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Arved Fuchs: Quo vadis, Abenteuer?

Foto: Arved Fuchs Expeditionen
Ist die große Zeit der Expedition vorbei? Wie haben sich Abenteuer und ihre Wahrnehmung verändert? Und wie plant man heutzutage eine Reise ins Ungewisse? Fragen, die niemand besser beantworten kann als Arved Fuchs.

Arved, was ist waghalsiger: gefangen auf einer schrumpfenden Eisscholle durch die Arktis zu driften – oder mit einem 84 Jahre alten Kutter nach Grönland zu segeln?

Arved Fuchs (lacht): Das mit der Eisscholle ist fast 30 Jahre her – wir wollten mit Faltbooten und Schlitten zum magnetischen Nordpol. Irgendwann saßen wir im Treibeis fest, weder zu Fuß noch paddelnd ging es weiter; und unsere Scholle trieb im Arktischen Archipel umher. Doch wir hatten genug Proviant und Brennstoff und daher wenig Sorge. Nach zwei Wochen sahe­n wir Land, konnten uns mit dem Kompass orientiere­n und die Tour fortsetzen. Und mit dem 84 Jahre alten Kutter meinst du wohl mein treues Schiff, die »Dagmar Aaen« – damit waren wir tatsächlich letzten Sommer wieder in Grönland und überstanden im Sturm einige Zwischenfälle. Die beiden Touren sind zwar kaum vergleichbar, aber bei Expeditionen geht es oft darum, unvorhergesehene Situationen zu meistern.

Shackletons antarktische Rettungsaktion von 1916 gilt als eines der größten Abenteuer der Menschheit. 84 Jahre später vollzog Fuchs’ Team das Drama authentisch nach. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen
Shackletons antarktische Rettungsaktion von 1916 gilt als eines der größten Abenteuer der Menschheit. 84 Jahre später vollzog Fuchs’ Team das Drama authentisch nach. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Fangen wir mal mit den Grundlagen an: Was ist eine Expedition?

Für mich gilt diese Definition: losziehen, Netz und doppelten Boden zurücklassen – ganz nach dem lateinischen expedire: herausgehe­n. Nicht nur in die freie Natur, sondern auch aus dem gewohnten Umfeld. So entsteht ein enormer kreativer Freiraum, den jeder mit seinen eigenen Ideen, Wünschen und Sehnsüchten füllen kann.

Muss eine Expedition extrem sein?

Nein, es muss weder der Nordpol noch ein 8000er sein. Es kommt vielmehr auf die individuelle Aufgabenstellung an; und die realistische Möglichkeit, das selbst ernannte Ziel zu erreichen. Dann bringt es einem auch Spaß. Für wen macht man eine Expedition? Zu allererst für sich selbst. Ich bin nie aufgebrochen, um jemandem eine große Freud­e zu bereiten. Im Gegenteil: Während der Anfangsjahre gab es keine Bewun­derer, die Leute tippten sich eher an die Stirn und meinten, dass ich spinne.

In diesen Anfangsjahren gab es vogelwilde Trips, zum Beispiel die bis heute einzige Winterumrundung von Kap Hoorn im Kajak. Was hat dich motiviert?

Die Freude, draußen in der Natur zu sein, aber auch der sportliche Aspekt. So, wie sich ein Olympionik oder Fußballer über einen großen Sieg freut, so freue ich mich über eine erbrachte Leistung oder die ­Erfüllung einer Aufgabe. Wobei man sich – im Gegensatz zum Fußballer – die Aufgabe selbst stellt und auch Planung und Logis­tik meistern muss.

Wie kam der junge Arved Fuchs aus Bad Bramstedt denn überhaupt dazu, von Abenteuern zu träumen?

Durch Bücher. Zu Hause hatten wir keinen Fernseher, aber eine umfangreiche Bibliothek. Schon früh habe ich Karl May und Lederstrumpf verschlungen. Dann kamen die See- und Polarfahrer dran. Mein Vater war sehr an diesen Themen interessiert – er wurde später, als ich selbst begann loszuziehen, auch mein Fürsprecher in der Familie. Die prägendste Lektüre war sicher Fridtjof Nansens »In Nacht und Eis«. Dieser Expeditionsbericht war sicher nicht für Kinder geschrieben – aber ich war völlig fasziniert: Rausfahren, eine polare Drift, das Schiff verlassen, zu Fuß mit Schlitten übers Eis … und im Gegensatz zu Karl May war bei Fridtjof Nansen nichts erfunden, nichts beschönigt – sondern alles genau so passiert!

Der »Polar-Fuchs«: Seit 30 Jahren zieht es Arved in die Arktis und Antarktis, mit Kajak, Ski, Segelschiff und Hundeschlitten. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen
Der »Polar-Fuchs«: Seit 30 Jahren zieht es Arved in die Arktis und Antarktis, mit Kajak, Ski, Segelschiff und Hundeschlitten. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Derart fasziniert von Abenteuern waren sicher einige, sind aber dann doch lieber Bank­angestellte oder Bauarbeiter geworden. Was ist bei dir anders gelaufen?

Ich war ein normaler Teenager; Partys, Moped­s und Mädchen waren wichtig. Aber ich wollte neben der Schule auch was unternehmen. Mit Freunden bin ich per Anhalter nach England gereist und später in alten VW-Bussen bis Syrien gefahren. Das war schon recht abenteuerlich, aber ich spürte auch, dass das Auto nicht mein Lieblingsgefährt werden würde. Als es dann an die Berufswahl ging, war mein Plan klar: Ich wollte zur See fahren. So konnte ich einerseits was sehen von der Welt – zum Beispiel den Oman, damals tatsächlich ein Land wie aus Tausendund­einernacht. Andererseits legte ich Geld beiseite, für richtige Touren.

Wie darf man sich deine erste Expedition denn vorstellen?

(lacht) Ziemlich rustikal, und recht naiv. Wir waren drei Freunde mit wenig Geld. 1977 gab es keinen Globetrotter, die Ausrüstung bestand aus ollen Armeeklamotten, Regenponchos und dem berüchtigten »israelischen Schlafsack« – nichts anderes als eine bessere Wolldecke. Zelt und Koche­r hielten wir für überflüssig. Derart ausgestattet kauften wir bei den Naskapi-Indianern in Quebec zwei leinwand­bespannte Kanus und paddelten 700 Kilometer durch die Einsamkeit Nordkanadas. Wir sind fast abgesoffen, fast verhungert, fast von Moskitos gefressen worden – aber wir haben es geschafft. Das war eine elementare Erfahrung und hat trotz aller Hindernisse auch viel Spaß gemacht. Rück­blickend ist es schon verwunderlich, dass nichts Dramatisches passiert ist. Aber wir lernten damals auf die harte Tour, wie wichtig Planun­g und Logistik sind.

Diese Kanada-Tour war dein Durchbruch?

In erster Linie für mich persönlich – ich war mir danach sicher, dass ich mit Expeditionen auf dem richtigen Weg bin. Und: Der NDR machte aus unserem Super-8-Film eine 30-minütige Sendung. Das half natürlich immens beim Einstieg ins professionelle Abenteurertum.

Nach spektakulären Erfolgen an Nord- und Südpol sind die Expeditionsziele heute weniger plakativ, aber vielschichtiger. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen
Nach spektakulären Erfolgen an Nord- und Südpol sind die Expeditionsziele heute weniger plakativ, aber vielschichtiger. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Zehn Jahre später warst du bereits Deutschlands bekanntester Abenteurer – spätestens 1989, als du als erster Mensch innerhalb eines Jahres beide Pole zu Fuß erreicht hattest. Arved »Polarfuchs« Superstar?

Superstars waren zu ihrer Zeit Amundsen oder Scott, die ganze Welt fieberte bei ihre­n Expeditionen mit. Sie waren für Köni­g und Vaterland unterwegs, und Scotts Tod war in England ein nationales Drama. Einen vergleichbaren Status hatten im 21. Jahrhundert vielleicht noch die ersten Astronauten – aber sicher nicht ich. Glücklicherweise durfte ich das anders erlebe­n. Wenn ich gescheitert bin, dann ist Arved Fuchs gescheitert – nicht Deutschland.

Mit Icesail hast du in vier Jahren die Nordwest- und die Nordostpassage durchsegelt, mit dem Shackleton-Projekt wurde eines der unglaublichsten Abenteuer der Menschheit nachvollzogen. Aber immer noch reden viele über den Streit mit Reinhold Messner beim Marsch zum Südpol. Ist das nicht etwas bitter?

Eine Zeit lang habe ich es so empfunden. Dieser vorgebliche Streit hat mehr interessiert hat als unsere Leistung: 2500 Kilometer in 92 Tagen mit 130 Kilogramm schweren Schlitten. Natürlich zofft man sich da auch mal, wir sind ja keine besseren Menschen. Aber was dann abging und dass mir gewisse Medien ein Vermögen boten, wenn ich bei ihnen meine »schmutzige Wäsche« waschen würde, das war schon nervi­g. Ich habe alles ausgeschlagen und einfach die Klappe gehalten – sonst ent­wickelt so was schnell eine Eigendynamik, die du nie mehr steuern oder bremsen kannst. Das war in der Rückschau richtig so, ich bin längst ausgesöhnt. Ab­gesehen von dem Theater hinterher war diese Tour auch wirklich nicht schlecht.

Icesail: Die erste Segel-Umrundung des Nordpols via Nordwest- und  Nordostpassage gelingt der Mannschaft der »Dagmar Aaen«. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen
Icesail: Die erste Segel-Umrundung des Nordpols via Nordwest- und Nordostpassage gelingt der Mannschaft der »Dagmar Aaen«. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Der »Spiegel« schrieb vom »letzten Trip auf Erden«. War danach nicht tatsächlich die große Zeit der Expeditionen vorbei?

Klar: Die plakativen Ziele waren weg, die hohen Berge bestiegen, die Pole in allen Varianten erreicht. Um heute eine Aufmerksamkeit zu bekommen wie früher Polexpeditionen, muss man schon wie Felix Baumgartner mit dem Fallschirm aus der Stratosphäre abspringen. Zudem findet eine Verwässerung der Topziele statt. 8000er werden massenweise kommerziell begangen, und am Nordpol boomen »Last Degree Expeditionen«, bei denen sich ­Leute bis auf den 89. Grad einfliegen lassen und dann mit viel Infrastruktur und Tamtam die letzten Kilometer zum Pol zurücklegen. Wer so was als Nordpol-Expedition deklariert, lügt sich meiner Meinung nach in die Tasche. Für mich ist der Pol selbst ein unwichtiger Punkt, das eigentliche Abenteuer sind die 1000 Kilometer Treibeis, die es zu überwinden gilt – der Weg ist buchstäblich das Ziel.

Kommerzielle Expeditionen sind also wertlos?

Das würde ich nicht sagen. Ich finde, dass die Dimensionen stimmen müssen. Dass man heute sogar mit dem Auto zum Südpol fährt, dass man am Nordpol die Camps mit Planierraupen baut, die vom Helikop­ter abgesetzt werden – das degradiert doch die Naturlandschaft. Mit polaren Kreuzfahrten zum Beispiel habe ich kein Problem, solange die Schiffe eisgängig und nicht überdimensioniert sind. Da fahre­n Menschen hin, die sich für die Natu­r interessieren, und hinterlassen auch nicht viel außer Kielwasser.

Die klassische Expedition geht so: Harte Männer brechen auf, erleben etwas, kommen irgendwann zurück – und berichten. Hat sich das angesichts von Live-Blogs und medialem Dauer­beschuss überholt?

Erst mal: Es gibt auch harte Frauen. Aber grundsätzlich ist das richtig. 1983, als wir Grönland in 70 Tagen mit Hundeschlitten durchquert haben, waren wir vollkommen weg von allem. Navigiert wurde mit einem Sextanten, kurzer Funkkontakt zu einem Flugzeug war schon eine Sensation. Heute hast du gerade Windstärke 12 am Kap Farvel, es klingelt das Iridium-Telefon – und dran ist ein Journalist, der gerade im Münchener Biergarten bei seinem zweiten Weizen­bier sitzt. Das ist schon absurd. Allgemeine Verfügbarkeit wird erwartet, aber man muss ja nicht alles mitmachen.

 
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Mehr von Arved Fuchs (Auszug)

Arved Fuchs wird am 26. April 1953 in Bad Bramstedt geboren, der Vater ist ein abenteuerinteressierter Arzt, die Mutter Lehrerin. Nach der Schule absolviert Arved eine seemännische Ausbildung bei der Handelsmarine, ein Studium der Schiffsbetriebstechnik bricht er ab. 1977 beginnt seine Karriere als professioneller Expeditions­reisender. Arved spezialisiert sich vor allem auf Arktis und Antarktis (Spitzname »Polar-Fuchs«) und schafft sich 1988 ein Expeditionsschiff an: die »Dagmar Aaen«, ein Haifischkutter mit Baujahr 1931. Neben den Segel-Expeditionen finden vor allem seine Pol-Märsche weltweit Beachtung. Bis heute gilt Arved Fuchs als erfahrenster, erfolgreichster und bekanntester deutscher Abenteurer.

I.C.E.-Jugendcamps: Ein Herzensprojekt von Arved Fuchs und befreundeten Pädagogen und Wissenschaftlern: Beim jährlichen »Ice Climate Education«-Projekt erfahren zehn bis zwölf Schüler aus aller Welt die arktische Natur und die Probleme des Klimawandels hautnah. Infos: arved-fuchs.de/ice.

Arved Fuchs live und im TV: Regelmäßig ist Arved Fuchs auf Vortragstour, aktuell mit den von National Geographic präsentierten »Zwei Reisen am Ende des Lichts«. Hinzu kommen TV- und Radioauftritte. Infos und Termine: arved-fuchs.de.

Arved Fuchs online: Spannende Videos der Expeditionen zeigt 4-Seasons.tv/arved-fuchs. Auch auf arved-fuchs.de gibt es Filme, Fotogalerien und Informationen zu zahlreichen Expeditionen.

Cover: Im Schatten des PolsArved Fuchs lesen: Arved Fuchs hat insgesamt 16 Bücher geschrieben. Hier zwei Lesetipps: »Kein Weg ist zu weit – die Geschichte der Dagmar Aaen« (22 €, Globetrotter-Bestellnummer 13.52.48). Das einzige Schiff, das Nordwest- und Nordostpassage bewältigt hat – viele Hintergrundinfos, auch zu diversen Segel-Expeditionen. »Im Schatten des Pols« (19,90 €, Globetrotter-Bestellnummer 24.19.07). In einem winzigen Boot ohne Motor vollzieht Fuchs’ Team die dramatische Rettungsaktion der Endurance-Expedition von Ernest Shackleton nach. Ein atemberaubendes Abenteuer in der Antarktis.

 

Verursachen die Medien eine Inflation des Abenteuers?

Zumindest eine veränderte Wahrnehmung. Die Eindrücke haben sich vervielfacht, alle­s ist sofort da und konsumierbar. Nicht nur online, auch im Fernsehen kann man in jeden Löwenrachen sehen und schauen, ob er Parodontose hat. Früher musstest du dafür zumindest in den Tierpark oder den Zirku­s gehen. Oder eben abwarten, bis irgendwelch­e Forscher oder Abenteurer zurückkame­n und ihre Bilder zeigten.

Verändert diese neue Wahrnehmung auch deine Bücher und Vorträge?

Ganz klar. Klassischerweise schrieb man darüber, wo man gestartet und gelandet ist, und was dazwischen stattgefunden hat – die Leser fanden das spannend. Das läuft heute nicht mehr. Es wird viel mehr über Bilder erzählt, über einzelne Kapitel und Episoden. Nimm meinen Vortrag über die Lofoten – da kann man heute auch mit der Hurtigruten hinfahren, also fragen viele Leute erst mal, was das bitte mit Expedi­tion zu tun hat? Im Vortrag geht es um die Geschicht­e und die Ideen, die hinter der Reise stehen; die muss man vermitteln und die Menschen mitnehmen. In diese Aufbereitung und Präsentation stecken wir heutzutage sehr viel Arbeit, aber das Feedback ist dafür auch meist sehr positiv.

Armeeklamotten, »israelische« Schlafsäcke, kein Zelt, kein Kocher – und dazu noch wenig Ahnung: Die erste Expedition  von Arved (Mitte) führte 700 Kanu-Kilometer durch Kanadas Wildnis. »Hat aber viel Spaß gemacht«, sagt er heute. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen
Armeeklamotten, »israelische« Schlafsäcke, kein Zelt, kein Kocher – und dazu noch wenig Ahnung: Die erste Expedition von Arved (Mitte) führte 700 Kanu-Kilometer durch Kanadas Wildnis. »Hat aber viel Spaß gemacht«, sagt er heute. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Nachdem die großen, plakativen Ziele weg sind – wie konzipiert Arved Fuchs heutzutage eine Expedition?

Mein Revier sind nach wie vor Arktis und Antarktis. Neben den Polen gibt es da noch zahlreiche faszinierende Ziele, mit denen sich viele Geschichten verbinden lassen. Über die Kultur der Ureinwohner, über die Spuren historischer Expeditionen, und natürlich auch über Probleme wie den Klimawande­l.

Dass jemand »auf den Klimawandel aufmerksam machen« will, gehört heute zur Standardbeschreibung fast jeder Tour. Erreicht das überhaupt noch jemanden?

Allein mit schönen Bildern und Worthülsen vermutlich nicht. Ich sehe mich als Zeitzeugen, der kompetent berichte­t – mit einem journalistischen Ansatz. Es ist schon ein schwieriger Spagat zwische­n Moralisieren und Informieren. Allein mit dem erhobenen Zeigefinger erreicht man wenig, also erzähle ich lieber über Veränderungen, die ich nach 30 Jahren Erfahrun­g wahrnehme, oder über die Mensche­n vor Ort, deren Häuser und Lebensgrundlage­n gerade wegerodieren.

Kann man mehr tun als berichten?

Wir haben da durchaus Möglichkeiten. Auf der »Dagmar Aaen« fahren regelmäßig Wissenschaftle­r mit; oder wir unterstützen die Klimaforschung mit CO2-Messungen in abgelegenen Gegenden, in die keine anderen Schiffe vordringen. Und schon seit neun Jahre­n führen wir ein Jugendcamp durch, bei dem Teenager aus aller Welt gemeinsam segeln gehen und sich intensiv mit dem Klimawandel beschäftigen. Da passieren schöne Sachen, zum Beispiel haben einige Teilnehmer später in Richtung Umweltschutz studiert und sind inzwische­n selbst Fachleute geworden.

Wird der Abenteurer zum Wissenschaftler?

Nein, aber der Abenteurer kann dem Wissenschaftler helfen. Anfangs gab es etwas Berührungsängste – und auch den Vorwurf, dass wir uns wohl das Mäntelchen der Wissenschaft umwerfen wollen. Komplett falsch: Ich bin weder Wissenschaftler noch Polarforscher, sondern Expeditionsleiter. Bei meinen Projekten können Künstler mitkommen, Filmteams – und gerne auch junge Wissenschaftler, die unkonventionell Feldforschung betreiben wollen. Da werden dann eher die Wissenschaftler zu Abenteurern, denn so ein Törn auf der »Dagmar Aaen« ist ziemlich das Gegenteil einer gut geheizten Forschungsstation.

Herzensprojekt: die internationalen I.C.E.-Jugendcamps. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen
Herzensprojekt: die internationalen I.C.E.-Jugendcamps. | Foto: Arved Fuchs Expeditionen

Bietet eine moderne Expedition also mehr Inhalte und weniger Spektakel?

Das sehe ich so. Es geht nicht mehr darum, immer noch einen draufzusetzen. Meine Person steht in der Öffentlichkeit für Umweltthemen, das mache ich nun lange genug, und es soll auch weiterhin so bleiben. Aber gleichzeitig kann ich durch eine interessante Tour auch ein Stück Zeitgeschichte vermitteln, zum Beispiel über die Inuit-Jäger auf Grönland, die auch eine Art aussterbende Spezies sind. Mit ihnen haben wir Grönland durchquert, eine ziemlich anspruchsvolle Expedition. Wenn man über diesen Komplex – Natur, Veränderung, persönliche Schicksale, Abenteuer, Hundeschlitten – schreibt oder erzählt, finden das viele Menschen spannend.

Staunst du darüber, dass deine Vorträge auch in YouTube-Zeiten voll sind?

Es freut mich. Und ich glaube, dass ich für viele Zuschauer nun auch eine Art Stellvertreter bin – einer, der wirklich da war und Ahnung hat von dem, was er erzählt. So wie es mir damals ging bei der Lektüre von Fridtjof Nansen. Vielleicht kann ich ja noch ein paar Menschen dafür begeistern, selbst loszuziehen.

 
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Fuchs’ Expeditionen Auszug

1977, Québec: mit traditionellen Kanus auf den Flüssen De Pas und George River. Erster Film für den NDR.

1978, Borneo: mit Longboats und zu Fuß durch den indonesischen Teil der Insel; Bestandsaufnahme des Holzeinschlags im Regenwald.

1979, Grönland: Solotouren an der Westküste.

1980, Nordpol: Dieser erste Versuch scheitert, stattdessen Solotouren in der Arktis und Unterricht im Arctic Survival durch befreundete Inuit.

1981, kanadische Arktis: Eine Solo­tour scheitert, weil ein Eisbär Zelt und Schlitten zerstört. Touren mit Inuit und Atlantiküberquerung mit dem Segelboot »Golden Goose« (14 m) von Lake Huron nach Hamburg.

1982, Nordwestküste Kanadas: verschiedene Touren.

1983, Grönland: Hundeschlitten­-Expedition auf den Spuren der Wege­ner-Expedition von 1931 (70 Tage).

1984, Kap Hoorn: erste und bis heute einzige Winterumrundung im Faltboot.

1985, magnetischer Nordpol: Kajak-Expedition inklusive zweiwöchiger Drift auf einer Eisscholle.

1986, Alaska: mit Faltbooten durch die Aleuten. Bergtouren in Patagonien und Feuerland.

1987: 2. Borneo-Expedition.

1988, Feuerland: mit Faltbooten durch den Beagle Canal.

1989, Icewalk: Unter Extrembedingungen (bis minus 52 Grad) kämpft sich ein achtköpfiges Team in 56 Tagen 1000 Kilometer zum Nordpol. Südpol: Als Erste durchqueren Fuchs und Reinhold Messner die Antarktis zu Fuß (2500 km in 92 Tagen). Fuchs ist der ers­te Mensch, der binnen eines Jahres auf Ski beide Pole erreicht.

1991 bis 1994, Icesail: Umsegelung des Nordpols mit der »Dagmar Aaen« (zunächst nicht vollendet).

1995/96: Umrundung des amerikanischen Doppelkontinents vollendet.

1997/98, »Arctic Passages«: Ballonfahrten, Segeltörns, Skitouren auf den Spuren historischer Expeditionen.

2000, Arktis: Nachvollziehen der Shackleton-Expedition/Rettungsaktion mit der »James Caird II«, Durchquerung Südgeorgiens.

2002: Im vierten Anlauf gelingt die Befahrung der Nordostpassage.

2003/2004: Nordwestpassage, die Nordpolumrundung ist geschafft.

2006, Ellesmere Island: Hundeschlitten-Expedition. Grönland: Törn mit der »Dagmar Aaen«.

2007, Spitzbergen: Premiere des Jugendprojekts »Ice-Climate-Education«. Danach auf den Spuren der Schröder-Stranz-Expedition.

2008: Zweites Jugendcamp auf Island, seither jährlich abgehalten.

2009, Grönland: »Nordpoldämmerung«, 469 Tage, inkl. Überwinterung der »Dagmar Aaen« im Eis.

2012, Grönland: Hundeschlitten-Expedition. Törn zu den Lofoten.

2013: Eine geplante Expedition nach Franz-Josef-Land scheitert an den Schikanen russischer Behörden.

2014, Grönland: »Pittarak« inkl. Besteigung des Gunnbjørns Fjeld (höchster Berg der Arktis) durch ein mitreisendes Bergsteigerteam.

 

 
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