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Gunther Willinger: Mit dem Makro durchs südliche Afrika

Die Nymphe einer Wanze sitzt auf einer Skabiose. | Foto: Gunther Willinger
Zwei Jahre lebte Gunther Willinger mit seiner Frau und Kindern in der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria. Seit Anfang 2012 sind sie wieder in Deutschland. Mitgebracht haben sie neben Fernweh tolle Makro-Aufnahmen von Flora und Fauna.

Gunther, nach Südafrika ist es ein weiter Weg. Wie kam es dazu, dass ihr für zwei Jahre Deutschland den Rücken gekehrt habt und nach Afrika gezogen seid?

2008 waren wir zu Besuch bei Freunden in Pretoria und sind während meiner Elternzeit sieben Wochen lang durch Südafrika gereist. Wir waren sofort fasziniert von der kulturellen und natürlichen Vielfalt des Landes. Als Biologen besonders von der für uns fast gänzlich unbekannten Pflanzenwelt. So bewarb sich meine Frau als Lehrerin an der Deutschen Schule in Pretoria, was dann auch klappte, so dass wir ab Januar 2010 für zwei Jahre in Südafrika leben durften. Ich arrangierte mich als Hausmann und Fotograf mit den örtlichen Gegebenheiten und so oft wie möglich sind wir gereist.

 

Du sagst, dass die Naturfotografie fast schon eine Sucht geworden ist. Was ist deine Motivation immer wieder nach draußen zu gehen?

Breitmaulnashörner leben gefährlich. Jedes Jahr werden Hunderte Tiere wegen ihres Horns von Wilderern getötet. Krüger National Park, Südafrika. | Foto: Gunther Willinger

Der bekannte Naturfotograf Jim Brandenburg hat einmal gesagt: »Natur ist eigentlich nur ein großer, chaotischer Wirbel aus Leben – wenn man in diesem Strudel aus Entscheidungen und visuellen Möglichkeiten tatsächlich eine ansprechende visuelle Ordnung findet, ist das eine wahre Freude.« Das spricht mir aus der Seele, denn genau das ist es, was ich erlebe, wenn ich mit dem Makro durch eine Wiese streife. Deswegen haben es mir auch die weiten Graslandschaften Südafrikas, vor allem die Drakensberge und das Bushveld besonders angetan. Zwei bis drei Stunden im »Makro-Modus« im Grasland zu tauchen, zu verweilen, genau hinzusehen und dabei immer wieder Neues zu entdecken, das ist für mich der Kern der Foto-Leidenschaft. Es ist eine besondere Art des Naturerlebnisses und manchmal muss ich mich schon zwingen, die Kamera auch mal bewusst weg zu legen, um nicht nur den Blick durch den Sucher zu haben.

 

Kannst du mit der Fotografie mittlerweile deinen Lebensunterhalt verdienen?

Nein, die Vermarktung der Bilder steckt noch in den Kinderschuhen. Das war bislang auch nicht nötig. Ich habe über zehn Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und im Projektmanagement der Naturschutzstiftung EuroNatur (www.euronatur.org) in Radolfzell am Bodensee gearbeitet. Eine tolle Zeit mit vielen spannenden Projekten in ganz Europa, in der ich viel gelernt habe. Nach der Rückkehr aus Südafrika hat es uns aus privaten Gründen nach Tübingen verschlagen, von wo aus ich momentan als freier Journalist arbeite. Im Juni habe ich gemeinsam mit Stanislaus Müller-Härlin eine Ausstellung in Münsingen auf der Schwäbischen Alb gehabt. Das war sehr schön, die Bilder nicht nur auf dem Bildschirm flimmern zu sehen, sondern sie tatsächlich großformatig in der Hand zu halten. Wir haben Vergrößerungen bis zum Format 80 x 120 cm gemacht.

 

Bildergalerie: Afrikabilder von Gunther Willinger

Wie muss man sich die Kombination aus deinen Fotografien und den Werken von Stanislaus vorstellen?

Blühender Köcherbaum in der Namib-Wüste. Namib Naukluft Park, Namibia. | Foto: Gunther Willinger
Es war eine Kunstausstellung mit meinen Fotografien aus den Projekten Gräser und Flechten gemischt mit Grafiken von Stanislaus. Das war für mich sehr spannend, weil das Nebeneinander von Fotografie und Grafik sehr gut funktioniert hat. Da waren wir anfangs, glaube ich, beide etwas skeptisch. Stanislaus hat einige der Muster und Strukturen meiner Flechtenbilder in seinen Grafiken aufgegriffen und verarbeitet. Ich fand es auch interessant die Rückmeldung eines kunstinteressierten Publikums zu bekommen. Die Leute gucken da schon noch mal anders drauf. Viele konnten gar nicht glauben, dass die Farben alle echt sind und nicht am Computer nachgearbeitet.

 

Reicht die Vielfalt der Natur als Bildkomponist oder musst du noch viel Arbeit in deine Bilder stecken?

Im Makrobereich habe ich eine gute Kontrolle über den Ausschnitt und die Bildkomposition. Bei den Grasbildern macht die digitale Technik meine Art des Fotografierens erst möglich. Ich arbeite dabei ohne Stativ, ohne Blitz, ohne Autofokus und meist mit offener Blende. Die Feinheiten der Fokussierung ergeben sich nicht durch das Verstellen des Objektivs, sondern durch meine eigene Bewegung oder die Bewegung der Halme im Wind. Mein Lieblingsobjektiv ist das Sigma 105 mm, f2.8 Makro an einer digitalen Spiegelreflexkamera. Zur Zeit ist das eine Nikon D300s. Die erlaubt durch ihren empfindlichen Lichtsensor in Kombination mit der automatischen Empfindlichkeitseinstellung (ISO-Automatik) volle Konzentration auf die Motive. Oft nehme ich viele Bilder in Reihe auf und entscheide mich später am Rechner, welches meine Favoriten sind.

 

Welche Motivation treibt dich an in Südafrika Gräser und Insekten zu fotografieren?

Die leuchtend blauen Federn einer Gabelracke. Mapungubwe Nationalpark, Limpopo, Südafrika. | Foto: Gunther Willinger
Als Biologe, der seine Diplomarbeit über die chemischen Interaktionen zwischen Insekten und Pflanzen geschrieben hat, bin ich natürlich vorbelastet. Aber bei der Fotografie ist es nicht in erster Linie das wissenschaftliche Interesse, das mich antreibt, sondern es ist die Ästhetik und Vielfalt der Natur. Strukturen und Farben von Tierfellen, Rinden oder Flechten. Oder eben der Dschungel der Milliarden Grashalme, der sich einem mitsamt seinen meist sechsbeinigen Bewohnern eröffnet, wenn man auf Tauchstation in eine Wiese geht.

 

Du hast dich aber auch den größeren Tieren Afrikas genähert und Löwen und Elefanten fotografiert!

Na klar! Die Fotopirsch auf Großsäuger ist immer aufregend und macht sehr viel Spaß, weil es den Jagdinstinkt weckt und man tolle Beobachtungen macht. Fantastische Bilder von Löwen, Elefanten und Leoparden gibt es aber schon viele – da hängt die Latte ganz schön hoch. Beim Blick durch das Makro sehe ich viel öfter neue und ästhetisch ansprechende Bilder. Vielleicht liegt auch deshalb mein fotografischer Schwerpunkt im Nahbereich. Hinzu kommt, dass es familienfreundlicher ist, mit dem Makro auf Fotojagd zu gehen, als mit dem Tele stundenlang anzusitzen.

 

Ihr seid in Namibia, Botswana und Südafrika gereist. Was war ein besonderes Highlight Eurer Reisen?

Portrait zweier Impala-Böcke. Ithala Game Reserve, KwaZulu Natal, Südafrika. | Foto: Gunther Willinger

Besonderes Highlight war für uns die Frühjahrsblüte am Kap der Guten Hoffnung. In einem etwa 100 bis 200 Kilometer breiten Streifen entlang der Küsten hat sich dort eine einmalig artenreiche Vegetationszone entwickelt. Von den über 9.000 verschiedenen Blütenpflanzen, die dort vorkommen, gibt es zwei Drittel nirgendwo sonst auf der Welt. Es ist wie in einem riesigen botanischen Garten, ständig sieht man unbekannte Blüten, die einen durch Form und Farbe überraschen. Gleichzeitig ziehen an manchen Stellen die Südkaper-Wale so nah an der Küste vorbei, dass man sie vom Land aus mit bloßem Auge beobachten kann. Ein familienfreundlicheres Fotorevier lässt sich kaum vorstellen. Afrika sind eben nicht nur die Großsäuger, die auf der Suche nach Nahrung durch die Steppe wandern.

 

Nach so vielen Fotoabenteuern in Afrika – langweilst du dich jetzt ein bisschen in Europa oder gibt es hier für dich auch tolle Ecken zum Fotografieren?

Die Faszination für Flechten, Gräser und Insekten ist ungebrochen. Gerade waren wir in den Seealpen im südfranzösischen Mercantour-Nationalpark. Wunderbare Flechten dort! Und auch in Deutschland gibt es noch artenreiche Wiesen, die Potential zum Fotomodell haben. Leider werden es immer weniger. Was für ein Reichtum da verloren geht, merkt nur, wer genau beobachtet. Vielleicht kann ich dazu mit meinen Bildern einen Anstoß geben.

 

4-Seasons Info
 

Gunther Willinger ...

 ... ist 1971 in Heidelberg geboren und in São Paulo, Düsseldorf, Ingelheim am Rhein und Biberach an der Riß aufgewachsen. Nach dem Studium arbeitete der Diplombiologe und Fotojournalist für zwei Jahre im Freiburger Foto-Atelier von Telemach Wiesinger und leitete Naturreisen nach Mexiko und Norwegen. Ab 2002 war Gunther in der Öffentlichkeitsarbeit und im Projektmanagment der EuroNatur-Stiftung in Radolfzell am Bodensee tätig. 2010 zog es ihn mit seiner Familie für zwei Jahre nach Südafrika. Hier wurden Flora und Fauna unter die Linse genommen und es entstanden wunderbare Fotoaufnahmen. Seit 2012 lebt und arbeitet Gunther als freier Journalist und Fotograf mit seiner Frau und zwei Söhnen in Tübingen.     

Web: www.guntherwillinger.com

 

Wanted: Fotos für die Globetrotter-App

Der News-Feed der iPhone- und iPad-App von Globetrotter Ausrüstung zeigt im (meist) zweiwöchigen Wechsel Aufnahmen begeisterter Fotografen und Traveller.

Auch Sie wollen ihre Bilder unters Volk bringen? Oben rechts in der Randspalte gibt's das Teilnahmeformular — wir freuen uns auf tolle Fotos!

 
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