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Bergauf, bergab – die »2-Seasons« des Rainer Jäpel

Foto: Michael Neumann
Falls Tom Cruise keine Zeit für die Fortsetzung von »Mission Impossible« hat, so verfügt die Dresdner Globetrotter-Filiale über legitimen Ersatz. Nicht nur optisch erreicht Rainer Jäpel Cruise-Qualitäten, auch das Stuntdouble könnte man sich sparen. Denn Jäpel kann laufen wie »Lola rennt«, klettern wie Spiderman und Ski fahren wie James Bond. Nur am Dialekt müsste der Sachse noch ein wenig feilen ...

Die Sache ist klar. Sonnenklar. Als ich Ende März die Globetrotter-Filiale im Dresdener World Trade Center betrete und nach Rainer Jäpel Ausschau halte, fällt mir der Verkäufer mit dem »Racoon« sofort auf. Die partielle Gesichtsbräune mit Skibrillenaussparung erinnert tatsächlich an einen Waschbär. Das muss »Ski-Rainer« sein, wie seine Kollegen ihn nennen, um Verwechslungen mit anderen Globi-Rainers zu vermeiden. Die blauen Augen blitzen verräterisch, er ist erkannt.

Nach Feierabend hängt Rainer Jäpel gerne etwas ab. | Foto: Michael Neumann

»Diese Wintersaison ist einfach der Hammer, ehrlich. Dank der ausgezeichneten Schneelage zwischen Riesengebirge und Berner Oberland habe ich bis jetzt schon 50 bis 60 Skitage, und die Saison ist noch lange nicht zu Ende«, erzählt er.Diesem geliebten Winter, der meist schon Anfang Oktober mit einer Ausfahrt auf den Stubaier Gletscher beginnt und nicht vor Ende April besiegelt wird, rückt Rainer mit nahezu allen Gerätschaften zu Leibe, die die Sportartikelindustrie anbietet. Daheim im Erzgebirge – die nächste Loipe ist keine halbe Stunde entfernt – kommen meist Langlaufski zum Einsatz, mal klassisch-geschuppt, meist aber steif-gestreckt für den athletischen Skatingstil. In den Alpen schnallt er sich alles unter, was ungetrübten Downhill-Spaß verspricht.

Rainers Ski-Keller erinnert an ein besseres Fachgeschäft und reicht vom kompakten Slalomcarver mit erhöhter Bindungsplatte über breite Tourenski und Telemark-Freerider bis hin zu 213 cm langen Riesenslalomlatten – »für die ganz großen Radien und den Rausch der Geschwindigkeit«. Aha.

Und wenn der Winter mal nicht so recht will, stehen drei Paar Rollski bereit fürs Konditionstraining auf der Straße. Um seine Leidenschaft fürs gefrorene Element auch anderen zu vermitteln, berät Rainer nicht nur im Globetrotter-Shop die Kunden mit Leidenschaft und Akribie, sondern organisiert zudem Telemark-Testivals und eine Rennserie im Erzgebirge, genannt »Erzgebirgscup«.

 

Aufstiege trotz Mangelware

Nur fürds Familienalbum: mit Tochter Franziska als Pseudo-Sicherungsposten beim Klettern auf Sardinien. | Foto: Archiv Jäpel

Die Sportkarriere Rainer Jäpels begann allerdings entgegen der Schwerkraft. Schon als junger Knopf nimmt ihn sein Vater zum Klettern mit in den Elbsandstein, die ersten Erfahrungen mit Seil, Gurt und den unorthodoxen Sicherungsmethoden der Region macht er im zarten Alter von sechs Jahren.

Aus Spaß und Spiel wird schnell Passion, seine Jugendjahre verbringt der gebürtige Dresdner bevorzugt im heimischen Sandstein. Da das Klettern in der DDR zwar toleriert, aber nicht gefördert wurde, muss bei der Ausrüstung improvisiert werden. An den Füßen trägt man frisierte Fußballschuhe, denen man (im Westen organisierte) Reibungssohlen unterklebt, die Klettergurte näht man aus ausrangierten Trabi-Sicherheitsgurten.

Ohnehin besser, wenn man deren Festigkeit nicht ausloten muss, denn die regionale Kletterethik, zum Schutz der Felsen initiiert und von der sächsischen Kletterlegende Bernd Arnold vertreten, sieht einen eher spärlichen Einsatz eingebohrter Haken vor. Als Zwischensicherung stopft man »Schlingen« genannte Knotenknäuel mit Hilfe eines »Spatels« in die Felsspalten.

Als nach der Wende die ersten Wessi-Kletterer im Elbsandstein antreten, zollen sie dieser archaischen Sicherungstechnik Respekt. Eigene Kletterversuche brechen die meisten Westler allerdings schnell ab – zum Beispiel wegen urplötzlicher Zerrungen oder spontan auftretender Kapselverletzungen.

Jäpel jedoch ist kaum zu stoppen. Als der Vater nicht mehr folgen kann, wird die Gruppe um Bernd Arnold zum Fixstern des Jugendlichen. Nach der Wende rücken die Mannen aus, entdecken die Alpen und bauen ihre Sportkletterfähigkeiten aus. Statt Pirna lockt jetzt der Piz Palü. Schwierigkeiten sind Nebensache, zuallererst nennt Rainer das Draußensein als Motivation für seine Touren. Und für die Nordwand der Großen Zinne reichen Fingerkraft und alpine Fertigkeiten allemal. Auch daheim gelingen Rainer Highlights, die legendären Routennamen wie »Superlative« und »1000-Mark-Wand«, in denen Rainer früh seine Finger hatte, muss man ihm allerdings aus der Nase ziehen.

 

Fernweh? Fehlanzeige!

Auch der letzte Fitzel Schnee wird genutzt: Biancograt, Piz Palü. | Foto: Michael Neumann

So erfolgreich Rainer in Schnee, Eis und Fels agiert, so orientierungslos scheint er anfangs bei der Berufswahl. Nach dem Abi jobbt er in Arnolds Klettershop, absolviert seinen Zivildienst in der Jugendherberge Bad Schandau und schreibt sich auf Wunsch des Vaters an der Uni ein. »Doch was die von mir wollten, habe ich nie kapiert«, räumt Rainer ohne Umschweife ein.

Nebenbei heuert er in einem Bikeshop in Freital an. Dort rekrutiert ihn 1995 Klaus Weichbrodt, damals Chef der Globetrotter-Filiale in Dresden. Mit Hingabe kümmert er sich fortan im Verkauf um seine Steckenpferde Ski- und Klettersport. Auch beim Sortiment hat »Ski-Rainer« mittlerweile ein Wörtchen mitzureden: »Da die da oben im Norden nicht gerade mit Skiern auf die Welt kommen«, entscheidet Rainer Jäpel federführend über das Wintersportangebot in Katalog und allen Filialen.

Nicht nur im Job entwickelt Rainer Ehrgeiz. Mit 25 Jahren besiegelt er die sportliche Seilschaft mit Freundin Anke, von nun an heißt es »in guten wie in schlechten Tagen«. Doch es bleibt bei den guten. 1999 kommt Tochter Franziska auf die Welt. Kaum dass die Kleine laufen kann und die Sportartikler passendes Schuhwerk parat haben, wird Franzi in die Aktivitäten der Kleinfamilie eingebunden. Reihum tingelt Familie Jäpel durch die Klettergebiete Europas, so dass Rainer heute mit Fug und Recht behaupten kann, an allen populären Steinansammlungen zwischen Paris und Gibraltar Hand angelegt zu haben.

Mehrmonatige Reisen nach Übersee, bei den Globetrotter-Kollegen Usus, stehen dagegen nicht im Fahrtenbuch: kaum kindkompatibel. Und überhaupt: Zwischen Elbsandstein und Alpen ist es doch eh am schönsten. Oft laden sächsische Kletterkumpane Rainer zu Expeditionen ein in den Himalaja oder nach Südamerika – aber Rainer fliegt lieber mit der Familie nach Kalymnos, ein Kletterparadies in Griechenland.

Sobald irgendwo ein Startschuss fällt, ist Rainer Jäpel nicht weit. | Foto: Michael Neumann

Neben Job und Familie feilt Rainer an einer kleinen aber feinen Wettkampfkarriere. In seiner Jugend startet er bei diversen Klettercups. Doch Kunstgriffe unter Kunstlicht, so stellt er schnell fest, das ist nicht seine Welt. Zweimal nimmt er am schwedischen Vassa-Lauf teil, dem berühmtesten Langlauf-Langstreckenrennen der Welt. Auf dem Mountainbike, seinem bevorzugten Utensil zum Konditionsaufbau für die Wintersaison, schafft er mehrfach den Swiss Bike Masters. Mit Globetrotter-Dampfmaschine Martin Radwanski bestreitet er das Straßenrennen HEW-Classics in Hamburg. Meist landet er bei solchem Kräftemessen im vordersten Mittelfeld, den Sieg machen die Profis der jeweiligen Disziplin unter sich aus.

Jüngst aber, so verrät Rainer, ist ihm ein besonderer Coup gelungen. Da trat er beim berühmt-berüchtigten Inferno-Rennen im schweizerischen Mürren in der Superkombination an. Bei diesem Triathlon aus Langlauf, Riesenslalom und Abfahrt versägte Rainer im Februar 2005 die internationale und erstklassige Konkurrenz. Platz 1 für Rainer Jäpel, ein Flachländer! Die Schweizer, die den Sieg normalerweise unter sich ausmachen, waren sprachlos. Mission impossible complete. Tom Cruise kann einpacken.