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Barfuß über Stock und Stein: Wanderautor Eduard Soeffker im Interview

Foto: Martl Jung
Früher hatte Eduard Soeffker Rückenschmerzen - wie so viele Deutsche. Doch als er vor rund 15 Jahren das Barfußlaufen für sich entdeckt hat, ist er mit den Schuhen auch seine gesundheitlichen Probleme los geworden. Inzwischen ist er in der Natur fast nur noch »unten ohne« unterwegs und hat gemeinsam mit seiner Frau den ersten Barfußwanderführer geschrieben.

Unbeschwert tobt der Nachwuchs über die Almwiese. Da, eine Pfütze! Mit Anlauf geht's hinein, der Schlamm spritzt, die Kinder lachen. Währenddessen genießen Sigrid und Eduard Soeffker die Umgebung, lassen sich von Grashalmen kitzeln und gönnen ihren Füßen eine Pause im angenehm kühlenden Gras. Der Unterschied zu den meisten anderen Wanderern: Familie Soeffker ist barfuß unterwges. Keine klobigen Stiefel, die die Füße schwer machen, keine Sorge, dass das teure Schuhwerk dreckig werden könnte. Dafür das gute Gefühl, die Kinder mit gesunden Füßen aufwachsen zu sehen. Die Münchner Berge und das Alpenvorland hat Familie Soeffker so erwandert und in ihrem Wanderführer die 21 schönsten Barfuß-Touren vom Allgäu bis zum Chiemsee gelistet.

 

4-Seasons: Barfußwandern – wer hat's erfunden?

Eduard Soeffker: Die Evolution – Der Mensch als Jäger und Sammler brauchte einen äußerst leistungsfähigen Fuß, um ständig weite Strecken zurücklegen zu können. Herausgekommen ist dann nach vielen tausend Jahren Entwicklungsarbeit ein wahres Wunderwerk an Technik: 50 Knochen (etwa ein Viertel der Gesamtanzahl im menschlichen Körper), 26 Gelenke und eine Vielzahl an einzelnen Muskeln halten dieses Meisterwerk zusammen und bieten ein Höchstmaß an Funktionalität. Zudem perfekt abgestimmt mit dem ganzen Bewegungsapparat des Menschen, angefangen von der Wadenmuskulatur, den Oberschenkeln, der Leiste bis hin zur Rückenmuskulatur.

 

Das sind die biologischen Fakten. Aber was ist das Besondere am Wandern auf nackten Sohlen?

Barfußspaß in den Schneeresten unterhalb der Kappeler Alm. | Foto: Eduard Soeffker

Barfußlaufen sorgt nicht nur für körperliches Wohlbefinden, sondern ist auch Balsam für die Seele. Da man sich viel mehr auf den Boden konzentrieren muss als beim Gehen mit Schuhen, schaltet man schnell ab, lässt den Alltag mit all seinen kleinen Problemen hinter sich, ist eins mit der Natur und fühlt sich dabei frei und unbeschwert. Es ist herrlich, die verschiedenen Untergründe zu spüren, das weiche, morgens noch feuchte Gras, den federnden Waldboden, einen schwankenden Moorboden, einen griffigen Wurzel- oder einen warmen Erdweg. Abends kribbeln dann die Füße angenehm und man möchte am liebsten gleich wieder losziehen.

 

Seit wann suchst Du dein Seelenheil im »Unten-ohne-Wandern«?

Als Kind bin ich in der Großstadt aufgewachsen und viel zu wenig barfuß gelaufen, aber seitdem ich vor etwa 15 Jahren das Wandern wiederentdeckt habe, bin ich in der Natur fast nur noch ohne Schuhe unterwegs.

 

Wie kam es, dass Du zum Wanderbuchautor geworden bist?

Meine Frau, unsere Kinder und ich waren einfach viel in den heimischen Bergen unterwegs - barfuß natürlich. Dabei haben wir eine Vielzahl von wundervollen Touren entdeckt, aber natürlich auch einige Wanderungen gemacht, die für Barfußläufer eher ungeeignet sind. Irgendwann haben wir uns gedacht, dass wir diese Erfahrungen doch auch mit anderen Naturfreunden teilen könnten. Inzwischen sind zum Barfußwanderführer zwei Bücher zum Thema »Erlebniswandern mit Kindern« dazugekommen. Aber auch hier haben die blanken Sohlen ihren Platz.

 
Geübte Barfußgeher können auch felsige Gipfel mit nackten Sohlen erklimmen. | Foto: Martl Jung

Wie wird man zum Barfußläufer?

Ganz einfach: Aus die Strümpfe, fertig, los! Anfangs habe ich immer mal wieder bei einer Rast auf einer Almwiese die Schuhe ausgezogen und bin dann noch ein Stück barfuß weitergelaufen. Schnell habe ich gemerkt, dass man mit ein bisschen Übung schnell eine längere und auch schwierigere Strecke barfuß zurücklegen kann. Vor allem aber hat es meinem geplagten Rücken sehr gut getan. Dazu kam dann der Ehrgeiz: Ich wollte es immer ein Stück weiter schaffen, immer einen höheren Gipfel erklimmen. Mittlerweile bin ich aber reiner »Genuss-Barfußläufer«.

 

Schuhe dämpfen Stöße ab und schützen den Fuß. Schadet Barfußwandern nicht den Gelenken?

Im Gegenteil. Die Dämpfung in Schuhen brauchen wir nur, weil wir in ihnen falsch laufen: Während man beim Barfußgehen mit dem ganzen Fuß und beim Barfußjoggen mit dem Vorfuß aufsetzt, tritt man mit Schuhen in der Regel mit der Ferse auf. Das gibt - trotz modernster Schuhentwicklung - bei jedem Schritt einen Stoß in die Bandscheiben, die Gelenke werden zu viel belastet. Tritt man hingegen mit dem ganzen Fuß auf, federt das natürliche Fußgewölbe den Schritt ab. Beim Auftreten mit dem Vorfuß kann die Beinmuskulatur optimal die Kraft abfangen - Knie und Rücken werden so entlastet und geschont. Beim Barfußgehen auf Naturböden wird die Fußmuskulatur fortwährend durch den von der Natur vorgesehenen Abrollvorgang und das Abstoßen mit den Zehen sowie das ständige Ausgleichen des unebenen Untergrundes gefordert und gestärkt. In Schuhen verkümmern unsere Füße: Die Muskeln erschlaffen, Senk-, Knick- und Plattfüße entstehen.

 
Barfuß über die Wildalm bei Bayrischzell. | Foto: Eduard Soeffker

Wie sieht's denn mit der Hygiene aus? Ist all der Dreck an den Füßen kein Problem?

Na, die Füße sollte man schon waschen, bevor man abends ins Bett geht. Aber um die Gesundheit braucht man sich keine Sorgen machen. Fußpilz zum Beispiel entsteht nur in schwitzfeuchten Schuhen, im Englischen ist er bezeichnender Weise als »athlete's foot« bekannt. Beim Barfußlaufen hingegen ist der Fuß trocken, der Fußpilz hat keine Chance. Auch der gefürchtete Käsefuß, der dadurch entsteht, dass Bakterien den Fußschweiß zersetzen, ist beim Barfußlaufen Geschichte.

 

Aber was ist mit der Hornhaut? Mit der muss man(n) oder Frau dann wohl leben.

Auch das nicht. Die abgestorbenen Zellen der Hornhaut laufen sich durchs Barfußwandern eher ab. Bereits nach wenigen Wochen bekommt man eine strapazierfähige Lederhaut, die einen nicht mehr jedes kleine Steinchen spüren lässt. Gleichzeitig bauen sich die Fuß- und anderen Muskeln des Bewegungsapparates auf. Dadurch bekommen wir eine viel bessere Körperhaltung. Das gefällt auch den Damen. Außerdem verzeiht ein gesunder, trainierter Fuß auch ab und an eine Party auf High Heels – wenn danach wieder flache Schuhe getragen werden und am besten gleich eine Runde barfuß gelaufen wird.

 

Ok, ich bin neugierig geworden. Wie bereite ich mich auf meine erste Barfußtour vor?

Auch Bohlenwege durchs Moor eignen sich hervorragend für die ersten Barfuß-Versuche. | Foto: Eduard Soeffker

Übung macht den Meister. Bestens geeignet sind für den Anfang die Barfußparks oder weiche Wald- und Wiesenwege in der freien Natur, auf denen jeder sofort barfuß loslegen kann. Dann kann man sich schon mal einen Erdweg mit Wurzeln vornehmen oder sogar ein kleines Stück auf einem Weg mit runden Steinen zurücklegen. In unserem Barfußwanderbuch gibt es zur Orientierung die Barfußgrade 1 bis 6, die die Schwierigkeit des zu begehenden Untergrundes angeben. Barfußgrad 1 sind ganz weiche Wiesenwege, während der sechste Grad nur etwas für Barfuß-Fakire ist.

 

Welche Temperaturen kann ich meinen Füßen denn zumuten?

Wenn man sich bewegt, kann man ohne weiteres ab 10 bis 12 Grad barfuß losmarschieren. Durch die Bewegung werden die Füße stark durchblutet und warm gehalten. Ein richtiges Wohlfühlgefühl stellt sich aber bei mir erst ein, wenn die Sonne scheint und der Boden angenehm warm ist – dann gibt es nichts Schöneres, als Barfuß die Welt zu erleben.

 

Muss ich etwas bestimmtes mit auf Tour nehmen, oder heißt es »Schuhe aus und los«?

Nach kurzer Eingewöhnungsphase sind auch verwurzelte Waldpfade ein ideales Terrain für Barfuß-Wanderer. | Foto: Martl Jung

Ich habe immer einen kleinen Verbandskasten dabei mit Pinzette, einer Nadel, Pflaster und Desinfektionsmittel. Die Pflaster muss ich ab und zu auffüllen, aber nur, weil ich immer wieder auf Wanderer treffe, die sich in Schuhen eine Blase gelaufen haben. Beim Barfußlaufen achtet man viel mehr auf den Weg, so dass die Verletzunggefahr gering ist. Bis auf zwei, drei kleine Stacheln, die schnell mit der Pinzette entfernt waren, ist in all den Jahren noch nichts passiert. Wichtig ist es, unübersichtliche Bereiche wie hohes Gras zu meiden, dann kann man bei vorhandener Tetanusimpfung sofort losziehen. Lediglich Diabetiker sollten vorher mit ihrem Arzt Rücksprache halten, weil das Empfinden an den Füßen bei dieser Krankheit eingeschränkt sein kann und kleinste Verletzungen schlecht heilen. 

 
4-Seasons Info
 

Webtipps zum Barfußwandern

 

Einen qualifizierten Einstieg in die Welt des Barfußlaufens und geführte Touren finden Sie hier:

www.barfusspark.info bietet eine gute Übersicht über Barfußparks in Deutschland, Österreich und internationalen Destinationen. Eine interaktive Deutschlandkarte zeigt auf einen Blick, wo das nächste Barfuß-Abenteuer wartet.

www.hobby-barfuss.de ist das größte deutsche Forum zum Thema »Barfuß«. Über 500 neue Beiträge im Monat und täglich mehr als 6000 Klicks machen deutlich, wie viele Menschen auf nackten Sohlen unterwegs sind.

 

Und die Schuhe bleiben daheim im Schrank?

Ein paar leichte, gut profilierte Schuhe habe ich immer im Rucksack. Gerade beim Abstieg im Regen können manche Passagen ziemlich rutschig werden. Und wenn ein Gewitter aufzieht, ist man dann mit Schuhen die entscheidenden Minuten schneller an der Hütte oder im Tal. Barfußanfängern gibt es zudem ein gutes Gefühl zu wissen, dass sie jederzeit wieder auf die Schuhe umsteigen können.

 

Auch für Kinder ist Barfußwandern kein Problem. | Foto: Eduard Soeffker
Kann ich denn auch den Nachwuchs mit auf Barfuß-Tour nehmen?

Gerade den Kindern macht das Barfußlaufen großen Spaß, viele nutzen jede Gelegenheit, schuh- und strumpflos die Umwelt zu erkunden. Erst durch das Barfußlaufen kann der kindliche Fuß seine richtige Form finden und ein gesundes Fußgewölbe entwickeln. Einlagen sind dann Schnee von gestern. Ganz nebenbei wird die Koordination von Sinneswahrnehmung und Bewegung geschult und der Gleichgewichtssinn gefördert. Wegen der besonderen Bedeutung und der Lebensfreude, die das Barfußlaufen versprüht, ermutigen wir auch in unseren Kinder-Erlebniswanderbüchern immer wieder dazu, die Schuhe an geeigneten Stellen in den Rucksack zu packen. Um einen besseren Überblick zu geben sind in in einer Matrix auf der Umschlagsrückseite alle Touren verzeichnet, in denen sich das Schuheausziehen lohnt.  

 

 

Was sagen andere Wanderer zu eurem »nackten« Auftritt?

Gut gelaunte Barfußgruppe bei einer Wanderung auf das Hörnle bei Unterammergau. | Foto: Eduard Soeffker

Viele zollen einem Anerkennung und oft ergibt sich ein nettes Gespräch. Wenn ich die Wanderer dann beim Aufstieg überhole - ohne die unnötigen Gewichte an den Füßen ist man beim Aufstieg tatsächlich schneller -, staunen sie oft nicht schlecht. Viele erzählen einem auch, dass sie früher viel barfuß gelaufen sind oder dass sie kürzlich erst in einem Barfußpark waren. Und manche lassen sich auch anstecken und hängen ihre Schuhe ebenfalls an den Rucksack. Erst letzte Woche kam meiner Frau und mir auf einem Wiesenweg eine junge Familie mit einem Kinderwagen entgegen. Die Frau erblickte unsere nackten Füße, war ganz begeistert und strahlte uns groß an. Kurzerhand schlüpften sie und ihr Mann aus ihren Schuhen und liefen beschwingt barfuß weiter.

 

Wie viele Leute tun es euch denn schon gleich und sind barfuß unterwegs?

Immer mehr! Gerade bei den Touren aus unseren Buch sind uns schon viele Barfußwanderer begegnet. Durch die vielen neu errichteten Barfußparks und die positiven Erfahrungsberichte in großen Tageszeitungen und Magazinen sind die Leute neugierig geworden und wollen das Barfußlaufen in der freien Natur auch einmal ausprobieren. Aber Vorsicht: Barfußlaufen macht süchtig!

 

4-Seasons Info
 

Eduard und Sigrid Soeffker

 

Eduard, geboren 1969, und Sigrid Soeffker, Jahrgang 1973, sind in München geboren und als »Schuhwanderer« aufgewachsen. Mittlerweile leben der Jurist und die Handelsfachwirtin im Pfaffenwinkel. Von hier aus sind sie seit vielen Jahren barfuß unterwegs - immer auf der Suche nach neuen Barfußtouren und Barfußparks.

 

Im Bergverlag Rother sind bisher erschienen:

Barfußwandern: Münchner Berge und Alpenvorland
28 abwechslungsreiche Barfußausflüge, darunter sieben Barfußparks, zwischen Pfronten und dem Chiemgau - für Familien und alle Naturverbundenen, über weiche Wald- und Wiesenpfade, sonnige Erd- und Bohlenwege, durch kühle Bäche und federnde Moore zu herrlichen Almen, Grasgipfeln und Wasserfällen.

 

Erlebniswandern mit Kindern Münchner Berge
Wandern mit Kindern ist Leben und Abenteuer, ist Freude an der Bewegung, Action, Spannung und Ausgelassenheit. Die Touren müssen jedoch kindgerecht und abwechslungsreich sein und immer etwas Besonderes bieten – genau wie die Vorschläge in diesem Wanderbuch. 30 erlebnisreiche, von Kindern getestete Wanderungen für die ganze Familie.

 

Erlebniswandern mit Kindern im Münchner Umland
Für Familien mit Kindern gibt es im Münchner Umland viel zu entdecken. Ob im Norden, Süden, Westen oder im Osten – überall warten spannende Ziele auf Groß und Klein, oft gepaart mit herrlichen Blicken in die nahen Berge. 30 erlebnisreiche, von Kindern getestete Wanderungen für die ganze Familie.

 
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