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Ausgestiegen

Haben dem Konsum abgeschworen: die Aussteiger vom »Prehistoric Project«.
Foto: Éric Valli
Die Welt anhalten, aussteigen und der Utopie eine Chance geben. In den USA haben sich tausende Zivilisationsmüde in die Natur verzogen. Der französische Journalist Éric Valli hat mit einigen dieser Aussteiger gelebt und sie in einem beeindruckenden Buch porträtiert.

Das Paradies ist immer anderswo. Manchmal wird es Utopie genannt und schwebt in der Luft als Sehnsucht nach ­einer besseren Welt. Einige Idealisten greifen nach diesem Traum. Sie lassen sich irgendwo in den USA auf einem Stück Land nieder, um einer aus ihrer Sicht sinnlosen ­Gesellschaft zu entfliehen. In dieser utopischen Welt bewegte sich der Autor Éric Valli, um für sein Buch »Leben in der Wildnis« zu recherchieren. Gleichermaßen einfühlend wie hinterfragend.

Ob sie in diesem Moment bereuen, am »Prehistoric Project« von Lynx teilzunehmen? | Foto: Éric Valli

Auf seiner zweijährigen Reise durch die Staaten suchte Éric Valli ­öfter eine Hütte irgendwo im Wald. Er folgte vagen Weg­beschreibungen über Pfade, durch Bäche. Mit seinem GPS ­werde er die ­Aussteiger nicht finden, wurde ihm gesagt. Aus ­gutem Grund bezeichnen sie sich als »Off the grid«-Bewegung, als ­Netzunabhängige. Sie leben abgekoppelt von Stromleitungen und Navigations­geräten. Ihnen geht es um wesentliche Dinge: Dach überm Kopf, Essen, ein freie­r Geist. Eine minimalistische Lebenseinstellung, die im starken Kontrast zum Bild eines Landes steht, das dem Konsum frönt.

Genau dieser Unterschied faszinierte Valli: »Amerika hat unser­e Zivilisation nach dem ­Zweiten Weltkrieg geformt wie kein andere­s Land. Umso aufregender war es zu ­entdecken, dass sich im mächtigste­n, reichsten und ­einflussreichsten Land der Welt eine solche Gegenbewegung ­entwickelt.« Valli traf sich auch mit Bekannten der Aussteiger aus deren früherem Leben, um die Motivation für den ­Absprung zu verstehen.

Eine Utopie ist eine Idee. Ein Ort, der auf einer Wunschvorstellung basiert. Was passiert, wenn er plötzlich real wird?

Der Trapper John zum Beispiel brauchte lange, bis er von seine­m Leben als Versicherungsmanager loskam. Zehn Jahre lang führte er ein Doppelleben. An den Wochenenden in den ­Wäldern, sonst im normalen ­Leben mit Villa und Überstunden. Dann fand er eine Fischerhütte, die sich richtig anfühlte. Er gab seinen Träumen diesen Ort und zog ein. Die Krawatten nahm John mit, wie er Valli erzählte: »Sie gehöre­n zu einem ­anderen Leben.« Zu einem Leben, in dem Schlipse für Führungskraft und Finanzkrisen standen. Jetzt ­dienen sie als Sitzpolster.

Bildergalerie: Ausgestiegen

Éric Valli hat die Aussteiger nicht nur besucht, sondern immer auch versucht, ihren Alltag mitzuleben. So begleitete er eine ­Gruppe rund um die Steinzeitfrau Lynx mehrere Wochen lang bei ihren Streifzügen durch die Wälder der Rocky Mountains. ­Einfach war das nicht: die Kälte, der nagende Hunger. In der Gruppe ­lernte er, wie wichtig Zusammenhalt ist – und dass Ameisen nach ­Zitrone schmecken.

 

4-Seasons Info
 

 Éric Valli

 

Éric Valli: »Leben in der Wildnis«. Knesebeck, Verlag, 29,95 Euro. Der 1952 in Dijon geborene Fotograf, Journalist und Regisseur bewegt sich zwischen Kulturen, reist zum Beispiel seit Jahrzehnten regelmäßig zum Dach der Welt. Sein Film »Himalaya — Die Kindheit eines Karawanenführers« wurde für den Oscar nominiert, seine Artikel und Fotos unter anderem in »National Geographic« abgedruckt. Für sein neues Buch »Leben in der Wildnis« reiste er zwei Jahre durch US-amerikanische Hinterwälder. Dabei kam er der Natur in dem Industriestaat genauso nah wie im Himalaja. Sein Portfolio zeigt faszinierende Porträts seiner Reisen: www.ericvalli.com.

Éric Valli: »Leben in der Wildnis«. Knesebeck, Verlag, 29,95 Euro, Globetrotter-Bestellnr. 20.51.56.

 
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