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Auf dem Overland Track in Tasmanien

Wie im botanischen Garten. Staunend unter Baumfarnen. | Foto: Nadine Querfurth
Das Ende der Welt macht richtig Appetit. Vor allem, wenn man es auf dem Overland Track erlebt: Die berühmte Wanderung durch das grüne Herz der Insel Tasmanien lädt dazu ein, der Natur einmal richtig auf den Zahn zu fühlen. Auch wenn man sich dabei selbst versorgen muss.

Blaue Stunde über grünem Buttongrass auf der Hochebene. | Foto: Nadine Querfurth
Das Abenteuer beginnt nicht auf Tasmanien, sondern in Bangkok. Mein Zahn rumort, und zwar recht heftig. Dank der vielen internationalen Touristen gibt es auch viele internationale Zahnärzte. Ich bezahle zwei Euro und halte wenige Minuten später das briefmarkengroße Röntgenbild zwischen den Fingern. Die Diagnose: ein entzündeter Wurzelkanal. Die Behandlung dauert zwei Wochen, sagt der Zahnarzt. Ich antworte, dass wir Bangkok morgen verlassen, weil wir zwei Tage später und fast 8000 Kilometer weiter zu einer Trekkingtour aufbrechen wollen. Der Zahnarzt sagt, er könne im Moment nicht mehr für mich tun. Im Flugzeug murren Zahn und Wurzel immer stärker. Der Touchdown in Hobart: Klare, kühle Luft, goldenes Licht. Hier ist es 
Spätsommer. Der kleine Flughafen wirkt verschlafen.

Wenig später sitze ich in der Praxis von Dr. Tony Weidenbacher auf dem Behandlungsstuhl. Ein freundlicher Mann – er bietet mir nicht einmal an, den Zahn zu retten. Es gibt in Hobart, der Hauptstadt Tasmaniens, nur 
einen Zahnarzt, der Wurzelbehandlungen durchführt. Er ist meistens viele 
Wochen im Voraus ausgebucht. Und heute ist Sonntag. Tony weist mich an, den Kiefer auf meine geballten Fäuste zu stützen. Wegen der Hebelkräfte. Mit gebrochenem Unterkiefer hat man ja auch keinen Spaß in der Wildnis. Ich bekomme eine Schutzbrille, einen Umhang (falls es spritzt) und dann die betäubende Spritze. Keine fünf Minuten später ist der Zahn draußen und die Tour gerettet. Immerhin haben wir uns schon vor Monaten für den Overland Track angemeldet, Bustickets reserviert und die Freude auf das Abenteuer beinahe ins Maßlose gesteigert.


Hier geht es zum Overland-Track-Film Teil 2 bis 6.

 

Es geht um die Wurst

Ein weißer Kleinbus biegt um die Ecke und kommt zum Stehen. Alle, die einsteigen, haben dasselbe Ziel: den Cradle Mountain National Park, wo der Overland Track startet. Die Anreise dauert eineinhalb Tage, mit Zwischenstopp und Übernachtung in Launceston, der zweitgrößten Stadt Tasmaniens. Für die beiden Australier Phil und Anton aus Melbourne ist die Tour nur eine kurze Unterbrechung des Uni-Alltags, auch wenn ihre Riesenrucksäcke eher an Auswanderung denken lassen. Phil lacht verlegen: »Wir wollen gar nicht wissen, was die wiegen. 35 bis 40 Kilo bestimmt!« Die zwei schleppen allein schon acht Kilogramm an Salamiwürsten mit sich – »die guten dänischen und ungarischen!«. Auch mit Karotten und Zucchini haben sie sich eingedeckt. Andere trekken 
dagegen im Minimalstil, schlafen auf halblangen Isomatten, verwenden den Rucksack als Kopfkissen und essen nur Kaltes.

Bitte nutzen Sie zum Zelten ausschließlich unsere exklusiven Naturholz-Bodenbeläge | Foto: Nadine Querfurth

Der Busfahrer ist ein gemütlicher Tassie, wie sich die Tasmanier selbst nennen. Auch sein Fahrstil ist gemütlich, die grünen Hügel Tasmaniens ziehen unaufgeregt an uns vorbei. »Roadkills«, totgefahrene Possums oder kleine Wallabys, liegen an den Straßenrändern. Ein Anblick, an den man sich auf Tasmanien gewöhnen muss.

»Wir sind da«, ruft der Fahrer durch den Bus, öffnet die Türen und weist den Weg zum Büro der Nationalparkverwaltung. Dort werden die Tickets ausgehändigt. 160 Australische Dollar, umgerechnet 110 Euro, kostet das Wandervergnügen pro Person. Noch vor vier Jahren war es gratis. Seine Bekanntheit und Schönheit ist dem Overland Track fast zum Verhängnis geworden. Manchmal drängten sich mehr als 100 Leute in einer Hütte oder auf einem der Zeltplätze am Weg. Zigtausende Besucher zählte man damals pro Jahr. Nun ist ihre Zahl in der Hochsaison von Anfang November bis Ende April begrenzt: 60 Wanderer dürfen pro Tag starten.

Allerlei Papierkram

Wir haben Monate vorher im Internet gebucht. Auf Anraten der Lady an der Kasse sollen wir die Permits gut sichtbar am Rucksack anbringen und uns registrieren, sobald wir in Ronnies Creek bei Kilometer null loslaufen. Dorthin bringt uns ein weiterer Bus. Die Schotterpiste endet vor einer flachen Ebene, die zum Horizont hin langsam ansteigt. Ein kristallklarer Fluss kreuzt den Weg. Knapp 20 Wanderer steigen aus dem Bus. Verloren steht eine Schutzwand aus Holz im Grün, auf einer schrägen Ablage liegt ein großes Buch. Jeder Wanderer muss sich hier eintragen. Kelly und Ily, einem Pärchen aus Oregon, fällt siedend heiß ein, dass sie etwas sehr Wichtiges vergessen haben. »Habt ihr an Toilettenpapier gedacht? Wenn ihr eine Rolle übrig habt … also das wär großartig!« Wir haben übrig und reichen weiter. »Denkt an uns, wenn ihr es benutzt!«

Ganz schön bunt: Eukalyptus am Weg. | Foto: Nadine Querfurth

Jeder findet schnell sein eigenes Lauftempo. Die meisten tragen Gamaschen über ihren Wanderschuhen, einerseits wegen des schlammigen Untergrunds, andererseits wegen der Schlangen. Auf dem Overland Track gibt es drei Arten davon. Und sieht man tatsächlich mal eine, weiß man, dass sie sehr giftig ist: egal ob Copperhead – der Kupferkopf, Tiger Snake – die Tigerotter oder White Lipped Snake – die Giftnatter. Praktisch ist, dass bei allen drei dasselbe Gegengift verwendet wird. Man muss sich also im Ernstfall nicht die Mühe machen, sie erst zu identifizieren. Angst ist aber unangebracht, denn seit 1960 ist kein Mensch auf Tasmanien an einem Schlangenbiss gestorben. Und da die meisten Wanderer schwer bepackt durch die Natur trampeln, haben sie wenig zu befürchten: Die Schlangen flüchten bei der kleinsten Erschütterung ins Dickicht.

Schnell verlieren wir uns aus den Augen. Der ständige Wind bläst einem förmlich die Gedanken aus dem Kopf. Zehn Kilometer misst die erste Etappe. Der Weg führt nie schnurstracks geradeaus, und hinter jeder Kurve sieht die Landschaft anders aus. Buttongrass, Knopfgras, wächst in halbkugelförmigen großen Büschen – knopfartige Blüten am Ende der Halme. Bäume und Büsche leuchten in den verschiedensten Grüntönen. Vereinzelt durchbrechen Felsen die sanften Wellen der Hügel. Immer wieder tauchen kleine Wälder von Pandanusbäumen auf. Ihre Silhouetten sehen im Gegenlicht wie Kraken mit unzähligen Tentakeln aus. Erst am Etappenziel Nummer eins, der Waterfall Valley Hut, findet unsere kleine Overland-Gemeinde wieder zusammen. Vor 10 000 Jahren war das Grün um die Hütte unter einer dicken Eisschicht begraben. Täler und Hügel aus dieser Zeit prägen die Landschaft, in der einzigartige Tiere leben: Tüpfelbeutelmarder, kleine Kängurus, Tasmanische Teufel, Wombats …

Abendlicher Besuch: ein Wombat. | Foto: Nadine Querfurth

Dass die Schönheit des Overland Track bis heute erhalten ist, geht unter anderem auf den Österreicher Gustav Weindorfer zurück, der zu 
Beginn des 20. Jahrhunderts nach Tasmanien auswanderte. Die Schönheit der Landschaft rund um den Cradle Mountain berührte ihn so tief, dass er sich 1911 dort ein Haus baute – sein Waldheim, wie er es nannte. Er erweiterte es sogleich zu einem Gasthaus und bewirtete bereits 1912 die ersten Besucher.

 

Der Pionier und sein Urenkel

Weindorfer war nicht nur ein guter Herbergsvater, der Wombatgulasch servierte und Geschichten aus dem alten Wien erzählte, sondern auch ein begeisterter Botaniker. Auf sein Drängen hin entstanden 1922 und 1927 zwei Naturreservate, die nach und nach erweitert und schließlich 1971 zum Nationalpark erklärt wurden. Bereits in den 1930er-Jahren ent-wickelte sich am Cradle Mountain, wo Trapper und Aboriginies lebten, eine Art Wandertourismus. Und im Januar 1931 lief Evelyn Temple 
Emmett, Gründer des Hobart-Wanderclubs, zusammen mit sieben weiteren Wanderern den Overland Track zum ersten Mal. Man veranschlagte damals für die Tour fünf Tage; sie galten unter Kennern als »the five most thrilling days of your life« – die fünf aufregendsten Tage des Lebens.

Krummes Spalier auf den letzten Metern zum Lake Windermere | Foto: Nadine Querfurth

Heute verzeichnet die Parkverwaltung jedes Jahr bis zu 8000 Wanderer auf dem Track. Um ihn zu bewirtschaften, ist ein detaillierter Management-Plan nötig. Auf halbem Weg zur Waterfall Valley Hut treffen wir Darren Emmett, einen Urenkel von Evelyn Temple Emmett, der als Ranger auf dem Overland Track arbeitet und sich um alles kümmert, was dort so anfällt. »Neun Tage lang bin ich hier draußen. Ich laufe den Track ein Mal bis zum Ende und wieder zurück, dann habe ich fünf Tage frei.« Er freut sich immer wieder aufs Neue, den Weg durch die fantastische Natur zu nehmen. Darren übernachtet allerdings nicht wie wir im Zelt, sondern in einer kleinen Rangerhütte. Mit zwei weiteren Kollegen sieht er auf dem Wanderweg nach dem Rechten. Säubert den Weg von umgefallenen Bäumen oder heruntergefallenen Ästen, hält die Hütten instand und macht sauber. Zwei bis drei Mal pro Jahr bringt ein Hubschrauber Gas, Kohle und Baustoffe.

Soziologie im Camp

An der Windermere Hut, dem nächsten Etappenziel, treffen wir Darren wieder. Ein kleiner Fluss fließt hier den Hügel herab, und damit auch die nächsten Wanderer sein Wasser trinken können, erklärt der Ranger, wie man sein benutztes Geschirr abzuwaschen und wie man die Toiletten zu benutzen hat. »Normale Seifen und Shampoos sind tabu. Wir haben hier kein Abwassersystem, darum geht alles in die umliegenden Flüsse.« Für den Umgang mit dem Müll gibt Darren die ebenso einfache wie selbst-verständliche Devise aus: »Was du reinträgst in den Park, das trägst du auch wieder raus.«

Gar nicht scheu: Wallaby zu Besuch | Foto: Nadine Querfurth

In der Ferne ragt aus sanft gewellten Wiesen der Gipfel des Pelion West empor. Und in der Nähe erhebt sich neben einem Buttongrass-Hügel ein kleines, pelziges, rundes Etwas: ein Derbywallaby. Gar nicht scheu streckt es den Wanderern seine nackte Nase entgegen. Laut Darren gehört es zum »Inventar«. Der Ranger blickt schmunzelnd auf die Wanderer, die auf dem Boden liegen, ihre Kameras mit ruhiger Hand auf das Tier gerichtet. »Der Track ist ein regelrechtes Sozialprojekt, man trifft hier Menschen aus so vielen unterschiedlichen Ländern. Sie kennenzulernen und mit ihnen zu reden, das ist es auch, warum ich diesen Job so liebe«, sagt er.

Kelly und Ily Peik sind Stunden vor uns im nächsten Camp angekommen, sie wandern mit strammem Tempo. Die beiden Amerikaner sitzen gemütlich auf ihren Isomatten, jeder eine Tasse Tee in der Hand, und belohnen sich mit Couscous und getrockneten Pilzen. Gute 20 Meter entfernt 
haben Phil und Anton ihr Lager aufgeschlagen. Auch sie sitzen vor ihrem mobilen Zuhause und haben den gesamten Inhalt ihrer Rucksäcke auf dem Gras ausgebreitet. Es sind fast ausschließlich Nahrungsmittel. Das Dinner für heute Abend? Die beiden entscheiden sich schließlich für ein Pad-Thai-Gericht mit Chilis, Lachs und Nudeln. Die Salamiwürste bleiben erst einmal unangetastet. Nebenan wird es andere Köstlichkeiten geben: Schokoladenpudding und Marshmallows – aber erst abends vor dem Schlafengehen, verrät der achtjährige Sam Green, der sie im eigenen Rucksack trägt. Er ist zusammen mit seinen beiden Brüdern und seinem Vater Marc unterwegs. Wegen der Kinder – sein Jüngster ist sieben Jahre alt – hat Marc kürzere Etappen veranschlagt. Und weil er nicht auch noch ein Zelt mitschleppen wollte, hat er sich für die Übernachtung in Holz-hütten entschieden, auch das ist möglich auf dem Overland Track.

Wenn der Vater mit den Söhnen

»Wir haben diesen Urlaub als Vater-Sohn-Wanderung geplant«, sagt Papa Green, »weil heutzutage die Zeiten der intensiven Gemeinsamkeit in der Familie wirklich selten geworden sind.« Und er möchte seinen Söhnen etwas Besonderes mit auf den Weg geben: »die Erfahrung, durchzuhalten und schließlich ans Ziel zu kommen, auch wenn es mal schwierig oder anstrengend wird. Wenn sie später studieren, wird ihnen das helfen.« Die Jungs denken merklich noch nicht an die Uni. Sie haben dafür sichtlich Spaß an ihrer Rolle als Abenteurer und meistern die Herausforderung mit Bravour. Vielleicht auch wegen Schokoladenpudding und Marshmallows am Abend.

Mein Haus, mein Wasser, meine Schuhe, mein Garten. Wahrer Luxus unter dem Zacken des Barn Bluff. | Foto: Nadine Querfurth

Die vorletzte Etappe: Am Ufer des Lake St. Clair stehen rechts und links des Weges gigantische Baumfarne, Tausende weiße Blütenblätter liegen wie Konfetti verstreut auf dem Waldboden. Nebelschwaden verhindern den Blick auf den See. Schemenhaft lassen sich die Umrisse der Echo Point Hut erahnen. Morgen werden wir bei Cynthia Bay das Ende des Overland Track erreichen. Die junge Australierin Karenza aus Sydney kommt kurz vor uns an. Sie ist mit ihrer Freundin die gesamte Strecke in vier Tagen gelaufen, darum haben wir sie während der vergangenen Tage in keinem Camp gesehen. Ihre Freundin ist gerade dabei, eine Überraschung für sie zu zaubern: ein festliches Dinner mitsamt einer Flasche Rotwein und zum Nachtisch eine Eiscremetorte. Karenza verrät glücklich den Grund: »Ich wollte einen ganz besonderen 30. Geburtstag feiern.«

4-Seasons Info

Overland Track – eine exklusive Woche Wildnis

Unterwegs auf dem Overland Track in Tasmanien Viele Trekker halten ihn für einen der schönsten Wanderwege des australischen Kontinents. 65 Kilometer weit führt der Track durch den beeindruckenden Cradle Mountain - Lake St. Clair National Park auf Tasmanien: über Moore und Hochplateaus, 
entlang kristallklarer Seen, durch Wäldchen aus Farnpalmen.

 

Trekkingzeit: Hauptsaison ist von Anfang November bis Ende April. Dann muss der Overland Track von Norden (Cradle Mountain) nach Süden (Lake St. Clair) gelaufen werden. Außerhalb dieser Zeit kann man den Weg in beiden Richtungen gehen, und es fallen auch keine Permitgebühren an.

Permit/Kosten: Ab dem 1. Juli können für die jeweils folgende Hauptsaison (siehe oben) Onlinebuchungen vorgenommen werden. Das Permit kostet 160 AUD (Australische Dollar). Dazu kommen noch die Nationalparkgebühren: Der National Park Holiday Pass ist acht Wochen gültig und kostet pro Person 30 AUD.

Anreise: Busfahrt von Hobart nach Cradle Mountain mit Zwischenstopp (und Übernachtung) in Launceston. Speziell für alle Begeher des Overland Track bietet Tassielink einen eigenen Buspass an: von Hobart nach Cradle Mountain/Lake St. Clair und wieder zurück nach 
Hobart; Kosten: 133 AUD.

Unterkunft und Verpflegung: Man kann entweder im eigenen Zelt (empfohlen) oder in Hütten schlafen. Da es unterwegs weder Kiosk noch Supermarkt gibt, muss man in jedem Fall sämtliche Nahrungsmittel vorher einkaufen.

Informationen: Nach dem Buchen der Tickets erhalten Wanderer ein komplettes Infopaket mit den Broschüren »The Overland Track: one walk, many journeys. A natural and cultural 
heritage guide to the Track« und »The Overland Track« von John und Monica Chapman.

Alle nötigen Infos bietet der Parks & Wildlife Service Tasmania.
 

 
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