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Alpine Academy: Klassenzimmer im Hochgebirge

Globetrotter-Gewinner Italo Balestra beim Klettern hoch über Chamonix. | Foto: Julian Rohn
Einmal im Jahr veranstaltet Arc’teryx die Alpine Academy in Chamonix. Normale Bergsteiger lernen dort Tricks und Kniffe von gestandenen Bergprofis. 4-Seasons hat den Globetrotter-Gewinner begleitet.
Auf dem Weg ins Klassenzimmer. | Foto: Julian Rohn
Auf dem Weg ins Klassenzimmer. | Foto: Julian Rohn

Der Ruck ist stärker als erwartet und reißt Italo nach vorne. Fast stolpert er. Von seinem Gurt führt das Seil zu einer großen Gletscherspalte, die sich quer durch den Hang zieht. Dort ist sein Alpine-Academy-Mitschüler Ludwig vor Sekunden verschwunden. Sie hatten eben in der Gruppe noch mal alles durchgesprochen: Schwerpunkt runter, mit den Füßen Halt finden, nicht nach vorne kippen. Aber der Schnee ist von der Sonne aufgeweicht, und der starke Zug am Seil lässt Italo immer näher an die Spalte rutschen. Erst kurz vor der Kante krallen sich die Steigeisen fest. Die Oberschenkel brennen, aber der Sturz ist gehalten. Erste Aufgabe erfüllt.

Übung an der Gletscherspalte

Jetzt eine sichere Verankerung graben, das Seil befestigen und Ludwig wieder aus dem eisigen Schlund holen. »Lose Roll­e« heißt die benötigte Technik. Vorsichtig gräbt Italo eine Rinne, um dort den Pickel zu verankern, während das Gewich­t von Ludwig an seinem Gurt laste­t. Es ist mühsam, aber es muss klappen. Noch zwei Meter weiter, und beide Bergsteiger ­würden in der Spalte verschwinden. Zumindest im Ernstfall.

Für die Übung hat Italo zur Sicherheit ein zweites Seil am Gurt, das hinter ihm gut verankert ist. Er würde nicht fallen, aber in den paar Minuten an der Spalte, bei dem Versuch, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, hat er das völlig ausgeblendet. Das war das Ziel: möglichst realistisch eine­n Spalten­sturz mit einer Zweierseilschaft simulieren. Als Ludwigs Kopf endlich über den Spaltenrand lugt, ist die Erleichterun­g groß. Peter, der Bergführer, grinst und freut sich, dass es so spektakulär gelaufe­n ist. Spalten­stürze in Zweierseilschaften sind nicht einfach zu halten. Gut, wenn man es übt.

Bildergalerie: Spaltenbergung

Gehörte mit zur Ausbildung: Standplatzbau auf Hochtour. | Foto: Julian Rohn

In den Bergen von Chamonix waren Mitte Juni zahlreiche Seilschaften unterwegs zu Trainingstouren im Rahmen der Alpine Academy. Die kanadische Marke Arc’teryx hatte zum dritten Mal in der Stadt am Mont Blanc ihre Zelte aufgeschlagen. Ein Wochenende lang verrieten Kletter­profis und Bergführer den Teilnehmern ihre besten Tricks und Kniffe fürs Hochgebirge. Über 400 Teilnehmer aus über 20 Ländern strömten Tag für Tag zu den Gletschern, Graten und Kletterrouten des Tals. Einführung ins alpine Bergsteigen, Biwaknacht oder Bergfotografie hießen die Workshops. Abends traf sich die Bergsteigergemeinde zu weiteren Seminar­en über Bergwetter, Höhen­an­passung oder Knotenkunde. ­Höhepunkt war ein großer Filmabend in der Talstation der Aiguille-du-Midi-Seilbahn. Italo hatte seinen Platz für die Academy über Globetrotter München gewonnen. In der Isarmetropole arbeitet der 37-Jährige als Astrophysiker an der Sternwarte. Seine Freizeit verbringt er beim Sportklettern.

Nach der Übung am Gletscher ist Italo deshalb am nächsten Tag in ­seinem Element. Es geht an den Fels, in die Aiguille­s Rouges. Ein Gebiet mit vielen Mehrseil­längen Routen in perfektem Gneis. Wenn die Wolken nicht so tief zwischen den Fels­nadeln hindurch­ziehen würden, hätte man die Fototapete mit den weißen Gipfeln von Mont Blanc du Tacul, Mont Maudit und Mont Blanc direk­t gegenüber hängen.

Nordwandbezwinger als Kletterpartner

Felsklettern in den Aiguilles Rouges. | Foto: Julian Rohn
Felsklettern in den Aiguilles Rouges. | Foto: Julian Rohn

Italo klettert hier in Begleitung von Luka Lindic. Der Slowene ist ein aufstrebender Alpinist der nächsten Generation. Im Frühjahr hatte er die erste freie Begehung der Route »Rolling Stones« in der Nordwand der Grandes Jorasses geschafft. Sechs Tage dauerte der Grenzgang durch die 1100 Meter hohe Wand. Jetzt steht Nordwandbezwinger Luka lächelnd und leicht frös­telnd am Stand und sichert Italo, der alle Seillängen vorsteigen darf. Wann hat man das schon mal: einen gestandenen Profi­alpinisten als Sicherungs­partner!

 

Bildergalerie: Impressionen von der Alpine Academy

 

Info: Arc’teryx Alpine Academy

Jedes Jahr im Frühsommer richtet Arc’teryx die Alpine Academy in Chamonix aus. Die quirlige Kleinstadt in den französischen Hochsavoyen ist bester Ausgangspunkt für alpine Unternehmungen. Aus dem Ort führen Seil- und Zahnradbahnen direkt ins Hochgebirge. Basislager für die Academy ist die Talstation der Midi-Seilbahn. Dort kann man sich nicht nur Testkleidung leihen, auch bei den zahlreichen Eventpartnern – 2014 waren es unter anderem Scarpa, Hilleberg und Petzl – lohnt ein Besuch am Stand. Die deutschen, französischen und englischen Bergführer treffen hier ihre Kursteilnehmer.

Das Angebot reicht von leichten Gletscherwanderungen für Anfänger bis zu anspruchsvollen Ausbildungstouren. Direkt mit in den Gruppen gehen auch viele Profiathleten von Arc’teryx mit. So waren in diesem Jahr neben vielen anderen auch die Ausnahmekletterin Nina Caprez, Alpinist Luka Lindic, Freerider Stian Hagen und Eisspezialistin Ines Papert dabei.Verglichen mit den regulären Kosten für Bergführer und alpine Ausbildungskurse sind die Teilnahmegebühren sehr gering. Anmelden für die kommende Academy kann man sich Anfang 2015 wieder über arcteryxacademy.com. Wer den den Anmeldestart nicht verpassen will meldet sich auf der Website für den Newsletter an oder folgt der Alpine Academy auf Facebook: facebook.com/ARCademy.

 

 
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