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Per Anhalter – nachhaltig um die Welt

Zu Fuß über Korsika mit Aussichten, soweit das Auge reicht. | Foto: Pascal Frank
In den 80er-Jahren galten Tramper als Könige der Landstraße. Judith und Pascal halten es noch immer für die beste aller Reiseformen. Die Erlebnisse ihrer Weltreise, zu denen auch der politische Umbruch in Tunesien gehört, fassten sie in ein Manifest des individuellen Reisens zusammen.

Ehe sich Judith Taschenmacher auf den Weg machte, war sie Auszubildende in der Kölner Globetrotter Filiale. Bereits als Jugendliche hatte es sie in die Natur getrieben, nach dem Abitur reiste sie durch Mittelamerika, es folgten lange Reisen nach Australien und Nepal. Ihr Partner Pascal Frank legte seit 2004 fast 40.000 Kilometer per Anhalter und 2.000 Kilometer zu Fuß in Europa zurück und durchquerte den lateinamerikanischen Kontinent. Auf ihrer derzeitigen Weltreise stellten sich Judith und Pascal die Frage, was eine Reise erfüllen muss, damit man davon wirklich profitieren kann. Ihre Antwort nennen sie »soziales Reisen«:

Trampen bei 45 Grad und kein Schatten: Warten auf eine Mitfahrgelegenheit zur israelisch-ägyptischen Grenze. | Foto: Pascal Frank

Reisen ist eine tolle Sache. Eine Reise bringt uns unvergessliche Momente und Augenblicke, schafft Freundschaften und Brücken zwischen Menschen, lehrt uns, die Wirklichkeit und uns selbst zu entdecken. Eine Reise hilft uns, die Welt zu erkunden und schon Aurelius Augustinus (354 - 430 n. Chr.) stellte fest: »Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.« Auf der anderen Seite ist eine Reise kein Garantieschein für Lebenserfahrung, Weisheit oder gar etwas wie Glückseligkeit. Zum einen steckt eine Reise immer voller Überraschungen, man weiß nie, ob der nächste Tag Gutes oder Schlechtes, Angenehmes oder Unangenehmes mit sich bringt; zum anderen - und dies ist das Wesentliche am Reisen - wird man unterwegs immer mit sich selbst konfrontiert.

Im Endeffekt zeigt uns jede Erfahrung, besonders beim Reisen, nur uns selbst und unseren Umgang mit den vielfältigsten Situationen. Und da man gelegentlich gar nicht allzu viel über sich selbst herausfinden will, kann sich auch eine Reise entsprechend unrentabel gestalten. Um es erneut in den Worten eines andern auszudrücken: »Was wunderst du dich, dass deine Reisen dir nichts nützen, da du dich selbst mit herumschleppst«, schrieb Sokrates.

 

Idee des sozialen Reisens

Übernachtung im Höhlenhotel im Wüstenörtchen Matmata (Südtunesien), u.a. Drehort für die Filme »Star Wars« und »Das Leben des Brian«. | Foto: Judith Taschenmacher

Jeder von uns hinterlässt durch seine Existenz Spuren auf diesem Planeten, auch beim Reisen und mit unterschiedlichen ökologischen und sozialen Konsequenzen. Der Gang zum Supermarkt verursacht weniger Schadstoffe als die Benutzung des Autos, genauso ist ein Lächeln oder aufrichtige Aufmerksamkeit für einen anderen Menschen ein deutlich sozialerer Umgang als ständiges Fordern und Beschweren. Jeder ist selbst verantwortlich und bestimmt im Rahmen seiner Möglichkeiten, ob seine Spuren groß oder klein, schädlich oder unschädlich, sinngebend oder wertlos sind. Soziales Reisen bedeutet also, seine Schritte in der Welt möglichst ökologisch nachhaltig zu gestalten, den Menschen auf seinem Weg mit größtmöglicher Offenheit und Ehrlichkeit zu begegnen, im Handeln gute Absichten zu verfolgen und wesentlich seine Umwelt von der eigenen Anwesenheit profitieren zu lassen. Dies ist die beste Grundlage für ein ausgeglichenes Verhältnis zu sich selbst.

Wie lässt sich das gut klingende Reiseideal in die Tat umsetzen? Dazu möchten wir in groben Zügen von unserer bisherigen Reise erzählen: Am 30. August des Jahres 2010 wagten wir den Schritt ins Ungewisse, heraus aus dem Haus von Pascals Familie, gingen einige Meter durch den Ort und hielten unsere Daumen raus.

 

Bildergalerie: Weltreise per Daumen

Das Trampen war und ist von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil unserer Reise – nicht in erster Linie des Geldes wegen. Es eignet sich bestens, um Ressourcen zu teilen: ein Auto hat in der Regel Platz für fünf Leute. Es ist schade, die vielen nahezu leeren Autos zu sehen, die alle zur selben Zeit in dieselbe Richtung fahren. Außerdem ist Trampen der Inbegriff einer offenen Reiseführung, da man nie weiß, wer einen beim nächsten Mal mitnehmen wird, mit welchem Typ Mensch man die nächsten Augenblicke teilt. Es ist diese Ungewissheit, die das Trampen vielleicht zur spannendsten Form der Fortbewegung werden lässt, obgleich sicher nicht immer die bequemste und schnellste. Trampen ist aber auch eine Handlung, die auf gegenseitigem Vertrauen und Wohlgesonnenheit basiert. Wer sich darauf einlässt, kann vom Reisen per Daumen ungemein profitieren.

 

Start mit einer Alpenüberquerung

Entspannter kalter Morgen und eine heiße Tasse Tee: Herrlicher Sonnenaufgang auf dem Zeltplatz mit Aussicht. | Foto: Pascal Frank

Zurück zur Reise: unser erstes Ziel hieß Lausanne. Pascal war bereits 2008 aus seinem Heimatdorf Marmagen aufgebrochen und drei Monate zu Fuß gen Süden marschiert, was ihn nach 1500 Kilometern auf Umwegen nach Lausanne brachte. Die geplante Alpenüberquerung war damals im November bei Wintereinbruch nicht mehr möglich. Jetzt galt es den Traum einer Alpenüberquerung bis zur französischen Mittelmeerküste zu Beginn unserer Reise zu verwirklichen. Alle notwendigen Utensilien hatten wir für den zweimonatigen Marsch im Gepäck: Zelt, Kocher, warme Kleidung, Kraft und gute Laune. Am 6. September verließen wir Lausanne am Genfer See, die Alpen bereits im Blick. Wir ahnten, dass uns ein Abenteuer mit noch nicht gekannten Strapazen bevorstand, die allerdings durch unzählige unvergessliche Momente aufgewogen werden sollten.

Wieso eigentlich zu Fuß reisen? Oft wurde uns diese Frage gestellt. Wir meinen, dass man das Besondere am Reisen mit den eigenen zwei Beinen nicht über Sprache vermitteln kann. Wer es nicht selbst erlebt, der wird auch keine noch so gute Antwort verstehen. Für viele Menschen ist Gehen, vor allem mit Gepäck, der Inbegriff aller Unbequemlichkeit. Dabei gibt es kaum einen besseren Weg seine Umwelt tatsächlich zu erkunden. Langsamen Schrittes bleibt sehr viel Zeit, um sich den vielen Details seiner Umgebung hinreichend zu widmen. Es geht auch nichts über das Gefühl, einen schönen Ort per Fuß zu erreichen: Es ist, als habe man sich eine ausgezeichnete Aussicht durch die zurückgelegten Kilometer regelrecht verdient. Begegnungen mit den Menschen entlang des Weges verleihen dem zu-Fuß-Reisen eine einzigartige Authentizität.

Auf verschneiten Pfaden in Richtung Tignes in Frankreich (nahe der italienischen Grenze). | Foto: Pascal Frank

Vielleicht ist etwas anderes noch wichtiger: wachsende Bescheidenheit. Zwei Monate lang trugen wir unsere 15 bis 20 Kilo wiegenden Rucksäcke über die Alpen, legten in dieser Zeit etwa 750 Kilometer und gefühlte unendliche Höhenmeter zurück, schliefen bei Temperaturen bei bis zu minus 20 Grad im Zelt und aßen fast immer mit denselben zwei Löffeln aus denselben zwei Töpfen. Angesichts dieser Anstrengungen kann man sich vorstellen, wie wohltuend eine warme Mahlzeit am Abend oder allein schon ein heißes Getränk sein konnte; wie viel besser ein Bierchen nach einem langen Wandertag in der Sonne schmeckte oder wie wohltuend ein richtiges Bett sein konnte, nachdem Rücken und Schultern schon angeschlagen vom schweren Rucksack und nicht immer regenerativen Zeltnächten waren. Es sind einfache und - zumindest für uns Europäer - selbstverständliche Dinge, die man beim Reisen zu Fuß zu schätzen lernt, und das macht es zu etwas Besonderem.

Apropos richtige Betten: Ein bezahltes Zimmer gönnten wir uns während der ganzen Wanderung und einige Zeit darüber hinaus genau zwei Mal. Wenn wir tatsächlich im Bett schlafen wollten, dann taten wir das in der Regel bei Couchsurfern. Couchsurfen ist günstig und ermöglicht vielen Menschen das Reisen, die es sich sonst so nicht leisten könnten. Außerdem schließt man schneller Bekanntschaften oder sogar Freundschaften. Das (kurzfristige) Bewohnen einer fremden Wohnung und damit das Teilen eines Lebensraumes ist immer eine Erfahrung, der intensive Austausch mit den Gastgebern (oder auch Gästen) eine willkommene, oft bereichernde Sache, vor allem dort, wo die Begegnungen kulturübergreifend werden. Wenn man sich beispielsweise für einige Zeit im Hause einer tunesischen Familie aufhält, entstehen authentische Eindrücke einer Reise.

Couchsurfen deluxe in Bonifacio auf Korsika: Guy, Restaurantbesitzer und Couchsurfer mit Leidenschaft, freut sich über Mitarbeit in seiner Küche. | Foto: Archiv Taschenmacher

Das Surfen in anderen Lebensräumen ist eine unglaublich vielseitige und authentische Art, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und bereitet in aller Regel viel Spaß. Vor allem aber basieren diese Gastfreundschaftsnetzwerke – wie schon das Trampen – auf Vertrauen, Offenheit und Wohlgesonnenheit und eignen sich sofern bestens, um sich mit diesen wichtigen Tugenden vertraut zu machen. So oder so verdanken wir Couchsurfing viele angenehme und erholsame Nächte, noch sehr viel mehr erinnerungswürdige Stunden und interessante Gespräche, einige Freundschaften und neue Inspirationen. Ob in kleinen Alpenstädtchen wie Briançon oder Tignes, an eigentlich unbezahlbaren Plätzen wie Nizza oder Monaco oder später auch in abgelegenen Orten auf Korsika, auf Sizilien, in Tunesien, auf Rhodos, in Israel oder Ägypten – überall lernten wir Menschen kennen und verdanken ihnen viele schöne Momente auf unserer Reise.

 

Über Korsika und Sardinien nach Afrika

Nachmittägliche Pause auf dem GR20 (Korsika) mit fantastischem Ausblick bis zum Meer. | Foto: Pascal Frank

Damit ist letztlich auch schon der grobe Rahmen gezogen, in dem sich unsere Tour bisher bewegte: Nach dem zweimonatigen Fußmarsch setzten wir unsere Reise Richtung Süden fort, abwechselnd zu Fuß und per Anhalter. Wir durchquerten Korsika und legten einige Etappen des berühmten GR20 zurück, ehe uns der Winter einen Strich durch das Gebirge machte; wir zogen im Segelboot weiter Richtung Sardinien und verbrachten Weihnachten und Neujahr auf Sizilien – gemeinsam mit unserer Familie. Langsam aber sicher bereiteten wir uns im europäischen Luxus auf die bevorstehenden großen Abenteuer vor, deren Ausmaße uns freilich Anfang 2011 noch gar nicht bekannt waren: der Besuch Tunesiens als Sprungbrett für den afrikanischen Kontinent.

Wir trafen nachmittags am 5. Januar in Tunesien ein und ließen uns erstmal bei Couchsurfer Jeber nieder, der in der Hauptstadt gemeinsam mit seiner Familie lebte. Unser ursprünglicher Plan war es, in Tunesien einige Arabischkenntnisse zu sammeln, um für die weitere Route durch Libyen, Ägypten, Sudan und vielleicht sogar noch weiter gewappnet zu sein. Es ging weniger darum, sich in den entsprechenden Ländern durchschlagen zu können, als vielmehr einen Zugang zu den Menschen und ihrem Alltag zu finden. Die Landessprache ist häufig der Schlüssel zu den Menschen, ihren Einstellungen, Gedanken und Gefühlen. Ebenso zur Kultur und Geschichte eines Landes, indem man regionale Literatur liest oder sich mit den örtlichen Medien vertraut macht. Und schließlich ist es die Sprache selbst, die das Denken und damit auch das Handeln seiner Sprecher mitbestimmt. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb in seiner »logisch-philosophischen Abhandlung«: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Der arabische Sprecher zum Beispiel beendet nahezu jeden Satz, der sich auf einen möglichen zukünftigen Zustand bezieht, mit »Inscha-Alah«, was soviel heißt wie »Wenn Gott will«. Sätze, welche sich auf den gegenwärtigen Zustand beziehen, werden sehr häufig mit »Hamdulilah« abgeschlossen, was »Gott sei Dank« bedeutet. Der Bezug zu Religion, zu höheren Mächten ist tief in der arabischen Sprache verankert, die tatsächliche Tiefe lässt sich ohne Auseinandersetzung mit dem Arabischen nicht erkennen.

Tunesische Gastfreundschaft ohne Grenzen: Am Tag des Präsidentensturzes gabelt Nahdil die zwei Weltreisenden im Chaos in den Straßen der Hauptstadt Tunis auf und gewährt ihnen eine Nacht in seinem Haus. | Foto: Archiv Taschenmacher

Überhaupt profitiert man vom Reisen deutlich mehr, wenn es gelingt, sich an örtliche Gepflogenheiten anzupassen. Dies gilt sicher nicht nur für interkontinentale Austausche, sondern auch im kleinen Rahmen, wenn ich auf eine andere, mir fremde Person treffe. Der eigene Horizont erweitert sich erst, wenn man versucht, sich auf die Welt des Gegenüber einzulassen. Man braucht Zeit, um in die fremde Welt eintauchen zu können, sich mit den Werten und Gepflogenheiten vertraut zu machen. Uns zumindest stellt sich die Frage, wieso man ein Land besucht oder gar bewohnt, für dessen Kultur, für deren Sprache und Menschen man sich überhaupt nicht interessiert, auf die man sich nicht einlassen will.

Während unseres Aufenthalts vor allem in der arabischen Welt mussten wir leider feststellen, dass unsere Einstellung da keineswegs üblich ist. Ein Großteil der Besucher zieht es vor, sich für wenige Wochen in ein schickes Ressort zurückzuziehen. Der Kontakt mit der Bevölkerung erfolgt sporadisch und organisiert in Form von teuren Touren, welche die Touristen regelrecht durch das Land schleusen um auf schnellstem Wege wieder ins Hotel zurückzukehren. Für die lokale Bevölkerung ist der Zutritt zu diesen Ressorts meist verboten und unerwünscht, um die heile Scheinwelt für den Touristen aufrechtzuerhalten. Zumindest entstünden auf diese Weise Arbeitsplätze und Einkommen für die Bevölkerung, lautet eine weit verbreitete Meinung unter den Besuchern. Tatsächlich profitiert die Bevölkerung nur in geringem Maße. Eher wachsen Vorurteile und das Bild des weißen Menschen als wandelnder Geldbeutel, ignorant gegenüber regionalen Werten, Normen und Verhaltensweisen, wird zum festen Bestandteil einer jeden Tunesien- und Ägyptenerfahrung.

Die Antwort auf dieses Dilemma ist recht simpel: Ein verantwortungsvoller Umgang mit Geld. Wer tatsächlich Tourismus als interkulturellen Austausch und beidseitige Bereicherung versteht, sollte zusehen, dass sein Geld auch denen zu Gute kommt, die es brauchen können.

Direkt und unverblümt: Metzgergeschäft in Sousse (Südtunesien). | Foto: Pascal Frank

Kleine private Hotels sind nicht nur von den Einnahmen abhängig, sondern bieten auch deutlich persönlicheren und damit authentischeren Zugang zu der lokalen Bevölkerung; das Essen außerhalb der Ressorts mag zwar nicht überall den gewohnten Hygienestandards entsprechen, kostet aber ein Bruchteil dessen, was im Hotel verlangt wird und steht diesem geschmacklich in nichts nach. Auch der Abholservice des Hotels vom Flughafen ist praktisch und bequem, kostet aber etwa das zehnfache der normalen öffentlichen Transporte und fließt außerdem direkt in die Kassen des Hotels, anstatt den Fahrer selbst für seinen Aufwand zu entschädigen. Einkaufen lässt sich in kleinen Privatgeschäften genauso gut wie in großen Supermärkten und hilft darüber hinaus dem Besitzer und seiner Familie, über die Runden zu kommen. Der Komfort mag einmal mehr nicht derselbe sein, doch wer Luxus in armen Ländern erwartet, ignoriert die Ungleichheiten, welche die Armut erst hervorbringen. Es sei noch erwähnt, dass auch die Wahl der Produkte beim Einkaufen nicht unbedeutend sind: regionale Lebensmittel - wenn möglich aus ökologischem Anbau - sind meist nicht einmal teurer als die importierten Waren, zementieren jedoch nicht die ohnehin schon enorme Marktkraft der bekannten Vertreter.

Tagelang harren die Demonstranten vor den Regierungsgebäuden in der tunesischen Hauptstadt aus. | Foto: Pascal Frank

Wer nahe an der Bevölkerung reist und mit den Menschen lebt, profitiert also von seinen Abenteuern. Dies durften wir in besonderem Maße in Tunesien erfahren, wo wir uns vollkommen unerwartet in der Revolution wiederfanden und diese hautnah miterlebten. Abgesehen von den Einblicken, die ein solch einzigartiges Ereignis ohnehin gewährt, haben wir von den Menschen eine unvergleichliche Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erfahren. Als die Revolution langsam aber sicher in der Hauptstadt Tunis Fuß zu fassen begann und für einige Tage Lebensmittelknappheit herrschte, bot man uns in den Straßen Essen aus Kofferräumen oder Hosentaschen an; wir wurden von besorgten Menschen nach Hause eingeladen, damit wir auch gewiss in Sicherheit waren; und als wir dann in den ersten Tagen nach dem Regierungswechsel zu den ganz wenigen Besuchern im Land zählten, bot man uns Kost und Logie gratis und bat uns, auch den Menschen in unseren Land von den Geschehnissen in Tunesien zu berichten. Die große Frage zum Schluss: War es gefährlich für uns? Es gab zweifellos auch unangenehme und gefühlt bedrohliche Momente in dieser Zeit. Insgesamt aber machten wir die Erfahrung, dass ein offenes Herantreten an Menschen in der Regel auch einen offenen Empfang nach sich zieht, selbst unter schwierigen Bedingungen.

 

Trampen auf dem Segelboot

Mit vollen Segeln gen Zypern: Judith und Pascal trampen übers Mittelmeer und lernen gleichzeitig segeln. | Foto: Pascal Frank

Auch im Laufe der weiteren Reise änderte sich an diesem Eindruck nichts. Zwar mussten wir wegen des ausgebrochenen Bürgerkrieges in Libyen unsere Reiseroute umstellen und die Europaroute nach Ägypten nehmen, doch auch jener Reiseteil war voller spannender Ereignisse. Einmal mehr waren wir per Anhalter unterwegs, durchquerten Italien, Griechenland und die Türkei und fanden heraus, dass Trampen nicht nur auf Straßen, sondern auch auf dem Wasser funktioniert. Auf Segelbooten ging es entlang der türkischen Küste bis nach Zypern und von dort weiter über das Mittelmeer bis nach Israel, wo wir nach etwa sechs Wochen seit unserem Aufbruch in Tunis unser nächstes großes Ziel in unmittelbarer Reichweite hatten. Die Bootstramperei machte uns erneut deutlich: Räumliche Grenzen zu überwinden, ohne auf irgendetwas angewiesen zu sein und losgelöst vom Geld, hinterlässt ein Freiheitsgefühl.

Nachdem wir Israel erreicht und für einige Tage erkundet hatten, kamen wir nach neun Reisemonaten in Ägypten an. Hier wollten wir auf einer ökologischen Farm in Nuweiba gegen Kost und Logie mitarbeiten, die wir über WWOOF (Worldwide Working On Organic Farms) gefunden hatten. Wir verbrachten drei Wochen im »Habiba Village«, halfen auf der Farm und im angebundenen Hotel mit, lernten neue nette Menschen kennen und sammelten erste Eindrücke in Ägypten. Anschließend führte uns die Neugier quer durchs Land, ehe wir ab August für drei Monate in einer Tauchschule aushalfen.

 

Weiter Richtung Süden

Ertrinken (nahezu) unmöglich: Entspannen im Toten Meer, Israel. | Foto: Judith Taschenmacher

Seit Anfang November sind wir nun wieder unterwegs. Wenn es Sicherheitslage und Landesgrenzen erlauben, wollen wir unsere Reise in Richtung Süden fortsetzen und noch einige Monate durch den Sudan, Äthiopien, Dschibuti und Eritrea reisen, bevor wir uns dann langsam aber sicher auf den Rückweg begeben werden.

Wir wollen unsere Reise weiterhin so nachhaltig wie möglich gestalten und unsere Fußspuren stetig verkleinern. Gleichzeitig versuchen wir, auch andere Leute zum sozialen und nachhaltigen Reisen zu ermutigen, indem wir die Vorzüge dieser Reiseformen aufzeigen und simple Fakten und Tipps liefern, wie man seinen eigenen Reisestil verbessern kann. Nicht zuletzt deshalb haben wir einen vollständig überarbeiteten Blog eingerichtet. Und es versteht sich natürlich von selbst, dass wir jede Anregung - ob lobend oder kritisch - dankend entgegennehmen.

 

4-Seasons Info

Linktipps zum »Sozialen Reisen«

Der Blog von Judith und Pascal: reiseblog.klaerdichauf.de

Die drei wichtigsten Mitwohn-Netzwerke:

Hier finden Weltreisende unterwegs Arbeit:

 

 
weiterführende Artikel: 
15.02.2008ArtikelReiseMenschenNeue Horizonte

Einmal um die ganze Welt

Nadine Querfurth und Thorsten Rieck haben es getan: Job gekündigt, Wohnung aufgelöst und den Gummibaum zur Adoption freigegeben. zum Artikel
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Familie Piontek kann’s nicht lassen. Noch bevor die Erstgeborene Papa sagen konnte, ging es per Bike und Anhänger auf Deutschlandtour. zum Artikel
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