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Ausrüstungsberatung: Wandern

Tipps für Einsteiger und Wiedereinsteiger. Des Müllers Lust – das klingt verlockend. Aber was braucht man eigentlich zum Wandern? Die Globetrotter-Expertin Nadja Böhnke* erklärt die Basics der Volksbewegung: bei ihrer Ausrüstungsberatung für eine gemütliche Tagestour.

Nadja, nun bin ich bei dir in München, ihr habt die Berge gleich vor der Haustür. Am Wochenende möchte ich mal wandern gehen. Dein Tourentipp?

Letztens bin ich mit Globetrotter-Kollegen auf den Heimgarten gewandert. Dieser Berg ist in einer Stunde per Zug erreichbar und gut machbar mit normaler Kondition.

Was soll ich anziehen? Geht mein T-Shirt?

Ich trage beim Losgehen getreu dem ­Zwiebelprinzip meist drei Schichten: Top, T-Shirt, Softshelljacke. Softshell bedeutet: mehr oder weniger winddicht und wasser­abweisend. Das Material ist weich und ­elastisch. Als wir am Sonntag losliefen, waren es 23 Grad. Nach 15 Minuten habe ich die Jacke ausgezogen, nach einer weiteren Viertelstunde das T-Shirt.

Noch Fragen? Hier geht's zur Packliste.

Klingt nach viel Umzieherei. Kann ich die warmen Sachen bei einer Sommerwanderung nicht zu Hause lassen?

Das Wetter kann schnell umschlagen. Gerade im Sommer entstehen in den Bergen oft heftige Schauer oder Gewitter. Deshalb packe ich sogar eine Hardshelljacke ein.

Was kann die Hardshelljacke im Unterschied zur Softshell?

Die Hardshelljacke ist wirklich wasserdicht und hält jedem Regen stand.

Verstanden. Was gibt’s beim T-Shirt zu beachten?

Das Material! Baumwoll-T-Shirts sind schnell nass und bleiben es lange. Also ­lieber ein Funktionsshirt aus Kunstfaser oder mit einem Anteil an Merinowolle. Die wärmt auch, wenn sie nass ist; feine Merinowolle trocknet schneller als Baumwolle und riecht nicht so schnell wie Kunstfaser.

Und zum Thema Top ein Tipp von Frau zu Frau?

Ein Top wie das Marmot Vogue Tank besteht zu 92 Prozent aus Nylon und zu acht Prozent aus Elasthan. Es ist also strapazierfähig, dehnbar und trocknet schnell.

Muss ich mich morgens entscheiden, ob ich mit langer oder kurzer Hose wandern möchte?

Nein, denn es gibt sogenannte Zipphosen. Da sind die Hosenbeine mit Reißverschlüssen befestigt, sodass man in Nullkommanix die lange Hose in eine Caprihose oder Shorts verwandelt. Manche Leute stört das leichte Scheuern der Reißverschlüsse auf den Oberschenkeln. Auch ich habe am Heimgarten lieber die bequeme Houdini Gravity Shorts ­getragen und eine Trekkinghose drüber. Als es dann zu warm wurde, habe ich die lange Hose ausgezogen.

Trekking klingt nach Hardcorewandern. Was macht eine Hose zur Trekkinghose?

Nadja an der »Schlüsselstelle« des Heimgarten-Aufstiegs. | Foto: Archiv Nadja

Die Fjällräven Skare Trousers ist wind- und wasserabweisend. Außerdem ist sie an den Knien und Schienbeinen verstärkt. Da kann man mal am Fels entlangrutschen, ohne dass es gleich ein Loch reißt.

Braucht man dann überhaupt eine Regenhose?

Im Herbst oder Frühling nehme ich zusätzlich eine wasserdichte Überhose mit, weil Regen und Wind kalt sein können. Aber bei Sommerregen mache ich es wie die Neuseeländer: Sie tragen dann kurze Hosen, weil die ratzfatz wieder trocken sind.

Zeig her deine Schuhe! Gehst du da auch Kiwi-Style?

Hey, keine Witze bitte! Die Schuhe beim ­Wandern sind ein ernstes Thema. Gerade Leute, die eher wenig wandern, ziehen ­mit Turnschuhen los und verletzen sich prompt, weil sie umknicken oder abrutschen. Andererseits möchte ich flache oder mittelhohe Schuhe nicht völlig verdammen, für trittsichere Wanderer oder auf ebenen Wegen können die durchaus eine gute Wahl sein. Ich persönlich neige zum Umknicken und brauche deshalb ­relativ feste Stiefel wie den Lowa Tibet LL. Der hat eine recht harte ­Sohle, die auch auf Steinen und Wurzeln Stabilität und ­Sicherheit verleiht. Manche Leicht-Hikingschuhe haben eine eher ­weiche Sohle, da drücken Unebenheiten des Bodens durch, was ich auf die Dauer ­anstrengend und ­unangenehm finde.

4-Seasons Info

Wandertour auf den Heimgarten (1791m)
Brotzeit auf 1791 Meter Höhe. | Foto: Nadja Böhnke

  • Anfahrt: Mit dem Zug von München Richtung Garmisch-Partenkirchen fahren und in Ohlstadt aussteigen. Günstig (22 € und 4 € für jede weitere Person) ist das mit dem Bayernticket der Deutschen Bahn.
  • Startpunkt: Ca. 1km oberhalb des Ortszentrums, am Wanderparkplatz an der Kaltwasserlaine.
  • Tourdaten: Gehzeit insgesamt 6 Std. Von Ohlstadt zum Heimgarten läuft man 3 Std., Heimgarten – Rauheck – Wankhütte 1 3/4 Std., Wankhütte – Ohlstadt 1 1/4 Std.
  • Höhenunterschied: 1100 m.
  • Anforderungen: Wenig schwierige, schön abwechslungsreiche Runde.
  • Beste Zeit: Sommer und Herbst.
  • Pausenstopps: Heimgartenhütte (1785 m), bewirtschaftet von Mitte Mai bis Mitte Oktober.
  • Literatur: Eugen E. Hüsler: Isarwinkel. Bad Tölz – Lenggries – Kochel. 50 Touren. Bergverlag Rother. 6. Auflage 2012. 12,90 €. Globetrotter-Bestellnummer: 15.33.98.

Wandern, Trekking, Hiking – ich wollte doch einfach nur mal auf ’nen Berg …

Entschuldige, ich will dich nicht verwirren. Aber bei der Schuhwahl solltest du wirklich auf den Einsatzbereich achten. Grundsatz: je holpriger der Weg und je schwerer das Gepäck, desto stabiler die Schuhe. ­Hikingmodelle sind für eher einfache ­Wanderungen mit leichtem Gepäck, ­Wanderstiefel für zwei- bis dreitägige ­Touren mit entsprechend schwererem Rucksack, Trekkingstiefel wie meine Lowa Tibet LL eigentlich für Mehrtages­touren. Aber: Auch die persönlichen ­Vorlieben und Bedürfnisse spielen eine Rolle. Und weil ich es gerne stabil mag, nehme ich die Schuhe lieber eine Nummer fester.

Gibt’s auch spezielle Wandersocken oder genügen meine Sportsocken?

Die Wandersocken von Falke sind an den Fersen und an Zehen verstärkt. Kann ich nur empfehlen. Ich habe sie in verschiedenen Stärken: leichtere für den Sommer, dickere für Herbst und Frühling.

Sind eigentlich Wanderschuhe grundsätzlich wasserdicht?

Es gibt solche und solche. Im ­Sommer braucht man keine wasserdichte Membran wie Gore-Tex im Schuh; sonst schwitzt man zu sehr. Deswegen möchte ich mir jetzt einen neuen, nicht wasserdichten Sommertrekkingstiefel kaufen, den Maruia von Lowa. Für Herbst und Frühjahr empfehle ich aber Hikingschuhe mit Gore-Tex.

Warum schon wieder ein Schuh von Lowa?

Jede Marke hat ihre eigenen Leisten, mit denen der Schuh geformt wird. Ich habe viele Schuhe anprobiert und in Lowa meine Schuhmarke gefunden, die mir perfekt passt. Das ist aber bei jedem anders, da jeder eine andere Fußform hat.

Wie finde ich meine Marke und mein Modell?

Anprobieren und im Laden probelaufen. So spürst du auch die Unterschiede beim Material des Schuhschafts.

Sind Wanderschuhe nicht grundsätzlich aus Leder?

Nicht zwangsläufig. Es gibt auch Modelle mit mehr oder weniger Synthetikgewebe. Ich mag Lederschuhe, da sie ein natürliches Klima im Schuh erzeugen und lange halten. Allerdings brauchen sie lange zum Trocknen, wenn sie mal nass sind.

Und dann sitzt du mit diesen schweren Lederbotten auch im Zug?

Dafür nehme ich zusätzlich superleichte Schuhe mit, in die man barfuß schlüpfen kann. So können die Füße nach einer ­langen Wanderung aufatmen.

Und die 320 Gramm Zusatzgewicht machen den Rucksack nicht fett.

Apropos! Worauf achtest du beim Rucksack?

Wichtigste Frage: das Volumen. 20 Liter sollten für eine Tageswanderung genügen.  Mir ist es wichtig, den Rucksack – und demzufolge das Gewicht – eng am Körper zu haben. Damit ist der Schwerpunkt direkt an meinem Rücken und bringt mich nicht so leicht aus dem Gleichgewicht. Nachteil ist die schlechtere Belüftung, weil zwischen Rücken und Packsack die Luft nicht zirkulieren kann. Aber ich fühle mich so sicherer. Der Deuter Speed Lite 20 ist außerdem superleicht und hat trotzdem viele Befestigungsmöglichkeiten, etwa
die Kompressionsriemen. Sie leisten gute Dienste, wenn man eine Trinkflasche oder Trekkingstöcke festzurren möchte. Ansons­ten ist der Rucksack minimalis­tisch: Wertfach, Hauptfach, das war’s.

Du hast Stöcke dabei. Müssen die sein?

Müssen nicht. Aber es ist besser für die Gelenke, denn Wanderstöcke nehmen bis zu 30 Prozent des Körpergewichts von den Knien. Ich merke das vor allem beim ­Bergruntergehen, am Heimgarten waren es über 1000 Höhenmeter … Im Mittelgebirge braucht man Stöcke nicht unbedingt.

Schuhe, Hose, Hemd, Jacke, Rucksack, Stöcke – somit bin ich für den Heimgarten gerüstet, oder?

Karibische Aussichten auf den Walchensee. | Foto: Nadja Böhnke

Nicht so schnell! Bei einer Wanderung im Gebirge darf die Notfallausrüstung nicht fehlen. Sie besteht bei mir aus einem Erste-Hilfe-Päckchen, meinem Biwaksack und meinem Kompass, alles in einem ­wasserdichten Sack verpackt.

Ein vollständiges Erste-Hilfe-Set? Genügen nicht auch ein paar Pflaster?

Nein, Pflaster allein wären geradezu ­fahrlässig. Denn man ist ja meistens weit weg von der nächsten Straße und von schneller ­Hilfe. Wenn man zu zweit auf ­einer Eintagestour unterwegs ist, reicht das Tatonka First Aid ­Compact, das ist
für zwei ­Personen ausgelegt. Bei ­längeren ­Touren in dünn besiedelten ­Gegenden nimmt man auch zu zweit das größere Set. Das Tatonka First Aid Advance hat noch ­einige Extras wie ein ­Fieberthermometer. Das braucht man auf einer Tagestour ­natürlich nicht.

Wozu benötigt man bei einer Eintagestour einen Biwaksack? Am Abend möchte ich ja wieder zu Hause sein ...

Der ist ganz klein, nur so groß wie meine Faust. Er ist eine Art Rettungsdecke, die als Sack konzipiert wurde. Wenn es abgelegene Gebiete sind, ist es nicht verkehrt, den dabeizuhaben. In Notfallsituationen kann man den Verletzten darin vor Auskühlungen schützen.

Und wozu den Kompass? Kann ich mich am Heimgarten verlaufen?

Der Kompass ist ebenfalls nur für Notfälle, sollte zum Beispiel Nebel aufziehen. Aber ruhig Blut: Es ist mir fast noch nie passiert, dass ich mich aus so einer Notlage herausnavigieren musste. Der Heimgarten ist gespickt mit Wegweisern, die Pfade sind gut erkennbar. Und eine Karte nimmst du ja auch mit.

Und wenn ich mich doch verlaufe und in die Dunkelheit gerate?

Für solche Fälle hast du immer eine ­Stirnlampe im Rucksack. Mir ist es mal bei einer Herbsttour passiert, dass ich meinen Fotoapparat liegen lassen habe. 150 Höhenmeter später fiel es mir auf. Also musste ich wieder hoch- und wieder runter­gehen. Letztendlich sind wir im Dunkeln abgestiegen. Seitdem ist die Stirnlampe ein Muss. Man weiß nie …

Können wir mal über angenehme Dinge sprechen? Ich will schließlich am Gipfel eine richtig urige Brotzeit machen!

Immer schön auf den Wegen bleiben! | Foto: Archiv Nadja Böhnke

Zunächst einmal solltest du genug zu ­trinken mitnehmen, gerade jetzt im ­Sommer. Ich empfehle zwei Einliter­flaschen. Die Nalgene hat eine weite ­Öffnung, damit kann man sie schnell ­auffüllen, und es gibt einen Trinkeinsatz, den man in den Flaschenhals clippt. Studenten­futter ist super für zwischendurch, damit sowohl dein Körper als auch dein Geist – Stichwort: Konzentration – stets genug Energie bekommen. Am Gipfel ist es dir dann selbst überlassen, ob du in der Heimgartenhütte einkehrst oder eine ­mitgebrachte Brotzeit genießt.

Da leistet mir mein cooles Schweizer ­Messer sicher gute Dienste!

Kannst du mitnehmen, wenn du möchtest, aber die meisten Funktionen wirst du ­während einer Eintagestour gar nicht ­benötigen. Ein einfaches, scharfes Klappmesser reicht vollkommen, um Brot und Käsestückchen zu schneiden. Und apropos Verpflegung: Da kommt bei mir immer auch eine Tafel Ritter Sport mit in den Rucksack. Da sie richtig verschweißt ist, kann man sie auch mal in den kühlen Bach ­legen, wenn sie aufgeweicht ist. Das geht bei anderen Schokolade-Marken nicht so einfach.

 

4-Seasons Info

Checkliste für die Wanderung

Ob Heimgarten oder Mittelgebirge – diese Tipps der Alpenvereine sind für alle Wanderer wichtig:

  • Gesund in die Berge: Die Belastung für Herz und Kreislauf setzt Gesundheit voraus. Wählen Sie das Tempo so, dass niemand außer Atem kommt.
  • Sorgfältige Planung: Wanderkarten, Führerliteratur, Internet und Experten informieren über Länge, Höhendifferenz, Schwierigkeit und die aktuellen Verhältnisse. Achten Sie besonders auf den Wetterbericht, da Regen, Wind und Kälte das Unfallrisiko erhöhen.
  • Vollständige Ausrüstung: Regen-, Kälte- und Sonnenschutz gehören in den Rucksack, ebenso Erste-Hilfe-Set und Handy (Euro-Notruf 112).
  • Auf markierten Wegen bleiben: Im weglosen Gelände steigt das Risiko für Orientierungsverlust, Absturz und Steinschlag.
  • Regelmäßige Pausen: Essen und Trinken sind notwendig, um Leistungsfähigkeit und Konzentration zu erhalten.
  • Verantwortung für Kinder: Beachten Sie, dass Abwechslung und spielerisches Erleben für Kinder im Vordergrund stehen! Touren, die lang anhaltende Konzentration erfordern, sind für Kinder nicht geeignet.
  • Respekt für Natur und Umwelt: Keine Abfälle hinterlassen, Lärm vermeiden, Pflanzen unberührt lassen, Schutzgebiete respektieren.
     
 
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