präsentiert von:

Beim Grillen ist jeder der Erste – eine Kanutour in Kanada

Foto: Thomas Lipke
»Na, wie war eure Altherren-Tour auf dem Big Salmon?« Auf diese zugegeben etwas forsche Frage an die Globetrotter-Chefs bekam der 4-Seasons-Redakteur prompt eine Vorladung zum Dia-Abend. Und eine Lektion in der Kunst des Deligierens: »Prima, dann kannst du ja gleich den Artikel schreiben, da sparen wir uns die Arbeit, haha.« Merke: Von den »alten Herren« kann man einiges lernen – nicht nur über gepflegte Wildnis-Touren.
Wer viel paddelt, hat sich am Abend auch mal ein Bierchen verdient. Na dann Prost! | Foto: Thomas Lipke

Vier alte Freunde, die endlich mal wieder gemeinsam Urlaub machen wollen? Mit zwei Kanus und auf einem Fluss in der Einsamkeit? Das erinnert doch fatal an den Paddel-Kultthriller Deliverance – einen der besten Filme, den Hollywood zum Thema Männer in freier Wildbahn hervorgebracht hat. Handlung: Nach beschaulichem Auftakt und der legendären »Duelling Banjos«-Szene (einer der Paddler hat seine Gitarre dabei und wird von einem offensichtlich autistischen Banjo-Kid an die Wand gespielt) starten die Freunde zur ihrer abenteuerlichen Reise auf dem wilden Cahulawasseee River in Tennesee. Bald stellt sich heraus, dass sie von völlig durchgeknallten Hinterwäldlern verfolgt werden. Ein Wettlauf auf Leben und Tod entbrennt, in dessen Verlauf sich die Paddler unter anderem mit Pfeil und Bogen zur Wehr setzen. Wer diesen Film – deutscher Titel: Beim Sterben ist jeder der Erste – gesehen hat, macht für den Rest seines Lebens einen weiten Bogen um Tennessee.

 

Wenn nicht jetzt, dann wird da nie was draus!

König der Fischer: Angelnovize Kay fängt die Rekordforelle der Tour. | Foto: Thomas Lipke

Beim Dia-Vortrag im Hause Lipke muss ich meine Erwartungen allerdings bald zurückschrauben. Die vier Freunde waren nicht in Tenneesee, sondern in Kanada. Von einem Wettlauf auf Leben und Tod ist selten die Rede, eigentlich sogar gar nicht. Die Fotos und Geschichten der vier Protagonisten drehen sich vielmehr um kulinarische Genüsse, die man in die Wildnis importiert oder ihr abgetrotzt hat: marinierte Steaks, in Hightech-Trinkschläuche umgefüllte Rotweine, direkt im Fluss geangelte Äschen und deren schmackhafte Zubereitung am allabendlichen Lagerfeuer. Lexan-Gläser, einen Profi-Rost und allerlei trickreiches Küchenzubehör aus dem Globetrotter-Sortiment hatten die Herren natürlich auch dabei.

Auf der Leinwand gezeigt werden im traditionellen Diaabend-Stil alle Bilder von allen Fotografen. Neben einer beeindruckenden Auswahl an Grill-, Angel- und Trinkmotiven zeigen die Fotos einen traumhaft klaren Fluss in purer kanadischer Wildnis, einige wilde Tiere und ein gut gelauntes Team. Thomas Lipke, Andreas Bartmann, Holger Moths und Kay Rittmeister haben sich offenbar blendend amüsiert, von Deliverance keine Spur. Dabei ist die 10-Tage-Tour auf Big Salmon und Yukon kein Pappenstil: fast 400 Kilometer lang und paddeltechnisch nicht immer eine Spazierfahrt. Bären gibt es da auch. Lief das alles ohne Probleme?

»Wenn die Strömung plötzlich unter einen Log Jam zieht, das ist ein Verhau aus umgestürzten Bäumen, sollte man das Kanu schon beherrschen«, erzählt Thomas Lipke, »und auf dem Yukon ist die Strömung so schnell, dass du beim Anlanden genau einen Versuch hast – sonst war‘s das mit dem Zeltplatz. Um die Paddeltechnik aufzufrischen, haben wir vorher ein Trainingswochenende auf der Warnow absolviert. Das wirkliche Problem an der Tour war eher, überhaupt einen gemeinsamen Termin zu finden.«

Portagen sind für Paddler selbstverständlich. Wasserfeste Schuhe eigentlich auch. | Foto: Thomas Lipke

Die vier Freunde sehen sich oft, allerdings meistens beruflich. Thomas und sein Jugendfreund (und mittlerweile auch Schwager) Andreas Bartmann leiten Globetrotter Ausrüstung, Kay Rittmeister begann 1981 während des Studiums als Aushilfe und ist seit 1992 der Steuerberater der Firma. Und Professor Holger Moths, als Hausarchitekt für die Gestaltung der neuen Filialen verantwortlich, startete seine Zusammenarbeit mit den Hamburger Ausrüstern schon in den Siebzigern – mit dem gekonnten Umbau eines Klos.

Inzwischen sind alle um die 50 und in der Urlaubsplanung eingeschränkt: »Termine, Messen, Familie, irgendwas war immer«, sagt Kay Rittmeister. Bei der Feier zu Kais 50. Geburtstag wird den Freunden klar: Wenn nicht jetzt, dann wird da nie was draus. Ein halbes Jahr später stehen die vier am Quiet Lake, dem Startpunkt ihrer »Altherren-Tour«.

Bildergalerie: Big Salmon River – vier Freunde auf Kanutour in Kanada

An Outdoor-Erfahrung mangelt es den Trappern auf Zeit nicht, an persönlichen Schrullen auch nicht. Holger schleppt einen Klapptisch durch die Wildnis, Andreas akzeptiert nur Toast mit Grillrost-Muster, Kay belegt den besten Zeltplatz in Mallorca-Manier per Handtuchwurf, Thomas trägt auch zur Sonnenbrille gerne Stirnlampe (»da weiß man, wo sie ist«) und krittelt beflissen an fremder Ausrüstung herum. »Meinen Klapptisch fand Thomas total bescheuert, benutzt hat er ihn aber trotzdem«, beschwert sich Holger, »und meinen Poncho mochte er auch nicht!«

Für die Wahrung einer gewissen Privatsphäre hat jeder Paddler sein eigenes Zelt – »Thomas hatte natürlich das tollste«, räumt Kay ein. Dafür triumphiert der Steuerberater, als er von den Angelprofis im Team gönnerhaft aufgefordert wird, »doch auch mal was zu fangen«. Kurz darauf hat Kay die mit Abstand größte Forelle der Tour am Haken.

Dann taucht ein unerwartetes Problem auf: Holgers Auge schwillt an, er sieht nur Schemen und befürchtet eine ernsthafte Verletzung durch einen Splitter. Der Tour droht der Abbruch. Weil Holger die Lider nur kurz öffnen kann, fotografiert Andreas das Auge und untersucht das Bild in aller Ruhe auf dem Monitor der Digitalkamera. Kein Splitter zu sehen. Aus der Packung einer Tütensuppe wird eine Augenklappe gebastelt. Nach drei Tagen gibt Holger Entwarnung: das Auge sei wieder okay. »Das war vielleicht der schönste Moment: die Sorgen fielen ab und wir konnten die Tour wieder richtig genießen«, erzählt Kay.  

Nach zehn edntbehrungsreichen Tagen am Ziel: erst mal was Essen. | Foto: Thomas Lipke

Auch mit dem Wetter haben die vier Glück, fast immer lacht die Sonne vom Septemberhimmel. Der einkalkulierte Pausentag wird ausgelassen, stattdessen verkürzt man die Tagesetappen, um die Wunder der Natur gebührend zu feiern. Apropos feiern: Nach Bildern von Elchen, Adlern und Stachelschweinen setzt sich im Vortrag wieder die Food-Fotografie durch – frisches Äschenfilet mit Asiasoße auf Schwarzbrot gibt es auf Andreas‘ Ansage (»Das ist jetzt Standard!«) jeden Abend als Entrée, darauf folgen Fisch-, Fleisch- oder Pilzgerichte. Die Bar enthält Bier, Rot- und Weißwein sowie ein Beutelchen mit Hennessy XO. Als die vier Freunde nach zehn Tagen Carmacks erreichen, ist allerdings der Kaffee ausgegangen.

Zum Big Salmon möchte ich jetzt auch mal. Und auch ohne Deliverance-Attitüde braucht man den Titel für diese Story nur ein klein wenig zu ändern: Beim Grillen ist jeder der Erste.

 

4-Seasons Info
 

Big Salmon River & Yukon River, Kanada

 

Die beschriebene Tour im Yukon gehört zu den schönsten, die man in einem Kanu unternehmen kann: Vom Quiet Lake aus 240 Kilometer den Big Salmon River hinunter bis zum Yukon, dann auf diesem weitere 120 Kilometer bis nach Carmacks. Die Flussreise dauert acht bis zehn Tage und erfordert einiges an Paddel- und Wildniserfahrung. Nach dem Start ist man abseits jeder Zivilisation unterwegs.

 

Charakter

Leichter Anfang auf drei Seen (Quiet Lake, Sandy, Big Salmon Lake), auf dem Big Salmon River kein kniffliges Wildwasser, aber viele tückische Sweeper und Log Jams (unterspülte Baumhindernisse). Auf dem Yukon teilweise extrem schnelle Strömung. Das alles erfordert einiges an Paddelroutine. Proviant und Ausrüstung müssen komplett im Kanu mitgeführt werden. Bären-Regeln beachten. Beste Zeit: Sommer bis Frühherbst.

 

Anreise & Logistik

(Direkt-)flug nach Whitehorse, zuvor bei einem Outfitter (z. B.www.upnorthadventures.com)  Mietkanus und Shuttle bestellen. In der Regel wird man am Quiet Lake abgesetzt und nach der Tour in Carmacks abgeholt. Ein Permit ist nicht erforderlich.

 

Ausrüstung

Boot und Basisausrüstung stellt der Outfitter, Lebensmittel und Bärenspray gibt‘s in Whitehorse. Weitere Ausrüstung am besten komplett mitbringen: Zelt, Isomatte, Kocher, Schlafack, Tarp, Regenschutz, etc. Auch im Sommer und Frühherbst kann es tags und nachts empfindlich kalt werden, daher auf Wärmereserven (Kleidung/Schlafsack) achten. Bester Führer: Yukon von Andreas Hutter.
 

 
weiterführende Artikel: 
15.04.2005ArtikelOutdoorsportKanuReiseTraumtour

Bowron Lakes – Kanada ohne Filter

Verfahren kann man sich hier nicht: Einfach viermal scharf rechts abbiegen, und schon ist man wieder am Start der 116 km langen Kanu-Runde auf den Bowron Lakes. zum Artikel