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Auf wilden Spuren in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz

Luchs
Ein oder zwei Luchse streifen neuerdings wieder durch den Nationalpark | Foto: Ingo Hübner
Im Grenzgebiet von Sachsen und Tschechien werden Luchs, Wanderfalke und Co. wieder heimisch. Im Sommer kann man mit Nationalpark-Rangern auf die Pirsch gehen.
Als wäre man alleine im schönen Elbsteingebirge. | Foto: Václav Soika

Es ist still im Ziegengrund. Die feuchte Luft hängt zwischen den Bäumen, das helle Frühlingsgrün der Blätter hat sich über das Herbstbraun des Waldbodens erhoben. Hin und wieder ist ein »Zit« oder ein »Zrib« zu hören. Und würde Hanspeter Mayr von der Nationalparkverwaltung nicht vorangehen, käme man sich schnell verlassen vor, ausgesetzt in einer verwunschen scheinenden Welt, in der Mythen und Sagen sehr vorstellbar zu neuem Leben erwachen können­. Äste knacken unter den eigenen Schritten. Von der Einmündung in den Klei­nen­ Ziegengrund sind es noch knapp 200 Meter bis zum Stein, der keine Sage erzählt­, sondern ein tatsäch­liches Erei­gnis­. »Allhier habe ich Joh. Gottf. Puttrich, Königlicher Förster aus Hinterhermsdorf, einen Luchs mit einem Selbstschuß erlegt. AO 1743«, steht da auf dem verwitterten Grau hinter den Fichten. Es soll der damals letzte Luchs Sachsens gewesen sein, sagt Mayr.

Der derzeit erste kam im vorvergangenen Winter. Viel ge­sehen­ hat man von ihm noch nicht. Die Spur im Schnee entdeckte ein Ranger an den Rabensteinen. Sie führte über die Hohwiese hinab bis in die Kirnitzschklamm. Bei den Luchsspuren wie auch beim Foto, das im böhmi­schen Teil des Elbsandstein­gebirges nachts mit einer installierten Infrarot­kamera gelungen war, haben sich die Biologen darauf geeinigt, dass es sich um einen, vielleicht auch zwei »Durch­züg­ler« handelt – Luchse, deren Wanderungen die Sächsisch-Böhmische Schweiz streifen.

 

Der Wanderfalke war ausgestorben

Wilde Tiere in einer urwüchsigen Natur er­leben – diese romantischen Vorstellungen der Besucher trifft es dennoch nicht ganz. Zum einen ist die kleinste der Großkatzen zu selten und zum anderen viel zu scheu für eine Begegnung. Ihr Auftauchen gilt jedoch als Hinweis, dass sich die Lebensräume für Tiere positiv verändert haben — und das sogar mit Unterstützung der Menschen.

Am schönsten lässt sich das am Beispiel der Wanderfalken festmachen. Sie waren infolge­ der in der DDR-­Land­wirtschaft ein­ge­­setzten Pestizide ausgestorben. »Die Tau­be­n­ haben die belasteten Körner gepickt­, die Falken die Tauben gefressen«, erklärt­ Hanspeter Mayr. Das Gift hatte die Eierschalen der Falken dünn gemacht, die Brut konnte sich nicht ent­wickeln.

Abseits der Hauptwanderwege beobachtet man mit etwas Glück seltene Tiere wie den Wanderfalken. | Foto: Ingo Hübner

1990 wurde der Beschluss zum National­park Säch­sische­ Schweiz gefasst, fast gleichzeitig die Wiedereinbürgerung der Wanderfalken geplant. »An der Westkante des Liliensteins, 20 Meter unterhalb des Gipfelplateaus, lag die neu ausgesuchte Heimat des dunkelblaugrauen Greifvogels«, erinnert sich Mayr. 20 Wanderfalken habe man damals ausgesetzt, mehr als 70 sind mittlerweile in der Region gezählt worden.

Begründet ist diese Erfolgsgeschichte si­che­­­­­r­ auch im Wegesystem, das zwischen Nationalpark und Sächsischem Bergsteiger­bund ausgehandelt wurde und das die Tierwelt schützen und die Gäste dennoch zu den schönsten Flecken führen soll. Etliche freiwillige Helfer unterstützen das, beispielsweise Erwin Bruch. Der pensionierte Bergsteiger schiebt seit einigen Jahren Wache­, wenn die Wanderfalken ihr Gelege aus­brü­ten­. Dann setzt er sich mit seinem Schemel schon am Morgen in den Wald und erklärt Wanderern, vor allem jedoch Kletterern, warum sie gerade jetzt Weg und Felsen bitte meiden sollen. Später, wenn der Nachwuchs in den Horsten schlüpft, haben die Eltern richtig Stress, ausreichend Futter zu besorgen – und die Besucher tolle Aussichten. »Denn dann kann man die Falken gut fliegen sehen«, weiß Hanspeter Mayr und nennt die dafür ausgeschilderten Aussichtspunkte am Lilienstein.

Ein Paradies aus Moos, Sandstein und dichten Bäumen für Wanderer und Tiere. | Foto: Frank Exß

Wanderfalke, Schwarzstorch, Rothirsch und Feuersalamander. Schwarze Krähenbeere, Lebermoos und das Zweiblütige Veilchen – ein unscheinbares gelb blühendes Pflänzchen, das quasi die Eiszeit überdauert hat und sonst nur noch in den Alpen zu finden ist – der Nationalpark wird von jenen zurückerobert, denen er einst gehörte: Fauna und Flora. Und die Menschen? Die kommen mit der Neugier auf beide. Mancher warten sogar auf die Wölfe, die ja immerhin schon durch die nahe Lausitz streifen.

»Zwar soll es in diesem Winter einen Wolfsriss nahe Berthelsdorf gegeben haben«, sagt Mayr, während wir wieder durch den Wald stapfen, »doch der Nachweis liegt noch nicht vor«, beendet er nachdenklich den Satz. Auch wenn Tiere wie Luchs und Wolf ein Hauch von Gefahr umweht, weit unangenehmer könnte es wer­den­, einer Bache­ mit ihren Frischlingen im Weg zu stehen.­ Suchen muss man dafür nicht so lange­: Wildschweine gibt es, anders als Luchse­, wirklich reichlich. Mayr grinst­: »So ist das eben mit der Wildnis.«

 
4-Seasons Info
 

Mit Parkrangern Wildtiere beobachten

Geführte Touren

 

Ab Mai beginnen die Führungen von Rangern durch die Nationalparks. Die Startpunkte findet man unter www.nationalpark-saechsische-schweiz.de. Am 2.6. findet die geführte Wanderung »Beobachtungen am Falkenhorst« statt. Anmeldung unter Tel. 035022/900 600. Erste Anlaufstelle vor Ort ist das Nationalparkzentrum in Bad Schandau.

Auf der tschechischen Seite gibt es eine sehr schöne Wanderung mit Chance auf Tierbeobachtung rund um das Prebischtor. Von Hrˇensko (Herrnskretschen) geht es zu dem monumentalen Felsentor, dann weiter über den Gabrielensteig nach Mezní Louka und Mlýnska cesta zurück nach Hrˇensko.

Anreise

Mit der Bahn direkt bis zum Nationalparkbahnhof Bad Schandau, www.bahn.de. Von dort fahren Bus und Fähren weiter, www.vvo-mobil.de.

Allgemeine Infos

Beim Tourismusverband Sächsische Schweiz, www.facebook.com/elbsandsteingebirge, gibt es Reise­infos und aktuelle Tipps. Infos über die tschechische Seite beim Infozentrum Böhmische Schweiz, Krásná Lípa, Tel. +420/412 383 413, www.ceskesvycarsko.cz.

 
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