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Bodensee-Königssee-Radweg: Deutschlands schönster Radweg.

Foto: Thorsten Brönner
Was hat Fahrradfahren mit Märchen zu tun? Ganz einfach: Auf dem Bodensee-Königssee-Radweg von Lindau nach Berchtesgaden geht es am Märchenschloss Neuschwanstein vorbei. Und auch sonst erscheint die Kulisse des Bayerischen Alpenvorland ziemlich märchenhaft.

Gerade noch schien es, als hätte die Welt ihren Atem angehalten. Alles war still, bewegungslos. Ein Bild wie aus der Zeit herausgefallen. Der dunkle See spiegelglatt, Wiesen, Bäume, die mächtigen Schweizer Berge dahinter. Doch jetzt ist er da, unvermittelt und ungestüm. Der berüchtigte Föhnwind. Fährt von unten in die Jacken, dass sie sich weit aufblähen, streichelt die Kopfhaut unterm Fahrradhelm, lässt die Fahrradtaschen klappern. Man hat das Gefühl, sich schräg gegen ihn stellen zu müssen, um nicht umgeworfen zu werden. Schon fegt er über den Bodensee, treibt kleine Wellen vor sich her, auf den Kämmen weiße Schaumkronen wirbelnd, die sich an der schützenden Hafenmauer von Lindau brechen. Dort, wo der steinerne bayerische Löwe völlig unbeeindruckt über die Bucht wacht.

Startet man in Lindau, schiebt meist der stramme Föhn die Räder wie von Geisterhand an. | Foto: Thorsten Brönner

Langsam wandert der Blick über die dunkle Wasserfläche nach Südwesten zu den Bergen, der erste Schnee bedeckt bereits die Spitzen, der Herbst hat Einzug gehalten. Über dem Kamm öffnet sich gerade ein azurblauer Keil im Himmel und die morgendliche Sonne lässt die Gipfel silbrig blitzen. Eigentlich ist Mitte Oktober die Radreisesaison hier schon zu Ende. Aber wir wollen es noch einmal wissen und erleben, wie die Natur in dieser Jahreszeit zur Höchstform aufläuft und alle Sinne mit ihrem prächtigen Farbenspiel verwöhnt. Knapp 410 Kilometer, vom Bodensee bis an den Königssee, durchs landschaftlich grandiose, kulturschwangere Alpenvorland liegen vor uns. Und jetzt, als sich Lindau gerade den Schlaf aus den Augen reibt und der Ausflugsdampfer »Konstanz« die ersten Tagesausflügler ausspuckt, schwingen wir uns auf die Räder.

Bald liegen der Bodensee und die Vororte von Lindau hinter uns, und der Radweg folgt der Leiblach – allerdings schön bergauf, während der Fluss uns entgegen plätschert. Aber das ist kaum anstrengend, denn der stramme Föhn schiebt die Räder wie von Geisterhand kräftig an. Der Weg windet sich scheinbar ziellos durch eine von eiszeitlichen Gletschern modellierte sanfte Hügellandschaft und wir erklimmen fast spielend einen Hügel nach dem anderen. Hin und wieder tauchen wie aus dem Nichts urige Bauernhöfe auf, in deren Vorgärten sich die Äste der Apfelbäume unter der schweren Last fast zum Boden durchbiegen. Von den saftigen Wiesen ringsum blicken uns gemütlich wiederkäuende Kühe nach – ja, es ist beinahe so, als ob man durch eine lebendig gewordene Ideallandschaft radele. Solche Landstriche verleiten regelrecht zum Schwelgen und Genießen. »Stopp, hier machen wir Pause!«, befiehlt meine Begleiterin Monika plötzlich, »hier ist es perfekt.« Die Wiese neben dem Weg bietet einen ausgezeichneten Rundblick auf die hügelige Landschaft, über die vereinzelte kleine Wolkenschatten ziehen. In der Ferne zeichnet sich der Alpenkamm klar vom weiß-blauen bayerischen Himmel ab. Das Picknick ist einfach: frisches Brot und Allgäuer Emmentaler, aber vor dieser Kulisse erscheint es wie ein Viergängemenü. Das Auge isst eben bekanntlich immer mit. Es braucht nicht viel, um einen Radler glücklich zu machen.

Nur noch ein kurzes Nickerchen und die frische Herbstluft schmecken, dann hat uns der Radweg wieder.

 

Zu Besuch beim Märchenkönig

Auch das Wetter ist im Herbst oft märchenhaft gut. | Foto: Thorsten Brönner

Drei Tage später sind wir schon nahe Füssen, mitten im Reich des Märchenkönigs Ludwig II. Spätestens jetzt lohnt es sich, auch einmal einen Abstecher vom Radweg zu machen, denn so manches landschaftliche Kleinod versteckt sich in den Ausläufern der Berge. Das wusste ja auch schon Ludwig, der die Gegend immer wieder auf der Suche nach märchenhaft vollkommenen Landschaften durchstreifte. Im Wissen, was kommt, dirigiere ich Monika auf einen kleinen Waldweg. Wie in Zeitlupe radeln wir einen mit dichtem Baumbestand gesäumten Weg hinauf. Unter den Rädern rascheln die Blätter. Aber bald wird die Steigung unangenehm und Monika murrt: »Von einem so steilen Berg war in der Routenbeschreibung aber nicht die Rede.« »Es wird sich lohnen«, entgegne ich knapp. Die Muskeln brennen schon leicht, aber allmählich lässt die Steigung nach und der Weg endet abrupt mitten im Wald am Schwansee. Wie ein in Gelb, Orange und Karmesinrot loderndes Flammenmeer umringt der Herbstwald den dunklen See. Die Luft ist feucht und schwer. Goldfarbene Birken, weithin leuchtende Ahornbäume und knorrige Eichen, eine Szene wie aus dem Bilderbuch. Und dennoch verirren sich Spaziergänger nur äußerst selten hierher, auch jetzt herrscht Stille. Monika wirkt verzaubert, sie schweigt, aber ihr Gesichtsausdruck spricht Bände.

Mit dem Wind im Rücken geht es in Lindau auf die 410 Kilometer lange Radtour. | Foto: Thorsten Brönner

Doch mit der schwelgerischen Stille ist es wenig später vorbei, als wir ans Ufer des Alpsees rollen. Die Märchenschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau locken zu jeder Jahreszeit Menschenmassen. Aber das ist kein Wunder, auch wir erliegen sofort dem magischen Anblick des hoch über der Pöllatschlucht thronenden, marmor-weißen Schlosses Neuschwanstein. 1869 ließ Ludwig II. den Grundstein zu dem tollkühnen Bauwerk legen. Dem »Kini« schwebte eine »im Stil der alten deutschen Ritterburgen« errichtete Festung vor. Ein Märchenschloss ist es letztendlich geworden. Lange hatte er nach dem perfekten Ort dafür gesucht und er hat ihn gefunden. Es fällt schwer, sich loszureißen, doch die Schatten werden bereits länger. Also schnell in die Pedale getreten und bald rollen wir entspannt nach Füssen hinein.

Frisch geduscht geht es wenig später auf Erkundungstour durch das verwinkelte Gassengewirr der Altstadt. Langsam legt sich das Dunkel der Nacht über die Bergstadt und eine blasse Mondscheibe klettert behäbig über die schroffen Gipfel des nahen Ammergebirges. Mittelalterliche Leuchten tauchen die Gassen in ein warmes weiches Licht. Es ist wirklich nicht schwer, sich auszumalen, wie es hier wohl vor Hunderten von Jahren zugegangen sein mag. Schon seit die Römer vor über 2000 Jahren die Via Claudia Augusta vollendeten, die das Mutterland mit der Provinz Rätien verband, begann hier das Geschäftsleben zu florieren. Jahrhundertelanger Handel brachte jede Menge Kunst und Kulturgut, Füssen trägt nicht umsonst den Beinamen »Die Geigenbaustadt«. Das alles ist heute noch in den Gassen bei jedem Schritt zu spüren. Mit geschichtsträchtigen Eindrücken belohnt, schlendern wir irgendwann in einer Mischung aus Müdigkeit und Glückseligkeit zum Hotel zurück.

 

Goldener Oktober am Königssee

Der Föhn lässt die Boote auf dem Forggensee tanzen, während Schloss Neuschwanstein und der Säuling unbeeindruckt Spalier stehen. | Foto: Michael Neumann

Die nächsten Tage radeln wir unter dem dominanten Panorama der bayerischen Berge durch Oberbayern. Hier windet sich der Radweg durch abwechslungsreiche Landstriche mit weiten Wiesen und idyllischen Seen, die die Gletscher zurückgelassen haben. Dazwischen immer wieder urbayerische Ortschaften wie Kochel am See, Bad Tölz, Gmund oder Traunstein-Siegsdorf, die in ihrer historischen Geschlossenheit oft wie Freilichtmuseen wirken. Prachtvoller Höhepunkt: Bad Reichenhall, das kräftig am Salzhandel mitverdient hat. Überall ragen prunkvoll geschmückte Herrscherhäuser, Kirchen und einzelne Wehrtürme der historischen Stadtmauer in den nebelverhangenen Oktoberhimmel. Überhaupt hat jetzt jeder Tag seinen morgendlichen Herbstnebel, der die Szenerie stets mit einem Hauch von Weiß überdeckt.

Von Bad Reichenhall aus knickt der Radweg scharf nach rechts ab, auf die Berge zu, hinauf nach Berchtesgaden und zum Königssee. Langsam, aber kontinuierlich steigt er Meter um Meter in die Höhe – jeder Atemzug produziert eine kleine Dampfwolke in der immer kühler werdenden Luft. Schemenhaft zeichnen sich am Himmel die dunklen Umrisse der nahen Berggipfel ab. »Rechts vor uns muss eigentlich irgendwo der Watzmann zu sehen sein«, rufe ich Monika zu, die etwas zurückgefallen ist. Sie schweigt und genießt das Panorama. Irgendwann ist Berchtesgaden erreicht, doch wir radeln weiter, wollen auf der Zielgeraden nicht noch eine Pause einlegen. Auf den letzten Kilometern folgt der Radweg der Königsseer Ache bergan. Glucksend und gurgelnd macht der glasklare Bach auf sich aufmerksam und unter den Reifen raschelt abermals der dichte Teppich aus buntem Herbstlaub. Erste Sonnenstrahlen durchdringen das Blätterdach der Baumkronen und sorgen plötzlich für angenehme Temperaturen. Wie aus dem Nichts tauchen Souvenirläden und Imbissbuden auf, der Königssee ist erreicht. Zum Glück sind wir zeitig gestartet, der Besucherandrang am Ufer des wohl schönsten Sees Deutschlands ist noch überschaubar. Zeit für eine letzte Runde, diesmal aber ohne Rad, dafür mit Boot. Langsam tuckert das kleine Boot mit leise brummendem Motor auf den Königssee hinaus. An Bord herrscht nahezu Totenstille, ab und zu blitzt eine Kamera auf. Die Erhabenheit der Natur verschlägt offenbar allen die Sprache. Wie gebannt starrt jeder auf die wildromantische Bergwelt, die den See säumt. »Schau dir nur die steilen Bergwände an«, holt mich Monika leise aus meinen Gedanken zurück, »das ist ja wie auf einem Fjord in Norwegen.« Gerade gleitet das Boot an der 1800 Meter über dem See aufragenden Ostwand des Watzmann vorbei. Genau genommen schwebt über dieser Szenerie schon wieder etwas Märchenhaftes – sie könnte Däumelinchen in ihrer Walnussschale entnommen sein.

 

4-Seasons Info
 

Der Bodensee-Königssee-Radweg

 

Reizvolle Radfernwege gibt es in Deutschland viele. Aber keine Route kann gleich mit so vielen Highlights aufwarten wie der Bodensee-Königssee-Radweg. Die 410 Kilometer lange Strecke verläuft durch abwechslungsreiche Landschaften mit weiten Wiesen, schroffen Bergen und idyllischen Seen. Dazwischen streift die Route weltberühmte Kulturdenkmäler und geschichtsträchtige Orte, die sich perfekt für eine Übernachtung eignen.

 

Anreise
Der Startort Lindau und das Ziel Berchtesgaden verfügen über eine gute Bahnanbindung, daher reist man am besten mit dem Zug an.

Charakter
Der Radweg führt abseits der Hauptverkehrsstraßen durch urbayerische Landstriche. Es ist ratsam, mit dem vorherrschenden Westwind im Rücken – also vom Bodensee zum Königssee – zu radeln. Die meisten Höhenmeter müssen bereits zu Beginn der Strecke im Allgäu überwunden werden. Auf diesem Teilstück führt der Radweg meist auf guten Asphaltwegen durch weite Wiesenlandschaft. In Oberbayern verläuft der Radweg öfter auf geschotterten Wegen, vorbei an vielen namhaften Seen. Auf www.bodensee-koenigssee-radweg.com gibt es alle wichtigen Infos über den Radweg.

Beschilderung & Ausrüstung
Der Fernradweg ist durchgehend mit Schildern an allen wichtigen Abzweigungen ausgewiesen. Aufgrund der 3300 Höhenmeter ist es ratsam, mit einem Reise- oder Trekkingrad auf Tour zu gehen, das über 24 bis 27 Gänge verfügt. Mit einer entsprechend breiten Bereifung meistert man auch die geschotterten Passagen spielend.

Reisezeit
Zwischen April und Oktober ist die Radwanderung problemlos durchführbar. Jede Jahreszeit in Oberbayern hat ihren eigenen Reiz. Im Sommer sind erfahrungsgemäß die meisten Touristen unterwegs, außerdem muss man nachmittags immer mit Gewittern rechnen. Ruhiger wird es wieder im Herbst. Dann zeigt sich die Natur von ihrer schönsten Seite, wenn sich die dichten Bergwälder verfärben. Beachten sollte man, dass sich in Wassernähe morgens oft zäher Nebel hält.

Übernachtung
Oberbayern verfügt über ein breites Angebot an verschiedensten Übernachtungsmöglichkeiten. In den Ferien empfiehlt es sich, Zimmer in Hotels oder Gasthöfen rechtzeitig zu reservieren. Preiswert nächtigt man in einer der vielen Jugendherbergen (www.jugendherberge.de). Wer mit Kindern fährt, findet in vielen Bauernhöfen eine günstige und spannende Unterkunft (www.bauernhof-urlaub.com).

Reiseführer
Bikeline Radreiseführer Bodensee-Königssee-Radweg, Verlag Esterbauer, 9,90 €.
Radführer Bodensee-Königssee, Galli Verlag, 10 €, www.galli-verlag.de.
Oberbayern, Verlag Karl Baedeker, 19,95 €, www.baedeker.com.

Buchbares Angebot
Sareiter Reisen Gmbh, Mühlbachweg 6, 83700 Rottach-Weissach, Tel. 08022/6327, www.radeln.org/Boden-Koenigssee.htm.

Infos
Bayern Tourismus, Leopoldstr. 146, 80804 München, Tel. 089/2123970, www.bayern.by.
Allgäu Marketing, Allgäuer Straße 1, 87435 Kempten, Tel. 0831/5753730, www.allgaeu.info.

 

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