präsentiert von:

Ausrüstungsberatung: Auf Kanutour in Schweden

Foto: 4-Seasons/Martin Haag
Nicht ohne Grund galt das Kanu schon als »Lkw der Indianer«. Wer die Packliste von Volker Detlefsen für seine einwöchige Tour auf dem schwedischen Åsnen-See studiert, kommt aus dem Staunen nicht heraus. 

Volker, andere Outdoorsportler sparen jedes Gramm — du verlädst Töpfe, Sprühsahne und eine Isomatte, die allein 2,5 Kilo wiegt. Wie geht das denn? 

Volker Detlefsen, 52, arbeitet seit 1991 bei Globetrotter Ausrüstung. In der Filiale Hamburg leitet er die Kanuabteilung. | Foto: Martin Haag

Tja, das ist der Unterschied zwischen Rucksacktour und Kanutour: Ein Boot fasst eine Menge Gepäck, ohne dass es dabei merklich langsamer oder weniger wendig wird. Das prägt die Kultur der Kanufahrer. Man trägt das Gepäck vom Auto zum Boot, paddel­t ein paar Stunden, entdeckt einen schönen Zeltplatz und lande­t an. Der Weg ist das Ziel und das Camp genauso wichtig wie das Paddeln selbst, also nehme ich auch viele schöne Dinge mit. Die Sprüh­sahne brauche ich zum Beispiel für den Lumumb­a, mein bevorzugtes Lagerfeuer­getränk. Lumumba ist Pflicht!

 

Hier geht's zu Volkers ausführlicher Packliste für die Åsnen-Tour.

Du packst für eine mehrtägige Tour auf dem Åsnen, einem großen See im schwedischen Småland. Warum gefällt es dir dort so gut?

Von Hamburg sind es zwar acht Stunden Autofahr­t, aber dafür bietet der Åsnen alles, was Paddeln in Skandinavien ausmacht: Einsamkeit, Natur und eine abwechslungsreiche Wasserwelt mit Inseln und Buchten. Man hat Wildnis-Feeling, aber trotzdem eine gute Infrastruktur. Als Startpunkt empfehle ich das Dorf Getnö, hier kann man einkaufen und am Zeltplatz alle­s vorbereiten. Unterwegs darf man gegen eine kleine Gebühr die ausgewiesenen Lager­plätze benutzen. Dort gibt’s Feuerholz, Sägen und sogar Toiletten. Deshalb ist der Åsnen auch ideal für Wildnis-Einsteiger und Familientouren. In einer Woche Urlaub lässt sich hier ein großes Abenteuer erleben.

Gilt in Schweden nicht das Jedermannsrecht, wonac­h man überall zelten darf?

Kreuzfahrt ohne Gepäcklimit: Ins Kanu passt mehr, als man braucht. | Foto: Thomas Rathay
Es gilt nicht für größere Gruppen. Paddeln ist ohnehin kein typischer Solosport. Ich bin meist mit Freunden oder Familie unterwegs und paddle im Zweierkanadier.

Ist Paddeln auf einem See grund­sätzlich einfacher als auf einem Fluss? 

Technisch ist es einfacher, weil man nicht mit Strömungen oder Kehrwassern konfrontiert wird. Allerdings können sich auf weiten Seen bei Wind richtige Wellen aufbauen. Auf dem Åsnen bieten die Inseln aber Windschutz. Dafür sind die Ufer teils sehr flach und man muss manchmal mit seinem Kanu zwischen Uferfelsen rangieren.  

Wann ist die beste Zeit für die Tour?  

In Südschweden kann man von Frühjahr bis Herbst gut paddeln. Das Wetter ist etwa wie in Norddeutschland. Im Sommer liegt die Hochsaison, ich persönlich mag den Herbst: wenig los, keine Mücken mehr und jeden Abend ein wärmendes Lagerfeuer.  

Muss ich für so eine Tour einen Kanadier nehmen, oder geht auch ein Kajak? 

Reine Geschmackssache. Der Kanadier ist ein offenes Boot, in dem man sitzt oder kniet, gefahren wird mit Stechpaddeln und meist zu zweit. Das ist wunderbar unkompliziert: Gepäck rein — und los! Kajaks sind geschlossen und werden mit Doppelpaddel gefahren. Es gibt sie als Einer oder Zweier. Sie sind etwas schnittiger und schneller als Kanadier, fassen aber weniger Gepäck. Ich gehöre zur Kanadier-Fraktion, auch wenn ich gerne mal Kajaktouren mache.

 

Hier gibt's die Kaufberatung Kanu in bewegten Bildern

Welches Kanadiermodell nimmst du mit?

Meinen altgedienten Mad River Minstrel, der wird aber nicht mehr gebaut. Meine moderne Alternative wäre der Prospector 488 von Gatz, ein klassischer Zweierkanadier aus deutscher Produktion. Den gibt’s sogar in einer Leichtgewichtsversion aus Carbon.

Im Handbuch von Globetrotter und online finde­t man fast nur Reiseboote, die man aufpumpen oder zusammenbauen kann. Warum paddelst du einen Kanadier mit starrem Rumpf?

Luft- und Faltboote haben den Riesen­vorteil, dass man sie klein ver­packen kann. Das ist bei bestimmten Touren — etwa bei Anreise im Zug — unverzichtbar. Allerdings sind Reiseboote auch etwas teurer und pflegeintensiver, auch bei den Fahr­eigen­schaften muss man Kompromisse mache­n. Daher bevorzugen die meisten Paddler eine­n festen Rumpf, den sie dann auf dem Autodach transportieren. Wir verkaufen auch viele Festrumpfboote, nur sind diese nicht für den Versandhandel geeignet — deshal­b zeigen das Handbuch und der Webstore nur die Reiseboote, die wir auch ins Haus liefern können. Wer ein Festrumpfboot möcht­e, sollte in die Filiale kommen.

Die Filiale hat mehr Boote als der Katalog?

Genau. Das ergänzende Sortiment kann von Filiale zu Filiale variieren. Hier in Hamburg führe­n wir Festrumpfboote von Gatz, Prijon, Lettmann, Wenonah und Wilderness. Die Kunden können direkt am Shop zu Probetouren auf der Alster starten. Ander­e Filiale­n haben Testbecken. Am bes­ten vergleichen kann man aber beim Globeboot-Event, den jede Filiale jährlich veranstaltet.

 
4-Seasons Info
 

Basic Cooking mit Maître Detlefsen

Pfannkuchen
Teig anrühren (Mehl, Volleipulver, Wasser, Zucker, etwas Salz), die Pfanne heiß werden lassen, dann einen Schuss Albaöl zugeben und die Pfannkuchen nacheinander backen.
Zum Frühstück passen süße Pfannkuchen (fertigen Pfannkuchen z. B. mit Marmelade, Honig, Nutella oder Sprühsahne bestreichen). Bei deftigen Pfannkuchen kann man Zwiebeln, Gemüse, Wurst, Speck oder Käse direkt mit dem Teig in die Pfanne geben. Würzen etwa mit Oregano. Am besten direkt aus der Pfanne servieren und reihum essen.

Lumumba 
Wasser erhitzen, Kakaopulver (oder Ovomaltine) und Trockenmilchpulver unterrühren, dann etwas Rum zugeben und einrühren. In einen Becher füllen, mit Sprühsahne garnieren — und ab ans Lagerfeuer.

 

Okay, zurück zur Packliste. Wozu braucht man Wurfsack, Wasserschaufel und Anker?

»Ein kleiner Anker ermöglicht ein Mittagsschläfchen hinterm Schilfgürtel, wo einen kein Mensch stören kann.« | Bild: 4-Seasons

Der Wurfsack ist eigentlich ein Rettungsseil, dient aber auch als Abschlepp- und Wäscheleine. Mit der Wasserschaufel, seemännisch korrekt »Ösfass« genannt, wird man Wasser los, das Regen oder Wellen ins Boot befördert haben. Ein kleiner Anker ermöglicht ein Mittagsschläfchen hinterm Schilfgürtel, wo einen kein Mensch stört.

Du bist im Boot gut eingepackt und trägst auch eine Schwimmweste. Braucht man das, im Sommer ist es doch schön warm? 

Beim Paddeln gilt: »Dress for water, not for air!« Auch wenn Tourenpaddler selten kentern, muss man damit rechnen. Eine Motorbootwelle, eine fiese Windböe — und du liegst drin. Dann sollte man gegen Unter­kühlung geschützt sein, besonders, wenn das Ufer weiter weg ist. Die Schwimmweste gibt so viel Auftrieb, dass man die Hände frei hat und sich und anderen helfen kann.

Was ziehe ich also an auf einer Kanutour?

Neopren wärmt auch in nassem Zustand, daher ist es Standard für Paddelhosen, -socke­n und -schuhe; bei Kälte helfen auch Kappen und Handschuhe. Dazu trägt man eine wind- und wasserfeste Paddeljacke, darüber die Schwimmweste. Die Unterwäsche sollte aus Synthetik sein, nasse Baumwolle ist schwer und kühlt den Körper aus.

Die Paddeljacke sieht ja fast aus wie eine normale Funktionsjacke …

»Die Mutter aller Funktionsjacken ist die Paddeljacke – erfunden von den Inuit und ›Anorak‹ genannt.« | Bild: 4-Seasons

Die Paddeljacke ist sogar die Mutter aller Funktionsjacken — erfunden von den Inuit und ›Anorak‹ genannt.« Sie ist winddicht, wasser­dicht und atmungsaktiv, zudem auf die Bedürfnisse im Kanu abgestimmt: viel Bewegungsfreiheit für die Arme und kurzer Schnitt, damit sie nicht im Wasser hängt und durch den Kapillareffekt Feuchtigkeit zieht. Spezielle Bündchen schützen am Hals und an den Handgelenken vor Wassereinbruch.

 

Was ist bei einer Neoprenhose anders?  

Sie ist oben länger geschnitten und wärmt so auch die Nieren. Gesäß und Knie sind verstärkt. Eine feine Erfindung ist der Sitzschnitt: Die Hose ist so genäht, dass sie in der Paddelsitzposition faltenfrei und bequem anliegt. Okay, dafür sieht sie im Stehe­n meist nicht so sexy aus …

Und die Schwimmweste ist — nomen est omen — eine Weste, die halt schwimmt?

Auch, aber da steckt viel Know-how drin. Man unterscheidet Schwimmhilfen und Rettungswesten mit Kragen. Der Kragen ist etwas unbequem, dreht einen bewusstlosen Schwimmer aber automatisch auf den Rücke­n. Deshalb sollten Kinder bis zwölf Jahr­e immer Rettungswesten tragen, die wir auch in verschiedenen Kindergrößen anbieten. Ansonsten wählt man eine Schwimmhilfe, die zum Körpergewicht und zu den persönlichen Vorlieben passt: Seekajaker zum Beispiel wollen viele Taschen, weil sie nur selte­n anlanden und alles am Körper griffbereit sein soll. Wildwasserfahrer brauchen zusätzlichen Auftrieb und integrierte Bergegurte für Rettungsmanöver. Für den Åsnen reicht ein bequemes Touringmodell.

Du benutzt Holzpaddel. Ist das in der Hightech-Welt nicht etwas altmodisch?

Paddel aus Alu, Kunststoff, Carbon oder Kevlar sind leichter, aber ich will ja keine Weltrekorde aufstellen, sondern viele Stunde­n gemächlich damit arbeiten. Holz ist warm im Griff und hat einen natürlichen Flex, das mag ich. Man muss allerdings pfleglich damit umgehen, auch sollte eine ein­laminierte Kunststoffkante das Blatt schützen.

Wie sieht ein typischer Tag auf dem Åsnen aus?

Er beginnt mit Kaffee und Pfannkuchen, dann werden alle Spuren des Camps beseitigt. Gegen 10 Uhr paddeln wir los und sind dann — mit vielen Pausen — bis zum Nachmittag auf dem Wasser. Dann wird das nächste Camp errichtet, Feuerholz gesucht, gebadet, vielleicht noch etwas spazieren gegangen oder gepaddelt und schließlich gekocht. Der Abend klingt dann mit Lumumba am Lagerfeuer aus. Ein einfaches Leben.

Na ja, dein Zeltequipment klingt eher nach Luxus: Hilleberg Staika, Therm-a-Rest Luxury Map und ein extra dicker Daunenschlafsack …

»Wir verpacken das Equipment wasserdicht in Weithalstonnen und Packsäcken – da bekommt es weniger Nässe ab als bei einer Rucksacktour.« | Bild: 4-Seasons

Man gönnt sich ja sonst nichts. Das Staika kommt als freitragendes Kuppelzelt auch ohne Heringe aus. Ein Tunnelzelt, das nur mit fixen Heringen steht, ist auf steinigen Ufern oder auf Schären­inseln, die ja aus blankem Fels bestehen, von Nachteil. Für schlechtes Wetter habe ich ein Tarp in Reserve, unter dem wir kochen und Lumumba trinken. Ich werde oft gefragt, ob beim Paddeln ein Kunstfaserschlafsack nicht besser wäre, weil der mehr Feuchtigkeit verträgt. Aber wir ver­packen ja das komplette Equipment wasserdicht in Weithalstonnen und Packsäcken – da bekommt es weniger Nässe ab als bei einer Rucksacktour.

Ist ein Wasserfilter Pflicht am Åsnen?

Nicht wirklich, viele trinken das Wasser unge­filtert. Aber ich muss ja nicht jedes Gramm zählen und filtere lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Auf Magen-Darm-Probleme kann ich auf Tour gut verzichten.

An Land trägst du ganz normale Outdoorklamotten?

Im Prinzip tausche ich nur Paddeljacke und Neo-Hose gegen die dritte Lage, also Regenjacke und Trekkinghose. Die Unterwäsche und die Wärmeschicht aus Fleece nutze ich auch im Boot. So bleibt der Kleiderschrank übersichtlich.

Warum fehlen auf der Packliste Bootswagen und GPS?  

Wer zuerst kommt, campt zuerst: Kanu-Lagerplatz mit Seeblick. | Foto: Thomas Rathay

Am Åsnen ist kein Transportwagen nötig, wohl aber bei Touren mit vielen Portagen oder Wehren. Ich bin mal die Sächsische Saale von Hof bis Halle gepaddelt, da mussten wir so oft portagieren, dass der Begriff »Kanuwandern« eine ganz neue Bedeutung bekam. GPS habe ich im Seekajak auf dem Meer dabei, aber auf Binnenseen arbeit­e ich lieber klassisch mit Karte und Kompass. Das macht Spaß und bringt etwas Spannung in die an sich ja harmlose Tour.

Deine Proviantkiste umfasst Produkte aus dem Supermarkt, ergänzt mit Specials aus dem Globetrotter-Sortiment. Das Albaöl zum Beispie­l kostet immerhin 12 Euro die Flasche …  

Das ist ein schwedisches Rapsöl mit buttrigem Geschmack: sehr ergiebig, sehr gesund, schmeckt kalt und heiß und verträgt beim Brutzeln viel Hitze, wenn der Benzinkocher mal zu feste faucht. Ein echter Geheimtipp und seinen Preis wert, finde ich.

Und wozu braucht man Volleipulver und Milchpulver? 

Man lernt mit der Zeit, Nudeln, Reis, lokale Produkte und gefrier­getrocknete Spezialnahrung sinnvoll zu kombinieren. Ein Kanu biete­t ja viel Platz, aber ein Kühlschrank hat es trotzdem noch nicht an Bord geschafft. Dank Vollei- und Milchpulver muss ich auch auf langen Touren nie auf Pfannkuchen und — was fast noch schlimmer wäre — Lumumba verzichten.

 
4-Seasons Info
 

 Paddeln auf dem Åsnen-See

Der Åsnen-See in der schwedischen Provinz Småland ist rund 150 Quadratkilometer groß und mit seinen zahllosen Inseln und Buchten ein Paddelparadies. Weite Bereiche sind pure Wildnis, für Paddler gibt’s viele Zeltplätze mit Feuerstelle und Toiletten.

Beste Zeit
Frühjahr bis Herbst, im Sommer Hochsaison (Paddler, Angler, Mücken).  

Planung
Ein guter Startpunkt für Mehrtages­touren ist der Ort Getnö. Auf dem Campingplatz gibt’s Kanukarten und »Tickets« für die Benutzung der Zeltplätze unterwegs. Alle weiteren Infos bietet das Buch »Kanuwandern in Schweden«, Globetrotter-Bestellnr. 11.38.03 (19,90 €). Allgemeine Infos unter www.visitsmaland.de.

 
weiterführende Artikel: 
11.05.2012ArtikelAusrüstung und Produkte

Volker Detlefsens Packliste für die schwedische Kanutour

Mit Kanu eine Woche auf dem schwedischen Åsnen-See — was muss und kann alles mit? Der Kanuabteilungsleiter Volker Detlefsen aus der Hamburger Globetrotter-Filiale verrät Details aus seiner Packliste. zum Artikel
20.06.2011ArtikelOutdoorsportKanu

Das erste Mal: Kajakfahren

Fünf Sprachen fließend, Hospitationen in Tokio und New York und natürlich muss man Kajakfahren können — das sind die Einstellungsvoraussetzungen bei 4-Seasons.de. zum Artikel
08.08.2011ArtikelOutdoorsportKanuBeratung und ServiceKaufberatung

Kaufberatung Kanu: So werden Sie Paddler

Ob kleine Fluchten vor der Haustür, regelmäßiges Fitnesstraining oder mehrwöchige autarke Erkundungsfahrten – Paddeln liegt im Trend. zum Artikel
19.03.2012ArtikelOutdoorsportKanuReiseTraumtour

Der kalte Bruder: Mit dem Kanu auf dem Tatshenshini

Der Tatshenshini River gilt als schönster Wildnisfluss des Planete­n. Er entspringt den Ebenen des Yukon Territory, bricht durch das vergletscherte Küstengebirge von Alaska und mündet in einer einsamen Bucht in den Pazifik. zum Artikel