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Auf den Pelz gerückt

Foto: Archiv Kieling
Der Deutsche Andreas Kieling spielt in der Champions League des Tierfilms. Keine Entbehrung ist ihm zu hoch, um Grizzly und Konsorten in ihren angestammten Lebensräumen in Szene zu setzen. Ein Interview ganz ohne Knut und Bruno.
Wenn zwei sich streiten – freut sich Andreas Kieling über spektakuläre Aufnahmen. | Foto: Andreas Kieling

Wer waren die Helden deiner Kindheit?

In meiner Jugend in der DDR verehrte ich Goiko Mitic, er war das Gegenstück von Winnetou-Darsteller Pierre Brice und spielte in den DEFA-Indianerfilmen immer den Helden. Mitic hatte dicke Muckis, war immer gerecht, immer draußen. Er ritt wilde Pferde ein, schoss Lachs mit Pfeil und Bogen und meuchelte böse Kapitalisten, die ihm das Land rauben wollten. Später war es Raimund Harmsdorf, der als Seewolf die Kartoffel mit einer Hand zerquetschte. Das habe ich natürlich auch probiert und nie geschafft.

 

Den 16. Oktober feierst du als deinen zweiten Geburtstag. Was ist an diesem Tag passiert?

An jenem Tag flüchtete ich als 16-Jähriger aus der DDR. Es war eine außergewöhnliche Flucht, denn eines war für mich klar: Wenn du aus der DDR in die BRD flüchtest, dann ist das blanker Selbstmord. Du bleibst in den Selbstschussanlagen oder in den Minenfeldern kleben. Also war mein Plan, von der CSSR nach Österreich zu flüchten. In der Nähe von Bratislava markierte die Donau ein kurzes Stück die Grenze zu Österreich und die Grenzbefestigung war nicht so stark. Ich beobachtete von einem Berg aus die Grenze zwei Tage lang. In der Nacht zum 16. Oktober bin ich runter zur Grenze, es regnete leidlich. Ich kletterte über die ersten Zäune mit dem überhängenden Stacheldraht ...

 

Konnte das gutgehen?

Nun ja, irgendwann bin ich gegen einen Alarmdraht gerannt und auf den Wachtürmen gingen die Scheinwerfer an, kurz danach wurde mit Leuchtkugeln geschossen. Als ich mich über den dritten Zaun ziehen wollte, brach dieser zur Gänze zusammen und ich verwickelte mich im Stacheldraht. Die Narben sieht man heute noch. Ich konnte die Stimmen der Grenzwächter hören, mich aber rechtzeitig befreien, bin bis zur Donau gerannt und sofort losgeschwommen. Die Grenzer schossen mit Maschinengewehren unkontrolliert ins Wasser, weil sie nicht wussten, wo ich bin. Direkt neben mir pfiffen die Kugeln ins Wasser, dann bekam ich selbst einen Wahnsinnsschlag auf den Rücken – Treffer. Meine Beine waren gelähmt, aber ich kam irgendwann am österreichischen Ufer an. Nur mit meinen Armen bin ich zu einem zweieinhalb Kilometer entfernten Dorf gerobbt. Ich kam sofort ins Krankenhaus, die Kugel wurde rausoperiert. Ich hatte einen Steckschuss von einer 9-mm-Maschinenpistole. Die Lähmung verschwand zum Glück nach zwei Tagen wieder, es war wohl nur der Nerv geprellt.

 

Was treibt einen 16-Jährigen an, unter Einsatz seines Lebens aus der DDR zu fliehen?

Zu Kielings Drehorten führen weder Weg noch Straße. | Foto: Archiv Kieling

Als Tierfilmer bin ich ein Stück weit auch Verhaltensforscher. Man kann bei sozial organisierten Tieren beobachten, dass Weibchen länger im Familienverband bleiben, aber wenn die Männchen zu pubertieren beginnen, brechen sie aus diesem Gefüge heraus. Wenn junge Männer in die Pubertät kommen, dann gibt es auch diesen Freiheitsdrang und die Auseinandersetzung mit dem Elternhaus. Ich selbst hatte ein sehr schlechtes Elternhaus mit einem Stiefvater, der sehr ungerecht war, und einer Mutter, die sich wenig um mich gekümmert hat. Das war einer der Hauptgründe für meine Flucht. Außerdem hatte ich alles an Abenteuerliteratur gelesen, vor allem Jack London. Mir war schon als Jugendlicher klar, dass ich Abenteuer wie bei »Lockruf des Goldes« oder »Abenteuer eines Tramps« in der DDR nie erleben werde. Ich wollte die Welt erleben und entdecken. Es ging mir definitiv nicht darum, an Schokolade und Bananen heranzukommen.

 

Was macht ein Jugendlicher allein im »wilden« Westen?

Ich hatte einen Großvater, der lebte in Stade bei Hamburg direkt am Elbdeich. Da fuhren die richtig großen Pötte vorbei. Für mich bedeuteten Seefahrt und Schiffe die große Freiheit. Wie bei Jack London, als Humphrey von Weiden beim Seewolf anheuerte und die See ihn nicht mehr losließ. Als ich im Westen war, setzte ich meine Träume gleich in die Tat um und fuhr drei Jahre zur See und sah mir in dieser Zeit die weite Welt an. Aber mein Traum war es immer, Förster zu werden, das wollte ich schon in der DDR, aber mit meiner schlechten politischen Beurteilung war das unmöglich.

 

Wann wurdest du Forstwirt?

Es gab 1978/79 einen Katastrophenwinter in Schleswig-Holstein und danach wurden Forsteleven zur Ausbildung gesucht. Während der Seefahrt hatte ich mich immer wieder dafür beworben und schließlich tatsächlich eine Lehrstelle bekommen.

Was hat dich an der Försterei fasziniert?

Die Tiere, die Natur, der Wald. Das Säen, Pflanzen und Wachsen, aber auch die Jagd. Ich habe immer noch eine große Jagdleidenschaft. Wenn wir zuhause Fleisch essen, gibt es Wildschwein oder Rotwild, das ich in meinem Jagdrevier erlege. Ich esse kein Fleisch von Tieren aus dem Supermarkt, das lehne ich ab, denn diese Tiere haben unwürdig gelebt. Ein Tier, das in Freiheit aufwächst, ist bei einer Mutter groß geworden und wenn ich es mit zwei Jahren erlege, konnte es sich in der Regel einmal paaren. Irgendwann kommt eine ultraschnelle Kugel, es wird schwarz vor Augen und das war‘s.

 

Wie bist du in die Eifel gekommen?

Nach meiner Ausbildung bewarb ich mich auf eine Revierförsterstelle in Hümmel. Ich zog 1983 in die Eifel und habe dort bis 1987 als Förster gearbeitet. Anschließend war ich zwei Jahre als Forstberater in China und Pakistan tätig.

 
Wenn Tidenhub die »Tardis« trockenlegt, sind Füchse oft die ersten Besucher. | Foto: Archiv Kieling

Wieso hast du das Revier aufgegeben?

Mich hat die Welt gereizt. Nichts gegen einen Förster in Deutschland, ich war ein angesehener Mensch, nach dem Bürgermeister und dem Lehrer der wichtigste Mann im Dorf. Aber das konnte nicht alles sein im Leben. Danach gab es zwei Möglichkeiten für mich: Entweder ich bleibe in meinem Försterberuf und arbeite vielleicht weltweit, oder ich mache etwas ganz anderes.

 

Tiere filmen, statt hegen und pflegen?

Ich hatte schon immer Tiere und Natur fotografiert und wollte es nun mit einer Filmkamera probieren. In Afrika war der Tierfilmmarkt total abgedeckt, also musste ich in eine Gegend, wo bisher niemand war. 1991 drehte ich meinen ersten Film. Meine Frau Birgit, unser Hund und ich sind in sechs Monaten mit dem Kanu den Yukon von den Quellen bis zur Beringsee gepaddelt. Wir hatten ein Vermögen in die Ausrüstung gesteckt, darunter zwei 16-mm-Kameras von Beaulieu, alles zusammen für etwa 70.000 DM.

 

Hattest du Erfahrung mit dem Filmen?

Überhaupt nicht, ich machte alles aus dem Bauch heraus und hatte nur die 10 goldenen Regeln der BBC (dazu später mehr) auswendig gelernt. Trotzdem war der Film auf Anhieb ein Erfolg. Nicht, weil er gut gefilmt war – ich glaube, er war schlecht gefilmt –, aber er erzählte eine Geschichte und hat die Sehnsucht in vielen geweckt. Mein Einstieg in die Fernsehwelt waren gleich zweimal 45 Minuten zur besten Sendezeit.

 

War es deine erste große Reise nach Nordamerika?

Ja, und sie hat mich sehr geprägt. Ich verliebte mich sogleich in Alaska und merkte: Das ist mein Land, da kannst du richtig was draus machen. Ich habe zunächst Eisbären gefilmt und war damals der Erste, der eine Eisbärpaarung gedreht hat.

 

Wann wusstest du, dass der Tierfilm dein Leben bestimmen wird?

Bringt nicht nur die A-Klasse ins Straucheln – Elche stehen ganz oben auf der Liste der aggresivsten Tiere. | Foto: Archiv Kieling

Mein erster Film war ein Abenteuerfilm, es war die Geschichte einer Krankenschwester und eines Försters mit seinem Hund. Danach habe ich mich mehr zum Tierfilm orientiert, weil das ZDF einfach diese Tiersachen wollte. Einer der nächsten Filme hieß »Nomaden des Nordens« und sollte eigentlich eine reine Karibu-Wandergeschichte werden. Wie langweilig! Aber es wurde die Wandergeschichte mit mir und den Karibus. Ein toller Film, er lief in den Programmen rauf und runter, die Leute waren begeistert. Darin ging nicht nur um Karibus und wie ich ihnen folgte, sondern auch um nomadisch lebende Tiere wie Eisbären, wandernde Lachse, Moschusochsen, Elche – selbst Schmetterlinge kamen vor, die mit dem Jetstream über den Atlantik geweht wurden und tiefgefroren vom Himmel fielen.

 

Ganz untypisch für Naturfilmer gehört es zu deinem Stil, auch vor der Kamera zu agieren.

Meine Chefin beim ZDF sagte noch vor wenigen Jahren, sie wolle nicht einmal meine Nase im Bild sehen. Dann drehte ich für meine Jungs daheim ein paar Aufnahmen, wie ich in Alaska lebe. Im Zelt, mit einem Elch und auch mal mit einem Bären, damit sie sehen konnten, wie nah man an die Tiere rankommt. Die Szenen zeigte ich dem ZDF, und die waren begeistert: »Das ist ja unglaublich, das muss man in die Filme einbauen.« Und ich sagte: »Klar, mach’ ich!«

 

Wann wusstest du, dass der Tierfilm auch deine Familie ernährt?

Das ging sehr schnell, obwohl ich heute immer noch sehr viel investieren muss. Die neueste Kameratechnik und die Postproduktion sind sehr teuer.

 

Wo hast du das Handwerk und die Kunst des Filmens gelernt?

Ich bin Autodidakt. Ich wäre gerne in die Lehre gegangen, aber alle Dokumentarfilmer lehnten das ab, getreu dem Motto »Jede Mücke sticht«. Mittlerweile melden die sich bei mir und fragen, wie ich bestimmte Einstellungen gedreht habe. Dann sage ich aber, das müsst ihr selbst herausfinden. Auch ich habe Jahre dafür gebraucht, bis ich alles so perfekt hinbekommen habe.

 

Welches sind die 10 goldenen Regeln der BBC?

Ich bekomme nicht mehr alle 10 zusammen, aber eine klassische Regel besagt: Wenn du eine Szene aufbaust, dann besteht sie aus drei Einstellungen – Totale, Halbtotale und Nahaufnahme. Eine weitere Regel ist: Wenn du ein Bild einfängst, dann schwenkst du immer ins Bild rein und lässt es als Standbild stehen. Wenn dann etwas im Bild passiert, zum Beispiel ein Tier läuft weg, dann lässt du es immer aus dem Bild herauslaufen und die Kamera bleibt stehen. Das ist immer der klassische Schnittpunkt für den Cutter.

 

Weitere Tricks?

In Dokumentationen viele Naturstimmungen einfangen, um Zeitabläufe zu erzählen. Du kannst die tollste Geschichte haben, aber wenn die nur in einem Licht gedreht ist, wird dich spätestens nach zwei Minuten der Cutter fragen, wie es denn jetzt weitergeht. Du hast die tollsten Bilder, aber wir kommen nicht in die nächste Geschichte. Oft sehe ich Kameramänner, die stehen minutenlang an derselben Stelle, wenn sie eine Person porträtieren. Wie langweilig! Ich gehe mal hierhin, mal dorthin, wie im Spielfilm. Die drehen auch mit drei Kameras.

 

Aber das berüchtigte lange Warten in der Naturfilmerei kennst du auch?

Wer selbst Grizzlys gucken will, dem sei diese Stelle empfohlen: Brooks River, Katmai NP, Alaska. | Foto: Andreas Kieling

Nein, ich habe nur dreimal in meinem Leben aus einem Versteck gefilmt. Einmal habe ich die scheuesten Tiere überhaupt gefilmt, das sind Schwarzstörche, die dulden überhaupt keine Bewegung. Und bei den Großtrappen musste ich mich komplett tarnen. Alles, sogar die Kamera war eingewickelt. Ansonsten investiere ich mehr Zeit, die Tiere an mich zu gewöhnen. Sie sollen mich riechen, mich hören, auch agieren sehen. Achtzig Prozent der Tiere laufen weg und kommen nie wieder, aber diejenigen die bleiben, mit denen kann man arbeiten.

 

Kommt man mit dieser Methode schneller zu guten Aufnahmen?

Schwer zu sagen, aber das ist meine Methode. Wenn du in Afrika bist, kannst du das vernachlässigen, weil du aus den Geländewagen heraus filmen kannst. Die Tiere sind Autos gewohnt, die ignorieren dich einfach und du kannst ihnen auch mit dem Auto folgen. In Nordamerika bist du immer zu Fuß unterwegs, mit dem Kanu oder du lässt dich mit dem Flugzeug einfliegen. Die Tiere sind vorsichtig, haben meist noch nie einen Menschen gesehen und brauchen Zeit, um sich an dich zu gewöhnen. Sie sind sehr unvoreingenommen und wenn man keine grundlegenden Fehler macht, kann man mit diesen Tieren sehr gut arbeiten.

 

Welche Fehler kann man machen?

Die Tiere erschrecken, sie provozieren. Wenn du zum Lieblingsfischloch eines Bären kommst und meinst, du musst dich genau dorthin mit einer Kamera positionieren, dann bekommst du hundertprozentig ein Problem. Auch wenn ein Bär oder Elch gestresst ist und du ihn zu verfolgen versuchst, provozierst du einen Angriff. Ganz simple Geschichte: Wenn da ein Kadaver ist und schon große Beutegreifer dran gewesen sind, egal ob Wolf oder Grizzlybär, und du postierst dich falsch, dann bist du eigentlich schon tot. Ein Bär lässt sich das nicht gefallen.

 

Brauchst du für deine Aufnahmen eine besonders leise Kamera?

Meine Highspeedkamera, die 150 Bilder pro Sekunde macht, ist ziemlich laut, aber Vögel reagieren zum Beispiel viel stärker auf Bewegung als auf Geräusche. Eine leise Kamera ist eher wichtig, um die parallel stattfindende Tonaufnahme nicht zu stören. Ich drehe inzwischen auch digital auf HD, das sind ziemlich leise Kameras, aber trotzdem vertonen wir manche Szenen später nach. Filmt man einen Eisbären im Schnee, hörst du nämlich überhaupt nichts. Aber der Zuschauer erwartet ein Geräusch und wenn es nur die Tatzen sind, die durch den Schnee stapfen. Also macht der Geräuschemacher später im Studio das Stapfgeräusch im Schnee nach.

 

Mit Respekt und mit dem Wind – behutsam aber offensichtlich bringt sich Kieling in Position. | Foto: Archiv Kieling
Muss deine Ausrüstung leicht und tragbar sein?

Unbedingt, denn meine Stärke ist, dass ich extrem mobil bin. Die meisten Tierfilmer sind so schwer beladen, dass sie gar nicht mehr schnell agieren können. Entweder haben sie Glück, weil sie irgendwo richtig postiert sind oder sie kommen mit ihrer schweren Ausrüstung nicht nach.

 

Was wiegt deine Ausrüstung?

Ich habe Kamera, Stativ, Akkus, Filmrollen und Fotoapparat im Rucksack, macht zusammen etwa 30 Kilogramm.

 

Wie filmst du im Gelände?

Ich drehe mit relativ kurzen Brennweiten, ohne große Stützbrücken und Teleobjektive. Ich versuche, die Tiere an mich zu gewöhnen und näher an sie heranzukommen. Indem ich den Tieren auf Schritt und Tritt folge, erhalte ich die interessanten Geschichten. Ich habe Bilder gedreht von zwei kämpfenden Elchbullen und war mit meiner Kamera mitten drin. Während sich die zwei Tiere beharkten, lief ich mit meiner Kamera einfach nebenher. Das macht auch den Reiz meiner Filme aus, das ist eine ganz eigene Handschrift. Ich mache schon Bilder, wo sich manche denken, der Kieling hat eine Schraube locker und will sich umbringen aber das sind Aufnahmen, die hat man so noch nicht gesehen.

 

Filmst du nur in Nordamerika?

Nach 15 Jahren Nordamerika kam der Punkt, wo ich merkte, dass ich mich wiederhole und auch die Redaktionen fragten sich: Also wirklich, wieder ein Film mit Eisbären? Ich merkte, ich muss über den Tellerrand hinausschauen und in die große weite Welt gehen. Dann habe ich im Tien- Shan-Gebirge die Marco-Polo-Agalis gefilmt. Das sind die größten Bergschafe der Erde und wurden noch nie gefilmt. Später kamen Berggorillas in Ruanda, Tiger in Indien, Salzwasserkrokodile in Australien, Warane auf Komodo – hinzu und noch viele Tierarten mehr.

 

Wie lange brauchst du für einen Film?

Normalerweise habe ich für einen Film etwa 120 Drehtage, das heißt ich bin oft am Stück 3–4 Monate unterwegs, komme nach Deutschland zurück, sehe meine Familie und gehe dann noch einmal für 2 Monate in einer anderen Jahreszeit wieder ins Drehgebiet.

 

Wird man nach einem halben Jahr in der Wildnis weltfremd?

Wenn ich früher aus Nordamerika zurückkam, kam ich mit dem Leben in Deutschland gar nicht mehr klar. Ich wäre am liebsten in Frankfurt auf dem Flughafen umgedreht und gleich wieder zurück. Es ist erstaunlich, aber je älter ich werde und je mehr ich im Medienfokus stehe, umso leichter fällt es mir, mich neu zu integrieren.

 

Nein, nicht ausgestopft – fürs ZDF wurden kürzlich australische Salzwasserkrokodile ins Szene gesetzt. | Foto: Archiv Kieling
Was fiel dir früher besonders schwer?

Wer einmal in Nordkanada, Australien oder auch Skandinavien war, lernt die grenzenlose Freiheit zu schätzen, dieses Gefühl, zu entscheiden, was mache ich morgen, in der nächsten Woche oder in einem Monat? Wo gibt es das in unserer Welt noch? Wir leben hier dagegen in einem Fullsize-Airbag. Oft werde ich gefragt, was ich mache, wenn mal der Blinddarm durchbricht oder ich mir ein Bein breche. Über sowas denke ich gar nicht erst nach. Wenn ich alles hinterfragen würde, was alles passieren könnte, dann müsste ich zur Post gehen.

 

Hat die grenzenlose Freiheit nicht auch eine Kehrseite?

Natürlich, du verwilderst unter Umständen völlig. Wenn du monatelang in der Wildnis lebst, läuft dein Leben nach ganz klaren und einfach strukturierten Rhythmen ab. Du schläfst sehr viel, bist sehr gut erholt, es gibt keinen Lärm und Gestank. Alles ist sehr simpel und man wird kaum abgelenkt. Auf einmal merkst du, das Leben ist sehr angenehm. Du reduzierst dich beim Essen, bei deiner Kleidung, bei deiner Körperpflege. Dann kommst du nach Hause und da liegt ein halber Zentner Post, den ganzen Tag bimmelt das Telefon und alles ist ungeheuer wichtig. Am Anfang freust du dich wahnsinnig auf deine Söhne, doch nach zwei Tagen merkst du, du hältst das gar nicht aus. Die wollen ständig was von dir, sind laut, fordern deine Aufmerksamkeit, und du kommst damit nach Monaten in der Wildnis nicht mehr klar. Darin liegt eine große Gefahr. Und nach vier Tagen bist du soweit und sagst: Weg mit dem Mist, ich hau wieder ab. Das versteht dann keiner und alle sind beleidigt.

 

Wie ist dein Ruf als Bärenfilmer entstanden?

Zunächst waren meine Filme, die ich über Bären gemacht habe, einfach sehr erfolgreich. Mein Durchbruch war 1996 im Herbst, als es mir nach drei Monaten gelungen war, einen riesigen Grizzly so an mich zu gewöhnen, dass ich mit ihm in einem Gletschersee tauchen konnte. Viele haben diese Bilder nicht für möglich gehalten oder gesagt, ich habe das mit einem zahmen Bären gemacht. Das war damals eine Sensation, der Film darüber (Im Schatten der Gletscher) erhielt viele Preise.

 

Deine erste Begegnung mit einem Bären?

War im Norden Chinas. Eine Braunbärin mit zwei Jungen hat sich mir so dicht genähert, dass ich mich nicht traute zu flüchten. Und obwohl ich ein Gewehr dabei hatte, wagte ich nicht zu schießen. Ich musste mich vor Aufregung übergeben.

 

Inzwischen hast du die Angst verloren?

In den ersten Jahren in Nordamerika war ich nahezu panisch, wenn sich mir ein Bär näherte. Die bekommen so einen eigenartigen Schritt und beginnen zu schaukeln und du merkst: Hoppla, jetzt wird es ernst! Inzwischen besitze ich eine Coolness, die zum Teil aber missverstanden wird. Viele denken, ich sei wahnsinnig und stelle die Tiere als plüschige Teddys dar. Das ist nicht wahr und ich garantiere: Jeder, der in der Wildnis das erste Mal vor einem ausgewachsenen Braunbären steht, wird nicht so reagieren wie ich und sagen, jetzt pack ich erst einmal die Kamera aus. Sofern er die Chance hat, wird er sich ganz behutsam zurückziehen und alle Regeln einhalten, die er mal irgendwo gelesen hat.

 

Die wären?

Den Bären wissen lassen, wer und wo du bist, ihn laut ansprechen. Das geht in jeder Sprache der Welt, ein bisschen tough ist immer gut. Langsam zurückziehen, den Bären wissen lassen: Ich bin willig, ich habe einen Fehler gemacht, bin in dein Revier eingedrungen, bin zu nahe an deinen Kindern oder deiner Beute. Du hast dich vor mir erschrocken, das tut mir leid und ich ziehe mich jetzt zurück. Bären gehen untereinander genauso um. Bei einem Scheinangriff nicht wegrennen, sondern entweder den Toughen mimen oder eine devote Haltung einnehmen.

 

Bist du jemals von einem Bären attackiert worden?

Sogar der zehnjährige Thore hat vom Schuldirektor ein paar Wochen Extraurlaub für Outdoor-Naturkunde bekommen. | Foto: Andreas Kieling

Es gibt jedes Jahr drei bis vier Scheinattacken, bei denen ich merke, ich bin einen Schritt zu weit gegangen. Die Bären sind meist toleranter, die wollen nichts von dir, aber es gibt immer wieder Stresssituationen, in denen Bären überreagieren. Es gab aber nur einen direkten Angriff auf mich. Das war während der Paarungszeit. Ein Männchen war total in den Hormonen und bemühte sich um ein Weibchen, das sich mit einem anderen Bären paarte. Ich stand ihm plötzlich im Weg und der hat wirklich seinen Frust an mir abgebaut. Ich sah den Bären auf mich zukommen und dachte: Filme so lange es geht. Ich hatte einen großen Fotorucksack auf dem Rücken, auch als Schutz, damit ich mich im letzten Augenblick umdrehen kann und der Prankenschlag auf dem Rücken landet. Genau so kam es. Der Bär versetzte mir einen riesigen Schlag, ich machte einen Satz und der Bär ist »kieferklappernd« weggelaufen. Der hat sich wohl mehr erschrocken als ich.

 

Der Unfall blieb ohne große Folgen?

Richtig. Die schwerste Verletzung während meiner Dreharbeiten habe ich hier in der Eifel bekommen. Ich drehte einen Film über eine Wildschweinrotte, mit der ich richtig im Wald zusammenlebte. Ich kniete gerade zum Filmen auf der Erde, als ein zugewanderter, total erregter Keiler ankam. 150 Kilo blanke Muskelmasse! Dem stand der Schaum vorm Maul, er klapperte mit den großen Hauern und wollte sich mit der Bache paaren. Offensichtlich sah er mein Kauern am Boden als Demutshaltung an und dachte: Der ist klein, dem verpass’ ich mal richtig eine. Er rammte meine Schulter und brach mir das Schulterblatt an. Ich flog durch die Luft, er setzte wieder an, traf mein Gesicht, schlug meine beiden Arme auf und verschwand dann wieder. Auch diese Narben sieht man heute noch.

 

Welches Tier ist das gefährlichste der nördlichen Hemisphäre?

Statistisch gesehen passieren die meisten Unfälle mit Braunbären in Alaska, da es hier die höchste Dichte gibt. Die meisten Unfälle in Gesamt-Nordamerika passieren jedoch mit Elchen, weil sie einfach völlig unterschätzt werden. Wenn Elchkühe ihre Kälber bekommen, sind sie sehr aggressiv und machen keinen Unterschied, ob die Kälber von einem Grizzly bedrängt werden oder von einem Menschen, der das kleine süße Elchkalb fotografieren möchte.

 

Braucht man Pfefferspray, wenn man in Kanada zum Wandern geht?

Ein Bärenangriff ist selten so, dass ein Bär aus dem Nichts über dich herfällt. In der Regel sitzt du an deinem Lagerfeuer, bist vielleicht in einem Schutzgebiet, in dem Bären an Menschen gewohnt sind. Der Bär riecht die Marshmellows über dem Feuer, eine offene Dose Ölsardinen oder er mag einfach nur deinen Labello-Stift, der so gut duftet. Der Bär kommt an, guckt rum, du gerätst in Panik, und dann ist es gut, einen Bärenspray zu haben. Wenn die Windrichtung stimmt, man sprüht, wenn der Bär nah genug ist und du noch rufst »Ey Bär, go, go!«, wird er in der Regel verschwinden und nie wieder auftauchen. Wenn ein Bär sich einmal entschlossen hat, dich anzugreifen, wird ihn auch der Spray nicht mehr stoppen. Die meisten Bärenunfälle passieren nach folgendem Muster: Du wanderst auf einem Pfad durch den Wald, und nebenan im Unterholz liegt ein Bär mit seiner Beute, dem sogenannten Riss. Du übersiehst die aasfressenden Elstern oder Kolkraben auf den Bäumen und näherst dich unbewusst der Stelle, wo der Bär liegt und seinen Verdauungsschlaf hält. Er hört dich kommen und glaubt, du willst seine Beute in Beschlag nehmen. Dann greift er sofort an – allerdings sind diese Situationen so selten wie ein Sechser im Lotto.

 

Vor einigen Jahren wurde der japanische Naturfotograf Misho Hishima von einem Bären getötet.

Ich möchte niemanden schlechtmachen, aber auch Hishima wusste, dass auf Kamtschatka ein »Crazy Bear« herumläuft, der mehrfach Menschen angegriffen hatte. Alle schliefen in den vorhandenen Hütten, nur Misho in seiner naiven Art blieb im Zelt. Der Bär holte ihn nachts aus dem Zelt, packte ihn an der Schulter. Misho schrie, der Bär nahm ihn mit, die Leute standen hilflos in den Hütten, hörten das Ganze – und keiner traute sich zu schießen. Irgendwann war es still. Am nächsten Tag traute sich auch niemand, nach ihm zu suchen, was auch gut war, da er schon lange tot war und der unberechenbare Bär bereits begonnen hatte, ihn zu begraben.

 

Auch der Naturschützer Timothy Treadwell und seine Freundin Amie wurden von einem Bären getötet. Was genau ist passiert?

Tim war jemand, der in einer kindlichen Art mit Bären umging. Das ist in Ordnung, auch ich werde sehr emotional, wenn ich monatelang mit Bären zusammenlebe. Aber das ist die Gefahr der Wildnis. Du vergisst das Rationale und unterschätzt die Gefahren, die ständig da sind, wirst unkonzentriert. So erging es ihm mit den Bären, er hat die Realität nicht mehr gesehen. Für ihn waren die Bären seine Freunde. Aber Bären werden niemals deine Freunde. Es war Herbst, als der Unfall passierte. Die Bären merken dann »Hoppla, mir fehlen noch 30, 40 Kilo Winterspeck und ich muss fressen, fressen, fressen«. Und dann campierten Tim und Amie genau auf dem Wildwechsel eines solchen Bären. Das ist, wie wenn einer in deinem Wohnzimmer eine Isomatte ausrollt und sagt: Du, ich bleib jetzt mal eine Woche. Das ist okay, wenn du den Typen leiden kannst. Wenn aber nicht, platzt dir schnell der Kragen und du schmeißt ihn raus. Und das hat der Bär gemacht. Es gibt ein Audiodokument des Unfalls, denn eine Videokamera zeichnete den Ton auf und du hörst die ganze Konversation: »Zieh ihm eines mit der Bratpfanne über.« Die hatten nicht einmal Bärenspray dabei.

 

Worum geht es den Zuschauern bei der Faszination Bär?

Die amerikanischen Zuschauer interessiert immer die Gewalt, das Tödliche, das Gigantische. So sind auch immer die Filme aufgebaut. Extrem giftig, extrem gefährlich oder extrem furchterregend. Wir Deutsche dagegen haben ein völlig verklärtes Bild vom Bären. Wir finden Bären putzig und süß und wollen süße und putzige Bären sehen.

 

Stichwort Klimawandel. Ist der Lebensraum des Grizzlys gefährdet?

Bären zählen unter den Säugetieren zu den anpassungsfähigsten Lebewesen dieser Erde. Der Braunbär, den es als Grizzly in Alaska gibt, lebt als Ursus Arctos auch in den rumänischen Karpaten, im Himalaya, in der Türkei. In der Eiszeit vor 200.000 Jahren haben sich Braunbären zum Eisbären entwickelt. Der Eisbär ist die jüngste Raubtierart der Erde. Um Bären müssen wir uns die wenigsten Sorgen machen.

 

Wo auf der Welt lassen sich Bären in freier Wildbahn auch von »normalen« Touristen gut beobachten?

Wie der Vater, so der Sohn – zweimal waren Andreas und Erik bereits gemeinsam in Alaska. | Foto: Archiv Kieling

Die beste Stelle der Welt dürfte der Katmai-Nationalpark im Westen Alaskas sein, dort gibt es inzwischen einen richtigen und gut gemachten Bärentourismus.

 

Mit Bärengarantie?

Ja, im Juni und Juli zur Paarungszeit und später im September, wenn die Lachse den Brooks River entlangziehen. Aber wer einen Monat zu spät kommt, sieht keinen Bären mehr.

 

Wie stehen die Chancen in Europa?

Der Bestand an Braunbären steigt an, da sich die Populationen ausdehnen und die Bären neue Gebiete erschließen müssen. Deshalb gibt es auch in Europa Gegenden, wo man fast sicher Bären sehen kann. In den rumänischen Karpaten habe ich auf einer Lichtung an einem Abend sieben Bären gezählt. Die Bären waren allerdings mit Schokoplätzchen angefüttert.

 

Viele sehen in dir den neuen Heinz Sielmann.

Die Zeiten sind vorbei! So charismatische Typen wird es heute nicht mehr geben. Damals war die Fernsehwelt anders gestrickt, beschaulicher, da ging es weniger um Abenteuer und ferne Länder.

 

Auf welchen filmischen Scoop können wir uns als nächstes freuen?

Der Dreiteiler »Die Letzten ihrer Art« wird ein Dokumentarfilm über die am stärksten bedrohten Tierarten. Er wird nächstes Jahr im ZDF laufen und weltweit in 120 Ländern bei National Geographic.

 

4-Seasons Info
 

Andreas Kieling in Wort und Bild

 

Wer nach diesem Interview auf die Werke von Andreas Kieling neugierig ist – und wer ist das nicht ? – findet im Globetrotter-Sortiment diverse Bildbände, Reiseerzählungen und auch drei DVDs mit seinen besten Filmen.

 

Bären, Lachse, wilde Wasser: In seinem neuen Buch (Malik, 19,90 €, pip-57-019*) wandelt Kieling auf den Spuren seiner ersten Yukon-Reise. Neben Frau Birgit sind diesmal auch die Söhne Thore und Erik an Bord, als Untersatz dient die Familienyacht »Tardis«. Dank Einklappkiel gelingen die 3200 Kilometer Flussfahrt ohne größere Komplikationen. Dass eine solche Reise aber nicht allein aus den Prüfungen, die einem Mutter Natur auferlegt, besteht, verschweigt Kieling nicht. Offen und ehrlich schildert er die Konflikte mit den Kindern und seiner Frau, der die ganze Reise nicht ganz geheuer ist. Der Film zum Buch lief bereits mehrfach in der ARD, als Kauf-DVD ist er aber noch nicht erhältlich.

Anders verhält es sich beim Bildband »Der Bärenmann« (Hoffmann und Campe). Das Buch ist Ableger einer Folge zur ARD-Fernsehserie »Expeditionen ins Tierreich«, die man als DVD (wis-58-750*) bei Globetrotter erwerben kann. Desweiteren auf Silberling erhältlich sind die Filme »Im Schatten der Gletscher« – in dem Kieling als erstem Tierfilmer überhaupt Aufnahmen von einem tauchenden Grizzlys in freier Wildbahn gelungen sind – und »Nomaden des Nordens«. Nur noch im Antiquariat erhältlich ist die »Yukon River Saga«, deren letzte Auflage von 1999 stammt. In diesem Erstling beschreibt Kieling besagte erste Yukon-Reise, die den Grundstein seiner Karriere bildete. Als das Buch einst erschien, wurden besonders die darin enthaltenen Bärengeschichen kontrovers diskutiert, heute sieht der Leser diese natürlich in einem anderen Licht.