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Ausrüstungsberatung: Wintercamping

Foto: Archiv Markus Gruner
Eine Winternacht im Freien gilt unter Outdoorern als Königsdisziplin. Gut vorbereitet ist halb gewonnen, und das Equipment macht den Rest. Das zeigt die Ausrüstungsliste von Markus Gruner für Silvester unter dem Sternenhimmel der Sächsischen Schweiz.

Markus, mich fröstelt schon bei einstelligen Temperaturen. Soll ich Winterzelten wagen?

Na klar! Die Luft ist klar, die Wälder tief verschneit. Die Landschaft zeigt sich in einem neuen Licht, und du hast sie oft für dich allein – willst du das verpassen? ­Außerdem bieten Schnee und Eis ganz ­andere Möglichkeiten, sich zu bewegen: Mit Ski gleitest du durch die Landschaft, mit Schneeschuhen wird Tiefschnee zum ­Vergnügen. Und frösteln musst du nicht. Die Inuit sagen: Wer friert, ist entweder faul, weil er sich nicht bewegt, oder dumm, weil er sich falsch anzieht.

Dann lass uns schlau packen. Wird es eine Materialschlacht, wenn du Silvester unter den Sternen verbringst?

Der Zauber einer Winternacht im sächsischen Fichtendickicht. | Foto: Archiv Markus Gruner
Man könnte mit einem 45-Liter-Rucksack ein Wintercamp angehen. Aber ich nehme lieber etwas mehr mit, weil ich’s komfor­tabel mag. Und: Im Gegensatz zum Ultralight-Trend im Sommer ist Wintercamping eine gewichtige Angelegenheit. Weil sich das Gepäck darin bequem verstauen lässt und man den Schnee damit ausnutzen kann, bin ich mit einem Pulka unterwegs. Das ist ein leichter und trotzdem robuster Lastenschlitten. Auf zwei Kufen sitzt eine Plastikwanne fürs Gepäck – 50 Kilo sind ein realistischer Wert. Der Pulka ist mit dir als »Zugpferd« über ein festes Gestänge verbunden. Daran schließt ein gepols­terter ­Zuggürtel – ähnlich dem Hüftgurt eines Rucksacks – mit Schulterriemen an. Durch die starre Verbindung folgt der Pulka sehr ­direkt und rutscht dir bei einer Abfahrt nicht in die Hacken. Das Beste an meinem Pulka: Sein Kufenabstand entspricht der Spurweite klassischer Loipen.

Gehst du also auf Ski?

Auf gewalzten Winterwanderwegen könntest du nur in Wanderstiefeln gehen, im Tiefschnee bräuchtest du Schneeschuhe. Aber für mich sind Ski in Verbindung mit einem Pulka das optimale Fortbewegungsmittel. Für den Anfang könntest du es mit klassischen Langlaufski versuchen. Für anspruchsvolleres Gelände ­bedarf es spezieller Backcountry-Ski mit Stahlkante. In jedem Fall solltest du längenverstellbare Stöcke mit Schneetellern mitnehmen, sie geben Halt und unterstützen den ­Vortrieb.

Vortrieb – jetzt verstehe ich, was die Inuit mit wärmender Bewegung meinen … 

Das Temperaturmanagement hängt von der Aktivität ab: Bewegst du dich, benötigst du eher atmungsaktive als wärmende Klamotten. Sitzt du rum, brauchst du eine Isolationsschicht. Wichtig ist, während des gesamten Tags die goldene Mitte zu finden. Denn wenn du schwitzt, werden deine unteren Bekleidungsschichten feucht,was wiederum das Frieren in Ruhephasen fördert. Du brauchst also Temperatur­ausgleich, und dabei hilft dir das Zwiebelprinzip mit Funktionsbekleidung.

Auf welches Material setzt du dabei?

Foto: Globetrotter Ausrüstung
Sowohl bei der Unterwäsche als auch bei den direkt darüberliegenden Schichten
trage ich am liebsten Merinowolle, weil sie ein angenehmes Klima erzeugt und nicht so schnell müffelt. Dabei variiere ich die Gewebe­stärke: An einem eisigen Tag ziehe ich ein 200er- und ein 400er-Shirt über­einander. Wird es zu warm, entblättere ich mich. ­Dieses Merino-Schichtenprinzip wende ich vom Pullover bis zu den Socken an.

Wie bekommst du feucht geschwitzte Socken und Schuhe wieder trocken?

So weit lasse ich es gar nicht erst kommen: durch eine Dampfsperre an den Füßen.

Eine Dampfsperre an den Füßen? Wie funktioniert das?

Um etwas zu trocknen, bleibt beim Zelten im Winter nur der Schlafsack als Wärme­kammer. Den will ich mir aber nicht mit Skistiefeln teilen. Also ziehe ich über ganz dünne Merinosocken jeweils einen Gefrierbeutel à sechs Liter und darüber gegebenenfalls weitere Socken. Das Plastik ­verhindert, dass Schwitzfeuchtigkeit in die äußeren Socken und die Schuhe gelangt. Und die dünnen Merinosocken trocknen nachts problemlos im Schlafsack.

Was ziehst du am Oberkörper über die Merinoschichten?

Bei Bedarf eine wattierte Jacke, wobei ich auf eine Kunstfaserisolierung setze. Die wärmt im Gegensatz zu Daune auch in feuchtem Zustand, also auch wenn man in Bewegung ist und dabei schwitzt.

Und als äußerste Schicht?

Wenn es das Wetter erfordert, etwa bei Schneeregen, ziehe ich eine Hardshell­jacke drüber. Die muss sehr robust sein, da die
Beanspruchung bei Kälte höher ist. Da auch die beste Membran im Winter schlechter ­atmet, sind Belüftungsreiß­verschlüsse ­unerlässlich. Die Kapuze sollte sich an die Kopfform anpassen lassen. Dadurch staut sich vor dem Gesicht Luft – in der Physik spricht man von einer stehenden Welle – und bildet ein Isolationspolster, das dein Gesicht vor ­Kälte schützt. Die Überhose sollte Gamaschen und einen Schneefang haben. Außerdem lange seitliche Reiß­verschlüsse, um das An- und Ausziehen mit Schuhen zu erleichtern.

Genügt also die Kapuze, um das Gesicht und den Kopf warm zu halten?

Ich habe zusätzlich Mundschutz, Mützen und Sturm­haube dabei, die ich nach Bedarf kombiniere. Am schnellsten frieren die Hände, daher nehme ich mehrere Paar Handschuhe mit.

 

Zur Packliste von Markus für Silvester unterm Sternenhimmel ...

 

Trägst du wirklich mehrere Mützen und Handschuhe übereinander?

Nein, das Prinzip ist ein anderes. Erstens geht es mir um Redundanz, denn wenn etwa die Handschuhe verloren gehen und du kein zweites Paar dabeihast, ist das kein Spaß, da drohen ernsthafte Erfrierungen an den Fingern. Und zum Zweiten nutze ich die doppelten Produkte zum Wechseln, wenn etwa die Sturmhaube nass geschwitzt ist. Nachts trockne ich dann alles wieder im Schlafsack.

Gretchenfrage: Fingerhandschuhe oder Fäustlinge?

Mit Fingerhandschuhen hast du mehr Gefühl, etwa beim Einführen von Zeltstangen oder beim Kocheranzünden. Andererseits halten Fäustlinge viel besser warm. Ich ­benutze beide Arten, je nach Situation und Wetter. Wärmstens empfehlen kann ich den Fingerhandschuh »Super Alpine Glove« von Mountain Equipment. Seine griffige Handinnenfläche vermittelt enorm gutes Fingerspitzengefühl. Übrigens trage ich auch an den Händen als unterste Lage dünne Merinohandschuhe, die dann zum Trocknen in den Schlafsack kommen.

Somit sind wir beim Nachtlager angekommen. Friert man abends am Camp nicht am meisten?

Mit guter Wärmekleidung sollte das kein Problem sein. Aber auch die dicksten ­Dinger sind nur passive Wärmer. Wenn du beim Anziehen bereits ausgekühlt bist, bringen sie wenig. Du könntest also vor dem Umziehen noch schnell ein paar ­Runden ums Lager joggen. Dann ganz schnell Hardshell ausziehen und rein in die Daunenkombi. Am Camp bewege ich mich wenig, deswegen bevorzuge ich dort die noch bessere Isolierung von Daune im ­Vergleich mit Kunstfaser.

Braucht man im deutschen Winter wirklich eine Daunenkombi?

Meist genügt es, unter die Hardshelllage eine wattierte Jacke und Hose zu ziehen. Für die Silvestertour packen wir uns aber richtig warm ein, denn wir wollen ja Mitternacht draußen erleben.

Was macht einen guten Zeltplatz aus?

Er sollte schön gelegen und windgeschützt sein. Der Schnee sollte etwas verfestigt sein, aber nicht blankes Eis. Ohne Schnee wird es schwer, denn in gefrorenen Boden bekommst du keinen Hering. Mit Ski oder Schneeschuhen wird eine Fläche platt­getrampelt. Dann wird das Zelt aufgebaut.

Kann ich mein Sommerzelt benutzen? 

Davon rate ich ab. Winterzelte unterscheiden sich in wichtigen Details von Sommermodellen. Sie sind stabiler, um auch Schneelasten standzuhalten. Lüftungsschlitze lassen sich komplett verschließen. Das Außenzelt reicht bis zum Boden und verfügt im besten Fall über Snowflaps, die sich mit Schnee beschweren lassen, damit kein Wind unter die Außenhaut fährt. ­Winterzelte bieten viel Platz für das ­gesamte Equipment, haben eine große ­Apsis. Außerdem lassen sich bei Wintermodellen die Innenzelte komplett ab­dichten, damit kein Schneegriesel durch ­Moskitonetze eindringt.

 

Markus Gruner ...


... (30) ist seit einer gefühlten Ewigkeit Kunde bei Globetrotter. 2011 wechselte er die Seiten und verkauft seitdem in der Dresdener Filiale Boote und Ski. Er hat verschiedenste Wintertouren absolviert. Seine komplette Packliste für die Silvesternacht im Freien gibt’s hier..

 

 

Wie spannst du das Zelt ab?

Zunächst einmal ist es mir wichtig, dass ich kein anderweitig benötigtes Equipment als Fixpunkt zweckentfremde, wie zum Beispiel die Schneeschaufel. Ich arbeite bestenfalls nur mit Schneeheringen und Schnee­ankern. Wobei ich bei den Ankern eine Superleicht-Lösung gefunden habe: reißfeste Plastikbeutel, die ich mit Schnee fülle und vergrabe. An der Seite des Zelts, die dem Wind zugewandt ist, kommt die jeweils stabilere Lösung zum Einsatz, also Anker bei weichem Schnee und Heringe bei Hartschnee.

Das Zelt steht. Richten wir es ein!

Im gesamten Innenzelt breite ich eine große Schaumstoff-Isomatte aus. ­Darauf wird dann das Herzstück jeder Winter­übernachtung gelegt: Die Isomatte ist für mich der wichtigste aller Ausrüstungs­gegenstände, denn kalt wird es als ­Erstes von unten. Ich schwöre auf daunengefüllte Luftmatratzen wie die »Downmat 9« von Exped, und dann auch gleich in der größten Ausführung. Die Kombination
aus Luftpolsterung und ­Füllung ergibt ­besonderen Liegekomfort mit höchster ­Isolierleistung. 

Was zeichnet für dich den richtigen Schlafsack aus?

Foto: Globetrotter Ausrüstung
Beim Kauf muss man darauf achten, dass die Größe des Schlafsacks zu der
Körpergröße und dem Gewicht passt, denn zierliche Menschen frieren schneller. Den vom Hersteller angegebenen Temperaturbereich muss man mit Geschlecht und dem Kälteempfinden abstimmen, denn das ist höchst ­individuell. Ähnlich wie mit der Gefriertüten-Dampfsperre beim Schuh ziehe ich auch in den Schlafsack eine ­Zwischenschicht ein. Denn die ­Körperfeuchtigkeit steigt in die Daune des Schlafsacks. Irgendwo in der Füllung ­befindet sich der Taupunkt, das heißt: Dein Schweiß gefriert an den Daunen und beeinträchtigt die Isolierwirkung. Mit einem Dampfsperren-Inlett wie dem »Exped VBL-Linerbag« verhindere ich das.

Und du stehst am Morgen durchnässt auf? 

Natürlich komme ich feuchter aus dem Schlafsack, aber das trocknet schnell. Ich trage auch während des Schlafens Merino-Baselayer inklusive Socken, sodass ich auf der Haut ein angenehmes Gefühl habe.

Kann man mehrere Schlafsäcke übereinanderziehen, um eine höhere Wärmeleistung zu erzielen?

Im Prinzip ja. Der äußere Schlafsack muss jedoch groß genug sein, um dich mitsamt dem inneren aufzunehmen. Und bei einer ­Kombination von Daune und Kunstfaser sollte der Synthetikschlafsack außen sein. Dann liegt der Taupunkt im Kunst­faser-gewebe, das viel besser mit Feuchtigkeit  zurechtkommt als Daune.

Wie schlüpft der Experte in den Schlafsack?

Möglichst schnell und möglichst nicht in ausgekühltem Zustand, denn auch der Schlafsack wärmt nur passiv. Noch ein Tipp gegen nächtliches Frieren: Wenn ich am Abend mein Essen bereite, koche ich immer einen Liter Wasser mehr. Das fülle ich in eine Flasche und deponiere sie im Fußteil des Schlafsacks – als Wärm­flasche. Außerdem habe ich so am Morgen lauwarmes Wasser fürs Müsli.

Was gibt es bei deinen Wintertouren zu essen? Wie wird unser Silvestermenü?

Beim Kochen beschränke ich mich im Winter auf ­Tütengerichte. Wasser ist
dank des Schnees immer in der Nähe, aber er muss mit dem Kocher geschmolzen ­werden. Deswegen verbraucht man deutlich mehr Brennstoff als im Sommer. Im Winter verwende ich Benzin, da es auch bei Kälte genug Leistung bringt. Den
Kocher versuche ich nur einmal am Tag aufzubauen. In Isolierflaschen halte ich ­erwärmtes ­Wasser vorrätig. Wichtig ist, den Kocher auf eine Unterlage zu stellen, sonst sinkt er samt Topf in den Schnee.

Gibt es weitere Besonderheiten zu beachten, wie man mit seinem Körper umgehen sollte?

Durch die Kälte trocknet die Haut aus. Das Pulka-Zuggeschirr kann Scheuerstellen ­bilden. Deshalb benutze ich frühzeitig Fettcreme. Körperpflege fährt man auf ein Minimum zurück. Feuchttücher genügen, denn man schwitzt weniger als im Sommer. Wichtig ist, auf den Körper zu hören. Ob Hunger, Toilettengang oder Leistungsgrenze, das muss man frühzeitig erkennen. 

Was mache ich, wenn etwas kaputtgeht?

Markus in Motion. Am liebsten mit Ski und Pulka. In dem Lastschlitten dürfen auch mal die Kinder mitfahren. | Foto: Archiv Markus Gruner
Das kann im Winter das Ende der Tour ­bedeuten. Hat man etwa einen Schlafsack, der nicht fürs Biwakieren geeignet ist, kann man bei einem gebrochenen ­Zeltgestänge nicht einfach mit einem Tarp improvisieren. Deswegen habe ich
Reparaturequipment mit, das nicht immer lebensnotwendig ist, aber zumindest den Komfort rettet. Mit den Reparaturhülsen von Tatonka schient man eine gebrochene Zeltstange. Multitool, Nähzeug, Karabiner, Kabelbinder, ein paar Schnüre und Spanngurte kann man immer gebrauchen.

Jetzt bin ich super ausgerüstet für die Silves­ternacht. Fehlt nur noch meine Freundin – wie überrede ich die?

Zeig ihr, dass eine Wintertour nicht zwangsläufig Komfortverlust bedeutet. Ich gebe ihr bei solchen Touren stets mein ­bestes Equipment. Aber du solltest auch ihre ­Bedenken ernst nehmen. Kälte­empfinden ist höchst subjektiv. Die Tour sollte auf euch beide zugeschnitten sein. Im Winter muss man sportliche Ziele zurückstecken. Wenn du das beachtest, wird es für alle ein unvergesslicher Start ins neue Jahr.

 
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