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Afrika im Herz, Hamburg im Hirn

Foto: Archiv Thomas
Wie man bei Globetrotter Ausrüstung vom »Kistenschieber« zum »Handbuchredakteur« wird, zeigt die Karriere von Nico Thomas. Auf zahlreichen Afrikareisen in diversen automobilen Randexistenzen entdeckte der gelernte Raumausstatter seine Outdoor-Affinität, die er 2002 zum Beruf machte.
Vom »Kistenschieber« zum »Handbuchredakteur«: Nico Thomas. | Foto: Manuel Arnu

Regenzeit in Botswana. Heftige Niederschläge im Moremi-Nationalpark haben den lehmigen Fahrweg in eine unwegsame Schlammpiste verwandelt. Nico Thomas und seine Freundin Yvonne kämpfen sich mit ihrem Unimog immer tiefer in das praktisch unbewohnte Wildreservat inmitten des Okavango-Deltas. Einheimische? Fehlanzeige. Funkkontakt? Seit Stunden abgebrochen. Das Drama beginnt schleichend. »Du hast einen Unimog und 130 PS, der fährt sich nie fest«, glaubt Nico siegessicher. Zunächst kaum wahrnehmbar, setzt sich das Reifenprofil mit zähem Schlick zu, verwandelt die grobstolligen Geländereifen in profillose Gummiwalzen. Dann gräbt sich der Gelände-LKW langsam in den bodenlosen Schlamm. Immer weiter, immer tiefer. Bis der Unimog im Dreck festgefahren ist, Allradantrieb und Differenzialsperre zum Trotz. Ein vergeblicher Versuch, den Unimog mit Sandblechen wieder flott zu bekommen, endet kurze Zeit später mit der enervierenden Suche nach den Sandblechen, die beim Anfahrversuch fast 100 Meter weit in den Busch geflogen sind. Ganz auf sich alleine gestellt, beginnt Nico den sieben Tonnen schweren Laster aus dem Schlam(m)assel zu buddeln. Der klebrige Lehm lässt sich aber nicht mit einem Spaten beiseiteschaufeln. Das einzige, was funktioniert, ist eine kleine Plastiktasse. Drei Tage liegt Nico in eine Melange aus Schlamm und Elefantenpisse unter seinem Unimog und gräbt den Laster in einer wahren Sisyphusarbeit aus. Acht Stunden täglich, Tasse um Tasse. Abends lässt er den Matsch am Körper trocknen, um ihn anschließend abzublättern. Duschwasser gibt es keines, der Brauchwassertank ist leer. Nach drei Tagen können Nico und Yvonne die Fahrt fortsetzen. Um eine dreckige Erfahrung reicher, verbucht Nico die Schlammschlacht als »learning by loosing«. Manchmal sind halt auch 130 Pferdestärken nichts gegen die Launen von Mutter Natur.

 

Der etwas andere Autonarr

Stilvoll Reisen auf dem schwarzen bunten Kontinent. | Foto: Nico Thomas

Weder Nicos Liebe zu Afrika, noch sein Autospleen wurden durch die Quälerei im Okavango-Busch beeinträchtigt. Bevor er den Unimog besaß, rauschte Nico mit einem 72er-VW-Bus über Europas Landstraßen. 80 PS Porschemotor, 2 Liter Hubraum, ein echtes Spaßmobil. Sein Nachfolger war nur ein Jahr älter, aber um einiges größer. Ein von der Bundeswehr ausrangiertes Depotfahrzeug der Marke Unimog mit 130 PS und 5,6 Liter Hubraum. Nico verpasste dem Universal-Motor-Gerät eine GfK-Kabine und mit dem handwerklichen Geschick seines Berufs als Raumausstatter eine wohnlich ausgebaute Kabine. Im Jahr 2001 verschiffte er das runderneuerte »Actionmobil« nach Namibia und startete sein erstes Afrikaabenteuer. Die Rundreise führte ihn zusammen mit Freundin Yvonne 7500 Kilometer von Küste zu Küste durchs südliche Afrika. Nico sammelte Eindrücke, die für immer haften blieben. In Namibia angelte er vom Geländewagen aus einen 1,2 Meter langen Hai. 15 Minuten lang kämpfte der Raubfisch, bis er aufgab. Nico schenkte dem Hai respektvoll die Freiheit, ließ ihn im Atlantik davonziehen. Im Indischen Ozean tauchte Nico an der Küste Mosambiks bei 24 Grad Wassertemperatur und unfassbar klarem Wasser mit 14 Meter Sichtweite zusammen mit Walhaien, kam Buckelwalen bis auf wenige Meter nahe, beobachtete Thunfischschwärme beim Jagen und lauschte unter Wasser den Stimmen der Delfine. Abenteuer, die jeder mutige Safaritourist erleben kann. Einzigartig wurde die Reise jedoch durch die Arbeit in Botswana mit dem »Harry Oppenheimer Okavango Research Center« im Nationalpark Okavango-Delta, einem der weltweit größten biologisch intakten Feuchtgebiete. Nico und Yvonne arbeiteten für das HOORC an einem Projekt, das die Folgen der Bekämpfung der Tsetsefliege untersucht. Sprühflugzeuge verbreiten im Okavango-Delta großflächig das Insektizid Deltametrin, um die Übertragung der Schlafkrankheit einzudämmen, die in Afrika große volkswirtschaftliche Schäden anrichtet. Weil sich viele einheimische Biologiestudenten der Universität Botswana aus Furcht vor den Wildtieren im Delta weigerten, am Projekt des HOORC teilzunehmen, bot sich für Nico und Yvonne die einmalige Chance, in diesem für Touristen stark reglementierten Tierparadies nachhaltig zu arbeiten.

 

Löwengebrüll als kleine Nachtmusik

Der Unimog wurde mittlerweile gegen einen in Namibia stationierten Nissan eingetauscht. | Foto: Nico Thomas

Nico bewies Organisationstalent als technischer Leiter für die Feldforschung, leistete Pionierarbeit und bereitete die Camps für die Forscher vor, sorgte für die nötige Infrastruktur, prüfte Aggregate, hielt den Fuhrpark am Laufen und schaufelte, wenn es sein musste, sogar eigenhändig die Klogrube. Allerdings mit Spaten.

In kleinen Gruppen drangen sie tief in die Sumpfgebiete vor. Eine harte, zeitaufwendige Arbeit. Brücken mussten selbst gebaut werden, Tiefsandstrecken erschwerten die Weiterfahrt und mit wackligen Pontons wurden viele der zahllosen Flussarme überquert. Häufig schafften sie keine 50 Kilometer am Tag. Tief im unbewohnten Okavango-Delta wurden Bäume mit Planen präpariert und die GPS-Daten an die Sprühflugzeuge gefunkt. Nachts wurde das Insektizid über den vereinbarten Koordinaten versprüht und am nächsten Tag ausgewertet, was alles aus den Bäumen gefallen war. Alle Opfer des nächtlichen Gifteinsatzes wurden gesammelt und an diverse Labors zur Analyse geschickt.

Die Forschungen steckten 2001, im ersten Projektjahr, noch in den Kinderschuhen und werden vermutlich Jahrzehnte dauern. Für Nico war es dennoch ein einschneidendes Erlebnis, inmitten der Wildnis zu arbeiten. Wenn abends nach einem schwül-heißen Tag die Sonne über dem Okavango-Delta unterging und Nico den Reißverschluss zu seinem Zelt schloss, setzte ein unheimlicher Chor von Löwen, Hyänen und anderen Tierstimmen zu einer lautstarken Nachtmusik ein. »Als nachts das erste Mal ein Löwe brüllte, stellten sich mir sofort die Nackenhaare auf. Ist vermutlich ein alter Steinzeitreflex«, erinnert sich Nico an das schaurige Gefühl. Und spätestens nach den ersten Löwenspuren morgens in Zeltnähe war klar: Das ist nicht der Tierpark Hagenbeck, sondern die Realität im Flussdelta, in dem sich neben Löwen auch Leoparden, Büffel, Krokodile, Flusspferde und Elefanten tummeln. Trotz aller Gefährlichkeit half der tägliche Umgang mit den Wildtieren zu etwas Gelassenheit. Dann konnte das Buschflugzeug eben nicht starten, wenn ein Rudel Löwen im Schatten der Tragflächen döste. Und wenn Hyänen den brühend heißen Wasserkessel vom Feuer rissen, dann gab es eine schreiende Hyäne mehr und den Kaffee ein paar Minuten später. »So lange man gewisse Grundregeln befolgt«, weiß Nico inzwischen, »ist die afrikanische Wildnis weniger gefährlich als vermutet.« Niemals die Individualdistanz der Tiere verletzen, die Windrichtung beachten, Tiere mit Nachwuchs meiden. Selbst ein Pavian kann zum gefährlichen Gegner werden, wenn man versehentlich den Fluchtweg von Klein-Pavian blockiert.

 

Der Zauber Afrikas

Das hier ist nicht der Tierpark Hagenbeck, sondern die Realität im Flussdelta. | Foto: Nico Thomas

Eine weitere Erkenntnis reifte während des ersten Afrikatrips: Ein 7-Tonnen-Laster, der sich trotz Allradantrieb in eine Lehmpiste graben kann, taugt hauptsächlich dazu, das Tagebuch mit Anekdoten zu füllen. Das schwerfällige Monstrum war einfach zu groß, laut und langsam. »Der voluminöse Motor schluckte mindestens 20 Liter Diesel und jeder Afrikaner dachte, ich sei Multimillionär.« Also kaufte er sich Ende 2001 in Namibia einen verbeulten Nissan Patrol mit 258.000 Kilometern auf dem Tacho für umgerechnet etwa 5500 Euro. Sofort machte er die Erfahrung, dass er mit einem kleinen Auto viel weiter kommt, beweglicher ist und herzlicher aufgenommen wird.

Als echter Globetrotter war Nico natürlich auch in Kanada, aber er ist kein Blockhausfan. Statt klirrender Kälte liebt er flimmernde Hitze, die warme Luft, die nach Salzstrauch duftet. Morgens in Flip-Flops schlüpfen, T-Shirt und Shorts anziehen und nicht wissen, was der Tag bringt: Das ist Afrika!

Immer wieder kehrte Nico in den folgenden Jahren ins südliche Afrika zurück und erlag mit jeder Reise mehr und mehr dem Zauber des Kontinents. Alles in Afrika war dichter am Leben, empfand er bereits bei seinem ersten Besuch. Die Natur, die Tiere, alles ist enger mit dem alltäglichen Leben verwoben. Natürlich sind auch die Probleme viel größer und existenzieller als in Europa: ständige technische Probleme, schwere Krankheiten, tägliche Autounfälle, Armut. »Trotzdem bewahren sich die Afrikaner eine liebenswerte Herzlichkeit und ihren Stolz«, bemerkt Nico.

Nach einer Afrikareise im Januar 2002 kehrte Nico dem Handwerk den Rücken und begann bei Globetrotter in Hamburg. Er debütierte als Lagerarbeiter und verschob Paletten, engagierte sich aber gleich auf Messen wie der Globeboot und bewies sein Organisationstalent. 2005 begleitete er als Assistent Fotoshootings für das Handbuch auf Kreta und in Kanada und knüpfte Kontakte zur Marketingabteilung, die ihm kurze Zeit später einen Job als Handbuch-Redakteur anbot. Das Nico zuvor außer Postkarten nicht viel geschrieben hatte, war kein Ausschlusskriterium. Inzwischen schreibt Nico die redaktionellen Texte für alle Artikel der Bereiche Bergsport, Boote, Zubehör und Bücher. 2007 sind das fast ein Drittel der 670 Seiten. In Nicos Büro sitzt ihm Guntram gegenüber, Einkäufer der betreffenden Artikelbereiche. Die Informationswege sind bewusst kurz gewählt, Nico ist auf den Fachmessen mit dabei, kennt die Entscheidung, warum ein Produkt im Sortiment aufgenommen wird und testet diese so häufig wie möglich selbst. Seinen ursprünglichen Handwerksberuf vermisst er nicht.

Fast ein Drittel der Produktbeschreibungen im Handbuch stammt aus Nicos Tastatur. | Foto: Manuel Arnu

Bei Globetrotter wartet ein abwechslungsreiches Arbeitsfeld auf ihn und er sieht jeden Tag die Früchte seiner Produktivität wachsen, wenn das Sommerhandbuch von Oktober an täglich wächst und im März mit einer Auflage von fast 900.000 Stück gedruckt wird. Nach der Drucklegung folgt eine etwas entspanntere Phase. Fachmessen, Onlinepflege der Artikel, Einkaufsassistenz. Und Urlaub, der ihn meist zurück nach Afrika führt, inzwischen in Begleitung seiner beiden Söhne. Bedenken hat Nico dabei keine. Dass Elefanten nicht Benjamin Blümchen und Löwen keine Kuscheltiere sind, merken Kinder ganz von alleine, wenn vor ihnen ein Tier steht, das mit seinen lethargischen Artgenossen im Zoo nichts gemeinsam hat. »Alleine reisen ist langweilig. Mit meinen Söhnen läuft alles besser und ist spaßiger, egal ob Safari, Freundschaften schließen oder Grenzübertritte.«

Überhaupt findet Nico, dass der düstere Begriff »Schwarzer Kontinent« dem bunten Erdteil nicht gerecht wird. »Der Süden Afrikas ist gut organisiert, keine Dritte Welt mehr«, weiß Nico. Während seiner gesamten Reisen musste er noch keinen Beamten schmieren, für Strafzettel gibt es ordentliche Quittungen und überall erinnern Flugbläter daran, Korruption zu melden. Statt-dessen gibt es auch für ihn noch einiges zu lernen. »Mister Nico, du machst immer so schnell. Die Arbeit rennt nicht weg!«, muss er sich von Einheimischen oft anhören, wenn er sein euro-päisches Arbeitstempo anschlägt. Eine kleine Portion mehr Gelassenheit könne Nico immer noch vertragen, meinen sie, denn »ihr Deutschen habt die Uhren, wir die Zeit!«