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Andreas Kieling: Um die ganze Welt nach Hause

Andreas Kieling und Sohn filmen das wilde Deutschland... | Foto: Archiv Kieling
Was toppt den Grizzly am Yukon, den Berggorilla am Ruwenzori, den indischen Tiger und das australische Salzwasserkrokodil? Der Tierfilmer Andreas Kieling hat die Antwort zwischen dem heimatlichen Thüringer Wald und der Ostsee gefunden: mitten im wilden Deutschland.
Mensch, nehmen Sie Ihren Vogel an die Leine! Nandu jagt Cleo im wilden Mecklenburg-Vorpommern. | Foto: Andreas Kieling

Andreas, erzähl uns eine Geschichte aus dem wilden Deutschland!

Im Sommer 2009 wanderte ich mit meiner Hündin Cleo am Ostufer des Ratzeburger Sees, südlich von Lübeck. Da griff uns ein Nandu-Hahn an, der seine Küken ausführte. Nandus sind südamerikanische Laufvögel. Vor zehn Jahren büxten sie aus einem Gehege in Schleswig-Holstein aus und siedelten sich in der Gegend an. Cleo hatte so ein Tier noch nie gesehen und lief darauf zu, der Hahn ihr entgegen. Es gab eine große Staubwolke, Cleo flog ein paar Meter durch die Luft. Und rannte dann, so schnell sie konnte – in meine Richtung. Der Nandu mit Riesenschritten hinter ihr her, er war schneller, und Cleo flog noch mal. Dann sprang mich der Nandu an. Er hat sehr scharfe Krallen. Er schlitzte mir das ganze Hemd auf, und wenn ich meine Hose nicht mit einem dicken Gürtel getragen hätte, hätte er mich womöglich kastriert.

 

Prima. Du hast Berggorillas in Ruanda gefilmt, Tiger in Indien, Salzwasserkrokodile in Australien, Warane auf Komodo. Warum überhaupt noch in die Ferne schweifen, wenn du auch zu Hause gefährlich leben kannst?

Stimmt, Ferne ist auch eine Frage der Perspektive. Meine Wurzeln liegen in Deutschland. Ich bin ja nicht mit 25 Tierfilmer geworden, Abenteurer und Weltenbummler war ich ja schon als Kind im Thüringer Wald, so mit drei oder vier Jahren. Und ich kann mich noch an meine ersten Wahrnehmungen in der Natur erinnern, da war ich drei oder vier, und die Natur war riesengroß. Die erste Kreuzotter, die ich sah, erschien mir gigantisch. Sicher hat mein Opa dazu beigetragen, als er sagte, wie gefährlich und wie giftig die sei. Insofern kehre ich gern hierher zurück. Und je älter man wird, desto mehr sind einem diese Orte der Kindheit auch wichtig. Als ich 20 und 25 war, da hat mich Deutschland nicht interessiert, da wollte ich raus in die Welt, nach Australien, nach Grönland und Alaska und durch die Sahara. Das waren meine Traumziele. Und jetzt stelle ich fest, dass Deutschland … na, einen sehr hohen Stellenwert für mich hat.

 

Wenn du in Westdeutschland aufgewachsen wärst, hättest du dann dieselbe Sehnsucht nach fernen Ländern gehabt?

Die Frage habe ich mir selber oft gestellt. Vor allem auf meiner Wanderung auf dem »Grünen Band« durch Deutschland, 1400 Kilometer dem ehemaligen Grenzverlauf folgend. Ich glaube es nicht. Wenn ich in der Bundesrepublik aufgewachsen wär, dann wär es auch stark ausgeprägt gewesen, aber nachdem man so lange an der Kandare gehalten wurde, und dann plötzlich frei war – dann brach das los. Ich habe mich vor einiger Zeit mit meinem Sohn darüber unterhalten, der jetzt 17 ist. Er ist also genau in dem Alter, in dem ich war, als ich 1976 flüchtete. Und dann die Feststellung: Hier im Westen wollte man mich eigentlich auch in so ein Korsett schnüren: Jetzt mach erst mal dein Abitur, dann ein schönes Studium oder ne Ausbildung – da kriegte ich Panik. Und bin sofort wieder ausgebrochen und drei Jahre zur See gefahren. Wenn ich also gleich im Westen groß geworden wär, dann wär das wohl anders gelaufen. Wir würden jetzt wahrscheinlich auch hier sitzen, und vielleicht würde ich dir etwas andere Geschichten erzählen, aus einer anderen Wahrnehmung.

 

Wann kommt die A14? Rehe in der Altmark, dem größten autobahnfreien Raum Deutschlands. | Foto: Andreas Kieling

Ganz ehrlich: Als du die TV-Produktion »Mitten im wilden Deutschland« gedreht hast, war das nach den Grizzly-Dokus kein bisschen langweilig?

Es war überhaupt nicht langweilig – im Gegenteil. Aber ich glaube, ich musste vorher erst diese Grizzly- und Krokodil-, Wüstenelefanten- und Anakonda-Geschichten erleben. Ich habe erst kürzlich so ein Zitat von Norbert Rosing gehört, der sagte: »Wie konnte ich nur nach Yellowstone oder in die Masai Mara fahren – hier ist doch alles viel schöner.« Das glaube ich nun nicht. Wer einmal im Winter in Yellowstone war, der wird das sein Leben lang nicht vergessen. Man kommt nach 30 Jahren des Weltreisens zurück nach Deutschland, mit diesem Wissen und dem Bewusstsein, was man alles schon erlebt hat, und nimmt Deutschland ganz anders wahr. Und knüpft auch viele Parallelen. Ich bin da mal morgens im Elbsandsteingebirge angekommen, sah diese ganzen Kuppen rausgucken und denke: Mensch, das könnte die Märchenlandschaft von Guilin in Südchina sein, wo ich lange war. Okay, bis auf die Autogeräusche – aber von der Landschaft passte das.

 

»Diese Wanderung quer durch Deutschland war für mich eines meiner schönsten Abenteuer und emotional die stärkste Unternehmung, die ich je gemacht habe.« Das schreibst du in deinem neuen Buch über deine Wanderung auf dem »Grünen Band«. Ist das nur PR?

Keine PR. Um das vorwegzunehmen: Ich habe auf dieser Wanderung ganz oft Tränen in den Augen gehabt, Tränen des Erstaunens und der Rührung. Es war auch eine Reise in meine Jugend und Vergangenheit, auf der ich mir viele Fragen stellte: Wie und warum bist du zu dem geworden, der du bist? Und ich muss es immer wieder sagen: Ich habe selten so viele interessante, spannende Menschen getroffen wie auf dieser Reise. Was du dir sonst auf der ganzen Erde mühsam zusammensuchen musst – grandiose Natur, tolle Kultur, Begegnungen mit Menschen und Tieren –, davon findest du so viel hier in Deutschland, einem der am dichtesten besiedelten Länder der Erde. Ich wandere durch den Thüringer Wald, lausche den Vögeln, beobachte sie, und auf einmal kommt ein alter Mann des Weges, wir kommen ins Gespräch, unterhalten uns über Singvögel. Er merkt, dass ich ein bisschen Ahnung davon habe, und auf einmal sagt er mir: Wissen Sie, dass ich der letzte Vogelfänger aus dem Thüringer Wald bin? Ich bin früher mit Lockvögeln, mit Leimrute und mit Netz losgezogen und hab Bluthänflinge, Dompfaffe und Stieglitze gefangen und hab die dann verkauft. So jemand treffe ich hier! Dafür fahren andere um die halbe Welt.

 

Süß! Uhukind im deutschen Nadelwald. | Foto: Andreas Kieling

Wie sah denn so ein deutscher Wandertag auf dem »Grünen Band« aus?

Einmal sind wir sehr zeitig losgegangen, so um halb sechs. Auf einmal huschte eine Wildkatze über den Weg. Cleo hat kein Interesse an Hauskatzen, aber sie kam an die Fährte und verhielt sich plötzlich, als sei sie einem Luchs auf der Spur. Ein paar Stunden später entdeckte ich dann auf einer Wiese vier verschiedene Orchideenarten – wie wunderbar ist das! Später hob ich eine Steinplatte hoch, und darunter saß ein Feuersalamander. Ich wusste genau, wann ich meinen letzten Grizzly gesehen hatte, aber den letzten Feuersalamander …? Danach sahen wir noch einen Wanderfalken, der mit einem kleinen Vogel in den Fängen zum Horst in einer Felswand flog, und als wir abends im allerletzten Licht das Zelt aufbauten, huschte ein großer Schatten über uns – ein Uhu. Das alles an einem einzigen Tag, mitten in Deutschland! Wenn dich das nicht ins Staunen bringt, dann weiß ich auch nicht mehr.

 

Apropos: Hast du nie Probleme beim freien Zelten bekommen?

Nie. Außerhalb von ausgewiesenen Naturschutzgebieten darf man meistens für eine Nacht zelten. Wenn man auf Wanderschaft ist, mit Rucksack und nicht mit Wohnmobil und außerhalb von Nationalparks oder Biosphärenreservaten. Das gilt dann als Rast machen oder Ausruhen – je kleiner das Zelt, desto überzeugender kannst du das »Pausemachen« belegen. Feuermachen ist dagegen sehr kritisch – übrigens gilt auch der Campingkocher als »offenes Feuer«. Aber die rechtliche Situation ist etwas kompliziert und in den einzelnen Bundesländern nicht einheitlich. Und wenn da eben ein Bauer ist, dann fragst du ihn natürlich. Ich wurde nie abgewiesen, im Gegenteil. Die Menschen sind so nett, die sagen: »Ach, wir haben doch erst Mai, Sie müssen doch nicht auf der Wiese schlafen, komm’se rein ins Haus … oder wenigstens in die Scheune.« Das war ein Dilemma: Einerseits wollte ich viel draußen schlafen, andererseits wollte ich möglichst oft mit den Menschen reden. Die schönsten Übernachtungen waren für mich auf den Elbbuhnen, den Steinwällen, die ins Wasser hinausgehen. Oder natürlich im Wald. Wenn es hell wird, gibt es ein so unfassbares Vogelkonzert im deutschen Wald, wie du es auf der ganzen Welt nicht noch mal erlebst …

 

Auch nicht im südamerikanischen Regenwald?

Am Amazonas wirst du natürlich von anderen Vogelgeräuschen geweckt, wenn irgendwelche Tukane oder Papageien durch den Urwald zischen. Aber die Masse von Vögeln, die in Deutschland ihr Morgenkonzert anstimmt – das ist eine Geräuschkulisse! Wer das noch nicht erlebt hat, der glaubt es nicht. Bluthänflinge, Buchfinken, Bergfinken, Gimpel, die kleinen Fliegenschnäpper, Grasmücken, die vielen Meisenarten … eine unglaubliche Artenvielfalt. Und alle müssen singen!

 

Leben mit Edelmaräne und Aal: Fischer auf dem Schaalsee. | Foto: Andreas Kieling

Was hat dich 2009 bei deiner Wanderung auf dem Grünen Band am meisten überrascht?

Am meisten hat mich überrascht, dass es wirklich 1400 Kilometer lang ist – obwohl ich das vorher natürlich nachgelesen hatte. Das finde ich verdammt viel. Dabei bin ich das Ganze schon mal mit dem Mountainbike abgefahren, gleich nach dem Mauerfall, als die Strecke freigegeben wurde. Und außerdem hat mich sehr verwundert, dass es in diesem Bereich zwischen den Menschen keinen Neid, keine Verbitterung oder Frust gab. Auf mich wirkten die meisten Menschen sehr entspannt. Die konnten zuhören, haben selber Geschichten erzählt und sie hatten die Zeit dafür. Tragische Geschichten, fröhliche Geschichten, von allem etwas. Das Band berührt ja acht Bundesländer, aber die Menschen waren sich eigentlich alle recht ähnlich – Menschen wie du sie so in den Großstädten kaum noch findest. Allein wie sie die Natur wahrnehmen: Wenn ich begeistert gesagt habe: »Ich habe auf dieser einen Wiese allein fünf Störche gesehen!«, dann haben sie nicht gesagt: »Waas? Toll!«, sondern: »Das sind aber wenige gewesen. Meistens sind da immer acht bis zehn Störche.«

 

Du bist auch am Point Alpha in der Rhön vorbeigekommen, einem der heißesten Punkte des Kalten Krieges. »Fulda Gap« gab es sogar als frühes Computerspiel... Wie empfindest du den?

Point Alpha ist … also, ich hatte Tränen in den Augen. Ich musste aber auch schmunzeln. Als ich da oben eine Gruppe von Rekruten sah, die da ihren ersten Schliff bekamen, habe ich mich ganz frech mit Cleo zusammen ins Glied gestellt. Und dann ruft der Feldwebel wirklich – stell dir das vor: »Hat er gedient?!« Und ich antworte: »Ja, er war bei der Marine!« Eigentlich hatte ich gute Laune an dem Tag, aber wie ich dann rüberscheute nach Thüringen und mir vorstellte, da kommen tausend Panzer auf dich zu, da kriegst du schon einen Schreck. Wie nah das alles war, der Druck auf den Knopf, der diese ganze Maschinerie in Bewegung gesetzt hätte. Nur 150 Kilometer bis Frankfurt… Ich bin ja Thüringer, und in meiner Heimatstadt Gotha gab’s eine riesige Panzergarnison. Mir war immer klar: Wo der Mensch nicht so dominant ist – egal, ob im Fünf-Kilometer-Sperrbezirk auf der DDR-Seite oder im sogenannten Zonenrandgebiet –, hält sich eine Flora und Fauna, die es woanders nicht mehr gibt. Dasselbe erleben wir in der Eifel, wo ich wohne, im belgisch-deutschen Grenzgebiet. Da wurde früher nur geschmuggelt, erst Kaffe und Schokolade, dann Rauschgift… Was meinst du, was da alles lebt!

 

Andreas Kieling, rechts, unter Ornithologen. | Foto: Frank Gutsche

Als Tierfilmer bist du gleichzeitig auch Verhaltensforscher. Wie ist denn die Beziehung der Deutschen zu ihrer Natur?

Ich glaube, die meisten Deutschen haben keinen realen Bezug mehr zur Natur. Die einen verherrlichen und romantisieren sie, sehen in der Natur das Gegenteil zu dem, was wir in unserem täglichen Leben haben. Und dieses Leben ist hart, wir leben in einer ausgeprägten Neid- und Ellenbogengesellschaft, haben immer mehr Verlustängste – der Arbeitsplatz, die soziale Stellung. Und die anderen sehen die Natur als die heile Welt vor der Stadt: Da ist noch alles in Ordnung, auf den Bergen und in den Wäldern. Mag sein, dass es stimmt – aber sicher nicht so, wie sie sich das vorstellen oder wünschen. Der urbane Mensch hat auch Angst vor der Natur. Geh nicht in das Moor, da versinkst du und wirst nie mehr gefunden! Geh nachts um Gottes Willen nicht in den Wald, da sind Stimmen, Geräusche, böse Dinge! Der Mensch hat immer Angst vor dem dunklen Wald – es sei denn, er versteht ihn. Die wenigsten können die Geräusche alle deuten. Und selbst dann: Wenn du einmal nachts im Wald einen Dachs zur Paarungszeit schreien hörst – du glaubst, da wird ein kleines Kind umgebracht! In diesem Wald willst du nicht mehr sein! Und wenn dann noch ein zweiter Dachs da ist… Ich habe schon erlebt, dass Leute panisch geflohen sind, die haben ihr Camp abgebrochen, haben die Polizei angerufen und einen Mord gemeldet. Und ein paar Stunden später waren die Hubschrauber in der Luft mit Wärmebildkameras – weil keiner mehr dieses Geräusch kennt.

 

Frei heraus: Wo gefällt dir Deutschland am besten?

Ich werde das ganz oft gefragt, aber ich kann es nicht sagen. Ich komme ja aus den Bergen – also immerhin aus dem Thüringer Wald, und dort habe ich mit Sicherheit meine schönsten und intensivsten Momente erlebt. Aber auch diese sanften Berge und Bachtäler des Frankenwalds sind großartig. Oder im Frühjahr der Hainich, dieser unglaubliche, duftende Rotbuchenwald. Und die Rhön mit dem Schwarzen Moor und der Wasserkuppe. Wir haben dort die Birkwildbalz erlebt, einen tollen Förster kennen gelernt, Cleo hatte sich ein bisschen in seinen Hund verliebt … Unvergesslich ist mir auch die Wanderung vom Nordharz hinunter in die Norddeutsche Tiefebene: Das Gefühl, ich verlasse jetzt dieses dunkle Waldgebirge und betrete eine helle Kulturlandschaft – einfach traumhaft, kann ich jedem nur empfehlen.

 

Ein Traum von einem Fluss: die Elbe nahe Hitzacker. | Foto: Lars Schneider

Du bist also eher der Mittelgebirgsmensch.

Das stimmt schon. Aber am allerwohlsten haben Cleo und ich uns aber an der Elbe gefühlt. Das Wetter war super, wir sind jeden Tag in der Elbe geschwommen und haben auf den Buhnen gecampt. Die Elbe ist nicht wie der Rhein, da drehst du dich noch nach jedem großen Flussschiff um, weil am Tag nur drei kommen … Auch der Schaalsee mit seinem Biosphärenreservat ist so ein Ort, an dem ich gern mal einen ganzen Sommer über bleiben könnte.

 

Und welche Orte haben dich überrascht?

Als wir von der Rhön Richtung Norden wanderten, sah ich in der Ferne große, weiße Berge. Ich konnte gar nicht abschätzen, wie hoch sie waren, aber schließlich stand ich bei Philippsthal an der Werra direkt davor und dachte: Die sind ja riesig! Ich fragte jemanden, und der sagte: »Nu, das ist der Galimandscharo« – mit hartem »G«! Rund um diesen Kalimandscharo gibt es viel natürliches Salz. An manchen Stellen drückst du deine Finger in die Wiese, und wenn du daran leckst, schmeckst du es. Da wachsen auch Pflanzen wie der Queller – eigentlich gehört der ins Wattenmeer. Ich habe mich beim Bergwerksmeister gemeldet, die sind auch auf ne gute PR aus. Für Cleo hatte ich so kleine Booties, wie sie die Huskys tragen. Es war komisch, einen Berg hochzulaufen, der zu 95 Prozent aus Kochsalz besteht. Das Zeug hat außen eine ganz harte Kruste, du rutschst also nicht ab. Natürlich ist das ökologisch nicht korrekt, weil immer wieder durch Regen oberflächlich Salz weggespült wird, aber es hatte auch eine große Faszination – tut mir leid, dass ich das sagen muss.

 

Welche Tiere faszinieren dich am meisten?

Das sind schon die großen Tiere. Sicherlich hat die Begegnung mit einem Luchs im Harz mit den stärksten Eindruck hinterlassen. Der Luchs war nur 200 Meter entfernt – übrigens an einer Stelle, wo man als Wanderer problemlos hinkommt. Wir haben ihn nicht gesehen, aber wir wussten, dass er da ist – zum einen an Cleos Nase, zum anderen weil dieser Luchs telemetriert und ich mit einem Wildbiologen unterwegs war. Das Signal kam aus der Deckung, der Luchs hat uns beobachtet, er hat uns gehört und gesehen. Immer wieder habe ich gedacht, er kommt gleich raus. Aber dann gab es nur eine knappe Bewegung, hopp, hopp, und weg war er. Insgesamt leben zwischen 20 und 60 Luchse im Harz – mitten in einem stark frequentierten Wandergebiet.

 

Und darüber regt sich niemand auf?

Nein, weil der Luchs ein schönes, ästhetisches Tier ist. Der Luchs darf nicht nur Mäuse fangen, sondern auch mal eine Kuh umbringen. Beim Bär ist das anders – und erst recht beim Wolf.

 

Böse? Lausitzer Wölflein, kurz hinter der polnischen Grenze. | Foto: Andreas Kieling

Märchen vom bösen Luchs gibt es nicht.

Genau. Viele Mensche sagen, der Wolf gehört nicht mehr in unser Land. Aber wir werden uns an ihn gewöhnen müssen. Er lebt ja längst nicht mehr in den dunkelsten, entlegensten Waldgebieten, sondern zum Beispiel in den aufgelassenen Braunkohle-Tagebauen in der Lausitz. Er könnte aber auch am Stadtrand von München leben. Wie das Wildschwein. Das sind beides Generalisten, absolute Erfolgsmodelle der Evolution. Aber der Wolf wird immer gut sein für eine böse Geschichte. Darum wird er seine Chance vor allem in großen Naturschutzgebieten und Nationalparks haben, etwa im Bayerischen Wald oder in der Müritz, oder auch auf den großen Truppenübungsplätzen. Und er ist ja sehr intelligent. Ich habe mir oft die Frage gestellt: Wenn ich Wolf wäre, wo würde ich leben? Ich würde in Polen bleiben oder in Tschechien. Die Menschen sind da entspannter, die Natur ist intakter. Ich würde gar nicht auf die Idee kommen, nach Deutschland zu gehen. Aber in Polen und Tschechien werden Wölfe eben auch gejagt, und das wissen sie. Auf Truppenübungsplätzen bei uns wird auch geballert, aber der Wolf weiß ganz genau: Das gilt nicht mir. Und es gibt da ein großes Nahrungsangebot. Ich denke, ich bin als Tierfilmer auch deshalb so erfolgreich, weil ich immer versuche, mich ins Tier hineinzuversetzen. Also: Bevor ich als Wolf einem Reh zehn Kilometer hinterherhetze, bis es vielleicht im nächsten Zaun hängt, gehe ich doch lieber zur nächsten Schafherde, wo der Schäfer schläft und der Wachhund schon alt ist… Und was die Bären betrifft: Ein reiches Land wie Deutschland muss es sich leisten können, einen Bären von zwei Biologen überwachen zu lassen, die ihm ein Gummigeschoss aufs Fell brennen, sobald er auf einen Bauernhof zuwandert. Da lernt er ganz schnell, dass er dort nichts zu suchen hat.

 

Kontrollierte Wildnis: Ein ordentlicher deutscher Seeadler ist beringt. | Foto: Andreas Kieling

Aber in der deutschen Landschaft ist viel weniger Platz. Außerdem ist sie zerschnitten durch Autobahnen, Siedlungs- und Gewerbegebiete.

Trotzdem haben sich viele Bestände erholt. Bei den Seeadlern zum Beispiel. In den alten Bundesländern gab es nur noch drei Paare, in der DDR waren es mehr – so etwa 50 Paare. Mittlerweile haben wir wieder 580 Seeadler-Brutpaare in Deutschland. Bei Vögeln ist das besonders gut zu beobachten.

 

Vögel haben auch kein Problem, heil über die Autobahn zu kommen.

Natürlich. Für unsere Großsäuger gibt’s Probleme. Nehmen wir ein Tier, über das wir noch gar nicht geredet haben: den Rothirsch. Der ist für mich der Inbegriff Deutschlands. Der hängt noch über vielen Sofas, röhrend, mit Atemwolke. Er ist nun mal unsere größte Huftierart, und alle finden ihn toll, nicht nur Jäger. So viel Platz hat er wirklich nicht mehr, wenn er mal wandern will. Bei uns in der Eifel kamen sie immer aus den Ardennen. Mittlerweile geht das gar nicht mehr. Da wurden Autobahnen gebaut, Bundesstraßen. Die wenigen Hirsche, die es noch wagen, werden totgefahren. Mittlerweile baut man für viel Geld Wildbrücken. Die ersten, die man errichtet hat, wurden noch nicht akzeptiert, aber mittlerweile geht’s ganz gut. Aber das ist überhaupt so ein Problem mit uns Deutschen. Wir müssen immer den Daumen drauf haben, immer alles kontrollieren können. Dafür steht auch das Wort »Wildtiermanagement«. Fürs Rotwild gibt es detaillierte Abschusspläne. Uns ist vieles suspekt, worüber wir keine Kontrolle haben. Aber wir werden bald über vieles die Kontrolle verlieren. Zum Beispiel auch über so genannte Kulturfolger, die cleverer sind, als wir in der Regel denken – Tiere, die nicht nur in unserer Nähe wunderbar leben können, sondern die aus dieser Nähe auch ihren Nutzen ziehen und sich dementsprechend vermehren: Füchse, kleine Raubtierarten wie der Marder, Wildschweine natürlich… oder auch Neozoen, Einwanderer wie der Waschbär: Der verdrängt Marder und Fuchs aus seinem Lebensraum.

 

Steht auf Kirschen und geschützte Vogelarten: der Waschbär. | Foto: Andreas Keiling
Wildnis entsteht auch ungeplant, ohne Nationalparkverordnungen, Wildtiermanagement und Ranger.

Der Begriff Wildnis ja dehnbar. Für mich kann Wildnis durchaus auch in einer Kulturlandschaft entstehen. Zum Beispiel wenn ein großer Sturm über einen Wald hinweggefegt ist, wie wir das vor einiger Zeit in der Eifel erlebt haben. Riesige Mengen an Fichten sind umgefallen, die Förster wussten erst nicht, wohin mit dem Holz. Sie haben rausgeräumt, aber nicht wieder aufgeforstet. Ganz schnell kamen da die ersten Pionierpflanzen: Birke, Haselnuss, Weide – alles, was man im Forst nicht unbedingt haben will, aber was sehr gut ist. Auf einmal haben wir wieder einen artenreichen Niederwald. Und wir haben bei uns wieder das Haselhuhn. Offenbar ist es nicht ausgestorben, es hat nur im Verborgenen gelebt. Ich finde es immer sehr spannend, wenn sich die Natur etwas zurückholt. Am schnellsten siehst du das an Gewässern, die nicht mehr begradigt werden. Oder am Teich, den man sich selbst überlässt. Nach zwei Jahren hat man da wieder Tier, die es da lange nicht mehr gab. Interessanterweise sind das immer Tiere, die selber fliegen können – Vögel oder Insekten –, oder die von Vögeln da hingebracht worden sind. Das geht ganz schnell. Faktoren wie die Klimaerwärmung beschleunigen das sicher noch.

 

Es müssen also nicht immer Nationalparks sein?

Nationalparks finde ich schon wichtig – als Symbole für große Landschaftstypen. Aber es ist auch kurios, wie manche entstanden sind. Zum Beispiel der Hainich oder der Nationalpark Eifel. Das waren früher Truppenübungsplätze. Auch das ist Deutschland! Wir haben jedenfalls das Glück, in so einem gemäßigten Klima zu leben, in dem die Natur sehr schnell Terrain zurückerobern kann. Und wir haben gute Böden. Wenn du einen tropischen Regenwald fällst, dann ist es vorbei, weil der Boden so nährstoffarm ist. Hackst du bei uns was ab, tut das dem Wald sogar gut. Da kommt genau das wieder hoch, was da vor 300 oder 400 Jahren auch schon stand. Wer mit offenen Augen durch die Natur geht, sieht da Blumen, Insekten, Vögel, die noch vor wenigen Jahrzehnten bei uns verschwunden waren.

 

Aber es gibt in den Naturreservaten auch Nutzungskonflikte mit der Freizeitgesellschaft.

So wie zum Beispiel im Nationalpark Sächsische Schweiz. Da sagte der Leiter mal in einem Radiointerview, unter was für einem Druck er stehe: An dem einen Felsen wollen die Kletterer hoch, für die dort die besten Kletterrouten der Welt sind, und einen Felsen weiter sollen eine Uhubrut oder Wanderfalken geschützt werden. Wie kriegt man das unter einen Hut?

 

Sieht aus wie am Amazonas. Ist aber am Ufer des Schaalsees. | Foto: Ralf Blasius

Wie gefallen dir die neuen Kunstlandschaften, die im Osten entstehen: das Neuseenland bei Leipzig oder die renaturierten Braunkohletagebaue in der Lausitz?

Sie sind eine Chance, einerseits. Auf der anderen Seite dürfen sie nicht zum Freibrief werden, so nach dem Motto: Wir hacken irgendwo 100 Hektar naturbelassenen Wald ab, weil da eine Autobahn hin muss, dafür setzen wir woanders eine »Ausgleichsfläche« hin. Scheußliches Wort! Andererseits haben wir Deutschen die Idee der »nachhaltigen« Waldnutzung schon im 16. Jahrhundert als Erste formuliert: also aufforsten, was man daneben abgeholzt hat. Ich kann mir auch vorstellen, Agrarsteppen zu renaturieren. Das sind interessante Lebensräume. Wenn wir diese riesigen Weizen-Monokulturen nicht mehr brauchen, wenn die ganzen EU-Mittel für die Neuen Bundesländer wegfallen und sich auch holländische Investoren zurückziehen, dann können doch die Wildkräuter wieder wachsen. Mal gucken, was daraus wird.

 

Und wie spannend findest du die alten Industriebrachen?

Als Modellversuche gefallen sie mir gut. Die Industrie gehört nun mal zu Deutschland, zu unserer gemeinsamen Geschichte. Globetrotter-Kunden mögen ein größeres Naturbewusstsein haben, aber auch sie wollen schicke Kleidung und raffinierte Rucksäcke und tolle Schuhe. Das alles muss irgendwo hergestellt werden. Der Globetrotter-Kunde läuft nicht in handgewebten Öko-Sachen rum, die in einer biologisch-dynamischen Landwirtschaft erzeugt wurden. Im Gegenteil. Guck dir mal an, wo diese Sachen herkommen, welche Hightech-Fasern und wie viel Forschung da drinstecken. Eine Gesellschaft wie unsere kann nicht wieder zurück in eine Welt, nach der wir uns manchmal sehnen. Oder meinen zu sehnen.

 

Nichts hat den Horizont der deutschen Landschaft in den letzten 20 Jahren stärker verändert als die riesigen Windkraftanlagen. Ist das nur ein ästhetisches Problem?

Oh, oh, da hast du einen ganz wunden Punkt bei mir getroffen. Ich finde Windkraft erst mal gut, generell. Ich hatte schon auf meinem alten Segelschiff ein kleines Windrad und habe damit, wenn ich wieder über Wochen in irgendeiner Bucht vor Alaska lag, Strom erzeugt für die ömmelige 12-Volt-Batterie. Aber ich sehe auch die Verschandelung der Landschaft und ich weiß, dass Vogelschwärme und andere Tiere davon irritiert werden. Ich möchte auch nicht neben so einem Ding wohnen müssen. Das ist wieder der Punkt. An einem Stausee, wo unten eine Turbine brummt und Energie erzeugt, das wär okay. Aber nicht neben so einem blöden Windrad. Ich habe da keine klare Haltung. Oder doch: Meine Haltung ist unklar. Aber wir können nicht immer davon reden, alternative Energien zu erzeugen und wenn es uns dann direkt betrifft, sagen wir nö. Oder nimm die Solarfelder. Ich finde sie ja klasse – aber können die nicht in der Wüste stehen oder in Zentralspanien, wo eh keiner hinfährt?

 

Das ist Deutschlands Ende: Horizont am Ostseestrand. | Foto: Dieter Mendzigall

Wenn du aus dem Yukon zurückkommst und die deutsche Landschaft ansiehst: hier Windräder, dort Hochspannungsleitung und dazwischen die Autobahn – wie ist das?

Ich bin mir bewusst, dass wir eine der führenden Industrienationen sind und dass hier sehr viele Menschen leben. Und ich staune, wie gut organisiert das alles ist. Schon die Müllentsorgung: Wenn ich mir vorstelle, was eine Großstadt an einem Tag an Abwässern produziert und wie viel Trinkwasser sie braucht. Von den sozialen Systemen mal abgesehen, es ist glaube ich der falsche Ansatz, reine Wildnisgebiete und dicht besiedelte Kulturlandschaften wie Deutschland miteinander vergleichen zu wollen. Man muss Kompromisse finden. Nur mit den Extremen kommt man nicht weiter. Der Urwald vor der Haustür funktioniert nicht, aber wir dürfen auch nicht rücksichtslos Geld und Gewinne machen, wobei die Natur keine Rolle spielt – wie in China und leider auch in den USA und Kanada. Ich war gerade in China, da ist das extrem. Die haben zwar ihre Natur, Hochgebirge, den Ussuri – aber da will keiner hin, das ist suspekt. Wenn die Sprache auf die Natur kommt, dann hört man: Ach, wir haben da hinten dieses Gehege, den Bärenzoo, und daneben ist der botanische Garten. Ist doch alles da. Und die Menschen sind damit zufrieden. Die Entfremdung von der Natur ist in diesem Land enorm. Ich habe für mich einen der entlegensten Orte Westdeutschlands zum Leben gewählt, weil ich hoffe, dass sich da möglichst wenig verändert. Aber wenn bei uns der Bürgermeister gefragt wird: Was wollen Sie lieber, schöne Natur oder Arbeitsplätze? – rate mal, was der antwortet.

 

Die Deutschen scheinen mehr denn je zu wandern. Was hältst du eigentlich von den ganzen Premium- und Qualitätswegen, die nach exaktem Punktesystem Kilometer für Kilometer zertifiziert werden...?

Also, darüber muss ich lachen. Ist das wirklich so? Ich hör das gerade zum ersten Mal – schreib das ruhig auf! Gut, beim Klettern gibt’s eine Skala für die Schwierigkeit. Aber wie will man Schönheit in Punkten messen? Das ist wirklich deutsch. Nimm mal den Yukon River, der gilt ja gemeinhin als Synonym für die schönste Wildnis. Dabei ist das eigentlich ein langweiliger Fluss. Meine Freundin beschwerte sich damals, dass wir zwei Monate durch die immergleiche Landschaft paddelten. Trotzdem war die Fahrt eines meiner größten Naturerlebnisse, die ich in der absoluten Wildnis hatte. In so einem »objektiven« Punktesystem würde der Yukon dagegen weit hinten liegen.

 

Ähnelt der Kreuzotter, ist aber ungiftig: die Schlingnatter. | Foto: Ralf Blasius

Zur Zeit drehst du wieder im »wilden Deutschland«.

Ja, wir machen gerade einen Zweiteiler, fürs ZDF und für National Geographic, der Anfang 2012 ausgestrahlt wird. Die fanden das genauso spannend: Andreas Kieling zeit Amerikanern seine wilde Heimat. Was, ihr habt Wildpferde, die ihr jedes Jahr einfangt? Und ihr habt »big cats« und »sixpacks of wolves? – Great!« Dazu noch etwas Neuschwanstein, Ritterburgen, Klaus Störtebeker …
Fürs deutsche Fernsehen ist der Fokus anders – da geht es mehr um eine Art Inventur der deutschen Natur. Wo stehen wir? Wer ist gegangen, wer ist gekommen? Wer sind Gewinner, wer die Verlierer, und warum ist das so?
Anfang 2012 wird das ausgestrahlt.

 

Was hast du schon gefilmt, was kommt noch ran, und wann kann man das Ganze sehen?

Wir haben im Oktober 2010 angefangen – urdeutsch, mit der Rothirschbrunft in der Eifel. Dann haben wir Seeadler in Mecklenburg gedreht, ich war schon im Berchtesgadener Land, im März ging es ins Wattenmeer. Es gibt eine große Geschichte an einem Atomkraftwerk, wo sich erstaunlich viele Tiere und Pflanzen tummeln...

 

Die Hirschkäfer geben beim Dreh ihr bestes. | Foto: Andreas Kieling

… schön groß, nehmen wir an …

Ja, groß – aber nicht, weil sie verstrahlt sind, sondern weil’s da schön warm ist und viel Futter gibt. Wir drehen aber auch simple Sachen, die eigentlich jeder kennt. Kaum einer weiß, dass wir wieder Feldhamster haben. Oder Neozoen, die der Mensch mittelbar oder unmittelbar aus anderen Gebieten eingeführt hat: wie Wollhandkrabben, die ursprünglich aus China kommen und mittlerweile sogar bei Dresden in der Elbe leben. Also richtig überraschende Sachen. Und wir haben schräge Wolfsaufnahmen: Jungwölfe vor einer Höhle an einem geheimen Ort im Osten…

 

Was ist die größte Herausforderung?

Den zweitschwersten flugfähigen Vogel der Erde zu zeigen, den kaum einer kennt, der aber tatsächlich in Deutschland lebt, in einem kleinen Vorkommen in Brandenburg: die Großtrappe. Ein ausgewachsener Hahn wiegt immerhin 18 Kilo und kann trotzdem aus dem Stand starten – leichter Gegenwind genügt. Schwierig zu drehen war auch der Schwarzstorch, ein wunderschöner, aber sehr scheuer Vogel. Der fliegt sein Nest nie direkt an, sondern macht Umwege von mehreren Hundert Metern. Wenn du siehst, wo er in den Wald eintaucht, weißt du noch lange nicht, wo sein Nest ist. Filmisch am schwersten war die Paarung von Hasen. Hört sich simpel an, aber diese Jagden über die Felder und die ritualisierten Boxkämpfe sind rasant, und du musst sie immer schön scharf im Bild haben.

 

Gut, dass du die Bilder machst. Als normale Wanderer bekommen wir das alles ja kaum zu Gesicht, oder?

Die Begegnungen mit großen Tieren sind in Deutschland natürlich meistens sehr kurz. Du schaffst es gerade, das Fernglas hochzureißen und mit Glück auch noch zu fokussieren, dann ist es schon vorbei. Aber das reicht ja, um anderen davon zu erzählen: Mann, ist da was los! Du kannst deinen Kollegen im Büro erzählen, dass du mal wieder oder überhaupt zum ersten Mal einen Marder, einen Luchs oder auch nur ein paar Wildschweine gesehen hast. Oder einen Adler. Und in dem Moment, wo du dich dafür begeistern kannst, machst du dir Gedanken darüber. Und machst du dir Gedanken, lebst du bewusster, draußen und auch zu Hause. Das ist meine einfache Überzeugung: Ich finde es viel wichtiger, sich erst mal über deutsche und mitteleuropäische Landschaftsräume Gedanken zu machen – wie gehen wir mit unserem Rotwild um? Können wir es uns leisten, Wölfe wieder einwandern zu lassen oder Luchse auszusetzen? – als sich hinzustellen und zu sagen: Wir müssen uns unbedingt um die afrikanischen Elefanten kümmern, die da ganze Wälder platt machen und armen Bauern den Lebensunterhalt zerstören. Wenn wir unsere eigene Natur verstehen, dann werden wir auch die Welt verstehen. Wenn du irgendwas in der Welt verstehst, verstehst du noch lange nicht Deutschland. Weil die Verhältnisse hier viel komplexer sind als in den großen, berühmten Vorzeigereservaten. Eine Masai Mara ist auch komplex, aber deutlich einfacher zu durchschauen als die deutschen Mittelgebirge, wo viel mehr Störeinflüsse mitspielen.

 

4-Seasons Info

Andreas Kieling...

… 1959 in Gotha, Thüringen, geboren, floh mit 16 Jahren aus der DDR in die Bundesrepublik, wo er zunächst als Seemann arbeitete. Später ließ er sich zum Forstwirt und zum Jäger ausbilden, arbeitete in China, Indien und Pakistan, reiste durch Grönland und fuhr mit dem Mountainbike durch den Himalaja. Seine Karriere als Tierfilmer begann er 1991 – als Autodidakt. Ausgerüstet mit zwei 16-Millimeter-Filmkameras reiste er sechs Monate auf dem Yukon bis zur Beringsee. Der dabei entstandene Film wurde auf Anhieb zur besten Sendezeit gezeigt. Dem Norden Nordamerikas blieb Kieling auch in den folgenden Jahren treu. Er folgte dem Yukon von der Quelle über 3000 Kilometer bis zur Mündung in die Beringsee. Auf dieser Reise entstand eine dreiteilige Dokumentation für die ARD. Im Mai 2008 zeigte das ZDF die Terra-X-Reihe »Expeditionen zu den Letzten ihrer Art«. Andreas Kieling lebt mit seiner Familie auf einem Bauernhof in der Eifel.

 

Andreas Kieling: Ein deutscher Wandersommer - CoverDas Buch: »Ein deutscher Wandersommer«

Als Vorbereitung der ZDF/Arte-Produktion »Mitten im wilden Deutschland« wanderte Andreas Kieling 2009 auf dem »Grünen Band«, entlang des ehemaligen Todesstreifens, sieben Wochen quer durch Deutschland. Seine
Erlebnisse schrieb er in dem Buch »Ein deutscher Wandersommer« nieder:
302 Seiten, Malik Verlag, München 2011, Globetrotter Best.-Nr. 18.09.43, € 22,95

 
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Kommentare

Sehr schön, ein Bericht den ich gerne komplett gelesen habe. Auch wenn es wohl nicht so witzig war, mußte ich über die Nandu Geschichte schmubzeln. Ist euch eigentlich bekannt woher die Nandus kommen und wie sie es nach M.-V. geschafft haben? Die stammen aus einem freien Gehege in Groß Grönau bei Lübeck, unweit der heutigen A20 wo auch mein Elternhaus steht. Als sich die A20 damals im Bau befand konnte man wunderbar über die neu errichtete Wakenitz-Autobahnbrücke spazieren.
Diesen Weg haben vermutlich auch die Nandus genutzt um in den Osten rüber zu machen ;-)
Könnt ihr dem Andreas Kieling ja mal sagen, sofern er das hier nicht liest.

Grüße aus Groß Grönau
Andreas

Der Bericht gefällt mir sehr gut und ich kann vieles nachvollziehen. Ich bin in verschiedenen Ländern Afrikas aufgewachsen und viel gereist und immer wieder finde ich : dieses Europa es hat was, was ganz besonderes was ich nur hier treffe.....

Das Geburtsland beständig hat besondere Bedeutung für die Leute und natürlich heimische Naturell auch. Ich mag auf http://ca.essaydune.com/ über Wanderungen lesen aber ich will meine Land insbesondre erforschen.