher ist im Vergleich zu Karte und Satellitenfotos deutlich zurückgewichen. Erste Felspartien tauchen bereits an der Abbruchkante auf, vielleicht wird der Gletscher schon bald nicht mehr ins Meer reichen.

Ab durch die Hecke: Portage am Paso del Indio. | Foto: Archiv Koch

Für uns hat der Gletscherrückgang aber auch Vorteile: Noch vor zwanzig Jahren hatte der Gletscher ein Seitental abgeriegelt, wodurch ein natürlicher Stausee entstand. Als der Gletscher wich und die Staumauer aus Eis verschwand, lief der See aus. Dort gibt es jetzt nur Wiesen aber noch keinen undurchdringlichen Urwald, und wir können endlich einmal ankommen und ohne Gartenarbeit die Zelte aufstellen. Von einem unbenannten Hügel mit etwa 500 Metern Höhe, schauen wir zurück auf den Fjord, aufs Inlands-Eis und die Gletscherzungen des Bernardo O´Higgins- und des Tempanosgletschers. Auf unserer Wanderung treffen wir auf etliche Huemules. Diese endemischen Südanden-Hirsche stehen streng unter Schutz und zieren das chilenische Staatswappen.

Auf der Weiterfahrt erleben wir die einzige unangenehme Situation mit Wildtieren: Kurz vor der Einmündung des Canal Tempanos in den Canal Messier beobachten wir eine Seelöwenkolonie. Obwohl wir gebührenden Abstand halten, fühlen sie sich anscheinend bedroht. Drei große Bullen verfolgen uns, tauchen immer wieder kurz hinter den Booten auf. Sie haben – so aus nächster Nähe gesehen – eine beeindruckende Größe! Wir sind noch nie so schnell gepaddelt. Zum Glück sind sie zufrieden, uns aus ihrer Nähe zu vertreiben.

Noch zweimal müssen wir wegen Sturm und Wellen pausieren, bevor wir den acht Kilometer breiten Canal Messier queren können. Mit der auflaufenden Flut passieren wir mit flotter Strömung die Engstelle »Angostura Inglesa«. Die Statue der »Virgen de la Angostura«, der Schutzheiligen der Seeleute, kündigt uns das nahe Ende der Tour an.

Puerto Edén auf der Isla Wellington: Die nächste Siedlung ist 400 Kilometer nach Norden oder 600 Kilometer nach Süden entfernt. | Foto: Archiv Koch

Nach 24 Tagen und mehr als 460 Kilometer erreichen wir Puerto Edén auf der Isla Wellington. Der kleine Fischerort liegt völlig einsam mitten in der Wildnis: es gibt keine Straße, nur Fußwege aus Holzplanken verbinden die Häuser. Der Ort wird nur übers Wasser erreicht. Die Fähre, die einmal pro Woche von Puerto Montt nach Puerto Natales fährt, hält hier jeweils für ein paar Stunden. 80 Einwohner zählt der Ort, Tendenz fallend. Es gibt einen winzigen Laden, einen »Supermercado« – wo man fast nichts außer Keksen, Nudeln und Dauerlutschern kaufen kann – eine Polizeistation, eine Krankenstation und natürlich die Capitanía de Puerto, einen Außenposten der Armada de Chile. In einem eigenen »Stadtteil« leben einige wenige Nachfahren der Kawesqar-Indianer. Dieses Volk besiedelte die Küsten der patagonischen Kanäle seit 6000 Jahren, bevor es von weißen Siedlern fast vollständig ausgerottet wurde. Heute zählen die wenigen Übriggebliebenen zu den Ärmsten in Puerto Edén und sind die Touristenattraktion des Ortes. Einmal in der Woche bummeln die Passagiere von der Fähre für einen kurzen Spaziergang durch den Ort und fotografieren die Kawesqar. Müssen wir uns heute noch so verhalten?

 

Südlicher Teil: Von Puerto Edén nach Puerto Natales

Insgesamt fast 1300 Kilometer: Die Reiseroute von 2008 (gelb) und 2010 (rot). | Quelle: Google Maps/Koch

Zwei Jahre nach der ersten Etappe steigen wir in Puerto Edén wieder aus der Fähre. Aussteigen ist zuviel gesagt. Die Fähre ankert mitten in der Bucht, und die Fischer kommen mit ihren kleinen Booten, um Waren zu bringen und zu holen und um die Touristen für einen kurzen Landgang mitzunehmen. Wir bleiben und sind die einzigen Fremden hier.

Auf der kleinen Plaza de Armas, die in keinem chilenischen Ort fehlt, bauen wir bei strahlendem Sonnenschein unsere Faltboote auf. Wir hatten vor zwei Jahren versucht, hier in Patagonien Seekajaks zu leihen, denn die Fluggesellschaften transportieren diese langen Boote nicht. Wir sind gescheitert, weil die Vermieter uns immer gleich einen Guide mitschicken wollten – ohne Guide kein Boot. So fahren wir Faltboote, die man einfach im Rucksack transportieren kann. Auch die Zuladung ist bei expeditionstauglichen Faltbooten deutlich größer als in einem Festboot. Das ist für den zweiten Teil der Reise besonders wichtig - diesmal wollen wir für fast sechs Wochen Ausrüstung und Proviant mitnehmen. Es gibt keinerlei Möglichkeit, unterwegs Proviant zu bekommen, keinen weiteren Ort, keine noch so kleine Siedlung bis hinunter nach Puerto Natales. Etwas mulmig ist uns bei dem Gedanken schon. Der Proviant will in Bezug auf Gewicht und Volumen optimiert und sorgfältig eingeteilt sein. Jeder bekommt pro Tag 150 Gramm Müsli mit Milchpulver, eine halbe Tafel Schokolade, 50 Gramm Nüsse und Trockenfrüchte, einen Müsliriegel, 100 Gramm Brot und Käse und abends ein Essen auf Basis von ca. 150 Gramm Nudeln oder Reis mit Soße. Winterspeck werden wir damit nicht ansetzen, aber auch nicht darben. Das Essen durch Fische zu ergänzen, was würde näher liegen? Aber die Fische schwimmen tief, in Ufernähe gibt es viele Algen – wir haben beim Angeln keinen Erfolg. Auch Muscheln fallen aus. Wegen der Marea Roja, der roten Flut, dürfen wir sie nicht essen. Diese Algenkrankheit kann für den Menschen tödliche Folgen haben. Das ist auch ein Problem für die chilenischen Muschelfischer. Es heißt, in Puerto Edén werde erst ein Teil von jedem Muschelfang an eine Katze verfüttert, weshalb man dort auch unzählige Katzen hält ... Heute werden allerdings alle Meeresfrüchte, die auf den Markt kommen, in Labors getestet.

Die Delfine sind stetige Begleiter. | Archiv Koch

Abgesehen von Abstechern wie zum Pius-XI-Gletscher führt uns unsere Reise nach Süden. Mit dem üblichen Nordwind sollten wir eigentlich zügig vorankommen. Aber wieder einmal werden wir eines Besseren belehrt: Wir paddeln los bei Windstärke 3 bis 4, dann steigert sich der Wind, die steilen, kurzen Wellen von schräg hinten werden immer bissiger und wir würden gerne eine schützende Bucht aufsuchen. Aber an der felsigen Steilküste können wir nicht anlanden. Also heißt es: »Durchhalten, nur nicht kentern!« Denn ob wir wirklich die voll beladenen Faltboote hochrollen könnten? Wir wollen es nicht darauf ankommen lassen. Auch wenn wir zu Hause intensiv Wiedereinstiegstechniken trainiert haben: Bei diesem Seegang wird es nach einer Kenterung sehr schwer, wieder ins Boot zu kommen, auch mit gegenseitiger Hilfe. Also weiter, bis wir uns irgendwann in eine geschützte Bucht flüchten und besseres Wetter abwarten können. Meist heißt das, dort zu übernachten. Auf dieser Reise fahren wir einige Male bei angenehmem Wetter los und kämpfen schon kurze Zeit später mit heftigen Böen und giftigen Wellen. Zum Glück können wir häufig geschützte Passagen im Windschatten kleiner Inseln wählen. Die größeren Überfahrten versuchen wir schnell hinter uns zu bringen, wenn das Wetter gerade mitspielt.

Kartenstudium: Eine Einfahrt in den falschen Kanal könnte nach vielen Kilometern in einer Sackgasse enden. | Foto: Archiv Koch

Je weiter wir nach Süden kommen, desto schmaler wird der Vegetationsgürtel. Darüber Granit- und Gletscherberge, die wohl noch nie jemand bestiegen hat. Nicht nur, weil sie so schwierig zu erklimmen wären. Oft ist es eine Expedition für sich, überhaupt durch den Urwald am Fuß des Berges zu kommen. Manchmal erscheint es uns, als könnte man ihn an einer Schwachstelle einigermaßen gut überwinden. Wir diskutieren, ob wir nicht doch auf diesen oder jenen Berg steigen sollen, um einmal eine Übersicht über die Fjordlandschaft zu bekommen. Aber wir trauen uns nicht: Bei Regen macht eine Besteigung keinen Sinn, und gutes Wetter nützen wir lieber, um voranzukommen. Es ist schwierig abzuschätzen, ob uns die Zeit knapp wird oder nicht; das Wetter ist einfach unberechenbar!

 

Dosenbier im Care-Paket

Canal Wide, Canal Pitt und Canal Peel liegen hinter uns. Jeden Tag sehen wir Tiere: Delfine spielen um unsere Boote, Seehunde sitzen auf Felsen oder jagen im Wasser. Einmal sehen wir einen Wal etwa 300 Meter von unseren Booten entfernt. Der Größe und der Form der Fluke nach muss es ein Pottwal sein. Ein besonderes Erlebnis, denn Wale verirren sich nur selten in die Fjorde. Täglich können wir zahllose Vögel beobachten: beispielsweise die»Flightless Steamer Duck«, also »Dampfschiffente«, eine flugunfähige Ente, die mit heftigen Flügelschlägen übers Wasser läuft und dadurch an einen Mississippi-Raddampfer erinnert. Oder den Sturmvogel. Viele Kormorane, Möwen und Austernfischer. Und weit über uns immer wieder der Kondor, der nach verendeten Tieren späht und uns wegen unserer langsamen Bewegungen schon für halbtot halten mag ...

Flut und Wind haben unzählige Eisberge angespült. | Foto: Archiv Koch

In völliger Einsamkeit paddeln wir durch die Fjorde. Doch eines Abends taucht unvermittelt ein Schlauchboot in unserer Bucht auf: Es sind Segler, unterwegs von Puerto Montt nach Fort Williams auf Feuerland. Ihr Schiff ankert für die Nacht in einer benachbarten Bucht und sie erkunden mit dem Dingi die umliegenden Buchten. Sie sind genauso erstaunt wie wir, dass es hier noch andere Menschen gibt. Wir erzählen, was wir vorhaben, worauf sie fragen: »Are you brave or crazy?« Und anscheinend haben sie Bedenken, dass wir Hunger leiden: Am nächsten Morgen, es ist Silvester, bringen sie uns ein Care-Paket mit Äpfeln, Orangen und einigen Dosen Bier. So etwas konnten wir mangels Platz nicht mitnehmen und entsprechend gut hat es uns beim abendlichen Lagerfeuer geschmeckt!

Nach vier Wochen sind wir am südlichsten Punkt unserer Reise, am Passo Bodenes. Eine Woche bleibt, um den Seno las Montañas zu erkunden. Dieser 60 Kilometer lange, maximal zwei Kilometer breite in Nord-Süd-Richtung verlaufende Fjord stellt das landschaftliche Highlight der ganzen Reise dar. Die Hängegletscher der Cordillera Sarmiento haben steile U-Täler ausgehobelt, die jetzt kleine Seitenfjorde bilden. Viele Gletscher reichen bis ins Meer, und kleine Eisberge stauen sich an den Karschwellen. Darüber ragen gigantische Granitzacken auf. Es sieht aus, als sei das Tal von Chamonix geflutet. Hier könnten bei gutem Wetter noch Generationen von Bergsteigern glücklich werden. 

Eines Morgens sind wir an unserem Lagerplatz gefangen: Wind und Ebbe haben so viele Eisberge vor unserem Lager angeschwemmt, dass an ein Durchkommen mit den Booten nicht zu denken ist. Wir müssen bis zur nächsten Flut warten, die die vielen Eisberge wieder ans andere Ende des Seitenfjords schiebt. Wir nutzen die Zeit zum Brot backen und Ausrüstung trocknen.

Ende in Sicht: Die Kajaker nähern sich Puerto Natales. | Foto: Archiv Koch

Die letzte Schlüsselstelle auf unserer Reise ist die Engstelle »Angostura White«. Hier haben wir zum ersten Mal richtig starke Gezeitenströme. Wir müssen Stunden warten, bis wir endlich mit der anlaufenden Flut passieren können. Der gesamte Golfo Almirante Montt mit seinen kleinen und größeren Fjorden steht nur über zwei Meerengen mit dem Pazifik in Verbindung. Der Tidenhub außerhalb beträgt ein bis drei Meter, im Golf jedoch nur 20 bis 40 Zentimeter. Entsprechend stark sind die Gezeitenströme in der Engstelle. Bei »Slack Water« verschwinden die stehenden Wellen, die Strömung stoppt und wir können in den Golf hineinfahren. Die Berge werden niedriger, die Landschaft weiter. Hier im Golf begegnen uns wieder erste Spuren der Zivilisation: Fischfarmen und eine Straße am Ufer. Und schließlich tauchen die bunten Häuser von Puerto Natales am Horizont auf. Nach 37 Tagen und gut 820 Kilometer endet auch der zweite Teil unserer Reise durch die patagonischen Fjorde.

 

4-Seasons Info
 

Seekajaktouren in Patagonien

 

Die Fjordlandschaften südlich von Puerto Montt bis hinunter nach Puerto Natales sind fast menschenleer. Man bewegt sich in einer unberührten Landschaft. Urwaldbewachsene Steilküsten und vergletscherte Berge dominieren das Landschaftsbild.

  • Charakter: Vor dem Pazifik ist man relativ gut geschützt. In den Fjorden können dennoch starke Winde, vornehmlich aus Nord und West, und entsprechende Wellen vorkommen. An den Steilküsten muss mit Fallwinden gerechnet werden. Das patagonische Wetter ist sehr wechselhaft. Tage ohne Regen sind selten. Die Temperaturen betragen im Sommer nur zwischen 8 und 15 °C. Das Wasser ist kaum wärmer als 8 °C, in der Nähe der Gletscher deutlich kälter. Diese klimatischen Bedingungen sowie die Abgeschiedenheit machen die Gegend zu einem anspruchsvollen Seekajak-Revier. Neben solidem Paddelkönnen ist auch ein gehöriges Maß an Outdoorerfahrung nötig. Entlang des patagonischen Inlandeises kann nur die gesamte Strecke zwischen Caleta Tortel und Puerto Edén bzw. weiter nach Puerto Natales befahren werden, da es keine weiteren Möglichkeiten gibt, um in die Zivilisation zurückzukehren. Kürzere Touren und mehrtägige Rundtouren können von Puerto Natales aus durchgeführt werden, z.B. in den Seno Ultima Esperanza oder den Seno las Montañas.
  • Beste Jahreszeit: Der chilenische Sommer von Oktober bis Februar. Tendenziell ist der Wind im Frühsommer etwas schwächer, die Temperaturen dafür aber noch niedriger. Im Winter frieren Teile der Fjorde zu.
  • Anreise: Nach Caleta Tortel: Flug über Santiago de Chile  nach Balmaceda  bei Coyhaique. Caleta Tortel wird über die Carretera Austral in zwei Tagen mit öffentlichen Bussen erreicht, alternativ in einem Tag mit einem privat organisierten Transport (ca. 450 km, davon 350 km ungeteert). Nach Puerto Edén: Flug über Santiago de Chile nach Punta Arenas. Mit öffentlichem Bus nach Puerto Natales (mehrmals täglich). Fähre zwischen Puerto Natales und Puerto Edén einmal pro Woche (www.navimag.com). Alternativ ist die Anreise nach Puerto Edén auch über Puerto Montt möglich.
  • Verpflegung: Die gesamte Verpflegung muss je nach Startpunkt in Coyhaique oder Punta Arenas bzw. Puerto Natales eingekauft werden. In Caleta Tortel und Puerto Edén darf man nicht darauf hoffen, ausreichend Lebensmittel zu finden. Trinkwasser findet man unterwegs.
  • Genehmigungen, Ausrüstung: Kajakfahrer müssen vor ihrer Tour eine Genehmigung, das sogenannte »Zarpe« der chilenischen Marine (Armada) einholen. Es empfiehlt sich bereits frühzeitig vor der Tour Kontakt aufzunehmen und um die Genehmigung zu ersuchen. Unter www.directemar.cl finden sich die zuständigen Stellen für die jeweilige Region. Das Schreiben sollte die Teilnehmer, die Reisepassnummern, die geplante Route, den Zeitrahmen und einen Tourenbericht enthalten. In der Regel erhält man daraufhin eine Liste der erforderlichen Sicherheitsausrüstung. Hierzu gehören u.a.: Satellitentelefon, Epirb, VHF-Funkgerät, Signalspiegel, Reservepaddel, Schwimmweste, Neopren- oder Trockenanzug sowie Signalraketen (bengalas). Signalraketen kann man bei Schiffsausstattern in den Hafenstädten Punta Arenas und Puerto Aysén kaufen (dafür die Ausrüstungsliste der Armada mitnehmen!). Das eigentliche »Zarpe« bekommt man erst nach einer Kontrolle der Ausrüstung. Während der Tour muss man jeden Abend die aktuelle Position per Satellitentelefon an die Armada melden.
  • Karten, Tidenkalender: Wir haben die sehr guten chilenischen topografischen Karten (1:100.000) verwendet. Sie können beim Instituto Geografico Militar in Santiago bestellt werden (www.igm.cl; clientes[at]igm.cl). Alternativ gibt es für die gesamte Strecke die chilenischen Seekarten (zu bestellen unter www.shoa.cl; publicaciones[at]shoa.cl), welche allerdings die Landschaft weniger gut abbilden. Ebenfalls unter www.shoa.cl kann der aktuelle Tidenkalender heruntergeladen werden; zutreffend für die geschilderte Strecke ist die »Angostura Inglesa«. Gute Informationen bietet auch das Seglerhandbuch »Chile, Arica desert to tierra del fuego« der Royal Cruising Club Pilotage Foundation (www.imray.com).
  • Anbieter, Kajakmiete: In Puerto Natales gibt es mehrere Anbieter geführter Seekajaktouren in die nähere Umgebung, z.B. in den Seno las Montañas oder den Seno Ultima Esperanza (z.B. www.tutravesia.com und www.kayakaustralis.com.)  Ebenfalls möglich ist eine 2 - 5 tägige Tour auf dem Rio Serrano vom Rand des Torres del Paine Nationalparks bis zum Ultima Esperanza Fjord und weiter nach Puerto Natales. Die gesamte Ausrüstung wird gestellt. Eine Kajakmiete für selbständig durchgeführte Touren ist kaum möglich.
  • Sonstiges: Wer noch Zeit übrig hat, sollte von Puerto Natales aus zum Nationalpark Torres des Paine fahren, und möglichst dort auch ein mehrtägiges Trekking unternehmen. In der Nähe von Punta Arenas finden sich zwei größere Pinguin-Kolonien, von denen das »Monumento Nacional de los Pinguines« auf der Isla Magdalena in der Magellanstraße besonders sehenswert ist.
  • Informationen zu Kawesqar-Indianern: Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt: die Hagenbeckschen Völkerschauen (Campus, 1989);
 
weiterführende Artikel: 
16.02.2008ArtikelReiseAusrüstung und ProdukteBuchtippsMenschen

Bildband: Patagonien und Feuerland

Wer Patagoniens Schönheit entdecken will, muss viel ertragen: Regelmäßig enden Traumtouren im Sturm, Regen oder Wintereinbruch. zum Artikel
15.05.2002ArtikelReise

Grönland – 70 Tage kalte Füsse

In einer Gegend, in der sich einzig Eisbär und Walross Gute Nacht sagen, paddelten drei junge Dresdener fast 1000 Kilometer durchs Eismeer. zum Artikel
15.05.2007ArtikelReiseFamilienreiseMenschenNeue Horizonte

Südamerika: Drei Kinder, zwei Jahre, ein Kontinent

Familienurlaub mit drei kleinen Kindern? Da denken die meisten Eltern an Legoland, Robinsonclub und die grauen Haare, die ihnen dabei wachsen. zum Artikel
08.08.2011ArtikelOutdoorsportKanuBeratung und ServiceKaufberatung

Kaufberatung Kanu: So werden Sie Paddler

Ob kleine Fluchten vor der Haustür, regelmäßiges Fitnesstraining oder mehrwöchige autarke Erkundungsfahrten – Paddeln liegt im Trend. zum Artikel
15.10.2006ArtikelOutdoorsportKanuMenschenNeue Horizonte

»Wen die Götter lieben, dem geben sie ein Kajak«

Hans Memminger befuhr die schwierigsten Wildflüsse der Welt, paddelte als Erster durch die arktische Nordwest-Passage – und prägte mit seinen Filmen ganze Generationen von Kanufahrern. zum Artikel