präsentiert von:

Alix von Melle: Auf dem fünften Achttausender

Alix hat bei Globetrotter auch ein Büro. Die Kältekammer ist zum Träumen. | Foto: Michael Neumann
Alix von Melle hat die steilste Karriere gemacht, die eine studierte Geografin machen kann: Sie kam von der Waterkant, lernte klettern, stieg auf die Gipfel von bisher vier Achttausendern – und eroberte zuletzt den Posten als Pressesprecherin der Münchner Globetrotter-Filiale.

Eine Frau, die morgens um halb fünf aus dem Bett springt, um vor der Arbeit schnell auf einen Berg zu rennen, soll man nicht aufhalten. Schon gar nicht, wenn sie sagt: »Ich bin ein extremer Morgenmuffel.« Und wie sie das sagt! Alix von Melle strahlt über das ganze Gesicht und lacht reizend. Für ihren Job als Pressesprecherin der gerade eröffneten Globetrotter-Filiale in München hat sie die richtigen »soft skills«. Warum sie an diesem schönen Morgen Anfang März nicht den Umweg über das Brauneck, einen der klassischen Münchner Hausberge, gemacht hat, ehe sie bei ihrem neuen Arbeitgeber erschienen ist? Weil sie wie manche ihrer Kollegen noch etwas an den Folgen der Eröffnung leidet. »Du arbeitest bis in die Nächte rein, bist wochenlang wie auf Drogen, wirst im letzten Moment fertig, dann kommt der große Tag, alles läuft toll, die Spannung fällt ab – und du wirst krank.« Sie hustet ein bisschen und lacht schon wieder.

Gut geschlafen? Na klar. Unterwegs zur Ama Dablam (6856 m) in Nepal. | Foto: Archiv von Melle

Nicht wenige Bergsteiger empfinden auch den Mangel an Sauerstoff auf den höchsten Bergen wie eine Droge, und mit dieser Droge kennt sich Alix aus: Sie hat bisher vier Achttausender auf dem Konto und ist damit die erfolgreichste Höhenbergsteigerin Deutschlands. Als sie 2006 ihren ersten bestiegen hatte, den Gasherbrum II (8035 m), lernte sie die Neu-Ulmerin Gaby Hupfauer kennen, die schon auf drei Achttausendern war. »Das erschien mir unerreichbar. Für normale Bergsteiger ist es ja schon das Allergrößte, ein Mal im Leben so hoch hinaufzukommen. Ich dachte nie daran, noch mehr Achttausender zu schaffen.« Doch Alix schaffte sie – und erfüllt zusätzlich im Expeditionsalpinismus die doppelte Quote: als Norddeutsche und als Frau. Alix von Melle ist aus Hamburg, und sie spricht das auch genau so aus: »Hamburch.« 2008 stand sie auf dem Nanga Parbat (8125 m) und 2009 auf dem Dhaulagiri (8167 m), beide Male zusammen mit Luis Stitzinger. 2010 war sie am Cho Oyu (8201 m), ohne Luis Stitzinger. Die erste Expedition ohne ihren Lebenspartner war eine wichtige Erfahrung: »Endlich mal nicht hören zu müssen, der Luis schleppt da immer seine Freundin mit …«

Bisher ist Alix auf den »niedrigen« und, mit Ausnahme des Nanga Parbat, nicht so schwierigen Achttausendern unterwegs gewesen. Wobei auch die nicht geschenkt werden: Am Cho Oyo erreichten von 450 angereisten Bergsteigern in der Nachmonsunzeit keine zehn den Gipfel. »Ich bin stolz darauf, zu den paar zu gehören, die trotzdem oben waren – wenn auch ›nur‹ auf dem Normalweg. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Ich habe das Bergsteigen erst mit 20 angefangen, ich kenne meine Grenzen und bin sehr zufrieden mit dem, was dabei rausgekommen ist.« 2010 probierte sie den Makalu (8475 m). Schon im letzten Lager, 7800 Meter hoch, merkte sie, dass der »eine andere Hausnummer« ist. 400 Meter unter dem Gipfel kehrten Alix und Luis wegen der extremen Kälte um.

Wie kommt die Deern vom Watt auf den Gletscher?

Den alpinistischen Jackpot zu knacken, also alle 14 Achttausender zu besteigen, ist für sie kein Thema. Außerdem: »Ich weiß genau, dass ich irgendwann keinen riesigen Rucksack mehr über Gletscher schleppen und wochenlang im Eis leben will.« Aber wie kommt eine Hamburger Deern überhaupt darauf, nicht im Watt, sondern auf Gletschern herumzusteigen? Alles begann im Jahr 1991, als sie sich zum bestandenen Abitur eine Skireise an den Arlberg schenkte. Schon damals machte es ihr besonderen Spaß, abseits der Piste ihre eigenen Spuren zu ziehen. Für gute Abfahrten nahm sie auch kleine Aufstiege in Kauf. Dann buchte sie einen Skitourenkurs; nur abzufahren war jetzt weniger spannend als zuerst aufzusteigen und dann abzufahren.

Mit Skifahren fing alles an. Alix auf Tour in den Kitzbühler Alpen. | Foto: Archiv von Melle

Alix studierte Geografie in Hamburg, wo sie nebenbei im Globetrotter-Laden jobbte. »Damals war das alles noch viel kleiner und nicht so spezialisiert. Ich habe eigentlich alles verkauft, Rucksäcke, Zelte, Schuhe …« Hier lernte Alix auch ihren jetzigen Chef Jens Holst kennen, den ersten Globetrotter-Azubi, der nun die Filiale in München leitet. Um den Bergen näher zu sein – vor allem, wenn dort Schnee lag – wechselte sie im Wintersemester 1993/94 an die Münchner Uni. Wochenlang war sie mit Ski und Rucksack unterwegs. Dann die erste Sommertour: eine Woche von Hütte zu Hütte durch die Ötztaler Alpen, »nur« wandern, mit einem viel zu großen Rucksack – und doch eine wunderschöne Erinnerung.

Bei einer Skidurchquerung im Berner Oberland lernte sie im Frühjahr 1996 den Sportstudenten und Bergführeraspiranten Luis Stitzinger kennen. Es funkte aber erst zwei Jahre später, beim Bouldertraining in der ZHS, dem Zentralen Hochschulsport in München. Da wusste Luis schon, dass er zum Jahreswechsel 1998/99 für den DAV Summit Club eine Tour auf den Aconcagua führen würde, und er fragte seine neue Freundin, ob sie mitkommen wolle. Alix hatte zuerst keine Ahnung, was das sollte: »Ich dachte spontan: Wie blöd ist das denn, stundenlang im Flieger zu hocken, um am anderen Ende der Welt bergzusteigen? Ich habe die Berge doch vor der Haustür. Aber es hat zeitlich gepasst, ich hatte im Winter keine Prüfung und sagte okay, schau ich mir das doch mal an.« So blöd war es dann doch nicht, denn zwei Jahre später kehrten die beiden zurück an den Aconcagua und kletterten die Südwand, eine der ganz großen, schweren Wände an den Bergen weltweit.

Was macht die Frau ohne Mann?

Bei ihrer ersten Tour am Aconcagua war sie die einzige Frau unter lauter Männern gewesen, und einer der Teilnehmer hatte sie gefragt, was sie eigentlich in den drei Wochen machen wolle, während die Gruppe zum Gipfel steigen würde. »Ich habe das erst gar nicht verstanden … Später ist das jedenfalls nicht noch mal vorgekommen.« Die Gleichberechtigung am Berg hat Fortschritte gemacht, selbstverständlich ist sie noch lange nicht. Gaby Hupfauer hat ihr einmal nach einem Vortrag erzählt, dass sie früher immer die Rabenmutter gewesen sei, ihr Mann Sigi, Bergführer und achtfacher Achttausender-Besteiger, dagegen nie der Rabenvater. Es sind die Frauen, die sich rechtfertigen müssen, weiß Alix: »Auf den Expeditionen sind immer viele Familienväter dabei, aber kaum einmal eine Mutter. Es ist für die Väter auch völlig okay, dass sie Weihnachten am Aconcagua verbringen statt mit der Familie zu Hause.«

Warm ist auch schön: An der Costa Blanca bei Calpe. | Foto: Archiv von Melle

Alix ist keine Mutter, und auch das ist in Interviews oft ein Thema. Die Prioritäten würden sich ändern, wenn Nachwuchs da wäre: »Dann wollte ich wohl auch nicht mehr auf die hohen Berge, weil das Risiko da ist und weil ich ein Kind nicht so lange wegorganisieren möchte.« Noch ist sie aber längst nicht fertig mit den Bergen. Sie träumt davon, mit dem Mountainbike über die Alpen zu fahren. Sie möchte wieder mehr klettern, denn das kommt beim Expeditionsbergsteigen eindeutig zu kurz. Und sie hat ja auch andere Interessen. »Das Bergsteigen beansprucht schon so viel Raum, da beschäftige ich mich, wann immer es geht, gern mit anderen Dingen.« Mit Musik zum Beispiel. Bis zum Abi spielte sie Geige; aber als sie dann studierte und mit dem Bergsteigen begann, hörte sie auf. »Ich mag es nicht, von allem ein bisschen zu machen und nichts richtig gut.« Der Musik ist sie trotzdem treu geblieben. Bei jeder Expedition ist der iPod im Rucksack. Was darauf gespeichert ist? Fast nur klassische Musik, vor allem Mozart, ihr Liebling von Kindheit an. Auch Bücher sind immer dabei, analoge Papierware – auch wenn sie wiegt. »Zu wenig Lesestoff auf Expedition – das ist der absolute Horror!« Sie schreibt auch selbst sehr gern. Ihre Expeditionstagebücher ergeben schon einen kleinen Stapel.

Was kostet ein Berg?

Es gibt billigere Hobbys, als Achttausender zu besteigen. Alix ist Selbstzahlerin. Sie bekommt einen guten Preis – nicht weil Luis ihr Freund ist, sondern weil sie ihn bei seiner Arbeit als Expeditionsleiter für den DAV Summit Club unterstützt. Trotzdem: »Nach so einer Expedition ist Luis’ Konto gut gefüllt, meins ist auf null.« Die beiden leben sparsam, was heißt, dass sie im Alltag nicht an den Biolebensmitteln sparen, bei ihren Klettertrips aber am Quartier. Ins Hotel? Kommt nicht infrage. »Das ist einfach nicht unsere Art. Selbst wenn ich das dicke Geld hätte, würde ich nicht im Fünf-Sterne-Hotel übernachten und am Tag klettern gehen. Ich schlafe gern im Zelt. Oder in unserem Caddy.«

Hamburg ist weit: Alix von Melle in der Vertikalen. | Foto: Archiv von Melle

Ein »kleiner« Achttausender kostet Pi mal Daumen einen Euro pro Höhenmeter. Also müssen mindestens 8000 Euro im Jahr angespart werden – und acht Wochen Zeit. Welcher Arbeitgeber macht das mit? Fast zehn Jahre lang leitete Alix die Geschäftsstelle des bayerischen Landesverbands beim Deutschen Alpenverein, wo man ihren alpinistischen Ambitionen naturgemäß Verständnis entgegenbrachte. Nachdem sie beim Alpenverein völlig eigenständig arbeitete, free solo sozusagen, ist sie nun ein Teil des großen Globetrotter-Teams. Auch das ist eine Herausforderung. Gleich beim Aufbau des Presseverteilers, ihrer ersten großen Aufgabe, profitierte sie von ihrer guten Kenntnis der Münchner Alpin- und Medienszene. Die Pressekonferenz, die sie zur Eröffnung organisierte, war im wahrsten Sinn des Wortes ein voller Erfolg: 90 Journalisten drängelten sich um halb so viele Sitzplätze. Nach ihrem »fünften Achttausender« zieht nun der Alltag ein. Alix organisiert Filmarbeiten in der Münchner Filiale, beschafft Bild- und Textmaterial, kündigt Veranstaltungen an.

Die leichte Erkältung wird vorbeigehen, die annähernd 150 Überstunden auf dem Jahres-Stundenkonto bleiben. Zusammen mit den sechs Wochen Jahresurlaub reicht das. Im Juli geht es zum Broad Peak, 8047 Meter hoch, im Karakorum. Und vorher noch oft aufs Brauneck, 1555 Meter, zum Training. Der Morgenmuffel hat sich im Griff.

 
weiterführende Artikel: 
01.03.2011ArtikelAktuellBeratung und ServiceGlobetrotter Filialen

Die Lichter sind an: Globetrotter München hat eröffnet!

Über 12 Jahre suchte Globetrotter Ausrüstung in München nach einer geeigneten Immobilie. Vor etwa 30 Monaten wurde man am Isartor fündig. Nach dem Generalumbau der Rieger-City öffnete die neue Globetrotter-Erlebniswelt am 5. zum Artikel