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Camino del Norte – zwischen Himmel und Erde

Foto: Tourespana
Der Jakobsweg ist populär wie nie. Noch als Geheimtipp gilt die nördliche Variante entlang der spanischen Küste. Der Camino del Norte ist anstrengender, belohnt den Wanderer aber mit Ruhe, kulturellen Höhepunkten und sagenhaften Landschaften.
Nach den Bergpfaden auch mal Sand. Die müden Füße freut's. | Foto: Elisabeth Malecki

Es ist wie in einem Traum: das tosende Meer, die mächtigen Berge – und die Ruhe, die angesichts dieser gewaltigen Natur in einem einkehrt. Die Entdeckung der Einsamkeit und der Langsamkeit. Schritt für Schritt, über 750 Kilometer weit, geht es durch Spaniens grünen Norden, auf einer weniger bekannten Variante des berühmten Jakobswegs. Erst kurz vor Santiago de Compostela stößt man auf die derzeit so beliebte Standardroute, den Camino Francés. Für die letzten Kilometer reiht sich der Wanderer ein in den abrupt anschwellenden Pilgerstrom – und wird in unterschiedlichsten Sprachen gefragt, wo er denn plötzlich herkomme: Dich haben wir ja gar nicht gesehen in der ganzen Zeit!

Kein Wunder, denn der Wanderer kommt vom Camino del Norte, dem nördlichen Jakobsweg, dem alten, ursprünglichen, fast vergessenen. Dem Weg, der nördlich an den Pyrenäen vorbeiführt, durch Irún und dann meist an der Küste entlang, bis er bei Mondonedo am Rande des Kantabrischen Gebirges ins Landesinnere abbiegt. Man sagt, hier geht die Weite des Meeres direkt über in die Erhabenheit der Berge. Die Elemente greifen ineinander, Himmel und Erde kommen sich nah.

 

Jakobus, der große Motivator

Warum man den Norden »Grünes Spanien« nennt? Darum. | Foto: Tourespana

Erzähl uns mehr vom Camino del Norte, wird der Wanderer gebeten. Es ist der letzte Tag der langen Reise, und er erinnert sich gerne an die Eindrücke der letzten Wochen. Zuerst das Baskenland: Weiden und Wiesen, deren Grün dem Auge fast wehtat. Hirten, meist alte Männer mit zerfurchten Gesichtern und lebhaften Augen, mit denen er während der Rast herzliche Unterhaltungen geführt hatte.

Dann die Metropole Bilbao als scharf abgegrenzter Kontrast zum Ländlichen. Eine Stadt im Wandel von der Industrie zur Kultur. Aus aller Welt kommen die Menschen zum Guggenheim-Museum, dem Meisterstück des Architekten Frank O. Gehry. Und jeder fährt natürlich eine Runde mit der U-Bahn, deren an gewaltige Elefantenrüssel erinnernde Portale kein Geringerer als Sir Norman Foster entworfen hat.

Wilde Natur, lebendige Städte, uralte Kirchen, moderne Museen – wer Nordspanien erleben will, muss nur den Camino del Norte wandern. | Foto: Tourespana

Dass es den Jakobsweg überhaupt gibt, verdanken wir – so die Legende – einem Einsiedler namens Pelayo. Er entdeckte im Jahr 813 ein wundersames Strahlen über einem Hügel – und fand dort das Grab des Apostels Jakobus. Dieser war zwar fast 800 Jahre zuvor in Palästina enthauptet worden, doch hatte man schon lange geglaubt, dass der Apostel in Nordspanien missioniert und nach seinem Tod wieder nach Galicien überführt worden war. Pelayo berichtete dem Bischof, dieser wiederum dem König – und bald erlangten die heiligen Gebeine Kultstatus.

Santiago de Compostela avancierte zum drittwichtigsten Pilgerziel nach Jerusalem und Rom. Für die ersten Pilger war der Camino del Norte die Hauptroute – auf der kastilischen Hochebene, wo heute die meisten Wanderer unterwegs sind, standen sich damals die Heere von Mauren und Christen gegenüber. Apropos: Bei diesen Kämpfen wurde der Apostel geschickt als Identifikationsfigur für die christlichen Verteidiger eingesetzt. Heute ist er der Namenspatron des berühmtesten Pilgerwegs der Welt. Der heilige Jakobus war offenbar ein großer Motivator.

 

Wandeln zwischen den Elementen

Streifzug durch die Geschichte der Architektur: Kirche in Santiago ...

Auf dem Camino del Norte folgte der Wanderer weiter den Spuren der frühen Pilger. Ans Baskenland schließt sich Kantabrien an, wo die Küste des grünen Spaniens ihren ganzen Reiz entfaltet. Er wanderte zwischen Ozean und Gipfeln, mal nahe am Meer durch Dünenlandschaften, mal die Berge zum Greifen nahe. Er kam durch Santillana del Mar, eine steinerne Reminiszenz an die Vergangenheit. Die Geschichte der Stadt reicht bis ins 9. Jahrhundert zurück, sie gilt als Prunkstück romanischer Architektur und wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Auf dieser prominenten Liste steht auch das nächste Etappenziel, es stammt aber aus viel früheren Zeiten: die Höhlen von Altamira werden wegen ihrer einmaligen Wandmalereien auch »Sixtinische Kapelle der Steinzeit« genannt. Die Höhlen selbst sind für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, doch das zugehörige Museum vermittelt einen adäquaten Eindruck.

Die Landschaft wurde zunehmend dramatischer, schroffer die Berge, zerklüfteter die Küste. Immer näher schob sich die Kantabrische Kordillere an die Küste heran. Zwischen Strand und Bergen schienen nur ein paar Steinwürfe zu liegen. Wie von natürlichen Balkonen reichte der Blick des Wanderers weit über Gipfel und Meer. Ihren Höhepunkt fand seine Wanderung im Nationalpark Picos de Europa mit seinen über 2.600 m hohen Bergflanken. Hier leben Braunbären und Steinadler.

... und das Guggenheim-Museum in Bilbao. | Fotos: Tourespana

Dort traf er andere Wanderer, mit denen er während der nächsten Tagen der asturischen Küste folgte. In den Küstenorten bestimmt noch immer die Fischerei das Bild, im Hinterland sorgen Eichen- und Buchenwälder für Abkühlung. Gemeinsames Ziel der Gruppe war die Kathedrale von Oviedo mit ihren Reliquien: die Heilige Truhe, das Engelskreuz, das Siegeskreuz.

Dann trennten sich ihre Wege wieder. Der Wanderer zog für sich alleine weiter. Ein letztes Mal wandte er sich der Küste zu, diesmal der galicischen, die gen Westen immer steiler abfällt. In Ribadeo bekam er die erste Ría zu Gesicht, jene fjordartigen Einschnitte, für die die galicische Küste bekannt ist und in denen Miesmuschelzucht betrieben wird. Dann kam die Zeit für den Schwenk nach Südwesten – weg vom Meer, ins Landesinnere bis Santiago de Compostela.

Viel Ursprünglichkeit hatte er in den letzten Wochen erlebt und besonders in den kleinen Dörfern die Gastfreundschaft der Einheimischen genossen. Bis tief in die Nacht war man zusammengesessen und hatte Sidra, den typischen Apfelwein, getrunken. Manchmal hatte er sogar unter freiem Himmel übernachtet, am Strand, allein mit den Sternen.

Das alles erzählt der Wanderer den Hauptrouten-Pilgern auf den letzten Kilometern – und wären diese am Ziel ihrer eigenen Wanderung nicht ebenfalls einfach nur zufrieden, sie könnten glatt neidisch werden.

 
4-Seasons Interview
 

»Berge, Küste und viel Grün«

 

Elisabeth Malecki, Mitarbeiterin des Reisebüros in der Globetrotter-Filiale in Hamburg, ist den Camino del Norte schon mehrmals gewandert.

 

Was macht den Camino del Norte als Alternative zur Hauptroute so attraktiv?
Es sind weniger Menschen unterwegs und die Landschaft ist abwechslungsreicher: Berge, Küste und viel Grün.

Ist die Küstenvariante anspruchsvoller in Sachen Fitness und Wetter?
Vor allem zu Beginn in den Ausläufern der Pyrenäen sind die Tagesetappen anspruchsvoll, aber normale Kondition reicht auf jeden Fall. Laufen würde ich zwischen Mitte Mai und Mitte September, aber trotzdem gibt‘s keine Schönwetter-Garantie. An der Biskaya gehört grundsätzlich Regenzeug in den Rucksack.

Was empfiehlst du noch zur Vorbereitung?
Man sollte sich vorab mit der Kultur am Weg beschäftigen, dann hat man viel mehr vom Wandererlebnis.

Wie viel Zeit sollte man von Irún nach Santiago einplanen?
Mindestens fünf Wochen für die fast 800 Kilometer. Viele Städte lohnen einen längeren Zwischenstopp: In San Sebastian würde ich allein wegen den Pintxos (kleine Leckereien und Vorspeisen) und der Strände mehrere Nächte bleiben. In Bilbao ist das Guggenheim-Museum Pflicht; in Guernica die Kathe-drale und das Museum, das die Bombardierung durch die deutsche Legion Condor 1937 dokumentiert.

Dein Tipp in Sachen Natur?
Einen Abstecher in die grandiose Berglandschaft des Nationalparks Picos de Europa. Mit etwas Glück lassen sich dort sogar Steinadler beobachten.

Wo übernachtet man unterwegs am besten?
In den letzten Jahren ist das Angebot ausgebaut worden. Fast überall kann man in einer einfachen Herberge, im Kloster, im Pfarrhaus oder in einer Pension schlafen. In den Küstenstädtchen gibt es auch Hotels, da die Madrilenos gerne den Sommer im Norden verbringen.

Zelt und Kocher sind nicht zwingend nötig?
Würde ich persönlich nicht mitschleppen. Wer mal am Strand schlafen will, kann das ja auch unter freiem Himmel tun.

Wie organisiert man die An- und Abreise?
Ich bin zuletzt von Hamburg über Paris bis Hendaye nahe Irún mit der Bahn gefahren und zurück geflogen. Man kann auch Bilbao gut mit dem Flieger erreichen. Oder man fliegt nach Madrid und nimmt die Bahn oder den Bus hoch an die Küste.

Wandert es sich besser solo oder in einer Gruppe?
Das muss jeder selbst entscheiden. Ich laufe oft alleine oder zu zweit und lerne unterwegs Leute kennen, mit denen ich dann auch mal ein paar Tage gemeinsam gehe.

Beliebt sind auch organisierte Touren. Welche Veranstalter kannst du empfehlen?
Wikinger, Studiosus, Olimar, Vuelta oder Iberotours haben attraktive Jakobsweg-Angebote, auch für den Camino del Norte.